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Die Abgeordneten schwiegen und blickten auf den Landammann; nur Rudolf von Donnersberg nahm das Wort: »Sollten wir denn unser Leben und, was noch teurer ist, das Leben unseres vielgeehrten Genossen, des Herrn Arnold von Biedermann, dem schlichten Worte eines fremden Handelsmanns vertrauen? Wir alle kennen die Gemütsart des Herzogs, und wie rachsüchtig und unversöhnlich er sich stets gegen unser Land bewies.

Mich will bedünken, dieser englische Kaufmann sollte seine eigene Beziehung zu dem burgundischen Hofe deutlicher kund geben, wenn er von uns erwartet, daß wir ihm unbedingtes Vertrauen schenken sollen.« – »Das zu tun, Herr Rudolf von Donnersberg,« versetzte Philippson, »gebricht es mir an Freiheit. Ich dringe nicht in Eure Geheimnisse, sie mögen einem einzelnen oder mehreren unter Euch angehören. Meine Geheimnisse sind mir heilig. Erwog ich bloß meine eigene Sicherheit, so wäre es höchst weise getan, mich hier von Euch zu trennen. Allein unsere Botschaft ist Friede: Eure plötzliche Rückkehr nach dem, was in La Ferette vorfiel, würde unvermeidlichen Krieg zur Folge haben. Mich dünkt, ich kann Euch freies und sicheres Gehör bei dem Herzoge versprechen, und ich bin bereit, eines christlichen Friedens willen jeglicher sich mir deshalb entgegenstellenden persönlichen Gefahr Trotz zu bieten.«

»Nichts mehr, würdiger Philippson,« sprach der Landammann. »Ihr seid die Redlichkeit in Person, und der ist zu beklagen, der das nicht auf Eurer männlichen Stirn lesen kann! Wir ziehen fürbaß, bereit, unsere Wohlfahrt lieber der Hand eines despotischen Fürsten zu überantworten, als die Botschaft unausgerichtet zu lassen, die unser Vaterland uns auftrug. Der ist nur zur Hälfte ein braver Mann, der sein Leben bloß auf dem Schlachtfelde wagt. Es gibt noch andere Gefahren, denen zu begegnen ein ehrenwertes Amt ist, und da das Wohl des Schweizerlandes verlangt, daß wir solchen Gefahren entgegengehen sollen, so wird keiner von uns zögern, diesen Schritt zu wagen.«

Die übrigen Mitglieder der Gesandtschaft stimmten ein, und die Versammlung brach auf, um ihre Weiterreise nach Burgund vorzubereiten.

Ende

Zweiter Band

Erstes Kapitel

Die englischen Handelsleute lenkten nun ihre Schritte zum Hofe des Herzogs von Burgund, nachdem sie im Verein mit den Schweizern beschlossen hatten, der Gesandtschaft vorauszuziehen. Sie ritten dahin, gleich Männern, die tief in ihre eigenen Betrachtungen versunken sind, und redeten wenig miteinander. Der Adel in der Natur des älteren Philippson und seine Hochachtung vor der Redlichkeit des Landammannes, verbunden mit der Dankbarkeit für dessen Gastfreundschaft, hatten ihn bewogen, seine Sache nicht von der der Schweizer Abgeordneten zu trennen, auch bereute er keineswegs die Großmut, die in seiner Anhänglichkeit an diese ehrlichen Leute lag. Wenn er aber das Wesen und die Beschaffenheit der persönlichen Angelegenheiten erwog, die er selber mit einem hochfahrenden, herrschsüchtigen und reizbaren Fürsten abzumachen hatte, konnte er es nur beklagen, daß zu seiner für ihn und seine Freunde hochwichtigen Sendung nun noch die Botschaft von Männern hinzugekommen war, die dem Herzoge von Burgund verhaßt waren; und wie dankerfüllt er auch für die auf Geierstein genossene Bewirtung war, so beklagte er doch die Verhältnisse, die ihn sie anzunehmen genötigt hatten.

Die Gedanken Arthurs waren nicht minder beklemmend. Abermals sah er sich von dem Wesen getrennt, zu dem stets seine Gedanken, fast ganz wider Willen, zurückkehrten. Und diese zweite Trennung hatte stattgefunden, nachdem er Anna von Geierstein nur noch innigeren Dank schuldig geworden war, und dabei fand er von neuem nur noch geheimnisvollere Nahrung für seine erhitzte Einbildungskraft. Wie sollte er das Gemüt und die äußere Schönheit Annas, die er als ein so liebliches, redliches, reines und einfaches Mädchen kennen gelernt hatte, mit denen der Tochter eines Weisen und Elementargeistes vereinbaren, für die die Nacht gleich dem Tage und ein undurchdringlicher Kerker nichts anderes als eine rings offene Säulenhalle war? Konnten beide einunddasselbe Wesen sein? Oder, da sie sich genau an Gestalt und Gesichtszügen glichen, war die eine ein Geschöpf dieser Erde, die andere bloß ein gespenstisches Wesen, dem es gestattet ist, sich unter den Lebenden zu zeigen? Vor allem sollte er sie niemals wiedersehen, nie von ihren eigenen Lippen eine Erklärung der Geheimnisse vernehmen, die so mystisch mit seinen Erinnerungen an das Mädchen verflochten waren? Das waren die Fragen, die das Gemüt des jungen Reisenden beschäftigten und ihn hinderten, die Träumereien, in die sein Vater versunken war, zu unterbrechen.

Das linke Ufer des Rheines, das zum größten Teil zum Reiche Karls von Burgund gehörte, befand sich unter dem geregelten Schutze ordentlicher Obrigkeiten, die mit Hilfe großer Scharen von Söldnern ihres Amtes walteten. Diese wurden von Karl aus seinem Privatschatze besoldet; er sowohl als sein Nebenbuhler Ludwig, und andere Potentaten jener Zeit, hatten ausfindig gemacht, daß das Lehnswesen ihren Vasallen zur Unabhängigkeit verhalf, weshalb sie auf den Gedanken gerieten, an dessen Statt ein stehendes Heer zu errichten, das aus Freigenossen und Söldnern von Handwerk bestand. Italien lieferte die meisten dieser Scharen, die den Kern von Karls Truppen, mindestens denjenigen Teil ausmachten, auf den er das meiste Vertrauen setzte.

Unsere Reisenden setzten deswegen ihren Weg am Ufer des Rheins ungefährdet fort, bis endlich der Vater, nachdem er eine Weile die Person des von Arthur angenommenen Führers betrachtet hatte, plötzlich seinen Sohn fragte, wer oder was der Mann wäre. Arthur versetzte, in seinem Eifer einen Menschen zu finden, der des Weges genau kundig und gern bereit wäre, sie ehrlich zu führen, hätte er nicht sonderlich nach des Mannes Stand und Beschäftigung gefragt; dem Aeußern nach, sei er wohl einer jener wandernden Geistlichen, die mit Reliquien, Ablaß und anderen kirchlichen Nichtigkeiten durch das Land zögen, und die man im allgemeinen, das jüngere Volk ausgenommen, gering schätzte, weil diese Verkäufer von Gegenständen des Aberglaubens nicht selten sich grober Betrügereien schuldig machten.

Des Mannes Aeußere glich eher dem eines andächtigen Laien oder Pilgers, der auf seiner Wanderschaft verschiedenen Altären sich nahen mußte, als dem eines Almosen sammelnden Bruders oder Bettelmönches. Er trug den Hut, den Brotsack und das härene Gewand eines solchen. Sankt Peters Schlüssel, aus einem scharlachroten groben Stücke Zeuge, war auf dem Rücken seiner Kutte, und zwar, wie Wappenkundige es nennen, in Form eines Andreaskreuzes plump aufgenäht. Er schien ein Mann von fünfzig Jahren und darüber zu sein, wohl gebaut und rasch für sein Alter, mit einem Angesicht, das zwar nicht häßlich, jedoch auch nichts weniger als wohlgestaltet war. Seine Augen und Gebärden verkündeten Schlauheit und standen daher im Widerspruch mit dem scheinheiligen Benehmen, das sein Stand ihm auferlegte. Dieser Unterschied zwischen seiner Kleidung und seiner Gesichtsbildung war bei Leuten von seiner Art nicht selten, da oft fragwürdige Menschen die Kutte des Mönches mehr als Deckmantel räuberischen und müßigen Wandels, als aus irgend einem gottesfürchtigen Antriebe wählten.

»Wer seid Ihr, guter Mann,« fragte Philippson, »und bei welchem Namen habe ich Euch zu nennen, solange wir Reisegefährten sind?« – »Bartholomäus, Herr,« sagte der Mann, »Bruder Bartholomäus; wiewohl es einem armen Laienbruder kaum zusteht, einen so gelehrt klingenden Namen zu führen.« – »Und wohin führt Deine Reise, guter Bruder Bartholomäus?« – »Allwege dahin, wohin Euer Liebden ziehen wollen,« antwortete der Pilger, »vorausgesetzt, daß Ihr mir gestattet, meine Andacht an den heiligen Orten zu verrichten, durch die wir kommen.« – »Es kommt Dir also nicht darauf an, ein bestimmtes Ziel schnell zu erreichen?« fragte der Reisende. – »Meine Pilgerfahrt hat so viele Zwecke,« antwortete der Mönch, »daß es mir gleichgültig ist, welchen ich zuerst erreiche. Meine Gelübde legen mir auf, vier Jahre lang von Altar zu Altar, von Heiligenbild zu Heiligenbild zu wandern; allein ich bin nicht gebunden, sie in vorgeschriebener Reihenfolge zu besuchen.« – »Das heißt, Dein Pilgerschaftsgelübde hindert Dich nicht, Dich diesem oder jenem Reisenden als Führer zu verdingen?« erwiderte Philippson.