»Ihr sprecht die Wahrheit,« sagte der Landammann, »allein Ihr tut es zu übelgewohnter und unglücklicher Stunde. Geduld würde Euern Uebeln abgeholfen haben, die keiner tiefer fühlt und bereitwilliger aus der Welt geschafft hätte, als ich, Ihr habt, unkluger Jüngling, die Bescheidenheit Eures Alters und die Unterwürfigkeit, die Ihr Euren Altvordern schuldig seid, hintangesetzt. Wilhelm Teil und seine Genossen waren bejahrte und erfahrene Männer, Ehegatten und Hausväter, die ein Recht besaßen, im Rate gehört zu werden, und die ersten zur Tat zu sein! Genug, ich überlasse es den Vätern und Vorgesetzten Eurer Stadt, Euer Tun zu billigen oder zu verwerfen. – Ihr aber, meine Freunde – Ihr, Bannerherr von Bern – Du, Rudolf – vor allem aber Du, Nikolaus von Bonstetten, mein Kamerad und Freund, warum nahmt Ihr jenen elenden Mann nicht in Schutz?« – »So wahr ich vom Brot lebe,« antwortete Nikolaus Bonstetten, »ich gedachte Euren Verfügungen bis auf den kleinsten Punkt nachzukommen; und das dergestalt, daß ich einmal den Gedanken hegte, loszubrechen und den Mann zu beschützen, allein Rudolf von Donnersberg erinnerte mich, daß Euer letzter Befehl lautete, mich still auf dem Platze zu verhalten und die Männer von Basel ihr Tun selbst vertreten zu lassen. Fürwahr, sprach ich da zu mir selbst, mein Gevatter Arnold weiß besser, als irgend einer von uns, was uns zu tun gebührt.«
»Ach, Rudolf, Rudolf!« rief der Landammann, indem er mit Mißfallen auf ihn blickte, »schämtest Du Dich nicht, einen Greis zu betrügen?«
»Zu sagen, daß ich ihn betrog, ist eine schwere Anklage,« sprach der Berner mit seiner gewöhnlichen Ehrerbietung; »jedoch von Euch, Landammann, nehme ich alles hin. Ich will nur sagen, daß ich als Mitglied dieser Gesandtschaft mich dem Ganzen unterordnen mußte und nicht selbständig handeln durfte, besonders wo derjenige nicht gegenwärtig war, der Weisheit genug besitzt, uns alle zu lenken und zu leiten.« – »Deine Worte sind allezeit schön, Rudolf,« erwiderte Arnold Biedermann, »und ich hoffe, Du meinst es auch so. Doch Streit beiseite und gebt mir Euren Rat, meine Freunde. Zu diesem Zwecke wollen wir dahin gehen, wo es sich am besten schickt, also zuerst in die Kirche, um für unsere Errettung vom Meuchelmorde zu danken und dann Rat zu halten, was zunächst zu tun sei.«
Der Landammann eröffnete den Weg zur St. Pauluskirche, während seine Gefährten und Genossen ihm folgten. Rudolf, der als Jüngerer die Alten voranschreiten ließ, bekam dadurch Gelegenheit, den ältesten Sohn des Landammannes, Rüdiger, zu sich zu winken, und ihm ins Ohr zu flüstern, er möchte zusehen, daß man sich der beiden englischen Kaufleute entledigen könne. »Hinweg, mit Ihnen, mein lieber Rüdiger,« sprach er, »und womöglich auf freundliche Weise! Dein Vater ist wie vernarrt in diese beiden englischen Marktkrämer und wird auf keinen andern Rat hören, und Du weißt, lieber Rüdiger, so wie ich, Männer, wie diese sind untauglich, freigeborenen Schweizern Vorschriften zu machen. Schaff die Siebensachen, die man ihnen geraubt – oder so viel davon noch vorhanden ist, so schnell herbei, als Du kannst, und schicke sie in des Himmels Namen auf. die Reise!«
Rüdiger nickte bejahend und ging. Der einsichtsvolle Handelsmann wünschte ebenso dringend, wie die jungen Schweizer, diesem Schauplatze der Verwirrung zu entrinnen, und wartete nur noch darauf, das Kästchen zurückzuerhalten, das der Hagenbacher ihm abgenommen hatte. Rüdiger Biedermann stellte Nachforschungen an, die um so mehr Aussicht auf Erfolg hatten, da die schlichten Schweizer schwerlich den wahren Wert jener Edelsteine zu schätzen wußten. Sofort wurde der Leichnam des Vogts untersucht, allein man fand weder bei ihm, noch bei denen, die vor und während der Hinrichtung in seiner Nähe geweilt oder zu seinen Lebzeiten des Vogts Vertrauen genossen hatten, die geringste Spur von dem kostbaren Päckchen.
Der junge Arthur Philippson hätte herzlich gern ein paar Augenblicke benützt, um Anna von Geierstein Lebewohl zu sagen. Allein der graue Schleier war nicht mehr unter den Reihen der Schweizer zu sehen, und ziemlich gewiß war anzunehmen, daß bei der Verwirrung, die der Hinrichtung folgte, und bei dem Fortzug der kleinen Schar das Mädchen sich in eines der naheliegenden Häuser zurückgezogen hatte, während die schweizerischen Krieger, durch die Gegenwart ihrer Hauptleute nicht mehr gehindert, sich zerstreut hatten, teils um nach den den Engländern geraubten Waren zu suchen, teils sich mit den jubelnden siegreichen Baseler und den Bürgern von La Ferette zu vereinigen.
Allgemein ging das Geschrei, daß Ferette, ein Ort, der so lange Zeit als Hemmschuh der Schweizer Eidgenossenschaft und als Schranke des helvetischen Handels gegolten hatte, fortan von ihnen zum Schutze gegen die Eingriffe und Erpressungen des Herzogs von Burgund und dessen Beamten gehalten werden sollte, und der ganze Ort gab sich einem wilden, jedoch fröhlichen Jubel hin. Inmitten all dieser Verwirrung war es für Arthur unmöglich, seinen Vater zu verlassen, auch wenn sich Gelegenheit geboten hätte, einen Augenblick nur sich selbst zu genügen. Traurig, gedankenvoll und sorgenbeladen mitten unter all den Fröhlichen, blieb er bei dem Vater, den zu lieben und zu ehren er so gewichtige Ursache hatte. Er half ihm, das Maultier mit den Waren in Sicherheit zu bringen, die sie durch die ehrlichen Schweizer nach Hagenbachs Tode wiedererhalten hatten. Dieser Auftritt hatte kaum zehn oder fünfzehn Minuten gedauert, als Rudolf von Donnersberg sich dem älteren Philppson näherte und im Tone der größten Höflichkeit ihn einlud, sich an der Beratung der Gesandtschaft zu beteiligen, die in einer so unerwarteten schwierigen Lage keine Schritte tun wolle, ohne die Meinung des erfahrenen Handelsmannes anzuhören. Der ältere Philippson machte sich sogleich mit Donnersberg auf den Weg; der junge Kämpe nahm ihn vertraulich beim Arm und flüsterte ihm unterwegs ins Ohr: »Ich denke, ein Mann von Eurer Einsicht wird uns kaum raten, uns der Laune des Herzogs von Burgund preiszugeben, nachdem dieser durch die Wegnahme seiner Feste und die Hinrichtung seines Vogts eine schwere Beleidigung von uns erfahren hat.« – »Ich werde nach besten Kräften meinen Rat erteilen,« antwortete Philippson, »sobald ich genau über die Umstände unterrichtet bin, unter denen man ihn von mir verlangt.«
In einer kleinen, an die Kirche grenzenden, dem heiligen Magnus gewidmeten Kapelle waren die vier Abgeordneten zu geheimer Beratung versammelt. Auch der Pfarrer von St. Paul war gegenwärtig. Als Philippson eintrat, schwiegen alle für einen Augenblick, bis der Landammann ihn folgendermaßen anredete: »Herr Philippson, wir schätzen Euch als einen Mann, der weit gereist, wohl vertraut mit den Sitten fremder Länder und bekannt mit den Verhältnissen des Herzogs von Burgund ist; weshalb Ihr wohl befähigt seid, uns in einer Sache von großer Wichtigkeit zu raten. Ihr wißt, mit welcher Sehnsucht nach Frieden wir unsere Sendung übernahmen, wißt auch, was sich heute ereignet hat, und daß dies wahrscheinlich dem Herzoge in schwärzestem Lichte vorgestellt wird; würdet Ihr in solchem Falle uns raten, nach diesem Vorfall vor den Herzog zu treten, oder taten wir besser, heimzukehren und zum Krieg mit Burgund uns zu rüsten?«
»Welche Meinungen hegt Ihr selbst über diesen Gegenstand?« fragte der vorsichtige Engländer.– »Unsere Meinungen sind geteilt,« antwortete der Berner Bannermann, »Ich habe das Banner dreißig Jahre lang gegen die Feinde getragen und will es lieber gegen die Lanzen der Ritter Lothringens und des Hennegaus tragen, als mich der rohen Aufnahme aussetzen, die wir am Throne des Burgunders zu erwarten haben.« – »Wir stecken unsere Köpfe selbst in des Löwen Rachen, so wir hinziehen,« sagte Zimmermann von Solothurn; »darum bin ich für die Rückkehr.« – »Ich möchte das nicht anraten,« sagte Rudolf von Donnersberg, »wenn es mein Leben allein beträfe; der Landammann von Unterwalden ist der Vater der vereinigten Kantone, und es würde Vatermord sein, so ich dafür stimmte, sein Leben in Gefahr zu bringen. So rate ich denn auch, umzukehren, damit die Eidgenossenschaft sich zum Kampfe anschicke.«