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Das Schweizer Dirnchen ließ unserm jugendlichen Reisenden nicht Zeit, die Außenseite des Schlosses genau in Augenschein zu nehmen oder die Bedeutung der dem Anscheine nach morgenländischen Sinnbilder und Inschriften zu entziffern, die sich auf dem Mauerwerk befanden. Arthur hatte kaum einen flüchtigen Blick auf das ganze Gebäude geworfen, so rief ihm auch schon das Mädchen von einem Mauerwinkel herab zu, von dessen Vorsprung ein langes Brett über einen ausgetrockneten Graben führte, »Habt Ihr Eure Schweizer Lehrstunden schon wieder vergessen?« sagte sie, als sie bemerkte, daß Arthur ziemlich furchtsam über die schwankende und äußerst schmale Brücke daherschritt.

Der Gedanke, daß Anna von Geierstein dieselbe Bemerkung machen möchte, verlieh dem jungen Reisenden die nötige Beherztheit. Er schritt über das Brett mit eben dem kalten Blick, womit er gelernt hatte, die weit fürchterliche Klippe neben den Trümmern des Geiersteins zu betreten. Kaum war er in der Burg angelangt, so nahm Anneli ihre Larve ab und bewillkommte ihn in ihrem und im Namen alter Freunde mit neuem Namen auf deutschem Boden.

»Anna von Geierstein,« sagte sie, »ist nicht mehr; allein Ihr sollt sofort die Freiin von Arnheim erblicken, die ihr außerordentlich ähnlich sieht, und ich, die ich im Schweizerlande Anneli Veilchen, die Magd einer Jungfrau war, die eben nicht höher geschätzt war als ich, bin jetzt die Zofe jener Freiin und weiß meinem Stande Ehre zu machen.« – »So sage Deiner jungen Herrin,« erwiderte der junge Philippson, »als ich mich dieser Feste nahte, hatte ich keine Ahnung, daß sie darinnen weilte, sonst hätte ich mich ihr nicht aufgedrängt.« – »Weg, weg!« versetzte das Dirnchen lachend, »ich weiß was Besseres zu Eurem Vorteile zu sagen. Ihr seid nicht der erste arme Mann und Handelskrämer, der die Gunst einer vornehmen Dame gewann. – Doch wenn Ihr von Entschuldigungen und ahnungslosem Eintritt schwatzt, erreicht Ihr gar nichts. Von Liebesglut will ich ihr erzählen, die der ganze Rheinstrom nicht löschen kann, und die Euch hierher trieb, indem Ihr keine andere Wahl hattet, als entweder hieher zu kommen oder zu sterben.«– »Nicht doch, Anneli, Anneli!« – »O, was Ihr für ein Narr seid – macht einen kürzeren Namen daraus, ruft Anna! Anna! und Ihr habt mehr Aussicht auf Antwort!«

Mit diesen Worten rannte die wilde Dirne weg, entzückt über den Gedanken, daß sie es trefflich eingefädelt hätte, zwei Liebende zusammengeführt zu haben, die schon die Trennung auf ewig befürchtet hatten. In dieser selbstzufriedenen Stimmung hüpfte Anneli eine kleine Wendeltreppe hinan – zu einem Kabinett oder Ankleidegemach, wo sich ihre junge Gebieterin befand, rief mit lachendem Munde: »Anna von Gei – – Fräulein, wollt ich sagen, sie kommen, sie kommen!«

»Die Philippsons?« fragte Anna halb atemlos. – »Ja – nein –,« versetzte die Dirne, »doch ja; denn der Beste ist gekommen, nämlich Arthur.« – »Was sprichst Du, Mädchen? Ist der Vater nicht bei seinem Sohne?« – »Nicht doch,« sagte die Veilchen, »auch habe ich gar nicht daran gedacht, nach ihm zu fragen. Er war eben nicht mein Freund, denn er hatte immer nur Sprichwörter im Munde und Sorge auf der Stirn.« – »Ungefällige, unbedachtsame Dirne! Was hast Du angerichtet?« fragte Anna von Geierstein. »Befahl ich Dir nicht angelegentlich, beide hieher zu führen; und nun hast Du den jungen Mann allein hieher zu uns in diese Einsamkeit gebracht? Was wird – was kann er von mir denken?«

»Ei, was hätte ich denn tun sollen?« versetzte Anneli. »Er war allein; hätte ich denn ihn hinabschicken sollen ins Dorf, daß die Landsknechte des Rheingrafen ihn erschlügen? Traun, ist doch alles Fisch, was ihnen ins Netz läuft, und wie sollt' er sich durch dieses Land finden, das mit umherziehenden Reisigen, Raubrittern und schurkischen Welschen angefüllt ist?« – »Still! Laß uns erwägen, was zu tun ist. Um unseretwillen, um seinetwegen muß dieser junge Mann sogleich die Burg verlassen.« – »So mögt Ihr ihm diese Botschaft selbst überbringen, Anna – um Verzeihung, hochedles Fräulein – es mag sich wohl für eine Edeldame besser schicken, dergleichen Bescheid zu erteilen, wie es wohl in den Romanzen der Meistersänger vorzukommen pflegt; allein für ein offenherziges Schweizermädchen ist solcher Auftrag nicht geeignet. Jetzt aber keine Torheit mehr! sondern bedenkt, wenn Ihr auch ein hochgeborenes Fräulein von Arnheim seid, so wurdet Ihr doch im Schoße der Schweizerberge erzogen und solltet Euch wie ein Mädchen mit biederem Herzen und freiem Sinn benehmen. Hört mich an!«

»So rede denn,« sagte Anna, indem sie schmollend das Gesicht abwendete, um der Zofe zuzuhören; »allein hüte Dich, daß Du nichts sagst, was ich nicht anhören darf.« – »Ich will natürlich und vernünftig sprechen, und wenn Eure edlen Ohren das nicht hören und verstehen mögen, so liegt die Schuld an den Ohren, nicht aber an meiner Zunge. Schaut! Ihr habt diesen jungen Mann zweimal aus großer Gefahr errettet – einmal bei dem Erdsturz auf Geierstein, ein anderesmal heut, wo sein Leben bedroht war. Und rund heraus, er ist ein hübscher Mann und wohl geeignet, einer Dame Gunst zu verdienen. Bevor Ihr ihn saht, waren die Schweizer Jünglinge Euch mindestens nicht verhaßt. Ihr tanztet mit ihnen – Ihr scherztet mit ihnen – Ihr wart der allgemeine Gegenstand ihrer Bewunderung – und Ihr hättet, wie Ihr recht wohl wißt, im ganzen Kanton die Wahl haben können, ja sogar Rudolf von Donnersberg hätte Euer Liebster werden können.« – »Niemals, niemals!« rief Anna von Geierstein. – »Seid Eurer Sache nicht so überaus gewiß, mein Fräulein! Hätte er sich nur gehörig bei dem Ohm zu empfehlen gewußt, so würde er in irgend einem günstigen Augenblicke wohl die Nichte gewonnen haben. Aber seitdem wir diesen jungen Engländer kennen lernten, nimmt man an Euch geradezu Geringschätzung, Verachtung und bisweilen etwas dem Hasse Aehnliches gegen alle die Männer wahr, die Ihr sonst recht wohl leiden konntet.«

»Wart nur, ich will Dich,« sagte Anna, »noch mehr als irgend einen von ihnen hassen und verabscheuen, wenn Du mit Deinem Geschwätze nicht bald zu Ende kommst.« – »Edles Fräulein, laßt uns langsam, sanft und freundlich weitergehen. Aus all dem geht hervor, daß Ihr den jungen Mann liebt, und mögen diejenigen, die an der Sache etwas Wunderbares finden, sagen, daß Ihr unrecht habt. Es läßt sich gar vieles dafür, nichts aber dagegen sagen,« – »Wie, törichtes Mädchen! Meine Geburt verbietet mir, einen Mann von geringer Herkunft zu lieben – mein Stand verbietet mir, einen armen Mann zu lieben – meines Vaters Gebot befiehlt mir, nur mit seiner Zustimmung zu wählen – vor allem aber verbietet mir mein Mädchenstolz, meine Neigung jemandem zuzuwenden, der sich aus mir nichts macht, – ja, der vielleicht völlig gegen mich eingenommen ist.«

»Das ist ein schöner Grundtext,« sagte Anneli, »aber ich kann jeden Satz darin ebenso leicht widerlegen, wie der Pater Franziskus seine Textworte in einer Festtagspredigt zu entwickeln versteht. Eure Geburt ist ein törichter Traum, den Ihr seit zwei oder drei Tagen erst hegt, denn seitdem Ihr deutschen Boden betreten habt, begann etwas von dem alten deutschen Unkraute, Familienstolz genannt, in Eurer Brust zu keimen. Denkt über solche Torheit so, wie Ihr darüber dachtet, als Ihr zu Geierstein als vernünftiges Mädel lebtet, und dies gewaltige Vorurteil wird in nichts versinken. Was den Stand betrifft, so dünkt mich, Ihr versteht darunter Vermögen. Nun, Philippsons Vater, der freigebigste Mann von der ganzen Welt, wird seinem Sohne gewiß soviel Goldstücke geben, daß Ihr Euch eine Meierei pachten könnt. Ihr versteht die Wirtschaft, und Arthur kann schießen, jagen, fischen, pflügen, eggen und ernten. Drum geht hinab in das Gemach, redet mit Eurem Liebsten oder laßt ihn zu Euch reden; laßt Eure Hände zusammengehen, zieht ruhig als Mann und Weib gegen Geierstein und bringt alles in Bereitschaft, Euren Ohm bei seiner Rückkehr zu empfangen. Das ist der Weg, den eine schlichte Schweizerdirne einschlägt, um dem Roman einer deutschen Freiin ein Ende zu machen.«