»Ei, Vater,« entgegnete der Sohn mit Feuer, »wenn Ihr so redet, vergeßt Ihr, daß Ihr weit befähigter seid als ich, die Aufgabe zu erfüllen, der Ihr Euch so lange gewidmet habt und die sich jetzt ihrer Vollendung zu nähern scheint. Ich kenne ja auch den Herzog nicht und würde mich nicht ausweisen können.« – »Du brauchst bloß diese Edelsteine vorzuzeigen, so wird man Deiner Botschaft unstreitig Glauben schenken,« antwortete der Vater. »Ich brauche diese Diamanten minder nötig, da ich mich auf andere Umstände beziehen kann, unter denen ich Glauben finden werde. Sobald sich eine Gelegenheit darbietet, wirst Du also zum jenseitigen Rheinufer hinüberfahren und erst bei Straßburg wieder an dieses Ufer zurückkehren, wo Du Nachrichten von mir in der Herberge zum fliegenden Hirsch finden wirst. Hörst Du dort keine Kunde von mir, so ziehst Du weiter zum Herzog und übergibst ihm die Päckchen.«
Bei diesen Worten legte er so heimlich wie möglich das Kästchen mit dem diamantenen Halsgeschmeide in die Hand seines Sohnes. »Was außerdem noch Deine Pflicht ist,« fuhr der ältere Philippson fort, »das ist Dir wohlbekannt; nur beschwöre ich Dich, verzögere nicht durch müßige Nachfrage nach meinem Schicksale die Ausübung Deiner wichtigen Obliegenheiten! Und somit lebewohl, mein geliebter Sohn Arthur! Wollte ich mit dem Abschiede von Dir bis zu dem Augenblicke unserer Trennung warten, so würde mir nur kurze Frist verliehen sein, das Scheidewort auszusprechen, und kein Auge außer dem Deinigen darf die Träne sehen, die ich mir jetzt abwische.«
Hierauf rief er den gottesfürchtigen Bartholomäus zurück, um ihn zu fragen, wie weit sie sich noch von der Kapelle zur Fähre befänden. »Ein halbes Stündlein,« war die Antwort, und in dieser Zeit erreichten, sie denn auch die Fähre.
Zweites Kapitel
Am jenseitigen Ufer, an einer kleinen, von Wald und Buschwerk gelegenen Höhe lag der Flecken Kirchhof. Wenn das Fährschiff vom linken Ufer abging, wurde es selbst bei günstigen Verhältnissen stark vom Winde abgetrieben, bevor es die entgegengesetzte Seite des tiefen und vollen Rheines erreichen konnte, so daß es im schrägen Kurs nach Kirchhof gelangte. Andererseits mußte ein Kahn, der von Kirchhof abging, große Nachhilfe von Wind und Rudern haben, um mit seiner Ladung oder Mannschaft an der Kapelle zur Fähre anzulegen.
Als der ältere Philippson mit einem einzigen Blick sich von der Beschaffenheit der Fähre überzeugt hatte, sprach er standhaft zu seinem Sohne: »Zieh hin, mein lieber Arthur, und tue, wie ich Dir befohlen habe,« – Mit von kindlicher Besorgnis zerrissenem Herzen gehorchte der Jüngling und schlug seinen Weg nach den einsam gelegenen Hütten ein, neben denen die Kähne lagen, welche sowohl zur Ueberfahrt als gelegentlich zum Fischen benutzt wurden. – »Euer Sohn verläßt uns?« fragte Bartholomäus den älteren Philippson. – »Für den Augenblick, ja,« sagte der Vater, »da er in jenem Weiler gewisse Nachfragen zu halten hat.«
»Sollte diese Nachfrage,« entgegnete der Führer, »Eure Weiterreise betreffen, so kann ich, Preis sei den Heiligen! Eure Frage besser beantworten als jene Tölpel, die kaum Eure Aussprache verstehen.« – »Sollte ihre Auskunft uns unverständlich sein, so werden wir sie uns von Dir erläutern lassen,« sagte Philippson, »unterdessen führ mich zur Kapelle, wo mein Sohn wieder zu uns stoßen wird.«
Sie gingen auf die Kapelle zu, jedoch mit langsamen Schritten, indem beide ihre Blicke seitwärts nach dem Fischerdörfchen wendeten; der Führer, als wollte er erforschen, ob der junge Reisende zu ihnen zurückkehrte, der Vater, um mit Besorgnis wahrzunehmen, ob an der breiten Rheinbucht ein Kahn flott würde, seinen Sohn nach dem Ufer hinüberzutragen, das für das sicherere gehalten wurde. Etliche umher sich erhebende Bäume gaben dem Orte ein angenehmes, waldartiges Aussehen, und die Kapelle, die sich auf einer Erhöhung in einiger Entfernung von dem Weiler erhob, war in gefälliger Einfachheit, die der Gesamtumgebung völlig entsprach, erbaut worden. Ihre geringe Größe bestätigte die Sage, nach der sie ursprünglich eine Fischerhütte gewesen war; und nur ein mit Baumrinde belegtes Kreuz aus Tannenholz zeigte den Zweck an, dem sie jetzt gewidmet war. Die Kapelle, sowie die Umgebung atmeten Frieden und feierliche Ruhe, und das dumpfe Plätschern des gewaltigen Stromes schien jeder menschlichen Stimme, die sich mit dem ehrfurchtgebietenden Murmeln des Wassers hätte vermischen wollen, Stillschweigen zu gebieten.
Als Philippson dem Orte näher kam, benutzte Bartholomäus die Gelegenheit, die das Schweigen des Reisenden ihm darbot, um zwei Strophen zum Preise »Unserer lieben Frau zur Fähre« herzubrüllen, worauf er wie ein Verrückter zu schreien anfing: »Hierher, Ihr, die Ihr Schiffbruch fürchtet, hier ist Euer Hafen! Hierher Ihr, die Ihr verdürstend schmachtet, hier ist ein Gnadenbronn Euch geöffnet! Hierher Ihr, die Ihr müde und weither gereist seid, hier ist Euer Erquickungsort!« Und mehreres dergleichen würde er noch gesagt haben, allein Philippson gebot ihm ernsten Tones zu schweigen. – »Wären Deine Andachtsübungen aufrichtig,« sagte er zu dem Pilgrim, »so würdest Du dabei nicht so schreien; allein es ist wohlgetan, das zu tun, was an sich selbst gut ist, auch wenn ein Heuchler es uns rät. – Laß uns eintreten in diese heilige Kapelle und beten für einen gesegneten Ausgang unserer bedenklichen Reise.«
Der Ablaßkrämer fing die letzten Worte auf. – »Wußte ich doch gewiß,« sprach er, »daß Euer Gestrengen allzu wohl unterrichtet sein müßten, um an diesem heiligen Orte vorüberzugehen, ohne den Schutz und den Einfluß unserer lieben Frau zur Fähre anzuflehen. Verzeihet nur einen Augenblick, bis ich den Priester finde, der diesem Altare dient, daß er zu unserm Heil eine Messe lese.«
Da öffnete sich plötzlich die innere Tür der Kapelle, und ein Geistlicher erschien auf der Schwelle. Philippson erkannte in ihm sofort den Pfarrherrn von St. Paul, den er diesen Morgen in La Ferette gesehen hatte. Auch Bartholomäus erkannte ihn, wie es schien; denn seine amtsmäßige heuchlerische Beredsamkeit versagte ihm für einen Augenblick, und er stand mit über die Brust geschlagenen Armen vor dem Priester, einem Menschen gleich, der sein Verdammungsurteil erwartet. – »Schändlicher!« sprach der Geistliche mit strengem Blick auf den Führer; »leitest Du einen Fremden in die Wohnung der gesegneten Heiligen, daß Du ihn erschlagen und berauben möchtest? Allein der Himmel wird Deine Gottlosigkeit nicht länger dulden. Zurück, Du Elender, zu Deinen verworfenen Gesellen, die hierher eilen. Sage ihnen, daß Deine Ränke nichts fruchteten und der unschuldige Fremde unter meinem Schutze stände. Wer ihm Unheil zufügen will, wird den Lohn erhalten, den Archibald, der Hagenbacher, empfing.« – Der Führer stand ganz bewegungslos, als der Pfarrherr ihn auf so drohende, gebietende Weise anredete; und nicht eher hörte letzterer auf zu reden, als bis Bartholomäus, ohne ein Wort der Rechtfertigung oder des Widerspruches zu wagen, sich wendete und schnellen Schrittes denselben Weg Zurückging, auf dem er zur Kapelle gelangt war.
»Und Ihr, würdiger Engländer,« sprach der Priester, »tretet her zu diesem Altäre und vollendet in Sicherheit die Andacht, unter deren Vorwand jener Heuchler Euch hier zurückhalten wollte, bis seine gottlosen Genossen herangekommen wären. Jedoch zuvor sprecht, warum Ihr allein seid? Ich will hoffen, es habe Euren jungen Reisegesellen kein Unfall betroffen.« – »Mein Sohn,« sagte Philippson, »geht über den Rhein auf jener Fähre, da wir am andern Ufer wichtiges Geschäft zu besorgen haben.«