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Indem er dies sagte, eilte er Arthur Philippson nach, der, durch sein gutes Gedächtnis geleitet, ihn an die Kerkertreppe führte. Hier trafen sie einen schielenden Gesellen, in dem sie an einem Bund verrosteter Schlüssel den Kerkermeister erkannten. – »Zeige mir den Kerker des englischen Kaufmannes,« sagte Arthur Philippson, »oder Du stirbst von meiner Hand.« – »Wen von beiden wünscht Ihr zu sehen?« fragte der Kerkermeister, »den alten oder den jungen?« – »Den alten,« sprach Arthur, »sein Sohn ist Dir entschlüpft,« – »So geht nur hinein, Ihr Herren,« sagte der Mann mit den Schlüsseln, indem er den Riegel einer schweren Eisentür öffnete.

Oben am Ende des Gemaches lag der Mann, den sie suchten und sofort aufhoben und herzlich umarmten. – »Mein teurer Vater!« – »Mein werter Gast!« riefen zu gleicher Zeit sein Sohn und sein Freund. »Wie steht es um Euch?« – »Wohl,« antwortete der ältere Philippson, »so Ihr, mein Freund und mein Sohn, wie ich aus Euren Waffen und Eurem Aussehen schließe, als Sieger und in Freiheit kommt; übel, so Ihr kommt, meine Haft zu teilen.«

»Seid ohne Sorge,« sagte der Landammann, »wir sind in Gefahr gewesen, wurden aber wundersam aus ihr befreit. Die schlechte Luft hier hat Euch betäubt; lehnt Euch an mich, mein edler Gast, und laßt mich Euch in ein besseres Quartier führen.«

– Hier ward er von einem Dröhnen unterbrochen, das ganz anders erklang als das ferne Getöse des Volksaufruhrs, das durch die Straßen hallte.

»Bei St. Peter und seinem Schlüssel!« sagte Arthur, der sofort wußte, was geschehen war. »Der Kerkermeister hat die Tür des Gefängnisses zugeworfen. Wir sind eingesperrt. – Halloh, Hund von einem Kerkerknecht! Schurke! Tu auf, es kostet sonst Dein Leben!« – »Er ist wahrscheinlich zu weit entfernt, um Deine Drohungen zu hören,« sagte der ältere Philippson, »und Dein Schreien hilft Dir nichts. Allein, wenn Ihr gewiß seid, daß die Schweizer im Besitz der Stadt sind, so werden Eure Begleiter Euch bald auffinden. Ihr, Arnold Biedermann, seid ein zu wichtiger Mann, als daß man Euch nicht vermissen sollte.« – »Das hoffe ich,« sagte der Landammann, »doch sieh zu, Arthur, mein wackerer Bursch, ob sich der Riegel nicht zurückschieben läßt.« Arthur, der sorglich das Schloß untersucht hatte, erwiderte verneinend und fügte hinzu, daß sie wohl oder übel sich in Geduld fassen und ruhig auf Befreiung warten müßten, da sie selber nichts dazu beitragen könnten.

Sie brauchten jedoch nicht lange zu warten, so sprang der Riegel zurück, und die Tür wurde von einer Person geöffnet, die sofort wieder die Treppe hinaneilte, bevor die in Freiheit Gesetzten ihren Befreier auch nur mit einem einzigen Blicke hätten sehen können. – Sie stiegen die steile Treppe hinan und gelangten an den Ausgang des Wachthausturmes, wo ein seltsames Schauspiel ihrer harrte. Die Schweizer Abgeordneten und ihre Mannen standen noch still und unbeweglich an eben der Stelle, wo Hagenbach sie hatte wollen angreifen lassen. Etliche wenige Kriegsknechte des Vogts, die sich vor den empörten, jetzt in großer Zahl die Straßen füllenden Bürgern fürchteten, standen mit gesenkten Blicken hinter den Bergbewohnern, wo sie sich am sichersten glaubten. Allein, dies war nicht alles.

Die Karren, die eben noch dazu gedient hatten, die Straße zu sperren, waren jetzt anders zusammengeschoben und mit Brettern belegt, so daß in Eile daraus ein Schafott gebildet worden war. Auf diesem befand sich ein Sessel, in welchem ein langer Mann mit entblößtem Haupte, Nacken und Schultern, doch noch in glänzender Rüstung, saß. Sein Antlitz war bleich, wie das eines Toten, jedoch der junge Philippson erkannte in dem Manne sogleich den hartherzigen Vogt, den Ritter Archibald von Hagenbach. Er schien auf dem Stuhle festgebunden zu sein.

Zu seiner Rechten dicht neben ihm stand der Pfarrherr von Sankt Paul, das Brevier in der Hand, während ihm zur Linken, etwas hinter dem Gefangenen, eine hohe Gestalt in rotem Mantel sich mit beiden Händen auf ein entblößtes Schwert lehnte. In dem Augenblicke, als Arnold Biedermann aus dem Turme heraustrat, und ehe der Landammann noch die Lippen öffnen konnte zu der Frage, was dieser Anblick bedeutete, zog der Priester sich zurück, der Nachrichter schritt vor, das Schwert wurde geschwungen, der Streich geführt, und das Haupt des Missetäters rollte hin auf das Schafott. Allgemeiner Beifall und Händeklatschen wurden hörbar, wie es wohl vor einer Schaubühne zu geschehen pflegt, wenn beliebten Darstellern Lob gezollt wird. Während Blutströme aus den Adern des enthaupteten Rumpfes flossen und von den Sägespänen verschluckt wurden, mit denen das Schafott bestreut worden war, verneigte der Nachrichter sich mit Anstand nach allen vier Ecken des Gerüstes hin gegen die Beifall spendende Menge.

»Edle Ritter, Herren aus freigeborenem Blute und werte Bürger,« sprach er, »die Ihr dieser hohen Gerichtsvollstreckung beigewohnt habt, ich bitte Euch, mir zu bezeugen, daß diese Hinrichtung nach aller Form des Urteils auf einen einzigen Streich und ohne allen Fehl- oder Doppelhieb ausgeführt wurde.« – Der Beifall wiederholte sich. – »Lange lebe unser Scharfrichter Steinherz, und möge er noch an manchem sein Amt vollführen.«

»Edle Freunde,« sagte der Nachrichter mit tiefster Untertänigkeit, »ich habe jetzt noch ein Wort zu sagen, und zwar ein kühnes. – Gott verleihe seine Gnade der Seele des guten und edlen Ritters, des Herrn Archibald von Hagenbach. Er war der Schutz meiner Jugend und mein Führer auf der Bahn der Ehren. Acht Schritte zu Freiheit und Adelsrecht hatte ich durch die Köpfe freigeborener Edlen und Ritter getan, die auf sein Geheiß durch mich fielen, und der neunte Schritt, durch den ich an mein Ziel gelange, geschah durch sein eigen Haupt, und ich will zu dankbarem Andenken dessen diese Börse mit Gold, die er mir erst vor einer Stunde schenkte, zu Seelenmessen für ihn spenden. Ihr edlen Herren und Freunde und jetzt Meinesgleichen! La Ferette hat einen Edelmann verloren und einen anderen dafür gewonnen. Unsere heilige Mutter sei gnädig dem hingeschiedenen Ritter, Herrn Archibald von Hagenbach, und segne und beglücke das Tun des Stefan Steinherz vom Blutacker, der nun ein Mann vom Adel geworden ist.« Mit diesen Worten nahm er die Feder ab von dem Helme des Gerichteten, der blutbefleckt neben dem Leichname auf dem Gerüste lag, und empfing, als er sie auf seine Amtsmütze steckte, die Huldigung der Menge in lautem Hurrahgeschrei, das teils im Ernst, teils im Scherze erklang, wie das bei dergleichen Gelegenheiten der Fall zu sein pflegt.

Endlich fand Arnold Biedermann Worte. Das Uebermaß seines Erstaunens schien ihn der Sprache beraubt zu haben; auch hatte die Hinrichtung zu schnell ihr Ende erreicht, als daß der Landammann sich hätte ins Mittel legen können, »Wer hat es gewagt, diese Greueltat anzuordnen?« fragte er voller Unwillen. »Und mit welchem Rechte hat sie stattgefunden?«

Ein reich in Blau gekleideter Edler erwiderte auf die Frage: »Die freien Bürger von Basel haben nach ihrem Ermessen so gehandelt, wie die Väter der schweizerischen Freiheit ihnen das Beispiel gaben; und der Tyrann Archibald von Hagenbach ist mit demselben Recht gefallen, nach welchem der Tyrann Geßler fiel. Wir duldeten ihn, bis sein Becher zum Rande gefüllt war; länger dulden wir nicht!« – »Ich spreche nicht, daß er den Tod nicht verdiente,« entgegnete der Landammann, »allein um Eurer selbst und der Eurigen willen, hättet Ihr seiner schonen sollen, bis der Herzog seinen Willen kundgetan.« – »Was redet Ihr uns vom Herzog?« antwortete Lorenz Neipberg, der nämliche Blaue, den Arthur bei der Zusammenkunft der Baseler Bürger in Rudolfs Gesellschaft gesehen hatte. »Wir sind keine burgundischen Untertanen! Der Kaiser ist unser alleiniger rechtmäßiger Herr und hatte nicht das Recht, die Stadt und Feste La Ferette, die ein Grundeigentum Basels ist, zum Nachteil unserer freien Stadt zu verpfänden. Zieht indessen Eures Weges, Herr Landammann von Unterwalden! So unser Tun Euch mißfällt, schwört es ab vor dem Herrschersitze Karls von Burgund, allein, indessen Ihr solches tut, verschwört auch zu gleicher Zeit das Andenken an Wilhelm Tell und Stauffacher, an Walter Fürst und Arnold von Melchthal, an die Väter der helvetischen Freiheit.«