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»Hier also ist mein Totenbett,« sprach er, »und jener Abgrund vielleicht das Grab, das meinem Leichnam entgegengähnt. Ja, ich habe erzählen hören, wie man Gefangene lebendigen Leibes in solche scheußliche Kluft hinabstürzte, so daß sie unten, wo ihr Wimmern ungehört verklang, mit zerschelltem Leibe, jämmerlich ums Leben kommen mußten.«

Er beugte das Ohr zu der entsetzlichen Spalte und hörte in grauser Tiefe das Geheul eines brausenden und, wie es schien, unterirdischen Stromes. Die lichtlosen Wogen schienen nach ihrem Opfer herauf zu brüllen. Der Tod ist jedem Alter furchtbar; doch in der Blüte der Jugend, wo alle Empfindungen für die Freuden des Lebens rege sind und nach Befriedigung sich sehnen, gewaltsam von der Tafel hinweggerissen zu werden, an der der Mensch sich soeben niedergesetzt hat, ist ganz besonders entsetzlich; selbst wenn es auf gewöhnlichem Wege der Natur geschieht. Allein gleich dem jüngeren Philippson am Rande eines unterirdischen Abgrundes zu sitzen und im gräßlichen Zweifel über die Art und Weise des über ihn verhängten Todes zu grübeln, war ein Zustand, der auch den Mut des Kühnsten hätte erschüttern mögen, und der unglückliche Gefangene war gänzlich unfähig, die Tränen zurückzuhalten, die stromweise aus seinen Augen flossen und die er mit gebundenen Händen nicht abzutrocknen vermochte. Wir haben bereits dargetan, daß Arthur ein wackerer junger Mann war, der in allen Gefahren sich beherzt, bedacht, tatkräftig und ausdauernd zeigte. In dieser Lage aber, in so hilfloser Ungewißheit, in der die Einbildungskraft ihm alle möglichen Schrecken vormalte, ohne ihm einen einzigen Weg zur Rettung zu zeigen, brach seine Kraft zusammen.

Bei alledem waren die Gefühle bei Arthur Philippson nicht selbstsüchtiger Natur. Sie richteten sich auf seinen Vater, dessen biederer, edler Charakter Ehrfurcht erweckte, dessen endlose väterliche Sorgfalt und Zuneigung Liebe und Dankbarkeit verdienten. Und auch dieser rechtschaffene Vater war in den Händen gewissenloser Schurken, die entschlossen waren, ihren Raub unter heimlichen Morde zu verbergen! Arthur gedachte an die schwindelnd hohe Felsspitze des Geiersteins und an den grimmen Raubvogel, der ihn angestarrt hatte, seiner Beute gewiß. Hier war kein Engel, der durch den Nebel gedrungen wäre und ihn auf den Pfad der Sicherheit geführt hätte, hier in dieser unterirdischen Kluft herrschte ewiges Düster, bis zu dem Augenblicke, wo der Gefangene das Messer des Mörders im Schimmer der Lampe blitzen sähe. Diese Ermattung seiner Seele dauerte solange, bis das Fühlen und Denken des unglücklichen Gefangenen zur Raserei ausartete. Er fuhr auf und rang so gewaltsam mit seinen Banden, um sich von ihnen zu befreien, daß man hätte glauben wollen, sie wären von ihm abgefallen wie von den Armen des mächtigen Nazareners. Allein die Stricke waren zu fest angezogen, und nach fast übermenschlichem, wiederholt vergeblichem Kampfe, bei welchem die Stricke ihm das Fleisch zerschnitten, verlor der Gefangene das Gleichgewicht und fiel gewaltsam zu Boden, indem ihn der Schauergedanke durchrieselte, daß er rücklings in den unterirdischen Schlund hinabstürzte.

Glücklich entging er der Gefahr, jedoch nur mit so genauer Not, daß sein Kopf gegen die niedrige, zertrümmerte Umfriedigung stieß, von welcher die Mündung des entsetzlichen Schlundes zum Teil umgeben war. Hier lag er sinn- und regungslos und befand sich, da bei seinem Fallen die Lampe erloschen war, in völliger Finsternis.

Ein knallendes Getöse brachte ihn wieder zur Besinnung. – »Sie kommen, sie kommen, die Mörder! O, Mutter der Gnade! o, allerbarmender Himmel, vergib mir meine Schuld!« – Er blickte auf und sah mit verglasten Augen, daß eine schwarze Gestalt sich ihm näherte, die ein Messer in der einen, eine Fackel in der andern Hand hielt. Wohl hätte man meinen mögen, der Hereinschreitende wäre derjenige, der das letzte Werk an dem unglücklichen Gefangenen tun sollte. Doch er kam nicht allein. Seine Fackel beleuchtete das weiße Gewand eines weiblichen Wesens, und im matten Lichtscheine erkannte Arthur eine Gestalt und Gesichtszüge, deren er nimmer vergessen konnte, obwohl er sie jetzt unter Umständen vor sich sah, wo er sie zu schauen am wenigsten erwarten konnte. »Kann es möglich sein?« murmelte er erstaunt, »hat sie wirklich die Macht eines Elementargeistes? Hat sie diesen finsteren Dämon heraufbeschworen, daß er sich mit ihr vereine, mich zu befreien?«

Es schien, als wäre seine Mutmaßung Wirklichkeit; denn die schwarze Gestalt, die die Fackel Anna von Geierstein, oder doch der, der Anna völlig ähnlichen Erscheinung reichte, beugte sich über den Gefangenen und zerschnitt die Stricke, die ihm die Arme gebunden hielten. Arthurs erster Versuch, sich vom Boden zu erheben, mißlang, und zum zweitenmal war es die Hand Annas von Geierstein, die ihm half aufzustehen und ihn unterstützte, wie sie es damals getan hatte, als der Waldstrom zu beider Füßen donnerte. Ihre Berührung brachte eine Wirkung bei dem Jünglinge hervor, wie der leichte Beistand mädchenhafter Körperstärke es niemals vermocht hätte. Mut ward seinem Herzen, Regsamkeit seinen erstarrten und zerschundenen Gliedmaßen wiedergegeben; so gewaltig vermag die menschliche Seele, wenn sie in ihren Empfindungen gesteigert wird, ihren Einfluß auf die Schwächen des menschlichen Lebens geltend zu machen. Allein die Worte erstarben in des Jünglings Munde, als die geheimnisvolle weibliche Gestalt ihren Finger auf ihre Lippen legte, ihm ein Zeichen gab zu schweigen und ihm zu gleicher Zeit winkte, ihr zu folgen.

Er gehorchte in schweigendem Erstaunen.

Sie schritten durch den Eingang des dunklen Kerkers und durch etliche kurze, sich kreuzende Gänge, die an einigen Stellen in den Fels gehauen, an andern aus Quadersteinen angelegt worden waren und wahrscheinlich zu ähnlichen Verließen leiteten. Bei dem Gedanken, sein Vater sei in einen solchen Kerker gesperrt, blieb der junge Philippson stehen, als er an dem Fuß einer schmalen Wendeltreppe angelangt war, die dem Anscheine nach aus dieser Region des Gebäudes führte.

»Kommt,« sagte er, »teuerste Anna, führt mich, daß ich meinen Vater befreie. Ich darf ihn nicht verlassen.« – Die Gestalt schüttelte ungeduldig das Haupt und winkte dem Jüngling abermals. – »Wenn Eure Macht sich nicht so weit erstreckt, meines Vaters Leben zu retten, so will ich bleiben, ihn retten oder sterben! Anna, teuerste Anna«! – Sie antwortete nicht, allein ihr Begleiter entgegnete mit einer dumpfen Stimme, die seinem düstern Aeußern völlig entsprach: »Junger Mann, redet mit denen, denen es gestattet ist, Euch Antwort zu geben; oder besser noch, schweigt und hört auf meine Weisungen, die einzig und allein Euch dahin führen können, Eurem Vater Freiheit und Sicherheit zu verschaffen.«

Sie stiegen die Treppe hinan, indem Anna von Geierstein voranging, während Arthur ihr auf dem Fuße folgte. Er hatte nicht viel Zeit, über ihre Anwesenheit oder ihr Wesen zu grübeln, indem das Mädchen mit leichteren Tritten die Treppe hinanschwebte, als er ihr zu folgen vermochte, so daß er sie nicht mehr erblickte, als er die oberste Stufe erreichte. Ob sie aber in die Luft entschwebte oder in einem der Seitengänge verschwunden war, diese Frage zu beantworten, blieb ihm auch nicht ein Augenblick Zeit übrig.

»Dies ist Euer Weg,« sagte sein finsterer Führer, indem er das Licht auslöschte, Philippsons Arm ergriff und ihm durch eine lange, dunkle Galerie voranschritt. Den Jüngling wandelte allerdings eine vorübergehende Furcht an; denn er gedachte der unheimlichen Blicke seines Führers und daß dieser mit einem Dolche bewaffnet war, den er ihm plötzlich hätte ins Herz stoßen können. Doch konnte er auch wiederum nicht glauben, daß er von jemand, den er mit Anna von Geierstein hatte kommen sehen, Verräterei zu fürchten hätte; und entschlossen überließ er sich seinem Führer, der mit leisen Schritten vorwärts ging und ihn, flüsternd ermahnte, ein gleiches zu tun.