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»Zeigt mir Eure Beglaubigungsbriefe,« sagte der Leibknapp. – »Wollt vergeben, Herr Knapp,« erwiderte der Landammann, »es wird Zeit genug sein, dieselben vorzulegen, wenn wir vor Eurem Herrn, dem Vogte, stehen.« – »Das heißt soviel, als Ihr wollt sie nicht zeigen. Wohl, meine Herren, so mögt Ihr denn diesen Rat von Kilian von Kersberg hinnehmen: besser ist's bisweilen, sich auf den Heimweg zu begeben, als fürbaß zu schreiten. Mit meinem Herrn und seinen Leuten ist nicht so gut Kirschen essen wie mit den Krämern zu Basel, denen Ihr Euern Käse verkauft. Kehrt heim, ehrliche Leute, kehrt heim! auf dem Rückweg sollt Ihr nicht behelligt werden!«

»Wir danken Dir für Deinen Rat,« sagte der Landammann, indem er den Bannerträger von Bern unterbrach, der eine ärgerliche Antwort auf der Zunge hatte, »indem wir ihn für gutgemeint halten; ist es nicht so, so ist ein unhöflicher Scherz gleich wie ein überladener Schießmörser, der auf den zurückwirkt, der ihn abfeuert. Unser Weg liegt vor uns und führt durch La Ferette, und vorwärts gedenken wir zu gehen, komme, was wolle!« – »So geht vorwärts, in des Teufels Namen!« rief der Knappe, der im stillen gehofft hatte, die Wanderer zur Umkehr zu bestimmen.

Die Schweizer zogen in die Stadt ein, und aufgehalten durch die Wagenburg, die der Vogt etwa zwanzig Ellen fern von dem Tore quer durch die Straße hatte ziehen lassen, stellten sie sich in kriegerischer Ordnung auf, indem sie ihre kleine Schar in drei Reihen formierten, so daß die beiden Frauenzimmer und die Gesandtschaftsväter in der Mitte waren. Während die Schweizer hier warteten, erschien durch eine Seitentür des Turmes unter dem Bogen, durch welchen sie in die Stadt gezogen waren, ein Ritter in vollständiger Rüstung. Sein Visier war aufgezogen, und er schritt an der von den Schweizern gebildeten Linie mit düsterer und grimmer Gebärde entlang.

»Wer seid Ihr,« sprach er, »die Ihr in Waffen so weit zu einer burgundischen Besatzung vordringt?« – »Mit Eurer Erlaubnis, Herr Ritter,« sagte der Landammann, »wir sind Männer, die mit friedlicher Botschaft kommen, obwohl wir Waffen zur Gegenwehr tragen. Abgeordnete sind wir von den Städten Bern und Solothurn, den Kantonen Schwyz, Uri und Unterwalden, und haben Wichtiges mit dem erlauchten Herzoge von Burgund und Lothringen zu verhandeln.« – »Was Städte, was Kantone!« sagte der Vogt zu La Ferette. »Ich habe keine solchen Namen unter den freien Städten Deutschlands je gehört – Bern? Ei doch, seit wann ward Bern eine freie Stadt?« – »Seit dem einundzwanzigsten Tage des Junimondes,« sprach Arnold Biedermann, »und im Jahr der Gnade eintausendeinhundertneununddreißig, an welchem die Schlacht bei Lauffen geschlagen ward.«

»Hinweg, eitler, alter Knabe,« sagte der Ritter, »denkst Du, solch unnützer Selbstruhm könnte Dir hier nützen? Freilich haben wir gehört, wie etliche aufrührerische Dörfer und Volksgemeinden auf und zwischen den Alpen sich dem Kaiser widersetzten und durch die Vorteile von Felsbollwerken, von Hinterhalten und Schlupfwinkeln es dahin brachten, verschiedene Ritter und Edle zu ermorden, die vom österreicher Herzog gegen sie ausgesendet worden waren. Doch vermeinten wir nie, solche jämmerlichen Bauern könnten die Frechheit haben, sich freie Staaten zu nennen und mit einem mächtigen Fürsten, wie Karl von Burgund ist, unterhandeln zu wollen. Was? wollt Ihr hier eine freche Miene der Freiheit und Unabhängigkeit aufsetzen? Ich will Euch mit meinem eisenbeschlagenen Ritterstiefel zertreten,« – »Wir sind keine Männer, die sich zertreten lassen,« sagte Arnold Biedermann ruhig, »Herr Ritter, legt für eine Weile diese hochfahrende Sprache beiseite, denn sie führt nur zu Hader, und hört auf die Worte des Friedens. Gebt unsern Gefährten, den englischen Handelsmann Philippson los, an welchen Ihr heute früh widersetzlich Hand angelegt, laßt ihn eine beträchtliche Summe als Lösegeld zahlen, und wir, die wir vor des Herzogs erlauchtes Antlitz ziehen, wollen ihm günstigen Bericht von seinem Vogt zu La Ferette erstatten.« – »Ihr wollt so großmütig sein? Wollt Ihr?« sagte Archibald in hohnlachendem Tone. »Und welches Unterpfand wird mir von Euch, daß Ihr so gütig an mir tun werdet, wie Ihr sagt?« – »Das Wort eines Mannes, der nie seine Zusage brach,« antwortete der unerschütterliche Landammann.

»Grober Kerl,« versetzte der Ritter, »willst Du Dein Lumpenwort bieten zwischen dem Herzoge von Burgund und Archibald von Hagenbach? Wisse, daß Ihr nimmer gegen Burgund zieht; es sei denn, Ihr zöget dahin mit Ketten an Euren Händen, und Halftern um Eure Hälse – Hussahoh! Burgund zur Rettung!«

Augenblicklich, wie er dies sagte, zeigten sich burgundische Kriegsknechte, hinter und rings um den engen Raum, in welchem die Schweizer sich aufgestellt hatten. Die Brustwehren der Stadt waren mit bewährten Männern besetzt, Bewaffnete erschienen an der Tür jedes Hauses, während andere an den Fenstern sich mit Donnerbüchsen, Zielbogen und Armbrüsten blicken ließen. Die Kriegsknechte, welche die Wagenburg besetzt hielten, erhoben sich ebenfalls und schienen die Schweizer am Weiterschreiten hindern zu wollen. Die kleine Schar in solcher Enge, solcher Uebermacht gegenüber, zeigte weder Bestürzung noch Mutlosigkeit, sondern blieb fest auf ihrem Platze, und die Feinde erkannten wohl, daß es keine leichte Arbeit wäre und viel Blut kosten würde, diese Handvoll entschlossener Männer selbst mit fünfmal überlegener Mannschaft zu bezwingen. Dieser Gedanke mochte auch Herrn Archibald davon abhalten, den Befehl zum Angriff zu geben, als plötzlich sich von fern das Geschrei: »Verräterei! Verräterei!« vernehmen ließ.

Ein Soldat stürzte, mit Schlamm bedeckt, auf den Vogt zu und erzählte atemlos, er hätte versucht, einen Gefangenen festzunehmen, der kurz vorher die Flucht ergriffen haben müßte, und sei dabei von den Bürgern auf dem Stadtwalle angefallen und fast ertränkt worden. Er fügte hinzu, daß die Bürger eben jetzt den Feind in die Stadt hineinließen.

»Kilian,« sprach der Ritter, »nimm eine Rotte von zwanzig Mann, eile ans nördliche Ausgangspförtchen und haue nieder, was Du an Waffen antriffst, ob Bürger oder Fremde. Mich laß hier, um mit diesen Bauern wohl oder übel fertig zu werden!«

Allein ehe noch Kilian dem Befehl seines Herrn Folge leisten konnte, erklang dicht hinter ihnen das Jubelgeschrei: »Basel! Basel! Freiheit! Freiheit! Der Tag ist unser!« – Und heran rückten die Baseler Jünglinge, die Rudolf noch rechtzeitig hatte zurückrufen können, heran kamen manche Schweizer, denen nach solch einem Stück Arbeit gelüstete, und heran kamen die bewehrten Einwohner von La Ferette, die, empört über die Tyrannei des Hagenbachers, die Waffen ergriffen und die Baseler zu dem Ausgangspförtchen hereingelassen hatten, durch welches der jüngere Philippson vorher entflohen war.

Die Besatzung, die schon beim Anblicke der zur Gegenwehr entschlossenen Schweizer den Mut zu verlieren begonnen hatte, geriet bei diesem neuen, unerwarteten Aufstande völlig in Verwirrung. Die meisten der Kriegsknechte wollten lieber fliehen und sprangen einfach von den Brustwehren herab. Kilian und andere, zu stolz, um zu fliehen, oder sich zu ergeben, kämpften mit der Wut der Verzweiflung und blieben tot auf dem Platze. Inmitten dieser Verwirrung stand die Schar des Landammanns unbeweglich; denn er gestattete keinem, Anteil an dem Kampfe zu nehmen, solange sich nicht ein Feind an ihnen vergriffen hätte.

»Steht still alle,« erscholl die tiefe Stimme Arnold Biedermanns, längs seinen Reihen, – »Wo ist Rudolf? – Wahrt Euer Leben, doch nehmt es keinem! – Was? Wohin, Arthur Philippson? Auf dem Platz geblieben, sagt' ich!« – »Ich kann nicht müßig hier stehen,« sprach Arthur, der eben aus den Reihen trat. »Ich muß meinen Vater im Kerker suchen; man könnte ihn inzwischen erschlagen!« – »Bei Unserer heiligen Mutter von Einsiedeln, Du sprichst wahr!« antwortete der Landammann. »Ich werde Dir suchen helfen, Arthur, – das Gefecht scheint fast zu Ende. He, Herr Bannermann, würdiger Adam Zimmermann und Ihr, mein werter Freund, Nikolaus Bonstetten, laßt Eure Mannschaft sich still verhalten. – Habt nichts zu schaffen mit diesem Aufruhr, sondern überlaßt es den Männern von Basel, ihre Taten selber zu verantworten! Ich bin in wenigen Minuten zurück.«