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»Dein Plan ist nichtig, Dirne,« sagte Anna, »ist der kindische Traum eines Mädchens, das vom Leben weiter nichts weiß, als was es hinter der Milchbutte darüber vernommen hat. Bedenke, daß mein Ohm von jedem Kinde den weitgehendsten Gehorsam fordert, und daß ich durch eine Handlung gegen meines Vaters Willen mir seine gute Meinung verscherzen würde. Warum bin ich sonst hier? Weshalb hat er der Aufsicht über mich entsagt? Und warum bin ich genötigt, die Sitten abzulegen, die mir so wert sind, und mich Gebräuchen zu unterziehen, die mir fremd und lästig sind? Was den jungen Mann betrifft, so hätte ich ihn wohl lieben können. Er wäre dessen wert, ich will's nicht leugnen, sein Betragen gegen mich war jederzeit ehrenwert und aufrichtig – hätte nicht ehrerbietiger, nicht rechtschaffener sein können. Aber,« hier legte das Fräulein die Hand an die Stirn, und Tränen flossen zwischen ihren zarten Fingern hindurch, »er hat noch nie von Liebe zu mir gesprochen. Wenn er mich wirklich liebt, so hält ihn gewiß ein unüberwindliches Hindernis ab, sie zu gestehen,«

»Ein Hindernis?« fragte die Schweizer Zofe und setzte hinzu: »irgend ein törichter Begriff von Eurer Geburt, als stündet Ihr zu hoch für ihn – irgend eine kindische Verschämtheit – irgend ein Traum von übertriebener Bescheidenheit – das werden die Hindernisse sein. Diese Verblendung wird durch eine einzige Ermutigung schwinden, und dieses Geschäft will ich, teuerste Anna, um Euch das Rotwerden zu ersparen, über mich nehmen,« – »Nein, nein, um Himmels willen, Anneli!« rief die Freiin, »Du kannst gar nicht wissen, was es für Hindernisse sind, die es ihm verbieten, an das zu denken, was Du gern befördern möchtest. Ich bin fest überzeugt, diese Philippsons sind Männer von Stande, denn ihre Sitten, ihr Benehmen sind weit über ihr scheinbares Gewerbe erhaben. Der Vater ist ein Mann von tiefem Beobachtungsgeiste, von hohen Gesinnungen und von einer Freigebigkeit, die sich kein Handelsmann erlauben könnte.«

»Das ist wahr,« sprach Anneli, »denn ich muß sagen, die Silberkette, die er mir schenkte, ist zehn Krontaler wert, und das Kreuz, das Arthur mir dazu gab, soll noch mehr wert sein. Doch was dann weiter? Die Philippsons sind also reich und vornehm wie Ihr. Um so besser!« –

»Ach, Anneli, Du weißt nicht, wie oft es unter Leuten vornehmer Geburt Brauch ist, ihre Kinder schon von der Wiege ab mit dem Kinde eines andern Adeligen zu verloben. Was denn, wenn der Vater Philippsons in seiner Heimat ein Mann von hohen Würden ist und seinen Sohn aus diplomatischen Rücksichten schon zum Gatten eines englischen Edelkindes ausersehen hat? Und welchen andern Grund, als daß er schon versprochen ist, sollte die Zurückhaltung des jungen Mannes haben?« – »O weh, Fräulein,« antwortete Anneli. »Was ist dann zu tun? Ich habe diesen jungen Mann hierhergeführt, indem ich, Gott weiß es, Eurem Zusammentreffen einen glücklicheren Ausgang wünschte. Allein es ist klar, Ihr könnt ihn nicht heiraten, wenn er Euch nicht zur Ehe begehrt. Trotzdem dürfen wir ihn aber jetzt nicht wieder ziehen lassen, er könnte gar leicht den Kehlabschneidern des Rheingrafen in die Hände fallen.«

»So mag der Willibald ihn hereinführen, und Du sorge dafür, daß es ihm an nichts fehle. Es ist am besten, wenn ich ihn nicht sehe,« – »Gut,« sagte Anneli; »was soll ich aber Euretwegen sagen? Unglücklicherweise ließ ich ihn wissen, daß Ihr hier wäret.« – »O, unverständiges Mädchen! Doch wie sollt' ich Dich tadeln,« sagte Anna von Geierstein, »da der Unverstand auch auf meiner Seite so groß war? Ich selbst habe mir das eingebrockt, indem ich mich in Gedanken zu sehr mit dem jungen Mann und seinen Vorzügen beschäftigte. Doch nun will ich diese Torheit besiegen und trotzdem die Pflichten der Gastfreundschaft erfüllen. Fort, Anneli, laß Erfrischungen besorgen! Du sollst mit uns zu Abend essen und darfst uns nicht verlassen. Du sollst sehen, daß ich mich nicht nur wie ein deutsches Edelfräulein, sondern auch wie ein Schweizer Mädchen zu benehmen weiß. Schaffe mir jedoch erst Licht, meine Liebe; denn ich muß meine Kleider ordnen und auch diese Verräter, meine Augen, waschen.«

Sechstes Kapitel

Trepp ab, trepp auf, trippelte Anneli Veilchen, als die Seele von allem, was in dem einzigen bewohnbaren Winkel der weitläufigen Arnheimer Feste vorging. Sie taugte zu jeglichem Dienste und steckte deswegen ihr Köpfchen in den Stall, um sich zu überzeugen, ob Willibald gehörig für Arthurs Pferd sorgte, guckte in die Küche, um nachzusehen, ob Märten, der alte Koch, die Rebhühner zu gehöriger Zeit würde geschmort haben (eine Einmischung, für die sie wenig Dank erntete), holte etliche Krüge Rheinwein von dem großen Faß im Keller und lugte endlich in das Vorgemach, um nachzuschauen, wie es um Arthur stünde. Da hatte sie denn die Freude zu sehen, daß dieser seine Person auf das beste herausstaffiert hatte, und so versicherte sie ihm, er solle ihre Gebieterin bald erblicken, die zwar unpaß wäre, sich's jedoch nicht versagen könnte, herabzukommen, um einen so werten Bekannten zu begrüßen.

Arthur errötete, als das Mädchen so sprach, und erschien dabei der Zofe so hübsch, daß sie unterwegs, als sie wieder hinaufsprang in das Gemach ihrer Gebieterin, zu sich selbst sprach: »Wenn treue Liebe trotz aller Hindernisse es nicht dahin bringen kann, dieses Pärchen zusammenzuführen, so will ich nimmermehr glauben, daß es überhaupt ein Ding wie wahre Liebe auf der Welt gibt, mag Martin Springer auch sagen, was er will, und mag er es noch so hoch und teuer auf das Evangelium beschwören.«

Als sie das Gemach des jungen Fräuleins erreicht hatte, fand sie, daß Anna, statt alles anzutun, was sie an Schmuck besaß, das einfache Gewand angezogen hatte, das sie an dem Tage trug, wo Arthur zum erstenmale auf Geierstein zu Tische saß. Betroffen und zweifelhaft sah die Zofe anfänglich ihre Gebieterin an; dann aber erkannte sie das feine Gefühl, das sie bewog, dieses Kleid zu wählen, und rief aus: »Ihr habt recht! – Ihr habt recht – am besten ist es, Ihr tretet ihm als das freiherzige Schweizermädchen entgegen!«

Auch Anna lächelte und erwiderte: »Doch muß ich in den Mauern von Arnheim zu gleicher Zeit auch gewissermaßen als die Tochter meines Vaters erscheinen. Hier, Mädchen, hilf mir diesen Edelstein auf das Band heften, das in mein Haar geflochten ist.«

Es war ein Kopfputz, der aus zwei von einem Opal zusammengehaltenen Geierfedern bestand, diese Edelsteine funkelten in so reichen Farben, daß die Schweizerdirne, die in ihrem Leben dergleichen Dinge noch nicht gesehen hatte, den Schmuck entzückt bewunderte. – »Traun, gnädiges Fräulein Anna,« sprach sie, »wenn das hübsche Ding wirklich als ein Zeichen Eures Standes getragen wird, so ist es an all Eurer Würde das einzige, wonach mich gelüsten könnte; denn es schimmert und schillert gar wunderlieblich.« – »Ach, Anneli,« sagte die Freiin, indem sie mit der Hand über die Augen fuhr, »von allem Geschmeide, das die Ahnfrauen meines Hauses ihr eigen nannten, ist dieser Stein seinen Besitzerinnen vielleicht der verhängnisvollste gewesen.«

»Und warum tragt Ihr ihn dann?« fragte Anneli; »warum vor allen andern Tagen im Jahre gerade heute?«

»Weil er am besten mich an die Pflicht erinnert, die ich gegen meinen Vater und meinen Stamm zu erfüllen habe. Und jetzt, Mädchen, sage ich Dir, daß Du hübsch mit uns bei Tische sitzest und keinen Augenblick das Gemach verläßt, daß Du mir nicht geschäftig hin und her rennst, um dies oder das herbeizuschaffen, sondern ruhig auf Deinem Sessel bleibst und alles durch Willibald besorgen läßt! Ich weiß nicht, ob ich recht oder unrecht tue, wenn ich diesen jungen Mann sehe, wäre es auch das letzte Mal! Wenn mein Vater käme? Wenn Itel Schreckenwald heimkehrte?« –»Euer Vater ist zu sehr vertieft in irgend eines seiner düstern, geheimnisvollen Geschäfte,« sagte die plappernde Schweizerdirne, »und reitet vielleicht nach dem Blocksberge, wo die Hexen Sabbat halten, oder macht mit dem wilden Jäger einen Jagdzug.« – »Pfui, Anneli, wie kannst Du so von meinem Vater sprechen?« – »Nun, weil ich eigentlich wenig von ihm weiß,« sprach die Zofe, »und Ihr selbst wißt nicht viel mehr von ihm. Und wie sollte das unwahr sein, was alle Welt für wahr erklärt?« – »Was, Du Törin, erklärt alle Welt für wahr?«