Der Hagenbacher geriet durch den festen Ton seines Gefangenen in Verlegenheit und sprach mehr als einmal dem Humpen zu, der in besonders schwierigen Fällen sein nimmerfehlendes Orakel zu sein pflegte. Bereitwillig hatte Philippson dem Vogt ein Verzeichnis oder eine Faktura seiner Waren überliefert, welches so einladender Natur war, daß Herr Archibald dasselbe gleichsam verschlang. Nachdem er eine Zeitlang in tiefem Nachsinnen zugebracht hatte, erhob er das Haupt und sprach: »Ihr müßt wissen, Herr Handelsmann, es ist des Herzogs Wille, daß keine Schweizer Handelsware durch seine Besitzungen gelangen soll. Weil Ihr aber nach Eurer eigenen Aussage eine Zeitlang in der Schweiz verweiltet, auch eine Schar Männer zu Begleitern hattet, die sich eine helvetische Gesandtschaft nennen, bin ich vollauf berechtigt, zu glauben, daß diese wertvollen Gegenstände eher das Eigentum der Schweizer, als das eines einzelnen, so armselig wie Ihr einherschreitenden Mannes sind. Wenn ich Euch eine Geldstrafe als Buße auferlege, so sind dreihundert Goldstücke keine übertriebene Sühne für solche Ränke. Zahlt diese, und Ihr könnt mit Euren Waren weiter wandern, vorausgesetzt, daß Ihr sie nicht nach Burgund hin bringt.« – »Aber eben nach Burgund und an des Herzogs Hoflager geht ausdrücklich mein Weg,« sprach der Engländer. »Gelange ich nicht dahin, so ist mein Tagewerk zugrunde gerichtet und das Mißfallen des Herzogs denjenigen gewiß, die solches verursachten. Dazu gebe ich Euch zu bedenken, edler Herr, daß Euer gnädiger Fürst und Herzog bereits um meine Reise weiß und streng nachforschen wird, wo und durch wen ich aufgehalten wurde.«
Der Vogt schwieg abermals, indem er nachsann, wie er am besten seine Raubgier befriedigen könnte, ohne seine eigene Sicherheit zu gefährden. Nach etlichen Minuten des Schweigens redete er seinen Gefangenen wieder an: »Du redest sehr bestimmt, mein guter Freund, allein meine Befehle, Waren, die aus der Schweiz kommen, anzuhalten, sind nicht minder deutlich. Wie nun, wenn ich Dein Maultier mit seinem Gepäck konfisziere?« – »Lasset mir nur mein bares Geld,« antwortete der Engländer, »ohne das ich sonst nicht wohl an das Hoflager des Herzogs gelangen kann, und ich will auf meine Waren nicht mehr hinblicken, als der Hirsch nach den Geweihhörnern schaut, die er im verwichenen Jahre abwarf.«
Der Vogt zu La Ferette blickte abermals voller Zweifel auf und schüttelte den Kopf. – »Männern, die sich in einer Lage befinden wie Du, ist nicht zu trauen. Die Waren, die für des Herzogs eigene Hand bestimmt sind – worin bestehen sie?« – »Sie sind versiegelt,« sprach der Engländer. – »Trägst Du sie bei Dir?« fragte der Vogt, »Bedenke wohl, was Du antwortest – blick umher und sieh die Marterwerkzeuge, die einen Stummen zum Sprechen bringen könnten, und erwäge, daß ich Macht habe, sie anwenden zu lassen!« –»Und ich habe den Mut, sie zu ertragen,« antwortete Philippson mit derselben unerschütterlichen Kälte, die er während der ganzen Verhandlung bewahrt hatte.
»Auch bedenke,« sprach der Hagenbacher, »daß ich Deine Person ebenso genau wie Deine Felleisen und Beutel durchsuchen lassen kann.« – »Ich vergesse nicht, daß ich gänzlich in Deiner Gewalt bin, und damit ich Dir keinen Vorwand lasse, Zwangsmittel gegen einen friedfertigen Reisenden anzuwenden, so will ich Dir bekennen,« sagte Philippsun, »daß ich das Päckchen für den Herzog im Busen unter meinem Wams trage,« – »Hol es hervor!« herrschte der Vogt ihn an. – »Das erlaubt mir weder die Ehre noch die Fessel. Durch beides sind mir die Hände gebunden,« entgegnete Philippson.
»Zieh es aus dem Wamse hervor, Kilian!« sprach Archibald, »laß uns den Kram sehen, von dem er schwatzt.« – »Könnte Widerstand hier frommen,« entgegnete der kecke Handelsmann, »Ihr solltet mir eher das Herz aus der Brust reißen. Doch bitte ich alle, die anwesend sind, wahrzunehmen, daß die Siegel alle ganz und unverletzt sind, bis zu dem Augenblicke, wo man mir das Päckchen gewaltsam abnimmt.«
Indem er dies sagte, blickte er umher auf die Landsknechte, an die Hagenbach gar nicht mehr zu denken schien. – »Wie, Hund!« rief Herr Archibald, indem er seinem Grimm freien Lauf ließ, »willst Du Meuterei unter meinen Reisigen erregen? Kilian, laß die Knechte draußen harren.« –Indem er dies sagte, steckte er flugs unter sein eigenes Gewand das kleine, jedoch eigentümlich zusammengebundene Päckchen, das Kilian dem Engländer unter dem Wamse weggenommen hatte. Die Reisigen zogen ab, jedoch zögernd, indem sie rückwärts schauten, gleich Kindern, die man von einem Schauspiele entfernt, ehe es noch zu Ende ist.
»So, Bursch!« begann jetzt der Hagenbacher wieder. »Nun sind wir unter uns. Willst Du nun ebenen Bodens mit mir gehen und gerade heraus sagen, was in diesem Päckchen ist, und von wannen es kommt?« – »Könnte Eure gesamte Turmwache in diesem Gemache versammelt werden, ich vermöchte doch nur zu antworten, wie vorhin. Den Inhalt kenne ich nicht – und die Person, von der ich gesendet ward, werde ich nimmer nennen.« – »So wird vielleicht Euer Sohn gefälliger sein,« sagte der Vogt. – »Er kann Euch nicht sagen, was er selbst nicht weiß,« sagte der Handelsmann.
»Vielleicht verleiht die Streckleiter Euch beiden Sprache, und wir wollen sie zunächst an dem jungen Burschen versuchen, Kilian. Wir haben Männer gesehen, die ihre eigenen alten Sehnen mit Standhaftigkeit dem Marterwerkzeuge preisgegeben hätten, aber doch zusammenschauderten, als sie die ausgerenkten Gelenke ihrer Kinder erblickten,« – »Ihr mögt den Versuch machen,« sagte Arthur, »und der Himmel wird mir Kraft zur Ausdauer geben.« – »Und mir Mut zum Anschauen!« sprach der Vater.