Der junge Bote wartete keinen zweiten Wink ab, sondern sprang die Treppe hinunter, als hätte sie nur eine einzige Stufe gehabt, fand die Pforte, wie der Priester ihm gesagt hatte, nur verriegelt, hatte sie im Handumdrehen geöffnet und schritt weiter zu dem sumpfigen Graben. Ohne erst zu untersuchen, ob er tief oder flach wäre, ja, fast ohne des Schlammes zu achten, bahnte sich der junge Engländer einen Weg und erreichte die entgegengesetzte Seite, ohne die Aufmerksamkeit zweier wackeren Bürger von La Ferette zu erregen, die diesen Punkt zu bewachen hatten. Als Arthur sah, daß er, wie der Priester es ihm vorher gesagt hatte, nichts von der Wachsamkeit dieser Posten zu befürchten hätte, sprang er an den Palisaden hinauf, in der Hoffnung, den Rand oben zu fassen und mit einem kühnen Satz sich hinüber zu schwingen. Doch dabei überschätzte er seine Kräfte, oder diese waren durch die jüngst erlittene Kerkerhaft geschwächt worden. Er fiel rücklings auf den Boden, und als er sich wieder aufrichtete, gewahrte er in der Nähe einen in Gelb und Blau, die Leibfarben des Hagenbachers, gekleideten Kriegsknecht, der auf ihn losgerannt kam und den trägen und unaufmerksamen Schildwachen zurief: »Paßt auf! paßt auf, Ihr faulen Schweine! Haltet den Hund auf, oder Ihr seid beide des Todes!«
Der Bürger, der zunächst war, zog sein Schwert, schwang es und näherte sich mit sehr gemäßigter Eile unserm Flüchtling. Der zweite war jedoch weit unglücklicher, denn in seiner Eile, seiner Pflicht nachzukommen, rannte er, als sei es ganz unabsichtlich, dem Kriegsknechte gerade in den Weg. Letzterer, der aus Leibeskräften lief, erlitt von dem Bürgersmann einen so heftigen Stoß, daß beide zu Boden fielen. Da aber der Bürger ein derber, wohlbeleibter Mann war, so blieb er da liegen, wo er hingefallen war, während der Krieger über den Rand des Grabens hinrollte und im Schlamm und Sumpf versank. Die Bürger schritten bedächtig heran, um dem unwillkommenen Soldaten Beistand zu leisten, während Arthur, angespornt durch das Bewußtsein, daß Gefahr im Verzuge sei, mit mehr Geschicklichkeit und Kraft als vorhin über die Palisaden hinwegsetzte und auf dem ihm bezeichneten Wege mit größter Eile und Umsicht den Schutz der naheliegenden Gebüsche suchte. Er erreichte sie, ohne irgend welchen Lärm von den Wällen her zu vernehmen. Doch wußte er recht wohl, daß seine Lage höchst mißlich war, indem seine Flucht mindestens einem Menschen in der Stadt kund war, und zwar einem, der nicht ermangeln würde, Lärm zu machen, sobald er nur aus dem Sumpfe heraus sein würde. Diese Besorgnis lieh seinen Beinen noch größere Schnelligkeit, und er befand sich bald in dem lichteren Teile des Gebüsches, von wo aus er, wie der schwarze Priester es ihm beschrieben hatte, den östlichen Wartturm mit den anliegenden Brustwehren – »gedrängt besetzt mit Feinden und mit Waffen«– erblickte. Es erforderte von seiten des Flüchtlings große Geschicklichkeit sich so in Deckung zu halten, daß er von denen nicht erblickt werden konnte, die er so deutlich sah. Es gelang ihm aber, aus ihrem Gesichtskreise unbemerkt hinauszukommen, und indem er vorsichtig dem Schafsteige nachging, den der Priester ihm bezeichnet hatte, erreichte er nach kurzer Frist die offene, stark besuchte Landstraße, aus der sein Vater und er sich am Morgen dieses Tages der Stadt genähert hatten, und hatte das Glück, bald darauf den Vortrab der Schweizer Gesandtschaft zu treffen.
Nicht lange währte es, so war er der Schar nahe, die aus etwa zehn Mann bestand, Rudolf von Donnersberg an der Spitze. Die mit Schlamm bedeckte, hin und wieder mit Blut befleckte Gestalt Philippsons (denn sein Fall im Kerker hatte ihm eine leichte Wunde zugezogen) erregte Verwunderung bei allen, die ihn umringten, um seine Kunde zu vernehmen. Rudolf allein schien unbewegt zu sein. Gleich dem Angesichte der alten Bildsäulen von Herkules, zeigte sich das Antlitz des plumpen Berners breit und derb, mit einer Miene von Gleichgültigkeit und fast starrer Erstorbenheit, die sich nur in Augenblicken der wildesten Aufwallung änderten.
Ohne Gemütsbewegung hörte er die Erzählung des atemlosen Philippson an, wie dessen Vater sich im Kerker befände und zum Tode verurteilt wäre. – »Und was sonst habt Ihr erwartet?« fragte der Berner frostig. »Wart Ihr nicht gewarnt? Es wäre leicht gewesen, das Unheil vorher zu sehen; allein es möchte unmöglich sein, es nun abzuwenden.« – »Ich gestehe, ich gestehe,« sagte Arthur händeringend, »daß Ihr weise wart und daß wir töricht waren. Doch gedenkt nicht unserer Torheit in diesem Augenblick unserer Bedrängnis! Seid der tapfere und hochherzige Kämpe, den Eure Kantone in Euch verehren! schenkt uns Euren Beistand zu diesem tödlichen Streite!« – »Aber wie und auf welche Weise?« fragte Rudolf, noch immer zögernd. »Wir haben die Baseler entlassen, die uns willig Beistand geleistet hätten; solche Gewalt hat Euer pflichtgemäßes Beispiel über uns. Wir zählen jetzt kaum zwanzig Mann – wie könnt Ihr von uns begehren, eine feste Stadt anzugreifen, die durch Wälle geschirmt wird und eine Besatzung zählt, welche sechsmal stärker ist als wir?« – »Ihr habt Freunde innerhalb der Brustwehren,« sagte Arthur. »Der schwarze Priester sendet Euch – Euch, Rudolf von Donnersberg – die Botschaft, daß er Eurer harrt am nördlichen Ausfallpförtchen, um Euch den Segen zu erteilen.«
»Ei, freilich,« sagte Rudolf, indem er tat, als ob er sich dem Versuche Arthurs, im geheimen mit ihm zu reden, entzöge, und so laut sprach, daß alle Umstehenden ihn hören konnten, »freilich wird am nördlichen Ausfalltor ein Priester mich beichten lassen und der Sünde ledig sprechen, ehe eben dort der Henker mir die Gurgel abschneidet. Wenn sie dort einen englischen Krämer abschlachten, der ihnen nichts getan hat, was werden sie mit den Bären von Bern anfangen, dessen Klauen und Tatzen Archibald von Hagenbach stets gefühlt hat.«
Bei diesen Worten schlug der junge Philippson die Hände zusammen, und hob sie auf gegen den Himmel, gleich einem, den alle Hoffnung außer der verläßt, die nach unmittelbarer Hilfe von oben schreit. Tränen schossen in seine Augen, und die Fäuste ballend und die Zähne zusammenbeißend, kehrte er plötzlich den Schweizern den Rücken. – »Was soll diese Heftigkeit?« fragte Rudolf. »Wohin wollt Ihr jetzt?« – »Meinen Vater erlösen oder mit ihm sterben,« sagte Arthur und wollte wie wahnsinnig nach La Ferette zurückrennen, als eine derbe, jedoch wohlmeinende Faust ihn zurückhielt.
»Warte ein wenig, bis ich mein Knieband festgebunden habe,« sagte Sigismund Biedermann, »dann gehe ich mit Dir, König Arthur.« – »Du? Hoho!« rief Rudolf; »Du? und das ohne Befehl?« – »Schaut nur, Vetter Rudolf,« sprach der Jüngling, der mit großer Gelassenheit fortfuhr, sein Knieband zu befestigen. »Ihr schwatzt uns immer vor, daß wir Schweizer freie Leute sind; und welchen Nutzen hat denn ein Mensch von seiner Freiheit, so er nicht tun kann, was ihm beliebt? Ihr seid mein Hauptmann, solange es mir gefällt, aber nicht länger. Den jungen Burschen hier habe ich lieb, denn er schalt mich immer einen Narren oder Strohkopf, wenn meine Gedanken vielleicht langsamer kamen als die Gedanken anderer Leute. Und auch seinen Vater habe ich lieb – der alte Mann gab mir dies Band hier und dies Jägerhorn. Der biedere Alte befindet sich jetzt in des Hagenbachers Klauen! Du sollst ihn frei machen, Arthur, so zwei Männer das vermögen. Du sollst mich fechten sehen, so lange eine Stahlplatte und ein Eichenschaft zusammenhalten.«
Aufrichtige und eindringliche Worte sind niemals bei unverderbten, hochherzigen Gemütern verloren. Mehrere der umherstehenden Jünglinge zollten der Rede Sigismunds laut Beifall und erklärten, man müsse alles tun, den älteren Philippson zu befreien.
»Still, ihr naseweisen Herren!« sagte Rudolf, indem er mit einer Miene von Ueberlegenheit umherblickte; »und Ihr König Arthur, geht zu dem Landammanne, der hinter uns drein zieht; Ihr wißt, er ist unser Oberbefehlshaber, ist nicht minder Eures Vaters Freund, und was immer er beschließen möge zu Gunsten Eures Vaters, das soll von uns allen auf das bereitwilligste ins Werk gesetzt werden.«