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Indem er so sprach, begab er sich selbst an den eben genannten Ort – ein Gemach innerhalb des großen Turmes, der das Osttor schützte; dort befanden sich die Streckleiter und andere Torturwerkzeuge, die der grausame, raubgierige Vogt bei solchen Gefangenen anzuwenden pflegte, von denen er entweder Beute oder geheime Kunde erpressen wollte. Er trat in das Gemach, das matt erhellt war und ein hohes gotisches Dach hatte, von dem Stricke und Schlingen herabhingen.

Ein schwacher Lichtstrahl, der durch eine der zahllosen, engen Spalten oder Schießlöcher in den Mauern drang, fiel gerade auf die Gestalt und das Angesicht eines schwarzbraunen Mannes, der in einem dunklen Winkel dieses unheilvollen Gemaches saß. Seine Gesichtszüge waren nicht nur regelmäßig, sondern sogar hübsch, trugen jedoch ein besonders ernstes, finsteres Gepräge, Er trug einen scharlachroten Mantel; sein Haupt war von zottigen, schwarzen Locken umgeben, die zum Teil schon ins Graue spielten. Er war emsig beschäftigt, ein breites, doppelgriffiges Schwert zu wetzen, das von besonderer Form und bedeutend kürzer war als die ähnliche Gattung von Waffen, deren die Schweizer sich bedienten. Er war so vertieft in diese Arbeit, daß er erst auffuhr, als die schwere Türe in ihren Angeln kreischte. Das Schwert entglitt seiner Faust und fiel mit lange nachhaltendem Geklirr auf die Steinfliesen.

»Ha, Scharfrichter,« sagte der Ritter, als er in die Folterkammer trat, »bist Du bereit, Dein Amt zu vollziehen?« – »Uebel würde es Eurem Knechte bekommen, edler Herr, so Ihr ihn müßig fändet?« antwortete der Mann in rauhem, dumpfem Tone. – »Die Gefangenen sind zur Hand, Franziskus,« versetzte der Vogt, »doch es sind Schufte, für die ein tüchtiger Strick genügt, Dein Schwert trinkt nur edles Blut.« – »Desto schlimmer für den Franziskus Steinherz,« sprach der Scharlachmantel; »ich hoffte, daß Ihr, Herr Ritter, der Ihr stets ein gütiger Gebieter wäret, mich heute adeln würdet.« – »Adeln?« versetzte der Vogt. – »Du bist toll, – ich Dich adeln?«

»Und warum nicht, Herr Archibald von Hagenbach?« fragte der Blutmensch. »Mich dünkt, der Name Franziskus Steinherz vom Blutacker paßt gar wohl zum Adelstande, da er ehrlich und rechtlich so gut wie ein anderer erlangt wurde. Ei, starrt mich doch nicht so an! So einer meines Gewerkes sein grimmig Amt an neun Männern edlen Stammes mit einundderselben Waffe vollführt und jeden der neun mit einem einzigen Hiebe niederstreckte, hat er da nicht ein Recht, frei zu sein von Steuern und Gefällen und eine Adelsurkunde zu erhalten?« – »So spricht das Gesetz wohl,« sagte der Vogt, »doch ist's nicht Ernst gemeint, auch hat noch nie jemand dieses Recht gefordert.« – »Um so rühmlicher der,« sagte der Henker, »der da zuerst die Ehren begehrt, die einem scharfen Schwert und einem richtigen Hiebe gebühren! Ich, Franziskus Steinherz, will der erste Edle meines Gewerbes sein, so ich noch einen Ritter des Reiches werde hingefördert haben.« – »Du bist stets in meinen Diensten gewesen? Bist Du's nicht?« fragte der Hagenbacher.

»Unter welch anderm Herrn,« versetzte der Scharfrichter, »hätte ich so fortwährender Uebung mich erfreuen können? Ich habe Euern Spruch an verdammten Sündern erfüllt, seit ich eine Geißel schwingen, die Folterbank regieren, und diese treue Waffe führen konnte, und wer mag sagen, ich tat je einen Fehlhieb oder hätte einen Nachhieb tun müssen?« »Du bist ein Gesell von besonderer Geschicklichkeit, ich leugne es nicht,« sagte der Hagenbacher. »Allein es kann nicht sein; fürwahr es kann nicht sein, daß ich soviel edles Blut hätte vergießen lassen.« – »Ich will Euch die Hingelieferten nach Stand und Namen aufzählen, edler Ritter,« fügte Franziskus, indem er eine Pergamentrolle hervorzog und unter nötigen Zusätzen herlas: »da war der Graf Willibald von Elverhoch – war mein Versuchsstück, ein süßer Junge, der wohl wie ein Christ starb.« – »Ich erinnere mich, er liebelte um meine Braut herum,« sagte Archibald. – »Herr Meinhard von der Stockenburg –« – »Er trieb mir mein Vieh weg,« warf der Ritter ein. – »Herr Ludwig von Riesenfeld –« fuhr der Rotmantel fort. – »Er wollte mein Weib verführen,« sprach der ehrenwerte Archibald. – »Die drei Jungherren von Lämmerburg, deren Vater Ihr an einunddemselben Tage kinderlos machtet –«

»Weil er mich länderlos machte,« rief der Vogt, »damit war die Rechnung ausgeglichen. Du brauchst nicht weiter zu lesen,« fuhr er fort, »ich erkenne Dein Register an, obwohl es mit Buchstaben geschrieben ward, die allzusehr ins Rote spielen. Ich hätte diese drei Jungherren nur für eine Hinrichtung angerechnet.«

– »Da hättet Ihr mir um so größeres Unrecht getan,« antwortete Franziskus, »denn sie erforderten drei tüchtige Hiebe dieses guten Schwertes.«

»Sei es so, und Gott mit ihren armen Seelen!« sprach der Hagenbacher. »Dennoch muß Dein Ehrgeiz sich noch ein Weilchen schlafen legen, Scharfrichter; denn das Pack, das heute hierher kam, ist nur gut für Verließ und Halsstrick, vielleicht nur für Reckleiter oder Steigriemen; es ist keine Ehre bei ihnen zu gewinnen.« – Franziskus nahm sein der Scheide enthobenes Schwert vom Boden auf, reinigte es ehrfurchtsvoll vom Staube und zog sich zurück in einen Winkel des Gemaches, wo er sich, gelehnt auf den Griff der verderblichen Waffe, hinstellte.

Fast in demselben Augenblick trat Kilian an der Spitze von fünf oder sechs Landsknechten ein, welche den älteren und jüngeren Philippson, deren Arme mit Stricken gebunden waren, zwischen sich führten. »Naht Euch meinem Stuhle,« sprach der Vogt und nahm hochfahrend an einem Tische Platz, auf welchem sich Schreibgerät befand. »Wer sind diese Männer, Kilian, und weshalb sind sie gebunden?«

»Gefall es Euch, edler Ritter, mich anzuhören,« sagte Kilian mit einer Ehrfurcht in den Gebärden, die durchaus von dem an Vertraulichkeit grenzenden Tone abwich, in welchem er vorhin mit seinem Gebieter verkehrt hatte – »wie hielten es für geraten, daß diese beiden Fremdlinge nicht bewaffnet vor Euch erscheinen, und als wir am Tore von ihnen verlangten, uns ihre Wehr zu überliefern, wie es bei Grenzbesatzungen üblich ist, ließ dieser junge Gesell sich einfallen, Widerstand leisten zu wollen. Doch gestehe ich's zu, daß er auf Befehl seines Vaters sein Schwert übergab.« – »Das ist Lüge!« rief der jüngere Philippson; jedoch sein Vater gab ihm einen Wink, still zu sein. – »Edler Ritter,« sagte der ältere Philippson, »wir sind Fremdlinge und unbekannt mit den Regeln dieser Wartburg. Ihr werdet uns entschuldigen, da wir uns hart angegriffen sahen, ohne daß wir gewußt hätten, von wem solches geschah. Mein Sohn, der jung und unbedachtsam ist, zog sein Schwert, doch hielt er inne auf meinen Befehl, ohne einen Streich damit geführt zu haben. Was mich selbst anbelangt, so bin ich ein Handelsmann und gewohnt, mich den Zöllen des Landes zu unterwerfen, in welchem ich meinem Gewerbe nachgehe. Ich befinde mich in dem Besitztum des Herzogs von Burgund und weiß, daß dessen Verordnungen und Abgaben höchst billig und gerecht sein müssen. Der Herzog ist ein getreuer Bundesgenosse Englands, drum fürchte ich nichts unter seinem Banner.«

»Hm! hm!« versetzte der Hagenbacher, den die Gelassenheit des Engländers ein wenig aus der Fassung brachte und dem vielleicht einfiel, daß der Herzog Karl von Burgund stets für einen gerechten, wenngleich strengen Fürsten gelten wollte. »Schöne Worte sind gut, machen aber selten schlimme Handlungen gut. Ihr habt das Schwert zum Aufruhr gezogen und Euch den Kriegsknechten des Herzogs widersetzt, als diese den Befehlen gehorchten, wie es ihnen als Wachhabenden geziemte.« – »Fürwahr, Herr,« antwortete Philippson, »das ist eine widernatürliche Auslegung einer ganz natürlichen Handlung. Doch mit einem Worte: so Ihr die Absicht hegt, streng sein zu wollen, so ist der Versuch, das Schwert in einer Grenzfeste zu ziehen, doch nur durch eine Geldstrafe zu büßen, und diese müssen wir demnach zahlen, wenn Ihr es verlangt.« – »Ein dummes Schaf, das freiwillig die Wolle hergibt,« flüsterte Kilian dem Scharfrichter zu. – »Die Wolle wird schwerlich als Lösegeld für seine Gurgel hinreichend sein, Herr Leibknapp,« antwortete Franziskus Steinherz, »denn seht nur, mir träumte in verwichener Nacht, daß unser Herr mich in den Adelstand erhob, und dieser Mann wird noch heute die Scheide meines guten Schwertes fühlen.« – »Du Narr,« sprach der Knappe. »Dies ist kein Edler, sondern ein schlichter englischer Bürgersmann.« – »Du täuschest Dich,« sagte der Scharfrichter, »und hast noch nimmer einen Mann gesehen, wenn es ans Sterben geht.« – »Hab ich nicht fünf Schlachtfelder gesehen?« versetzte Kilian. – »Dort erprobt sich nicht der Mut,« sprach der Scharlachmantel. »Alle Welt ficht, wenn's Mann gegen Mann geht. Der aber ist brav und edel, der einem Schafott und dem Henker, dessen gutes Schwert ihm die Seelenstärke hinwegmähen soll, so in das Angesicht blickt, als schaute er ein gleichgültig Ding; und solch ein Mann ist dieser dort. Gewiß ahnt er, was ihm bevorsteht, und weil er sich dabei so gelassen zeigt, so gibt er sich als Edelmann von Geblüt kund, oder ich selber will nie zum Adelstand erhoben sein.« – »Unser Herr scheint sich mit ihm verständigt zu haben, wie mich dünkt,« versetzte Kilian, »er blickt so lächelnd auf ihn.« – »Ist das der Fall, so schenkt mir nimmermehr Glauben,« sagte der Scharlachmantel, »es ist eine Glut in Herrn Archibalds Auge, die so gewiß auf Blut deutet, wie der Hundsstern Pestilenz weissagt.« Während die Helfershelfer Archibalds dergestalt geheime Zwiesprache fühlten, hatte ihr Gebieter die Gefangenen in eine Reihe verwickelter Fragen verflochten, und zwar in Betreff ihrer Geschäfte im Schweizerlande, ihrer Verbindung mit dem Landammann und der Ursache ihrer Reise nach Burgund, auf welches der Vater Philippson unumwundene und deutliche Antworten gab, ausgenommen auf die letzte Frage. – Er ginge, sagte er, nach Burgund wegen eines Handels – seine Waren ständen zur Verfügung des Vogts, der sie alle oder einen Teil derselben anhalten möchte, falls er solches bei seinem Gebieter verantworten könnte. Jedoch sein Geschäft mit dem Herzog wäre von geheimer Art, indem es gewisse besondere Handelsgegenstände beträfe, welche sowohl andere Personen als ihn selbst angingen. Dem Herzog allein, erklärte er, könnte er die Sache mitteilen, und er stellte dem Vogte ausdrücklich vor, daß, so er seiner Person oder der seines Sohnes irgend ein Uebel täte, des Herzogs strenges Mißfallen die unausbleibliche Folge davon sein würde.