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»Ebenso unbedingt Strenge und unumschränkte Zucht wie der Herzog von Burgund,« antwortete der Mönch. »Nach zehn Uhr keine Aufnahme! Wer draußen ist, bleibt draußen, und wer drinnen ist, muß drinnen bleiben, bis mit Tagesanbruch die Pforten geöffnet werden. Bis dahin gleicht das Haus einer belagerten Feste, Johann Mengs ist Vogt.« –

Während sie so schwatzten, hatte der betagte Aufwärter unter Seufzen und Murren etliche Anschiebsel hervorgeholt, mittelst welcher ein in der Mitte stehender Tisch vergrößert wurde, so daß die Gesellschaft daran Platz finden konnte. Dann wurde ein Tuch darauf gedeckt, das sich weder durch besondere Reinlichkeit noch durch Feinheit des Gewebes auszeichnete. Als so der Tisch zur Aufnahme sämtlicher Gäste geordnet war, wurden vor jeden Gast ein hölzerner Plattteller, ein hölzerner Löffel und ein Trinkglas hingestellt, indem man annahm, daß mit einem Messer jeder selbst versehen sei. Was die Gabel anbelangte, so war dieselbe erst zu viel späterer Zeit bekannt, und alle Europäer bedienten in jenen Tagen sich der Finger, um, wie die Asiaten es noch jetzt tun, sich die Bissen auszuwählen und zum Munde zu führen.

Kaum war die Tafel geordnet, als auch die hungrigen Gäste eilten, ihre Plätze einzunehmen. Die Schlafenden wurden geweckt, die Würfler entsagten ihrem Spiele, und die Müßigen und Plaudernden hielten inne mit ihren weisen Abhandlungen. Die Gäste saßen bald in Reih und Glied, jeder mit gezogenem Messer, der Speisen harrend, die sich noch unter den Händen des Kochs befanden. Mit verschiedenen Graden von Geduld hatten die Hungernden eine volle halbe Stunde gewartet, als endlich der alte Aufwärter mit einer Kanne Moselwein eintrat, der so leicht und so sauer war, daß Philippson seinen Becher niedersetzte, indem ihm, wie wenig er auch davon verschluckt hatte, doch jeder Zahn im Munde stumpf geworden war. Der Wirt, Johann Mengs, der am oberen Ende des Tisches einen erhöhten Sitz innehatte, verfehlte nicht, diesen Beweis von Insubordination zu rügen.

»Der Wein schmeckt Euch wohl nicht, mein Herr?« sagte er zu dem englischen Kaufmann«, – »Als Wein, nein!« antwortete Philippson, »doch käme eine Speise, die gesäuert werden möchte, so würde ich schwerlich bessern Essig bekommen können.« – Dieser Scherz, wiewohl äußerst ruhig und gelassen vorgebracht, schien den Herbergsvater in Wut zu bringen. »Schweigt, Ihr boshafter Spötter!« rief er, »und legt sogleich bei mir und dem Weine, den Ihr verleumdet habt, ein gutes Wort ein; sonst gebe ich Befehl, das Abendessen bis Mitternacht zu verschieben.«

Hier erhob sich ein allgemeiner Aufstand der Gäste, indem alle miteinander beteuerten, in Philippsons Tadel nicht einzustimmen. Die meisten schlugen vor, Johann Mengs sollte sich lieber an dem wirklich Schuldigen rächen, indem er ihn sofort zur Türe hinauswürfe, statt soviel schuldlose und hungrige Männer die Ungezogenheit eines einzelnen büßen zu lassen. Während Johann Mengs von allen Seiten mit Bitten und Vorstellungen bestürmt wurde, war der Mönch, gleich einem weisen Ratgeber und zuverlässigen Freunde, bemüht, den Zwist dadurch zu enden, daß er unserm Philippson riet, sich der Gewaltherrschaft des Wirtes zu unterwerfen. – »Würdige Gäste,« sagte Philippson, »es tut mir leid, unsern verehrten Wirt erzürnt zu haben, und ich bin soweit entfernt, den Wein zu verachten, daß ich eine Doppelkanne bezahlen will, damit sie in dieser ehrenwerten Gesellschaft herumgereicht werde, – nur darf man nicht verlangen, daß ich mittrinken soll.« – Diese letzten Worte wurden beiseite gesprochen; allein der Engländer erkannte an den verzerrten Mäulern etlicher Gäste, die mit einem zarteren Gaumen begabt waren, daß ihnen ebenso vor einem zweiten Schlucke des essigsauren Gesöffs graute.

Der Mönch machte hierauf der Gesellschaft den Vorschlag, daß der fremde Handelsmann, statt mit einer Doppelkanne des von ihm geschmähten Weines gestraft zu werden, lieber zur Buße ein gleiches Maß eines feineren Weines zahlen solle, wie sie nach geendeter Mahlzeit gereicht zu werden pflegten. Hierin fanden so Wirt wie Gäste ihren Vorteil; und da Philippson sich des nicht weigerte, so wurde der Vorschlag einstimmig angenommen, und Johann Mengs gab von dem Sitze seiner Würde herab das Zeichen, die Speisen aufzutragen.

Die langerwarteten Gerichte erschienen endlich, und die Gesellschaft fiel eifrig darüber her, Schüsseln voll Suppe und Gemüse, Teller voll geschmorten und gebratenen Fleisches machten die Runde um die Tafel, so daß jeder der Reihe nach davon nehmen konnte. Schwarze Klöße, gedörrtes Fleisch und getrocknete Fische gingen ebenfalls herum mit verschiedenem Eingemachten, Bortago, Caviar und dergleichen, die mit starken Gewürzen versehen und ganz darauf berechnet waren, Durst zu erwecken und zu rüstigem Trinken anzuregen. Weinkannen begleiteten diese aufreizenden Leckerbissen, und das darin enthaltene Getränk übertraf den zuvor gereichten Wein an Stärke, so daß binnen kurzem die ausgelassenste Laune an der Tafel herrschte. Philippson allein verhielt sich still, und Johann Mengs begann sich bereits darüber aufzuhalten, indem er Worte wie »Störenfried«, »Spaßverderber« fallen ließ, die alle auf den Engländer gemünzt waren und wohl bald die Mehrzahl der Gäste gegen den einsilbigen Genossen aufgehetzt hätten, der sich weigerte mitzuzechen und Miene machte, im Stuhl einzuschlafen; als plötzlich laut und anhaltend an das Tor des Gasthauses geklopft wurde.

»Was gibt's denn da?« fragte Mengs, dessen Nase der Unwille noch höher rötete. »Welch böser Geist schlägt an die Pforte des Goldenen Vließes zu solcher Stunde, und das mit einer Gewalt, als donnere er an die Tür eines Freudenhauses? Hinaus einer an das Turmfenster – Gottfried, Du Schuft von einem Stallknecht, oder Du, alter Timotheus, sagt dem heftigen Manne, daß zu so ungehöriger Zeit niemand mehr herein darf.«

Die beiden taten, wie ihnen befohlen war, und man konnte in der Stube hören, wie sie miteinander wetteiferten, dem Manne draußen, der durchaus eingelassen werden wollte, die Tür zu weisen. Doch kehrten sie bald zurück und berichteten ihrem Herrn, sie seien nicht imstande, die Hartnäckigkeit des Fremden zu beschwichtigen, der einfach nicht gehen wolle, bis er Mengs selbst gesprochen hätte.

Der Gebieter im »Goldenen Vließ« fuhr von seinem Sessel auf, packte einen derben Knüttel, der sein gewöhnliches Scepter oder sein Herrscherstab zu sein schien, murmelte etwas in den Bart von Prügeln und Eimern kalten Wassers und stürzte zu dem Fenster, das auf den Hof hinausging.

Es kam ganz anders, als die Gäste erwarteten; denn nachdem einige unhörbare Worte gewechselt worden waren, wurden zur allgemeinen Verwunderung die Tore der Herberge aufgeschlossen, und gleich darauf ließen sich Tritte zweier Männer auf der Stiege hören; dann trat mit allen Zeichen plumper Höflichkeit der Wirt herein und bat die Versammelten, einem verehrten Gaste Platz zu machen, der, wenn zwar spät, ihre Gesellschaft zu vermehren käme. Eine lange, düstere Gestalt, in einen Reisemantel gehüllt, folgte ihm; der Mantel fiel, und in dem Ankömmling erkannte Philippson sofort den schwarzen Priester von St. Paul.

Dieser Umstand hatte an und für sich nichts Staunenerregendes, da es sehr natürlich war, daß ein Wirt, wie grob und frech er gegen gewöhnliche Gäste auch sein mochte, doch Rücksicht auf einen Geistlichen nehmen mußte. Philippson wunderte sich denn auch weniger darüber, als vielmehr über den Eindruck, den das Erscheinen dieses unerwarteten Gastes machte. Ohne weiteres setzte dieser sich an den obersten Platz der Tafel und ließ sein mattes graues Auge langsam und schleichend über die Gesellschaft schweifen, gleich als beabsichtigte er, in aller Herzen zu lesen.

An Philippson sah er rasch vorüber und schien ihn nicht wiederzuerkennen; und trotz alles Mutes, der unserm Engländer zu eigen war, beschlich ihn doch ein Gefühl des Unbehagens, solange er sich unter den Augen dieses geheimnisvollen Mannes befand, so daß ihm wohler wurde, als dessen steinerner Blick von ihm ließ und auf einem andern in der Gesellschaft ruhte, der dann ebenfalls unter den eiskalten Blicken zu erbeben schien. Das Getöse berauschter Lust und trunkenen Streites, das lärmende, gellende Gelächter – alles war sofort verstummt, als ob das Festmahl in ein Leichenbegängnis, jeder Gast aber plötzlich in einen Stummen verwandelt worden wäre. Alle waren so gespannt darauf, was nun folgen würde oder was der Unheimliche zu sagen hätte, daß bei dem Schalle der Dorfglocke, die die erste Stunde nach Mitternacht verkündigte, die Gäste erstarrten, gleich als ob der dumpfe Klang ihnen den Ansturm eines Feindes oder den Ausbruch einer Feuersbrunst verkündigt hätte. Der schwarze Priester, der hastig etwas Speise zu sich genommen hatte, womit der Wirt ihn bereitwilligst versorgte, faßte den Glockenruf als Zeichen zum Dankgebet und zur Aufhebung der Abendtafel auf.