»Wir haben gegessen,« sprach er, »um unser Leben zu fristen, lasset uns beten, daß wir tüchtig sein mögen, dem Tode zu begegnen, der dem Leben so zuverlässig folgt wie die Nacht dem Tage oder wie der Schatten dem Sonnenstrahle, obwohl wir nicht wissen, von wannen oder zu welcher Stunde er uns ereilen werde.«
Wie mechanisch beugte die Gesellschaft das unbedeckte Haupt, während der Priester mit tiefer und feierlicher Stimme ein Gebet in lateinischer Sprache hersagte, worin er Gott für den am verflossenen Tage gewährten Schutz dankte und ihn anflehte, auch diesen Schutz während der zaubervollen Stunden zu verleihen, die noch bis zum Anbruch des neuen Tages verrinnen müßten. Als die Zuhörer wieder aufsahen, war der schwarze Priester mit dem Wirte zum Gemache hinausgegangen, wahrscheinlich um sich in die ihm als Schlafgemach angewiesene Kammer zu begeben. Kaum waren sie gewahr geworden, daß er fort war, so flüsterten sie miteinander und wechselten verstohlene Gebärden, doch keiner sprach laut, so daß Philippson nichts Deutliches verstehen konnte. Er selbst wagte, jedoch auch nur mit gedämpfter Stimme, den neben ihm sitzenden Klosterbruder zu fragen, ob der würdige Geistliche, der soeben hinausgegangen, nicht der Priester von St. Paul in dem Grenzorte La Ferette wäre.
»Und so Ihr wisset, daß er es ist,« sagte der Mönch mit einem Blicke und einem Tone, aus denen jegliche Spur seines Rausches – denn er hatte trotz seines heiligen Standes wacker getrunken – plötzlich verschwunden war, »warum fragt Ihr mich denn?« – »Weil ich gern den Zauber kennen lernen möchte,« sagte der Kaufmann, »der so plötzlich all die lustigen Zecher in enthaltsame Männer und ein fröhlich Gelag in einen Konvent von Mönchen verwandelt hat.« – »Freund, wonach Du fragst,« sagte der Pater, »scheint Dir schon wohlbekannt zu sein. Doch ich bin kein Dummkopf, der sich so leicht fangen läßt. So Du den schwarzen Priester kennst, so mußt Du wissen, welchen Schrecken seine Gegenwart einflößt.« Mit diesen Worten zog er sich von Philippson zurück.
In demselben Augenblick kam der Wirt wieder herein und befahl mit weit mehr feiner Sitte, als er bisher gezeigt hatte, der Gesellschaft den Nachttrunk zu reichen, der in einem Becher gewürzten Branntweins bestand; ein Getränk, wie es Philippson selten besser bekommen hatte. Unterdessen schrieb der alte Timotheus auf jeden Teller mit Kreide den Betrag, den ein jeder zu zahlen hatte, was durch herkömmliche Schriftzeichen kurz angedeutet wurde, während auf einem andern hölzernen Teller die Gesamtsumme verzeichnet wurde, die die Einzelzahlungen bringen würden, worauf er von jedem den Anteil einkassierte. Als der böse Teller, auf welchem das Geld geopfert werden mußte, an den lustigen Klosterbruder kam, schien dessen Gesicht sich ein wenig zu verwandeln. Er warf einen kläglichen Blick auf Philippson, von dem er am ersten Beihilfe erhoffte; und unser Kaufmann, wie unzufrieden er auch mit der Verschlossenheit des Mönches war, wollte doch in einem fremden Lande und in der Hoffnung, eine ihm vielleicht nutzbringende Bekanntschaft gemacht zu haben, eine kleine Ausgabe nicht scheuen und zahlte daher mit seiner eigenen Zeche auch zugleich die des Mönches. Der arme Pater stattete seinen Dank mit einem in gutem Deutsch und schlechtem Latein ausgesprochenen Segen ab, allein der Wirt fiel ihm dabei in die Rede; denn indem er sich Philippson mit einem Lichte näherte, bot er ihm seine Dienste an, um ihn in sein Schlafgemach zu führen; ja er hatte sogar die Herablassung, des Engländers Felleisen oder Mantelsack eigenhändig aufzuheben und fortzutragen.
»Ihr gebt Euch zu viel Mühe, mein Herr Wirt,« sagte der Kaufmann etwas betroffen über die Veränderung in dem Benehmen dieses Johann Mengs, der ihn bisher so unfreundlich behandelt hatte, – »Ich kann nicht Sorge genug für einen Gast tragen,« war seine Antwort, »den mein ehrwürdiger Freund, der Priester zu St. Paul, ganz besonders meiner Obhut empfahl.«
Dann öffnete er die Tür einer für einen Gast hergerichteten Schlafkammer und sagte zu Philippson: »Hier mögt Ihr ruhen bis morgen und bis zu welcher Stunde es Euch beliebt, und so viele Tage es Euch gefällt. Der Schlüssel wird Eure Habe gegen jeglichen Raub oder Diebstahl sichern. Ich tue das nicht für all und jeden; denn wenn von meinen Gästen jeder ein Bett für sich allein haben wollte, so würde jeder gleich auch an einem Tisch für sich essen wollen; und vorbei wäre es dann mit den guten alten deutschen Sitten, und wir würden ebenso läppisch und lüstern werden, wie unsere Nachbarn es sind. Ich hoffe, es herrscht kein Mißverständnis zwischen uns, mein werter Gast,« setzte er hinzu. »Wir deutschen Wirte tun uns nun einmal was zu gute darauf, nicht so höflich zu sein wie die französischen oder italienischen Wirte. Doch wenn auch unser Benehmen rauh ist, so sind doch unsere Forderungen billig, und was wir liefern, ist gut.« – In diesen Worten schien er seine ganze Beredsamkeit erschöpft zu haben; denn als sie gesprochen waren, drehte er sich kurz herum und verließ das Gemach.
So hatte Philippson abermals keine Gelegenheit, nachzufragen, wer oder was dieser Geistliche sein könnte, der solchen Einfluß auf alle hatte, die sich ihm näherten. Er lechzte danach zu wissen, wer der Mann wäre, der die Macht besaß, durch ein einziges Wort den Mordstahl elsässischer Straßenräuber abzuwehren, die doch wie alle Grenzdiebe an Raub und Plünderung gewöhnt sein mußten, und der imstande war, die beispiellose Grobheit eines deutschen Herbergsvaters sofort in Höflichkeit umzugestalten.
Viertes Kapitel
So anstrengend und aufreibend der Tag für den älteren Philippson auch gewesen war, so vermochte er nun doch nicht die ersehnte Ruhe zu finden. Er war zu aufgeregt, die Adern pulsierten ihm viel zu fieberisch, seine Besorgnis um den Sohn, seine Befürchtungen über den Ausgang seiner Sendung an den Herzog von Burgund, und tausend andere Gedanken, die ihn an frühere Erlebnisse erinnerten oder ihm künftige Erlebnisse vorspiegelten, fuhren ihm durch die Seele gleich Wogen eines aufgeregten Meeres und verscheuchten jede Hingebung zur Ruhe. Schon eine Stunde lang hatte er schlaflos im Bette gelegen, da fühlte er plötzlich, daß das Feldbett, auf dem er lag, unter ihm sank und mit ihm hinabglitt, ohne daß er wissen konnte, wohin. Das Knarren von Wirbeln und Stricken ließ sich, wenn auch undeutlich, vernehmen, als wenn man sich Mühe gäbe, sie so geräuschlos wie möglich arbeiten zu lassen, und der Reisende erkannte bald, daß das Bett, das ihn trug, auf einer Falltür gestanden haben müßte, mit welcher es in die unteren Gewölbe oder Gemächer hinabgelassen werden konnte.
Furcht ergriff ihn; denn wie konnte er einen glücklichen Ausgang von einem Abenteuer hoffen, das so seltsam begonnen hatte? Jedoch seine Besorgnisse waren die eines tapferen, entschlossenen Mannes, der selbst in der dringendsten Gefahr die Geistesgegenwart nicht verlor. Obgleich an Jahren vorgeschritten, war er doch ein Mann von großer Körperstärke und Behendigkeit, und zu furchtbarer Gegenwehr entschlossen. Doch sollte ihm jeder Widerstand vereitelt werden; denn kaum erreichte er den Boden des Gewölbes, in das er hinabgelassen worden war, so legten von beiden Seiten zwei Männer, die sein Hinabsinken abgewartet zu haben schienen, Hand an ihn und warfen ihm einen Strick über die Arme. So war er gezwungen, sich widerstandslos dreinzugeben, und den Ausgang dieses fürchterlichen Abenteuers abzuwarten. Gebunden oder geschnürt, wie er war, konnte er nur den Kopf von einer Seite zur andern wenden; und mit Freuden erblickte er endlich schimmernde Lichter, die jedoch in weiter Ferne von ihm sichtbar wurden.