Выбрать главу

Arthur entschloß sich, nicht in Kirchhof zu verweilen, sondern so schnell wie möglich seinen Weg nach Straßburg fortzusetzen und, wenn Dunkelheit ihn zwänge anzuhalten, in einem der Dörfer oder Flecken zu übernachten, die er auf seiner Reise an der deutschen Seite des Rheins vorfinden würde. Zu Straßburg, so hoffte er in dem feurigen Geiste, der der Jugend eigen ist, würde er seinen Vater wiederfinden; und vermochte er auch nicht sogleich alle Bekümmernis über ihre Trennung zu unterdrücken, so nährte er doch die fröhliche Zuversicht auf glückliches Wiedersehen.

Arthur erfreute sich an den in diesem Teile herrlichen Landschaften des Rheins, bis das erblassende Tageslicht ihn daran erinnerte, daß ein allein reisender Jüngling, der wertvolle Gegenstände bei sich führte, besser daran täte, eine Nachtherberge zu suchen. Er hatte eben den Entschluß gefaßt, bei den nächsten Wohnungen den Weg zu einem Gasthaus zu erfragen, als er plötzlich ein unerwartet schönes Landschaftsbild vor Augen hatte. Umrahmt von hohen Bäumen, lag eine Wiese vor ihm. Sie war von einem breiten Gewässer durchflossen, das in den Rhein mündete.

Dieses Gewässer umspülte ein halbes Stündlein weiter eine felsige Anhöhe, die mit Seitenwällen und gotischen Türmchen geziert war – den Teilen einer Ritterburg ersten Ranges. Das ebene Land am Ufer des Flusses war zum Teil mit Weizen bepflanzt, von dem nur noch die Stoppeln standen, zum Teil war es eine weite Wiesenfläche. Ein Bursch in ländlicher Kleidung war beschäftigt, mit Hilfe eines abgerichteten Wachtelhundes Rebhühner zu jagen, während eine junge Frauensperson, anscheinend die Zofe einer Edeldame, auf dem Stumpfe eines abgestorbenen Baumes saß und diesem Treiben zuschaute. Der Wachtelhund, dessen Amt es war, die Rebhühner unter das Netz zu treiben, ließ davon ab, als er den Fremden erblickte, und hätte seine Aufgabe ganz vergessen, wenn nicht das Mädchen sich unserm Arthur genähert und ihn gebeten hätte, etwas mehr zur Seite zu reiten, um ihnen das Vergnügen nicht zu stören.

Willig erfüllte der Reisende ihre Bitte. – »Ich will reiten,« schönes Mädchen,« sagte er, »so weit weg es Dir gefällt. Zum Ersatz dafür erlaube mir zu fragen, ob das Gebäude dort ein Kloster, eine Burg, oder sonst eine Wohnung guter Menschen ist, wo ein Fremder, der sich verspätet hat und müde ist, auf eine Nacht Gastfreundschaft finden kann?«

Die Dirne, deren Gesicht er bis jetzt noch nicht deutlich gesehen hatte, schien ein Gelüst zum Lachen zu unterdrücken, indem sie erwiderte: »Sollte jene Burg denn keinen Winkel haben, der einem Fremden Obdach bieten könnte? Ich selbst gehöre zur Besatzung jener Burg, und gewiß werdet Ihr Euch vor solch einem Soldaten fürchten. Ich bürge Euch dafür, daß Ihr Aufnahme findet. Doch da Ihr mich in so kriegerischer Weise anredet, so werde ich, wie es unter Bewaffneten üblich ist, mein Visier herunterlassen.«

Indem sie dies sagte, verbarg sie ihr Antlitz unter einer der Halblarven, die zu jener Zeit viel von Frauen getragen wurden, wenn sie sich außer dem Hause befanden, teils um den Teint zu schützen, teils um sich vor zudringlichen Beobachtern zu sichern. Allein, ehe sie dies zustande bringen konnte, hatte Arthur bereits die schalkhaften Mienen Anneli Veilchens entdeckt, eines Mädchens, das er als Dienerin Annas von Geierstein kennen gelernt hatte. Sie war eine kecke Dirne, stets bereit, zu lachen, zu scherzen und mit den Jünglingen des Landammanns, in dessen Familie sie sehr lieb und wert gehalten wurde, ihre Neckereien zu treiben. Dies fiel nicht sonderlich auf, indem die Sitten der Berggegenden zwischen Herrin und Dienerin wenig Unterschied machen.

Arthur selbst war sehr aufmerksam gegen Anneli Veilchen gewesen, da er bei seiner Leidenschaft für Anna von Geierstein natürlich von Herzen wünschen mußte, sich die gute Meinung ihrer Zofe zu sichern, was er durch kleine Geschenke an Schmuck und Kleidungsstücken, wie sie jede Zofe gern annimmt, mit Leichtigkeit erreicht hatte.

Das Bewußtsein, sich in Anna von Geiersteins Nähe zu befinden, die Hoffnung, vielleicht die Nacht mit ihr unter einunddemselben Dache zuzubringen, worauf des Mädchens Anwesenheit und ihre Aeußerungen deuteten, ließen das Blut rascher durch Arthurs Adern kreisen. Voll Verlangens, von Annas Verhältnissen soviel wie möglich aus Annelis Munde zu vernehmen, ließ er die Zofe nichts von seiner Freude merken und tat so, als habe er sie noch nicht erkannt. Er war entschlossen, zu warten, bis sie selbst es für gut finden würde, die Maske abzulegen.

Während diese Gedanken ihm rasch durch den Kopf fuhren, befahl Anneli dem Burschen, die Netze einzuziehen, zwei der besten und fettesten Rebhühner von der Brut zu nehmen und sie in die Küche zu schaffen, die übrigen aber wieder in Freiheit zu setzen. – »Ich muß für ein Abendessen sorgen,« sagte sie zu dem Reisenden, »da ich unerwartete Gesellschaft heimbringe.« »Ich möchte Deiner Herrin keine Ungelegenheiten verursachen,« antwortete Arthur. – »Schau, schau!« sagte Anneli Veilchen; »ich habe nichts von einem Herrn und einer Herrin gesagt, und dieser arme verirrte Reisende hat schon bei sich selbst ausgemacht, daß er in der Wohnung einer Dame Herberge finden werde!« – »Wie? sagtest Du mir nicht,« sprach Arthur etwas verwirrt, sich verschnappt zu haben, »daß Du eine Person zweiter Bedeutung in der Burg wärest? Doch wie heißt dieses Schloß?«

»Die Burg führt den Namen Arnheim,« sagte das Mädchen. – »Eure Besatzung muß bedeutend sein,« sagte Arthur, indem er das weitläufige Gebäude anblickte, »so Ihr imstande seid, solch ein Labyrinth von Mauern zu bemannen.« – »In diesem Punkt,« versetzte Anneli, »sind wir schlimm beraten, wie ich gestehen muß. Jetzt verbergen wir uns mehr in der Burg, als daß wir sie bewohnen, und doch ist sie mehr als geschützt durch das Gerücht, das von ihr im Umlauf ist und jeden abschreckt, der ihre Ruhe stören möchte.« – »Und dessen ungeachtet wagt Ihr, darin zu wohnen?« fragte der Engländer, der sich dessen erinnerte, was Rudolf von Donnersberg ihm einst von dem Freiherrn von Arnheim und dem düsteren Schicksale seiner Familie erzählt hatte.

»Vielleicht,« versetzte seine Führerin, »haben wir Mittel in Händen, dem uns angedichteten Schrecken zu widerstehen – vielleicht auch haben wir keinen besseren Zufluchtsort finden können. Das scheint auch Euer Geschick zu sein, Herr, denn die Spitzen der fernen Hügel verschwinden schon in der Dunkelheit, und wenn Ihr nicht auf Arnheim befriedigt oder unbefriedigt einkehrt, so möchtet Ihr Gefahr laufen, in der nächsten Stunde keine andere Herberge zu finden.«

Während sie dies sprach, trennte sie sich von Arthur, indem sie den Vogelsteller, der sie begleitete, mit sich nahm und mit ihm einen steilen, jedoch kurzen Fußpfad einschlug, der gerade hinauf zur Burg führte. Dem jungen Engländer hatte sie die Weisung gegeben, einer Spur von Pferdehufen zu folgen, die auf einem weitern, doch bequemeren Wege zu demselben Ziele führte,

Arthur machte bald Halt vor dem südlichen Eingange der Feste Arnheim, die ein weit größeres Gebäude war, als er es sich aus Rudolfs Beschreibung vorgestellt hatte. Es war zu verschiedenen Zeiten daran gebaut worden, und ein bedeutender Teil war weniger im streng gotischen, als vielmehr im sogenannten maurischen Stil errichtet. Diese seltsame Feste trug zwar im allgemeinen Spuren der Verwüstung und Zertrümmerung; allein Rudolf von Donnersberg war falsch berichtet, als er erzählte, sie wäre in Ruinen zerfallen. Im Gegenteile trug man, als die Burg in die Hände des Kaisers fiel, Sorge, das Gebäude in gutem Zustande zu erhalten, und es wurde von Zeit zu Zeit von einem Beauftragten des kaiserlichen Kanzlers regelmäßig besichtigt. Der Besitz des Grundgebietes um die Burg her war wertvoller Ersatz für die Bemühungen dieses Abgeordneten, der es sich deshalb angelegen sein ließ, die Einkünfte daraus nicht durch Vernachlässigung seiner Pflicht zu verscherzen. Vor kurzem war dieser Beamte an den Hof gerufen worden, und nun traf es sich, daß die junge Freiin von Arnheim in den verödeten Türmen ihrer Vorfahren einen Zufluchtsort gefunden hatte.