Die Blicke Philippsons, die noch nie vor einem sterblichen Menschen den Boden gesucht hatten, schienen gleich hochmütig zu erwidern: »Ebensowenig sollst Du, stolzer Pfaff, wissen, daß Du jetzt ein Begleiter dessen bist, der ein Geheimnis von ungleich größerer Wichtigkeit besitzt, als das Deine sein kann,«
Nach einem halbstündigen Ritt gelangten sie in ein Dorf, und der schwarze Priester bemerkte, dies sei der Ort, wo er die Nacht zuzubringen gedächte. – »Der Novize,« sagte er, »wird Euch die Herberge zeigen, die in gutem Rufe steht, und wo Ihr sicher ruhen möget. Was mich betrifft, ich habe ein Beichtkind hier im Orte zu besuchen, das meines geistlichen Beistandes begehrt; vielleicht sehe ich Euch noch diesen Abend, vielleicht erst morgen früh. – Auf jeden Fall, gute Nacht für jetzt!«
Drittes Kapitel
Der Novize ritt ein Stück mit Philippson, zeigte ihm ein halbverfallenes Gebäude, gab ihm dann den Zügel des Maultieres in die Hand und verschwand in der Dunkelheit. Da sich am Tore der Herberge niemand blicken ließ, fing unser Engländer an, durch lautes Rufen und endlich durch Klopfen seine Gegenwart kund zu geben; jedoch bekam er lange Zeit hindurch keine Antwort. Endlich steckte ein graubärtiger Aufwärter den Kopf durch ein kleines Fenster und fragte mit einer Stimme, die eher Verdruß über erfahrene Störung, als Hoffnung auf Gewinn von einem ankommenden Gaste auszudrücken schien, nach des Klopfenden Begehr. – »Ist dies eine Herberge?« versetzte Philippson.– »Ja!« erwiderte grob der Dienende und war im Begriff, sich vom Fenster zurückzuziehen, als der Reisende fortfuhr: »Und wenn es eine ist, kann man hier unterkommen?« – »Kommt herein!« war die kurze, dürre Antwort, – »Schickt jemanden heraus, die Pferde zu besorgen,« sagte Philippson. – »Niemand hat Zeit,« war die einladende Antwort, »Ihr müßt Euren Pferden selbst, so gut es geht, die Streu bereiten.«
»Wo ist der Stall?« fragte der Kaufmann, der bei aller Klugheit und Gelassenheit gegenüber diesem mehr als holländischem Phlegma fast die Geduld verlor. – Der Bursch, der mit Worten so sparsam zu sein schien, als hätte er, wie die Prinzessin im Feenmärchen, mit jedem derselben einen Dukaten zu verschütten, zeigte auf eine Tür im Nebengebäude, das mehr einem Keller als einem Stalle glich, und zog sodann, als wäre er der Zwiesprache überdrüssig, den Kopf zurück, indem er das Fenster vor dem Gaste zuschlug, als wenn er einen zudringlichen Bettler abzufertigen hätte.
Philippson machte aus der Not eine Tugend, führte die beiden Gäule nach der als Stalltür bezeichneten Pforte und war hocherfreut, als er Licht durch die Ritzen schimmern sah. Er trat mit seinen Tieren in den Raum ein, der so ziemlich das Kerkergewölbe eines alten Schlosses zu sein schien und mit einigen Krippen dürftig versehen war. Dieser sogenannte Stall war von bedeutender Länge, und am unteren Ende waren zwei oder drei Männer beschäftigt, ihre Pferde abzuschirren, zu bedecken und ihnen Futter vorzuwerfen.
Das letztere wurde von dem Stallknechte, einem sehr alten verlahmten Manne gereicht, der die Hand weder an die Striegel, noch an den Mähnenkamm legte, sondern sich begnügte, das Heu abzuwägen und, wie es schien, den Hafer körnchenweise zu zählen, so besorgt, beugte er sich bei dem Scheine eines dünnen Lichtchens in einer hörnernen Laterne über seine Arbeit. Bei dem Geräusche, das der Engländer machte, als er mit seinen beiden Gäulen eintrat, wendete er nicht einmal den Kopf und schien nicht daran zu denken, sich um den Fremden zu kümmern oder ihm den geringsten Beistand zu leisten.
»Laßt die Gäule hier stehen, oder nehmt sie mit, wie Ihr wollt,« brummte er, als Philippson ihn um Auskunft bat.
Wahrend der Mann des Hafers sich also vernehmen ließ, schloß er seine orakelreichen Kinnbacken und konnte durch keine einzige Frage, die der Gast noch vorbringen mochte, bewogen werden, dieselben wieder zu öffnen.
Im Verlaufe dieses kalten und widerwärtigen Empfanges bedachte Philippson die Notwendigkeit, sich als kluger und vorsichtiger Handelsmann zu zeigen, welches er an diesem Tage schon einmal zu tun vernachlässigt hatte, und indem er dem Beispiele der andern folgte, die gleich ihm beschäftigt gewesen waren, für ihre Gäule zu sorgen, nahm er sein Gepäck auf und schaffte es, nebst seiner eigenen Person in die Herberge. Hier war er eher geduldet als zugelassen: denn man gestattete ihm in die Gaststube oder in das allgemeine Versammlungsgemach einzutreten.
Als Philippson seine Pferde versorgt hatte, trat er in die Gaststube, die sogenannte »Stove«, ein. Hier pflegten sich alle Reisenden, jedes Alters und Standes, zu versammeln, hier wurden sonder Scham und Scheu die Oberkleider zum Trocknen oder Auslüften rings umhergehängt – und die Gäste selbst sah man sich waschen und dergleichen Handlungen verrichten, die in neuerer Zeit gewöhnlich in die Zurückgezogenheit eines Ankleidezimmers verwiesen worden sind.
Die verfeinerten Gefühle des Engländers hegten Widerwillen gegen diesen Auftritt, und es ekelte ihn an, sich unter diese Gesellschaft zu mischen. Aus diesem Grunde fragte er den Wirt, ob er ein von dem Gewühl abgelegenes Quartier erhalten könne, wo er für sich allein speisen und ruhen wolle. Der Wirt aber, ein sauertöpfischer Alter, schlug ihm dies rundweg ab, trotzdem gute Bezahlung dafür geboten wurde, und erklärte, daß in seinem Gasthause niemand eine besondere Wurst gebraten würde.
»Herr Reisender,« sprach der Wirt, »wer immer in dieses Haus kommt, muß essen, was alle hier essen, trinken, was alle hier trinken, an dem Tische mit allen übrigen Gästen sitzen und schlafen gehen, wenn die Gesellschaft aufgehört hat zu zechen. Bleibt Ihr hier, so sollt Ihr mit gleicher Aufmerksamkeit, wie alle die andern, bedient werden – seid Ihr nicht gewillt, Euch zu verhalten wie die andern, so verlaßt mein Haus und sucht eine andere Herberge!«
Nach diesem abweisenden Bescheid kehrte Philippson in die überfüllte Stove zurück. Etliche von den Gästen schliefen und schnarchten, derweil sie des Abendessens harrten, andere schwatzten über Landesangelegenheiten, andere spielten Würfel oder trieben sonstwelchen Zeitvertreib. – Die Gesellschaft war aus verschiedenen Ständen zusammengesetzt: von denen herab, die dem Anscheine nach wohlhabend und angesehen waren, bis zu denen, an deren Kleidung und Sitten zu erkennen war, daß sie noch gerade von der Armut unangetastet blieben.
Ein Bettelmönch, ein Mann von anscheinend fröhlicher und heiterer Gemütsart, näherte sich unserm Philippson und knüpfte ein Gespräch mit ihm an. Der Engländer war bekannt genug mit dem Weltlauf, um einzusehen, daß er Stand und Vorhaben am besten unter einem geselligen und offenen Benehmen verbergen könne. Er nahm deswegen des Mönchs Annäherung gefällig auf und plauderte mit ihm über den Zustand Lothringens und darüber, wie man wohl den Versuch des Herzogs von Burgund, sich dieses Krongutes zu bemächtigen, in Frankreich wie in Deutschland aufnehmen möchte. Er begnügte sich damit, über diese Gegenstände die Meinung seines Gegenübers, zu vernehmen, indem er mit der eigenen Ansicht zurückhielt. Während er sich so in ein Gespräch einließ, das am meisten seinem Gewerbe zuzusagen schien, trat der Wirt plötzlich in das Gemach, bestieg eine alte Tonne, warf den Blick langsam auf das mit Menschen gefüllte Gemach und rief, nachdem er sattsam umhergeschaut hatte, in gebietendem Tone: »Schließt die Tore – macht den Tisch zurecht!«
»Sankt Antonius sei gelobt!« sprach der Mönch, »Unser Wirt hat die Hoffnung aufgegeben, heute noch mehr Gäste für diese Nacht zu erhalten. Nun gibt's endlich was zu essen. Ha! hier kommt das Tischtuch, die alten Pforten des Hofraumes sind jetzt fest genug verriegelt, und wenn Johann Mengs einmal gesagt hat: »Schließt die Tore!« so mag der Fremde draußen klopfen, so lange er will, wir können versichert sein, daß ihm nicht aufgemacht wird.« – »Herr Mengs hält strenge Zucht in seinem Hause,« sagte Philippson.