»Hier,« sprach er endlich, »endet unsere Wanderung.« – Bei diesen Worten öffnete er eine Türe, und sie traten in ein düsteres gotisches Gemach, das mit großen eichenen Wandschränken ausgestattet war, in denen sich dem Anscheine nach Bücher und Handschriften befanden. Als Arthur umherblickte, geblendet von dem plötzlich ihm entgegenstrahlenden Tageslicht, war die Tür nicht mehr zu sehen, durch die sie eingetreten waren. Dies überraschte ihn jedoch nicht sehr, da er wahrnahm, daß die Tür die Gestalt der umherstehenden Schränke haben mochte und also, nachdem sie geschlossen, von diesen nicht mehr zu unterscheiden war. Jetzt konnte er auch seinen Befreier genau betrachten, der, beim Lichte des Tages besehen, die Gestalt und Kleidung eines Geistlichen zeigte, ohne das mindeste von jenem übernatürlichen Schauer einzuflößen, den er im Dämmerlichte und in der schreckensvollen Umgebung des Kerkers dem Jüngling verursacht hatte.
Freier atmete der junge Philippson, gleich einem Menschen, der aus scheußlichem Traume erwachte; und die gespenstischen Eigenschaften, die seine Einbildungskraft Anna von Geierstein zugeschrieben hatte, begannen zu schwinden, so daß er imstande war, seinen Befreier also anzureden: »Damit ich, frommer Vater, meinen Dank darbringen möge, so laßt mich von Euch erfahren, wo Anna von Geierstein –« – »Redet von dem, was zu Euch und dem Eurigen gehört,« antwortete der Priester so rasch wie vorhin. »Habt Ihr so schnell Eures Vaters Gefahr vergessen?« – »Beim Himmel, nein!« erwiderte der Jüngling, »sagt mir nur, was ich tun soll, um ihn zu befreien, und Ihr sollt sehen, wie ein Sohn für seinen Vater zu fechten vermag!« – »So ist's recht, denn so ist's nötig,« sprach der Priester. »Lege dies Gewand an und folge mir.« – Das dargereichte Gewand war das eines Novizen. – »Ziehe die Kappe über Dein Gesicht,« sagte der Geistliche, »und antworte keinem, wer Dir auch begegne. Ich werde sagen, Du hättest ein Gelübde getan. Möge der Himmel dem unwürdigen Tyrannen vergeben, der uns zu einer so unheiligen Verstellung zwingt! Folge mir auf dem Fuße und gib acht, daß Du kein Wort redest.«
Das Kleid war rasch angelegt, der Pfarrherr von St. Paul, denn das war der Geistliche, schritt weiter, und Arthur folgte ihm, wobei er, so gut er es vermochte, den bescheidenen Gang und das demütige Benehmen eines Klosternovizen nachahmte. Als sie die Bücherei oder das Studiergemach verlassen hatten und eine kurze Treppe hinabgestiegen waren, befand sich Arthur Philippson auf einer Straße von La Ferette. Er konnte dem Drang zurückzublicken nicht widerstehen, hatte jedoch nur soviel Zeit zu sehen, daß das Haus, das er verlassen, ein sehr kleines Gebäude im gotischen Geschmack war, an dessen einer Seite sich die St. Pauls-Kirche erhob, an dessen anderer Seite aber das finstere, schwarze Torgebäude oder der Eingangsturm stieß.
»Folge mir, Melchior,« sagte mit dumpfer Stimme der Priester. Seine blitzenden Augen waren dabei auf den vermeintlichen Novizen gerichtet, und ein Blick derselben erinnerte unsern Arthur augenblicklich daran, sich seinem Stande gemäß zu benehmen. – Sie schritten weiter, ohne daß jemand auf sie achtete, außer daß man den Pfarrherrn schweigend und ehrfurchtsvoll, bisweilen auch wohl murmelnd grüßte, bis, als sie fast die Mitte des Oertchens erreicht hatten, der Führer plötzlich von der geraden Straße ablenkte und, nordwärts sich einem kurzen Gäßchen zuwendend, eine Stufenreihe erreichte, die, wie es in befestigten Städten häufig der Fall ist, zu einem Wege hinter den mit einem Türmchen besetzten Brustwehren führte.
Auf den Wällen befanden sich Schildwachen; allein die Posten waren, wie es schien, keine Kriegsknechte, sondern Bürger, die einen Spieß oder ein Schwert in der Hand trugen. Der erste Wachhabende, an dem sie vorübergingen, flüsterte dem Geistlichen zu: »Geht alles gut?« – »Es geht,« erwiderte der Pfarrer von St. Paul. – »Benedicite!« – »Deo gratias!« antwortete der bewaffnete Bürger und schritt wieder auf und ab.
Die übrigen Schildwachen schienen es zu vermeiden, die Vorübergehenden anzublicken, denn sie zogen sich zurück, als diese ihnen näher kamen, oder gingen an ihnen vorbei, ohne sie anzusehen. Endlich leitete ihr Gang sie zu einem alten Turme, der das Haupt hoch über den Wall erhob, in einer entlegenen Ecke fühlte eine kleine Tür auf die Brustwehr hinaus. In einer gut bewachten Festung steht an solch einem Ausgang stets eine Schildwache; hier war jedoch keine wahrzunehmen.
»Jetzt habt acht!« sprach der Pfarrer, »denn Eures Vaters Leben und, wie es wohl der Fall sein mag, noch manches anderen Menschen Leben hängt von Eurer Aufmerksamkeit und nicht minder von Eurer Hurtigkeit ab. – Könnt Ihr laufen? – Könnt Ihr springen?« – »Ich fühle keine Ermüdung mehr, ehrwürdiger Vater, seit Ihr mich befreit habt,« antwortete Arthur, »und der schwarzbraune Hirsch, den ich oftmals jagte, soll's mir nicht im Rennen zuvor tun.« – »Sieh Dir diesen Turm an,« fuhr der schwarze Priester von St. Paul fort: »eine Treppe führt darin zu einer kleinen Ausfallpforte. Ich bringe Dich in den Turm. Die Pforte ist von innen nicht verschlossen. Durch sie gelangst Du in den fast ganz trocknen Graben. Bist Du über den Graben hinweg, so befindest Du Dich im Bezirk der Außenwerke. Du wirst Schildwachen erblicken – sie aber werden Dich nicht sehen – rede nicht mit ihnen, sondern suche Deinen Weg über die Spitzpfähle, so gut Du's eben vermagst. Ich denke, Du wirst über einen unbesetzten Wall klettern können.« – »Ich habe schon einen Wall erstiegen, der besetzt war,« sagte Arthur. »Was liegt mir ferner ob? All dies ist leicht.« – »Du wirst vor Dir ein Dickicht sehen, eile dorthin, so schnell Du kannst. Bist Du dort, so wende Dich ostwärts, allein sieh Dich bei Deinem Laufe nach dieser Richtung vor, daß Du nicht von den burgundischen Freisassen gesehen wirst, die auf jenem Teile des Walles Wache stehen. Ein Hagel von Pfeilen ereilt Dich sonst, eine Schar Reiter setzt Dir nach, und ihre Augen sind gleich denen des Aars, der aus der Ferne seine Beute erspäht. Jenseits des Dickichtes wirst Du einen Fußpfad oder vielmehr einen Schafsteig finden, auf dem Du die Heerstraße erreichst, die von La Ferette nach Basel führt. Eile Dich, daß Du die Schweizer triffst, die heranziehen. Sage Ihnen, daß Deines Vaters Stunden gezählt sind, und daß sie sich sputen müssen, wenn sie ihn retten wollen, sage auch dem Rudolf von Donnersberg im geheimen, daß der schwarze Priester von St. Paul am nördlichen Ausfallpförtcheu seiner harrt, um ihn den Segen zu erteilen. Verstehst Du mich?« – »Vollkommen!« antwortete der Jüngling.
Der Pfarrer von St. Paul stieß nun das niedrige Tor des Turmes auf, und Arthur war schon bereit, die Treppe, die vor ihm lag, hinabzueilen, – »Halt, noch einen Augenblick,« sagte der Geistliche, »leg das Novizenkleid ab, das Dir nur beschwerlich sein kann.« – Im Nu warf er es von sich und wollte hinabeilen. »Noch einen Augenblick!« fuhr der schwarze Priester fort. »Dieses Gewand könnte zum Verräter werden – halt also, und hilf mir mein Oberkleid ausziehen.«
Innerlich glühend vor Ungeduld, sah Arthur dennoch ein, daß er seinem Führer gehorchen müsse; und als er ihm das lange, weite Obergewand hatte ablegen helfen, sah er den Greis in einem Rock von schwarzer Serge, wie Geistliche ihn zu tragen pflegen, vor sich stehen; doch war der Pfarrherr nicht mit einem seinem Stande zukommenden Gürtel bekleidet, sondern trug ein ganz ungeistliches Gehänge, in welchem ein kurzes doppelschneidiges Schwert steckte, das sich zum Hiebe wie zum Stiche eignete. – »Jetzt gib mir das Novizenkleid,« sagte der ehrwürdige Pater, »und über dasselbe ziehe ich sodann meinen Priesterrock. Da ich für den Augenblick etliche Kennzeichen eines Laien an mir trage, so ist es rätlich, sie mit einem gedoppelten geistlichen Gewand zu verdecken.« – Bei diesen Worten lächelte er grinsend, und sein Lächeln war weit erschreckender und abstoßender als die ernsten Runzeln auf seiner Stirn, die besser zu seinen Gesichtszügen paßten, »Und nun,« fragte er dann, »welcher Narr säumt, wenn Leben und Tod von seiner Eile abhängen?«