– »Meine Meinung ist anderer Art,« sagte Arnold Biedermann, »auch würde ich es keinem vergeben, der, ob aus wirklichem oder erheucheltem Freundschaftsgefühle, mein geringes Leben mit der Wohlfahrt der Kantone auf die Wagschale legte. Gehen wir vorwärts, so wagen wir unsere Köpfe – sei dem so! Allein kehren wir zurück, so verwickeln wir unser Vaterland in Krieg mit einer der ausgezeichnetsten Mächte Europas, Würdige Mitgenossen! Ihr seid tapfer im Gefechte – zeigt Euch jetzt so kühn wie tapfer und zaudert nicht jeglicher persönlichen Gefahr, die unser warten möchte, entgegenzugehen, sobald wir dadurch unserm Lande den Frieden erhalten können. – »Ich denke und stimme wie mein Nachbar, Arnold Biedermann,« sagte der lakonische Abgeordnete von Schwyz. – »Ihr hört, wie geteilt unsere Meinungen sind,« sagte der Landammann zu Philippson. »Sagt uns jetzt die Eurige.«
»Zuvor möchte ich fragen,« sprach der Engländer, »inwiefern Ihr an der Erstürmung einer vom Herzog besetzten Stadt und an der Hinrichtung des Vogts Anteil nahmt?« – »So wahr mich der Himmel schützt,« versetzte der Landammann, »ich wußte nichts von der Erstürmung bis zu dem Augenblicke, wo sie stattfand.« – »Und was die Hinrichtung Hagenbachs betrifft,« sagte der schwarze Priester, »so schwör ich Euch bei meinem heiligen Amte, sie wurde unter der Leitung eines gültigen Gerichtshofes vollführt, dessen Spruch selbst Karl von Burgund anerkennen muß und dessen Beschluß die Schweizer Abgeordneten weder fördern noch hindern konnten.«
»Wenn das der Fall ist und Ihr wirklich keinen Anteil an den Vorgängen hattet,« äußerte Philippson, »die der Herzog freilich höchst übel aufnehmen wird, so möchte ich Euch allerdings raten, Eure Reise fortzusetzen, indem ich gewiß bin, daß Ihr bei jenem Fürsten gerechtes und unparteiisches Gehör und, wie zu hoffen steht, günstige Antwort erhalten werdet. Ich kenne den Herzog Karl von Burgund, ja ich darf wohl sagen, daß ich ihn genau kenne. Wenn Ihr im Verlauf der Untersuchung imstande seid, Euch von allen Anschuldigungen zu reinigen, so wird seine Gerechtigkeitsliebe zu Euren Gunsten entscheiden. Doch muß Eure Sache dem Herzog gehörig dargelegt werden, und zwar von einem Munde, der besser mit der Sprache der Königshöfe vertraut ist als der Eurige; und solch eine freundliche Fürsprache möchte ich wohl für Euch tun, wäre ich nicht des wertvollen Päckchens beraubt worden, das ich bei mir trug, um es dem Herzoge zu überreichen, und das zugleich als Zeugnis meiner Sendung an ihn galt.«
»Dieses wichtige Kästchen soll auf das strengste gesucht und Euch sorgfältig zurückerstattet werden,« sagte der Landammann. »Was uns Schweizer betrifft, so kennt keiner den Wert seines Inhaltes; und, wenn es sich in den Händen eines der Unsrigen befinden sollte, so wird er es als Spielwerk, worauf er keinen Wert legt, gern zurückgeben.«
Als er so sprach, wurde heftig an die Tür geklopft. Rudolf der ihr zunächst stand, bemerkte mit einem Lächeln, das er jedoch gleich unterdrückte, da es den Landammann hätte beleidigen können: »Es ist Sigismund, der gute Junge – soll ich ihn zu unserer Beratung einlassen?« – »Was soll der einfältige Bursch?« fragte Arnold mit bekümmertem Lächeln. – »Doch laßt mich ihm öffnen,« nahm Philippson das Wort: »er fordert bringend Einlaß und bringt vielleicht Nachrichten. Ich habe wahrgenommen, Herr Landammann, daß dieser junge Mann, wiewohl langsam von Gedanken und Ausdruck, doch streng in seinen Grundsätzen und bisweilen glücklich im Auffassen ist.«
Somit ließ er Sigismund herein, und dieser trat voll Selbstvertrauen näher und hatte vollauf Recht dazu, indem er dem älteren Philippson das Diamant-Halsgeschmeide samt dem dazu gehörigen Kästchen überreichte,
»Dies hübsche Ding gehört Euch,« sprach er, »ich vernahm von Eurem Sohne Arthur, daß Ihr erfreut sein werdet, es zurückzuerhalten.« – »Ich danke Dir auf das herzlichste,« antwortete der Handelsmann. »Der Schmuck ist allerdings mein; das heißt das Kästchen war unter meine Obhut gegeben und ist mir um so mehr wert, da es mir als Pfand und Ausweis zur Ausführung eines wichtigen Auftrages dient. – Wie bist Du denn, mein junger Freund,« sprach er zu Sigismund, »so glücklich gewesen, das wiederzufinden, was wir vergebens so emsig suchten? Laß mich Dir nochmals herzlich danken, und halte mich nicht für neugierig, wenn ich frage, wie das Kästchen in Deine Hände kam.« – »Nun,« sagte Sigismund, »die Geschichte ist bald erzählt. Ich hatte mich dem Schafotte so nahe gestellt, wie ich nur konnte, indem ich noch nie eine Hinrichtung gesehen hatte. Da gewahrte ich denn, wie der Scharfrichter, der, wie ich meine, sein Amt gar geschickt verwaltete, in dem Augenblicke, wo er das Tuch über den Leichnam Hagenbachs breitete, etwas unter des toten Mannes Harnisch hervorzog und es hastig in seinen eigenen Busen steckte. Als nun das Gerücht ging, es werde ein wertvoller Gegenstand vermißt, eilte ich dem Kerl nach, um ihn in Untersuchung zu nehmen. Ich fand, daß er zum Messelesen hundert Krontaler auf den Hochaltar der Sankt Paulskirche niedergelegt hatte, und verfolgte seine Spur bis in die Schenke des Fleckens, wo etliche widerwärtige Gesichter ihm als einem Freisassen und Edelmanne jubelnd zutranken. So trat ich mit meiner Partisane mitten unter sie und begehrte von seiner Herrlichkeit entweder das herauszugeben, was er dort sich genommen hatte, oder die Schwere meiner Waffe zu erproben. Seine Gnaden, der Herr Hängemann, zauderte und wollte allerlei Einrede versuchen. Ich aber war etwas kurz angebunden, und so hielt er es dann für das beste, mir das Päckchen einzuhändigen. Das ist die ganze Geschichte.«
»Du bist ein braver Bursch,« sagte Philippson, »und bei einem stets richtigen Gefühle kann der Kopf selten unrecht haben. Eile, mein guter Junge, und gib meinem Sohne Arthur dies inhaltsschwere Kästchen.« – Mit stillem Frohlocken, Beifall erhalten zu haben, der ihm so selten ward, verließ Sigismund die Kapelle.
Einen Augenblick herrschte Stille; denn der Landammann freute sich im geheimen von Herzen über das einsichtsvolle Verhalten des sonst so tölpelhaften Sigismund, dessen Geistesarmut ihn stets mit Besorgnis erfüllt hatte. Als er wieder zu Worten gelangen konnte, sprach er mit seiner gewöhnlichen Aufrichtigkeit und männlichen Festigkeit zu Philippson.
»Herr Philippson, ich frage Euch jetzt, ob, nachdem Ihr in so glücklicher und unerwarteter Weise wieder in den Besitz dessen gelangtet, was, wie Ihr sagtet, Euch beim Herzoge von Burgund als Kreditiv dienen soll, Ihr noch geneigt seid, Fürsprache unseretwegen bei dem Burgunder zu tun, wie Ihr uns vorhin angeboten habt?« – »Landammann,« versetzte Philippson, »Ihr sagt es, und ich glaube es, daß Ihr von der Erstürmung von La Ferette nichts wußtet. Auch sagt Ihr, daß Hagenbach durch einen Rechtsspruch ums Leben kam, den Ihr weder fördern noch hindern konntet. – Laßt eine Vernehmungsschrift aufsetzen, die über diese Punkte Licht gibt und dieselben soviel wie möglich beweist. Vertraut sie mir, versiegelt so Ihr wollt, und wenn das alles so geschehen, so gebe ich Euch mein Wort als – als – ehrlicher Mann und echtgeborener Engländer, daß der Herzog von Burgund Euch nimmer eine Schmach wird antun, noch antun lassen. Auch hoffe ich, diesem Fürsten ein Freundschaftsbündnis zwischen Burgund und den vereinigten Kantonen sehr ans Herz zu legen. Doch ist es möglich, daß mir dieser letzte Punkt mißlingt, jedenfalls aber bürge ich Euch dafür, daß Ihr unbehelligt den herzoglichen Hof erreichen und ungehindert heimkehren werdet, widrigenfalls mein Leben und das meines einzigen und geliebten Sohnes das Lösegeld sein möge, womit ich mein allzuhoch gesteigertes Vertrauen zu des Herzogs Gerechtigkeit und Ehrfurcht büßen werde.«