Seine Gefährten schienen in diesen Ratschlag einzustimmen, und der junge Philippson sah ein, daß ihm nichts anderes übrig bliebe, als sich drein zu fügen. Freilich mutmaßte er noch immer, daß der Berner, der mit den Schweizer wie mit den Baseler Jünglingen in heimlichen Verabredungen stand, was auch aus den Worten des Priesters von St. Paul hervorging, ihm in diesen Bedrängnissen beizustehen die Macht hätte; dennoch vertraute er weit mehr auf die einfache Redlichkeit und schlichte Treue des Landammannes, zu dem er hineilte, ihm seinen traurigen Bericht abzustatten und ihn um Beistand zu bitten.
Von der Höhe eines Rasens, den er in wenigen Minuten, nachdem er von Rudolf und dem Vortrabe geschieden war, erreichte, erblickte er den ehrwürdigen Arnold Biedermann und dessen Gefährten, von wenigen Jünglingen geleitet. Hinter ihnen kamen etliche Maultiere mit dem Gepäcke und die beiden bekannten Tiere, die bei dem früheren Teil ihrer Wanderung Anna von Geierstein und deren Begleiterin trugen. Auf jedem derselben saß eine weibliche Gestalt, und so gut Arthurs scharfes Auge es zu erkennen vermochte, hatte die erste derselben Annas Kleider an, vom grauen Staubschleier bis zu der Reiherfeder, die sie, seit sie auf deutschem Boden war, gemäß der Landessitte und als Abzeichen ihres Standes angesteckt hatte. Wie hatte er sich nun wieder das rätselhafte Erscheinen genau derselben Gestalt vor kaum einer halben Stunde im unterirdischen Kerker von La Ferette zu erklären?
Doch bevor er Zeit hatte, diesen Gedanken weiter zu verfolgen, war er dem Landammann und dessen Schar schon nahe. Hier erregte sein Erscheinen wie sein Zustand das nämliche Erstaunen, wie vorhin bei dem Vortrabe. Auf die wiederholten Fragen des Landammannes gab er kurzen Bericht über seine eigene Einkerkerung und über seine Flucht, ohne dabei mit einem einzigen Worte der weiblichen Erscheinung zu gedenken, die dem Pfarrherrn in seinem menschenfreundlichen Werke Beistand geleistet hatte. Auch über einen zweiten Punkt schwieg Arthur. Er sah keine Notwendigkeit, dem Landammann die Botschaft mitzuteilen, die der Priester ihm ausschließlich für Rudolfs Ohr mitgeteilt hatte. Ob Gutes oder Schlimmes daraus hervorgehen möchte, er hielt es für eine heilige Pflicht, das Schweigen nicht zu brechen, das ihm von einem Manne auferlegt war, von dem er soeben den wichtigsten Beistand erhalten hatte.
Der Landammann erstarrte einen Augenblick vor Kummer und Verwunderung.
»Laßt uns fürbaß eilen,« sagte er dann zu dem Bannerträger von Bern und den anderen Abgeordneten. »Laßt uns unsere Vermittelung anbieten, zwischen dem Tyrannen von Hagenbach und unserm Freund, dessen Leben gefährdet ist. Er muß es hören, denn ich weiß, daß sein Herzog Verlangen trägt, diesen Philippson an seinem Hofe zu sehen. Der alte Mann gab mir darüber so manchen Wink. Da wir im Besitze eines solches Geheimnisses sind, so wird Archibald von Hagenbach unserer Rache nicht trotzen dürfen.«
Sechzehntes Kapitel
Der Vogt von La Ferette stand an der Brustwehr des östlichen Eingangsturmes und schaute hinaus auf die Straße, die nach Basel führte, als zuerst der Vortrab der Schweizer Gesandtschaft, dann deren Mitte und Nachtrab heranzogen. In demselben Augenblick machte der Vortrab Halt, die Mitte schloß sich ihm an, zusamt den Frauen, dem Gepäck und den Lasttieren, so daß sich alle zu einer Gruppe vereinigten.
Dann schritt ein Bote vorweg und blies in eines der gewaltigen Hörner, die der Auerstier liefert, welcher so häufig im Kanton Uri ist, daß es heißt, dieses Tier habe dem Kanton diesen Namen gegeben.
»Sie verlangen Einlaß,« sagte der Leibknapp. – »Sie sollen ihn haben,« antwortete der Vogt. »Traun! wie sie wieder hinauskommen, ist eine andere Frage.« – »Bedenkt Euch einen Augenblick, Herr,« fuhr Kilian fort, »erwägt, diese Schweizer sind Teufel im Gefechte und haben überdies keine Beute zu liefern, um den Sieg zu bezahlen – nichts als elende Ketten von gutem Kupfer oder höchstens von verfälschtem Silber. Ihr habt das Mark gesogen – verderbt Euch die Zähne nicht durch den Versuch, die Knochen zu zermalmen.« – »Du bist ein Narr,« antwortete der Hagenbacher: »und wohl ein feiger Hund obendrein. Die Ankunft von ein paar Dutzend Schweizer Partisanen läßt Dich die Hörner einziehen wie eine Schnecke, wenn der Finger eines Kindes sie berührt! – Bedenk, Du furchtsame Seele, wenn die Schweizer Abgeordneten, wie sie sich anmaßend nennen, frei durchgelassen werden, so hinterbringen sie dem Herzog Kunde von Handelsleuten, die an seinen Hof ziehen wollten und mit kostbaren, wahrscheinlich für seine Hoheit bestimmten Waren versehen waren. Indem hat Karl alsdann die Gegenwart der Gesandten zu erdulden, die ihm verächtlich und zuwider sind, und erfährt von ihnen, daß der Vogt zu La Ferette diejenigen durchließ, die dem Herzog ein Greuel sind, während er diejenigen, die Karl gern gesehen hätte, aufhielt; denn welcher Fürst würde nicht huldreich solchen Schmuck willkommen heißen, wie der ist, den wir jenen herumstreifenden Krämern abgenommen haben?« – »Ich sehe nicht ein, wie der Angriff auf diese Abgeordneten die Plünderung rechtfertigen soll, die Ihr an den Engländern begangen habt, edler Ritter,« sagte Kilian. – »Weil Du ein blindes Mondkalb bist,« antwortete der Vogt. »Hört Burgund von einem Angriff zwischen meiner Besatzung und den Schurken vom Gebirge, die Karl haßt und verhöhnt, so wird man darüber die beiden Krämer vergessen, und annehmen, sie seien im Handgemenge umgekommen. Sollte Nachfrage geschehen, so kann ein Ritt von einer Stunde mich mit meinen Vertrauten in die kaiserlichen Lande bringen, wo ich, obwohl der Kaiser ein vernunftloser Narr ist, mit der reichen Beute, die ich diesen Eilandsbewohnern abnahm, mich eines guten Empfanges versichert halten kann.«
»Ich stehe zu Euch, Herr Ritter, bis auf den letzten Mann,« entgegnete der Knappe, »und Ihr sollt mit eigenen Augen schauen, daß ich kein Feigling bin.« – »Niemals hielt ich Dich für einen solchen, wenn es zu Faustschlägen kam,« sagte der Hagenbacher, »aber wo es Klugheit gilt, bist Du scheu und unentschlossen. Reiche mir meine Rüstung, Kilian, und schnalle sie mir sorgfältig an; denn die Schweizer Piken und Schwerter sind keine Wespenstacheln.« – »Mögt Ihr sie mit Ehren und Nutzen tragen, edler Herr,« sagte Kilian; und gemäß seinem Amte schnallte er seinem Gebieter die vollständige Rüstung eines Reichsritters an. Dann verbeugte er sich und zog ab.
Das Urihorn der Schweizer hatte zu wiederholten Malen seinen hohlen Ton, gleich als wäre es ärgerlich ob des fast halbstündigen Zögerns, hören lassen, ohne Antwort vom Wartturm zu La Ferette zu erhalten, und jeder Ruf drückte mit seinem weithin schallenden Echo die steigende Ungeduld derer aus, die mit der Stadt zu reden begehrten. Endlich erhob sich das Fallgitter, die Zugbrücke fiel, und Kilian, in der Knappenrüstung wie zum Kampf bereit, ritt im Schritt heran.
»Was für kühne Männer seid Ihr, Ihr Herren,« sprach Kilian, »die Ihr in Waffen vor der Feste von La Ferette erscheint, welche nach Recht und Herrschaft dem dreifach edlen Herzoge von Burgund und Lothringen gehört und in seiner Sache von dem lobesamen Grafen Archibald, Herrn zu Hagenbach, besetzt gehalten wird?«
»Erwägt, Knappe,« sagte der Landammann, »denn für einen solchen halte ich Euch wegen der Feder auf Eurem Barette, daß wir hier nicht in feindseliger Absicht erscheinen. Wir tragen nur Waffen, um uns auf gefährlicher Reise zu schützen.« – »Was ist denn Euer Stand und Eure Absicht?« sagte Kilian, der gelernt hatte, in Abwesenheit seines Herrn den barschen und groben Ton des Vogts selbst anzuschlagen. – »Wir sind,« antwortete der Landammann mit ruhiger und sich gleich bleibender Stimme, ohne sich merken zu lassen, daß ihn das unhöfliche Benehmen des Knappen verdroß, »Abgeordnete der freien und vereinigten Kantone des Schweizerlandes und der guten Stadt Solothurn, und bevollmächtigt, zu Seiner Erlaucht, dem Herzoge von Burgund, zu ziehen, um mit ihm einen sichern und standfesten Frieden unter solchen Bedingungen abzuschließen, wie sie der gegenseitigen Ehre und dem gemeinschaftlichen Nutzen beider Länder entsprechen.«