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Währenddessen kehrte und wendete der Vogt das Päckchen in der Hand herum und erforschte neugierig jede Falte desselben, doch hinderte ihn das Siegel daran, die Beschaffenheit des Schatzes zu erkennen, der zuverlässig darin enthalten war. Endlich rief er die Reisigen wieder herein, übergab ihnen die beiden Gefangenen und befahl, sie getrennt von einander zu halten und besonders auf den Vater ein wachsames Auge zu haben.

»Ich nehme Euch alle hier zu Zeugen,« rief der ältere Philippson, indem er die drohenden Gebärden des Hagenbachers verachtete, »daß der Vogt mir ein Päckchen genommen hat, das an seinen allergnädigsten Herrn und Fürsten, den Herzog von Burgund, gerichtet ist.« – Der Vogt von La Ferette schäumte vor Wut. – »Und sollt ich's nicht zu mir nehmen?« rief er mit einer vor Grimm tonlosen Stimme. »Kann nicht irgend eine höllische Bündlerei gegen das Leben unseres allergnädigsten Herrn mittels Giftes und dergleichen in diesem verdächtigen Päckchen verborgen stecken, dessen Ueberbringer höchst verdächtig ist? Und sollen wir, die wir, wie ich wohl sagen darf, den Eingang zu den Staaten des Herzogs hüten, etwas hineinlassen, das imstande sein könnte, Europa des Stolzes seiner Ritterschaft, Burgund seines Fürsten und Flandern seines Vater zu berauben? – Nein, hinweg mit diesen Uebeltätern, Ihr Knechte! hinab mit ihnen in die tiefsten Verliehe!«

So raste Herr Archibald Hagenbach mit erhobener Stimme und flammendem Angesicht, indem er sich der blinden Leidenschaft des Zornes hingab, bis die Schritte der Kriegsknechte und das Geklirr ihrer Waffen nicht mehr hörbar waren. Als er nun allein war mit Kilian und dem Rotmantel, der fortwährend im Hintergrunde stand, ward er bleicher, als es ihm sonst zu geschehen pflegte, seine Stirn zog sich in angstvolle Furchen, und mit leiser Stimme wendete er sich an seinen Knappen. – »Kilian, wir stehen auf schlüpfrigem Brette, und neben uns brauset ein Sturm. Was ist zu tun?«

»Ei, vorwärts, mit entschlossenem, jedoch klugem Schritte,« antwortete der listige Kilian. »Es ist widerwärtig, daß alle diese Burschen das Päcklein gesehen haben und von dem stahlnervigen Hausierer zu Zeugen aufgerufen worden sind. Wie die Dinge stehen, wird es in jedem Fall heißen, Ihr hättet die Siegel aufgebrochen; denn wenn Ihr das Ding auch unversehrt, wie es von Anbeginn war, zurückgebt, so wird man doch argwöhnen, Ihr hättet die Siegel schlau wieder darauf getan. Laßt uns also sehen, was das Päcklein enthält, bevor wir beschließen, was mit demselben anzufangen sei. Die Sachen darin müssen von seltsamem Werte sein, da der schurkische Handelsmann alle anderen Waren hingeben wollte, nur um dieses kostbare Päcklein zu behalten.« – Der Hagenbacher sagte nichts weiter, sondern zerschnitt die Fäden des Päckchens, das er die ganze Zeit über in der Hand gehalten hatte, und indem er die Umwickelung abnahm, kam ein kleines Kästchen aus Sandelholz zum Vorschein. – »Der Inhalt,« sprach er, »kann kaum viel mehr wert sein, da er in so kleinem Behältnisse ruht.« – Indem er dies sagte, drückte er an eine Feder, und das aufspringende Kästchen zeigte einen Halsschmuck von Diamanten, die sich durch Glanz und Größe auszeichneten und, wie es schien, von außerordentlichem Werte waren. – Die Augen des geizigen Vogts und seines nicht minder raubsüchtigen Knechtes wurden von dem ungewöhnlichen Glanze so geblendet, daß beide eine Zeitlang nichts als Freude und Ueberraschung ausdrücken konnten.

»Potztausend,« sagte Kilian, »der starrköpfige alte Gesell hatte guten Grund zu seiner Keckheit. Meine eigenen Gelenke hätten etliche Angriffe abgehalten, bevor ich solches Gefunkel, wie dies da, herausgegeben haben würde. – Und jetzt, Herr Archibald, wie gedenkt Ihr, diese Beute zwischen dem Herzog und dessen Vogt zu teilen?« – »Traun, wir wollen annehmen, Kilian, die Besatzung sei erstürmt worden, und in einem Sturme nimmt, wie Du weißt, der erste Finder alles – versteht sich mit geziemender Rücksicht auf seine Begleiter.«

»Deren ich einer bin, zum Exempel,« rief eine Stimme aus dem fernen Winkel des Gemaches. – »Still, wir werden behorcht!« sprach der Vogt auffahrend, indem er die Hand an den Dolch legte. – »Nur von einem treuen Begleiter,« sagte der Scharfrichter, indem er langsam hervorschlich. – »Schurke, was belauerst Du mich hier?« sprach Archibald von Hagenbach.

»Beunruhigt Euch darob nicht, Herr Ritter,« sagte Kilian. »Der ehrliche Steinherz hat keine Zunge zum Reden, kein Ohr zum Hören, als nur zu Eurem Gefallen. In der Tat müssen wir ihn zu Rate ziehen, denn jene beiden Männer müssen bald aus der Welt geschafft werden.«

»Freilich,« sprach der Ritter; »tote Leute haben weder Zähne noch Zunge, sie beißen nicht und erzählen keine Geschichten. Du wirst die beiden abtun, Scharfrichter.« – »Ich will's, Herr, unter der Bedingung, daß, wenn sie im Verließ abgetan werden müssen, die Hinrichtung mir angerechnet werde, als hätte ich in echtem und gerechtem Amte den Streich an hellem Tage mit dieser meiner guten Klinge geführt.«

Hagenbach starrte den Rotmantel an, als verstände er nicht, was dieser meinte; worauf Kilian erklärte, daß der Scharfrichter infolge des freimütigen, furchtlosen Benehmens, welches der ältere Gefangene zeigte, des festen Glaubens lebe, derselbe sei ein Mann von edler Geburt. – »Er mag recht haben!« sprach Archibald, »denn hier findet sich ein Streiflein Pergament, worauf der Ueberbringer dieses Halsgeschmeides dem Herzoge empfohlen, auch dieser gebeten wird, den Boten in alledem Glauben zu schenken, was derselbe ihm im Namen derer sagen wird, die ihn sendeten.« – »Von wem ist das Brieflein unterzeichnet?« sprach Kilian. –»Es steht kein Name auf dem Blatte, man muß vermuten, daß der Herzog denselben aus den Steinen oder vielleicht aus der Handschrift erkennt.« – »An keinem von beiden wird er sobald Gelegenheit haben, seinen Scharfsinn zu üben,« sprach Kilian. – »Doch wolltet Ihr nicht lieber die Hinrichtung dieser beiden Männer so lange verschieben, bis dieselben erst über die Schweizer Gefangenen ausgesagt haben, die dann sofort in unserer Gewalt sein werden?« – »Es geschehe, wie Du sagst,« antwortete Hagenbach, indem er mit der Hand abwehrte, als legte er irgend ein unangenehmes Ding beiseite. »Doch laß mich nichts eher wieder davon hören, als bis alles abgetan ist.«

Die finsteren Satelliten gelobten Gehorsam, und der Blutrat ging auseinander. Mit einer, groben Verbrechern nicht ungewöhnlichen Seelenschwäche schauderte Hagenbach vor dem Gedanken an seine eigene Niederträchtigkeit und Grausamkeit zurück und war bemüht, das Gefühl der Schande von sich zu bannen, indem er die unmittelbare Ausführung seiner Untat auf seine ihm untergebenen Helfershelfer wälzte.

Fünfzehntes Kapitel

Der Kerker, in welchem der jüngere Philippson sich befand, war eines jener düsteren Verließe, die Schmach über die Unmenschlichkeit unserer Vorfahren herabrufen. Sie scheinen keinen Unterschied zwischen Schuld und Unschuld gemacht zu haben, da die Folgen einer bloßen Anklage in jenen Tagen weit schwerer waren, als es in unseren Tagen die wirkliche Gefangenschaft für ein erwiesenes und strafbares Verbrechen ist.

Die Zelle Arthur Philippsons war sehr lang, doch dunkel und enge, sie war in den festen Felsen gehauen, der das Fundament des Wartturms bildete. Eine kleine Lampe war dem Gefangenen gewährt worden; allein seine Arme waren noch immer gebunden; und als er einen Trunk Wasser begehrte, antwortete einer der grimmigen Schergen, von denen er in den Kerker geführt wurde, die paar Stunden, die er noch zu leben hätte, könnte er wohl dursten. Bei dem matten Schimmer des Lämpchens fand er den Weg zu einer Bank oder einem plumpen, in den Fels gehauenen Sitz; und da seine Augen allmählich an die Dunkelheit sich gewöhnten, fand er eine schaurige Spalte im Boden seines Gefängnisses, die einer Falltür glich, allem Anscheine nach die Mündung eines Schlundes, den die Natur unter leichter Nachhilfe menschlicher Kunst hier gebildet hatte.