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Indem er so sprach, sah man einen Kahn vom Ufer stoßen und in den Strom schießen, der ihn fast hinwegriß, bis ein ausgespanntes Segel, ihn in den Stand setzte, in schräger Richtung den Fluß zu durchschneiden. – »Nun, Gott sei gelobt,« sagte Philippson, denn er erkannte, daß die Barke, die er im Auge hatte, nunmehr seinen Sohn außer dem Bereich der Gefahren brachte, von denen er selbst sich umringt sah. – »Amen!« setzte der fromme Priester hinzu. »Große Ursache habt Ihr, dem Himmel zu danken.« – »Des bin ich überzeugt,« versetzte Philippson, »aber dennoch hoffe ich von Euch die besondere Ursache der Gefahr zu vernehmen, der ich entronnen bin?« – »Zu solcher Auseinandersetzung ist hier weder Zeit noch Ort,« antwortete der Pfarrherr von St, Paul. »Es genügt zu sagen, daß jener Bursche, der wegen seiner Heuchelei und seiner Missetaten nur allzu bekannt ist, mit angesehen hatte, wie der junge Schweizer Sigismund den Schatz, der Euch von Hagenbach geraubt wurde, dem Scharfrichter wieder abnahm. Dadurch wurde die Habgier des Bartholomäus erregt. Er unternahm es, Euch als Führer bis Straßburg in der verbrecherischen Absicht zu dienen, Euch unterwegs so lange aufzuhalten, bis eine Rotte Meuchler heraufgekommen wäre, gegen die Widerstand vergebens sein würde. Allein, sein böser Plan ward vereitelt. Und jetzt, bevor Ihr irgend einem weltlichen Gedanken, so der Hoffnung, wie der Furcht, Raum gebt, tretet zum Altar, Herr, und sendet Gebete zu dem, der Euch Beistand lieh, sowie für die, deren er sich zu solchem Zwecke als Werkzeug bediente!« – Philippson trat mit seinem neuen Führer zum Altar und dankte dem Höchsten für die Errettung, die ihm zu teil geworden war.

Als diese Pflicht getan war, äußerte Philippson seine Absicht, weiter reisen zu wollen, worauf der schwarze Priester erwiderte, daß, weit entfernt, ihn in einer so gefährlichen Gegend zu verlassen, er selber ihn vielmehr einen Teil des Wegs geleiten wollte, da auch er an den Hof des Herzogs von Burgund zu ziehen hätte.

»Ihr? ehrwürdiger Vater, Ihr?« fragte der Handelsmann mit einigem Erstaunen. – »Und weshalb seid Ihr verwundert?« entgegnete der Pfarrer. »Ist es so seltsam, daß einer meines Standes eines Fürsten Hoflager besucht? Glaubt mir, es werden deren nur allzu viele daselbst gefunden.« – »Ich spreche nicht in Beziehung auf Euren Stand,« sagte Philippson, »sondern mit Rücksicht auf das Amt, das Ihr heute bei der Hinrichtung des Archibald von Hagenbach verwaltet habt. Kennt Ihr so wenig den heftigen Herzog von Burgund, daß Ihr Euch einbildet, mit seinem Zorn sicherer spielen zu können als mit der Mähne eines schlafenden Löwen?« – »Ich kenne seinen Grimm wohl,« sagte der Priester, »und nicht um den Tod des Hagenbachers zu entschuldigen, sondern um mich deswegen zu verteidigen, begebe ich mich in die Nähe des Herzogs. Karl von Burgund mag seine Knechte und Dienstmannen nach Gefallen behandeln, jedoch auf meinem Leben ruht ein Zauber, der fest ist gegen all seine Macht. Doch laßt mich die Frage zurückgeben – Ihr, Herr Engländer, der Ihr die Verhältnisse des Herzogs so genau kennt, Ihr, der Ihr erst jüngst der Gast und Reisegenoß der unwillkommensten Besucher waret, die jemals dem Herzoge sich nahen können; Ihr, dem Anscheine nach mindestens verwickelt in den Aufruhr zu La Ferette, – was bürgt Euch dafür, seiner Rache zu entgehen? Und weshalb wollt Ihr Euch freiwillig seiner Macht überliefern?« »Würdiger Vater,« sagte der Kaufmann, »laßt jeden von uns, ohne dem andern wehe tun zu wollen, sein Geheimnis für sich behalten. Ich besitze freilich keinen Zauber, um mich gegen des Herzogs Zorn zu schützen. – Ich habe Gliedmaßen, um Folter und Kerkerhaft zu erdulden, und Hab und Gut, das mir genommen werden kann. – Allein ehedem hatte ich manches mit dem Herzoge zu schaffen, ich kann sogar sagen, daß ich ihn mir verpflichtete, und hoffe, mein Ansehen bei ihm wird nicht nur mich vor den Folgen der Ereignisse dieses Tages schützen, sondern auch meinem Freunde, dem Landammann, nützlich sein.« – »Aber so Ihr wirklich an den Hof des Herzogs von Burgund als Kaufmann zieht,« sagte der Priester, »wo sind denn die Waren, mit denen Ihr handelt? Habt Ihr deren keine, als die, welche Ihr an Eurem Leibe führt? Ich hörte von einem beladenen Saumrosse. Hat jener Schurke Euch dessen beraubt?«

Dies war eine verfängliche Frage für Philippson, welcher, bekümmert über die Trennung von seinem Sohne, keine Weisung gegeben hatte, ob das Gepäck bei ihm bleiben oder nach dem andern Rheinufer hinübergebracht werden sollte. So kam es, daß er, durch die Frage des Priesters verwirrt, etwas Unzusammenhängendes darauf antwortete, –»Ich glaube, mein Gepäck ist im Weiler – das heißt, wenn mein Sohn es nicht mit über den Rhein nahm.« – »Das wollen wir bald erfahren,« sagte der Priester. – Auf seinen Ruf erschien aus der Sakristei der Kapelle ein Novize und erhielt Befehl, im Weiler nachzuforschen, ob Philippsons Warenballen mitsamt dem Rosse, das dieselben trug, dort gelassen oder mit übergesetzt worden wären.

Nach kurzer Abwesenheit kehrte der Novize hurtig mit dem Saumrosse zurück, das zusamt seiner Last von Arthur, aus Rücksicht auf seines Vater Bequemlichkeit, am westlichen Stromufer zurückgelassen worden war. Aufmerksam schaute der Priester ihn an, als Philippson sein Pferd bestieg, den Zügel in die Hand nahm und dem schwarzen Pfarrer mit folgenden Worten Lebewohl sagte: »Und nun, Vater, gehabt Euch wohl! Ich muß fürbaß ziehen mit meinem Gepäcke, ehe die Nacht hereinbricht; wäre das nicht, so würde ich mit Eurer Erlaubnis gern zögern, um Eure Gesellschaft unterwegs zu genießen.« – »Wolltet Ihr das wirklich, wie ich es in der Tat Euch eben anbieten wollte,« sagte der Priester, »so sollt Ihr drum Eure Reise nicht verzögern. Ich habe hier ein gutes Pferd; und Melchior, der sonst hätte zu Fuß gehen müssen, kann Euer Saumroß besteigen. Ich schlage dies um so mehr vor, da es übereilt von Euch gehandelt sein dürfte, bei Nacht zu reisen. Ich kann Euch zu einer etwa einer halben Stunde Weges von hier entlegenen Herberge führen, die wir bei Tage erreichen können. Dort seid Ihr für gutes Geld gar wohl aufgehoben.«

Der englische Kaufmann hielt einen Augenblick inne. Er hatte keine Lust zu einem neuen Reisegefährten, und obgleich das Angesicht des Pfarrers für sein Alter eher hübsch als häßlich war, so war doch der Ausdruck darin keineswegs vertrauenerweckend. Im Gegenteil, auf des Mannes Stirn lag etwas Geheimnisvolles und Düsteres, und ein ähnlicher Ausdruck sprach sich in seinen matten grauen Augen aus und deutete auf Strenge, ja auf Härte des Gemüts. Doch hatte der Priester unserem Philippson einen bedeutenden Dienst erwiesen, indem er die Verräterei jenes heuchlerischen Führers aufdeckte, und der Kaufmann war kein Mensch, der sich durch irgend eine Voreingenommenheit beeinflussen ließ. Er nahm daher des Pfarrers Anerbieten, ihn an einen Ort der Erholung und Ruhe zu geleiten, höflich an.

Nachdem man also einig war, führte der Novize den Gaul des Priesters vor, den dieser gewandt bestieg, und der Neophyt, der wahrscheinlich derselbe war, dessen Person Arthur bei seiner Flucht aus La Ferette hatte darstellen müssen, übernahm auf seines Vorgesetzten Befehl die Leitung des Saumrosses und schritt, nachdem er sich in gebückter Stellung bekreuzt hatte, als der Priester an ihm vorübergeschritten war, hinter dem Zuge her, wo er, gleich wie der tückische Bruder Bartholomäus, sich die Zeit dadurch zu vertreiben suchte, daß er mit einem Ernst, der mehr erzwungen, als aus wirklicher Frömmigkeit entstanden sein mochte, seinen Rosenkranz anbetete. Nach einem Blicke zu urteilen, den der schwarze Pfarrer von St. Paul auf seinen Novizen warf, schien er die Förmlichkeit in der Andacht des jungen Mannes geringschätzig anzusehen. Er ritt auf einem starken, schwarzen Gaule, der mehr dem Roß eines Kriegsmannes als der langsam einherschreitenden Stute eines Priesters glich, und die Art und Weise, wie er das Pferd lenkte, war frei von aller Angst und Unbeholfenheit. Sobald Philippson von Zeit zu Zeit seinen Begleiter betrachtete, wurde sein prüfender Blick durch ein hochmütiges Lächeln erwidert, das zu sagen schien: »Ihr starrt meine Gestalt und meine Gesichtszüge wohl an, jedoch das Geheimnisvolle, das mich umgibt, vermögt Ihr nicht zu durchschauen.«