»Und wie lautete diese Meinung?« fragte der Vorsitzende, »war sie dem Stuhle der heiligen Feme günstig oder nicht? Laßt Wahrheit Eure Zunge lenken, – bedenkt, das Leben ist kurz, das Gericht dauert ewig.« – »Ich würde nie mein Leben auf Kosten einer Lüge zu verlängern suchen. Meine Meinung war nachteilig. Ich drückte mich folgendermaßen aus: Kein Gesetz noch gerichtliches Verfahren kann gerecht noch anratungswert sein, das auf geheimer Anordnung beruht und nach derselben verfährt. Ich sage, die Gerechtigkeit vermag sich nur dann zu behaupten, wenn sie öffentlich geübt und verkündet wird. Sowie sie aufhört, öffentlich zu sein, artet sie in Haß und Rache aus,«
Kaum waren diese Worte ausgesprochen, so brach unter den Richtern höchst ungünstiges Murren aus, – »Er lästert die heilige Feme! Schließt ihm den Mund für immer!«
»Hört mich,« sagte der Engländer, »sowie Ihr eines Tages wünschen werdet, gehört zu werden! Ich sage, das war meine Meinung, und so sprach ich sie aus – ich sage auch, daß ich ein Recht hatte, diese Meinung auszusprechen, mochte sie nun verständig oder irrig sein; denn ich befand mich in einem Lande, wo dieses Gericht weder Anerkennung fordern, noch Gewalt ausüben konnte. Meine Gesinnungen sind noch dieselben. Ich würde das bekennen, wenn dieses Schwert in meiner Brust wühlte, jener Strang mir um den Hals gelegt würde. Allein ich leugne, daß ich jemals gegen die heilige Feme und deren Satzungen in einem Lande sprach, wo sie als landesübliches Gericht ihren Sitz hat. Weit kräftiger noch, wenn möglich, widerspreche ich der Lächerlichkeit der falschen Bezichtigung, die von mir, einem wandernden Fremdling, aussagt, als sei ich beauftragt, mit dem Herzoge von Burgund über so hohe Gegenstände zu verhandeln oder ihn zu einem Kriegszug gegen die Feme zu bestimmen. Davon ist gar keine Rede.«
»Kläger,« sprach der Freigraf: »Du hast den Beklagten gehört. Wie lautet Deine Erwiderung?« – »Den ersten Teil der Anklage,« sagte der Aufgeforderte, »hat er in Deiner hohen Gegenwart eingestanden, namentlich, daß seine schändliche Zunge unsere heiligen Mysterien höhnend entweiht hat; wofür er verdient, daß sie ihm aus dem Halse gerissen werde. Daß der übrige Teil der Anklage ebenso wahr ist, wie das, was er nicht abzuleugnen vermocht hat, das will ich auf meinen Richtereid nehmen.«
»Vor Gericht,« sagte der Engländer, »wird in Ermangelung triftigen Beweises der Eidschwur dem Beklagten auferlegt, doch wird dem Kläger nicht gestattet, durch einen Eid seine lückenhafte Anklage zu stützen.« – »Fremdling,« erwiderte der Freigraf, »wer unter diesen ehrwürdigen Richtern sitzen will, muß von untadelhaftem Charakter sein. Der Eidschwur eines solchen Richters würde daher die feierlichste Behauptung eines Jeden aufwägen, der nicht in unsere heiligen Geheimnisse eingeweiht ist. Die Aussage des Kaisers selbst, so dieser nicht zur Feme gehört, würde in unserm Kreise nicht soviel Gewicht haben, wie die des Geringsten dieser Schöffen. Die Behauptung des Klägers kann nur durch den Eid eines Beisitzers höheren Ranges zurückgewiesen werden.«
»So sei denn Gott mir gnädig! Ich habe keine Hoffnung als nur im Himmel!« sprach der Engländer in feierlichem Tone: »doch will ich nicht fallen, ohne den letzten Versuch gemacht zu haben. So rufe ich denn Dich an, Du finsterer Geist, der Du in dieser Todeshalle den Vorzug hast! Ich rufe Dich auf, bei Ehre und Glauben, zu erklären, ob Du mich für schuldig hältst dessen, warum mich jener boshafte Verleumder verklagt! Ich beschwöre Dich bei dem heiligen Namen, den Du –« – »Halt!« versetzte der Freigraf. »Der Name, unter welchem wir in freier Luft bekannt sind, darf vor diesem unterirdischen Gerichtsstuhle nicht ausgesprochen werden.« Dann fuhr er, zu dem Gefangenen, den Richtern und Schöffen gewendet, in folgenden Worten fort: »Ich, der ich zur Beweisführung aufgerufen bin, erkläre, daß die Anklage gegen Dich insofern wahrhaft ist, als Du sie selbst eingestandest, namentlich daß Du in andern Ländern leichtfertig von den Satzungen der heiligen Feme sprachest. Allein ich glaube in meiner Seele, und ich will es mit meiner Ehre bezeugen, daß der übrige Teil der Klage unglaubwürdig und falsch ist. Und dies schwör ich, indem ich die Hand auf Dolch und Strang lege. – Was ist Euer Urteil, meine Brüder, über diesen also verhandelten Fall?«
Einer der Richter in der Vorderreihe, anscheinend ein hochbetagter Mann, erhob sich mühevoll und sprach mit zitternder Stimme: »Der Sohn des Stranges, der hier vor uns ist, war der Torheit und Uebereilung schuldig, unsere heiligen Satzungen gelästert zu haben. Allein er äußerte seine Torheit vor Ohren, die nimmer von unseren heiligen Statuten gehört hatten. Durch unwidersprechliches Zeugnis ist er davon freigesprochen worden, an machtlosen Umtrieben zum Sturze unserer Gewalt oder an der Aufhetzung von Fürsten gegen unsern heiligen Stuhl beteiligt zu sein. So ist er zwar ein Tor, jedoch kein Verbrecher; und da die heilige Feme keine andere Strafe als die Todesstrafe kennt, so schlage ich den Spruch vor, das Kind des Stranges unverletzt der menschlichen Gesellschaft und der Oberwelt zurückzugeben, sobald es gehörig wegen seiner Irrtümer ermahnt worden sei.«
»Sohn des Stranges,« nahm jetzt der Freigraf das Wort. »Du hast Deine Freisprechung vernommen. Allein so Du wünschest, in einem blutlosen Grabe zu schlummern, so laß mich Dich warnen: Bewahre die Geheimnisse dieser Nacht gegen Vater und Mutter, Gattin, Sohn oder Tochter, versprich nie davon zu sprechen, weder laut noch leise, noch in Andeutungen, Gebärden, Zeichen oder Gleichnissen! Gehorche diesem Geheiß, und Dein Leben ist gesichert. Laß Dein Herz fröhlich sein in Dir, allein laß es fröhlich sein mit Zittern! Nie mehr laß Eitelkeit Dich verleiten, Dir einzureden, Du seiest sicher vor den Richtern und Dienern der heiligen Feme, ob Du auch tausend Meilen Weges lägen zwischen Dir und uns, ob Du auch in einem Lande weiltest, wo man unsere Macht nicht kennt, ob Du auch auf Deiner heimatlichen Insel Dich geschützt wähntest durch das Weltmeer, von dem sie rings umgeben ist. Ich warne Dich, schlag ein Kreuz, sooft Du des heiligen, unsichtbaren Femgerichtes gedenkst, und verschließ Deine Gedanken fest in Deiner Brust! Geh von hinnen, sei weise und fürchte stets die heilige Feme!«
Am Schlusse dieser Rede erloschen zischend alle Lichter zu gleicher Zeit. Philippson wurde leise auf seine Lagerstatt hinabgedrückt und wieder an den Ort getragen, von dem aus man ihn an den Fuß des Altars gebracht hatte. Das Strickwerk wurde wieder angelegt, und Philippson fühlte, wie etliche Minuten lang sein Bett sich immer höher hob, bis ein leichter Stoß ihn belehrte, daß es wieder auf dem Fußboden des Schlafgemaches stand, in das man ihn in der vorigen Nacht oder, besser gesagt, an diesem Morgen geführt hatte.
Er erwog, was er erlebt hatte, und fühlte, zu wie großem Dank er dem Himmel für seine Befreiung verpflichtet war. Endlich siegte die Müdigkeit über seine Bekümmernis, und er verfiel in einen tiefen und festen Schlaf, aus dem er erst bei hellem Tage wieder erwachte. Augenblicklich beschloß er, einen so gefährlichen Ort zu verlassen, und ohne einen einzigen Bewohner, den alten Stallknecht ausgenommen, zu sehen, setzte er seine Reise nach Straßburg fort und erreichte diese Stadt ohne ferneren Unfall.
Fünftes Kapitel
Als Arthur Philippson seinen Vater verlassen hatte, um sich an Bord eines Kahnes zu begeben, der ihn über den Rhein tragen sollte,, nahm er nur wenig Rücksicht auf seine eigenen Bedürfnisse, da er des Glaubens war, daß sie nur auf kurze Zeit voneinander getrennt sein würden. Ein paar Kleider und eine Handvoll Goldstücke war alles, was er vom gemeinsamen Vorrat für sich abnahm; das übrige Gepäck sowie alles Geld ließ er mitsamt dem Saumtier zurück. Als er sich samt seinem Pferde und seinem leichten Bündel auf das Fährboot begeben hatte, richtete dieses sogleich seinen Mast, breitete seine Segel aus, und vom Winde getrieben, fuhr es in schräger Richtung über den Rhein nach dem Dorfe Kirchhof. Die Ueberfahrt ging so gut von statten, daß sie das jenseitige Ufer nach wenigen Minuten erreichten.