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»Ei, daß der Freiherr ein Hexenmeister ist, daß Eure Großmutter ein Irrwisch war, und daß Itel Schreckenwald ein eingefleischter Teufel ist.« – »Wo ist Itel?« – »Hinabgegangen, die Nacht im Dorfe zuzubringen, die Mannschaft des Rheingrafen zu quartieren, und sie, womöglich, ein wenig in Ordnung zu halten; denn die Kriegsmänner sind unzufrieden, weil sie den versprochenen Lohn nicht erhalten haben.« – »So laß uns gehen, Mädchen, vielleicht ist für viele Jahre diese Nacht die letzte, die wir in Freiheit verbringen.«

Wer möchte die Verlegenheit schildern, mit der Arthur Philippson und Anna von Geierstein einander begegneten; als sie sich begrüßten, erhoben sie weder ihre Blicke, noch sprachen sie vernehmbar, und das Mädchen konnte nicht höher erröten als ihr bescheidener Liebhaber; während die frohgelaunte Schweizerdirne, deren Ansichten über Liebe weit freier und ungezwungener waren, die Augenbrauen ein wenig in die Höhe zog und ziemlich geringschätzend auf ein Liebespaar blickte, das nach ihrer Meinung sich so unnatürlich und förmlich benahm. Tief war die Verbeugung und hoch das Erröten, womit Arthur dem jungen Fräulein die Hand bot, und sie erwiderte diese Höflichkeit mit ebensolcher Verschämtheit. Arthur führte, wie es die Sitte der Zeit und der Wohlanständigkeit mit sich brachte, die Dame in das Nebengemach, wo der Tisch zum Abendessen gedeckt war; und Anneli, die mit seltener Aufmerksamkeit alles, was vorging, beobachtete, erstaunte über alle die Zeremonien, deren ihre Herrin sich befleißigte, seit sie den höheren Ständen angehörte.

Allem Anscheine nach sahen sich die jungen Leute durch die Verhältnisse, in denen sie sich hier befanden, veranlaßt, die Sitten eines höheren Standes zu beobachten, an die sie beiderseits in früheren Jahren gewöhnt gewesen waren; und während die Freiin es für nötig hielt, den strengsten Anstand zu wahren, um den Empfang Arthurs in den innersten Gemächern ihrer Burg zu rechtfertigen, so war er dagegen bemüht, durch die tiefste Ehrerbietung zu zeigen, daß er unfähig wäre, die Güte zu mißbrauchen, mit der er stets von Anna behandelt worden. Sie setzten sich zu Tische, indem sie gewissenhaft die Entfernung innehielten, die die Sitte zwischen einem tugendhaften Jüngling und einem sittenreinen Mädchen forderten. Der Bursch Willibald wartete mit Höflichkeit und Hurtigkeit auf, gleich einem, der an dergleichen gewöhnt ist, und Anneli, die zwischen den Liebenden saß, verhielt sich so artig, wie man es von der Zofe eines gnädigen Fräuleins erwarten konnte. Dennoch machte sie dabei manche Schnitzer. Ihr Benehmen im allgemeinen glich etwa dem eines Windspiels an der Leine, das jeden Augenblick bereit ist, durchzugehen.

Andere Punkte der feinen Sitte wurden nach dem Essen verletzt, als der Aufwärter Willibald sich zurückgezogen hatte. Da fiel es der Zofe ein, ohne alle Umstände sich in das Gespräch zu mischen, ihre Gebieterin bei ihrem Taufnamen Anna zu nennen, ja sogar Philippson mit dem traulichen »Du« anzureden, was damals ein grober Verstoß gegen die Etiquette war. Anna und Arthur machten die Torheiten der Zofe zum willkommenen Anlaß, darüber zu scherzen und ein Lächeln gegeneinander auszutauschen. Es währte nicht lange, so bemerkte Anneli dies, und indem sie geschickt die Gekränkte spielte, sprach das Mädchen mit vielem Scharfsinn: »Ihr seid fürwahr recht lustig auf meine Kosten, und das bloß, weil ich lieber aufgestanden wäre und das Erforderliche selbst geholt hätte, statt daß ich wartete, bis der arme Willibald, der zwischen Tafel und Kredenztisch umhertraben mußte, Zeit fand, es mir zu bringen. Jetzt lacht Ihr mich aus, weil ich Euch bei den Namen nenne, die Euch bei der Taufe im Gotteshause beigelegt wurden, und weil ich Du und Dir und Dich zu Euch sage und den gnädigen Junker und das gnädige Fräulein so anrede, als ob ich auf meinen Knien mit Gott im Himmel spräche. Doch trotz all Euerm geschnörkelten Wesen kann ich sagen, daß Ihr nichts als ein paar Kinder seid, die ihr eigenes Gemüt nicht erkennen und die kurze Mußezeit hinwegspötteln, die ihnen gelassen ist, für ihr eigenes Glück zu sorgen. Nun, runzelt die Stirn nicht, gnädiges Fräulein, ich habe zu oft zum Pilatusberge aufgeblickt, als daß ich mich vor einer düstern Stirn fürchten möchte.« – »Still, Anneli,« sagte ihre Gebieterin, »oder ich gehe hinaus.«– »Hätte ich Euch nicht ebenso lieb wie mich selbst,« sagte die kecke, unerschrockene Dirne, »so würde ich das Gemach und die Burg obendrein verlassen und Euch allein hier wirtschaften lassen, mit Eurem liebenswürdigem Vogt, dem Itel Schreckenwald.« – »Wenn nicht aus Liebe zu mir, so schweige aus Scham und aus Mitleid; oder geh hinaus.« – »Nun,« sprach Anneli, »mein Riegel ist schon vorgeschoben, und ich habe nur auf das angespielt, was alle zusammen auf dem Rasen zu Geierstein an jenem Abend sagten, wo der Buttisholzer Bogen gespannt ward. Ihr wißt, was die alte Sage spricht? Diese meine gnädige Herrin, mein Herr Arthur, bedürfte wohl einer Zofe, die aus Herbstflocken gewoben und mit dem Atem eines Luftgeistes beseelt ist. Könnt Ihr's glauben? Viele meinen ganz ernstlich, sie gehöre zu einem Geschlechte von Elementargeistern.«

Anna von Geierstein schien geneigt zu sein, die Unterhaltung von dem Gegenstand, auf den das Mädchen sie gebracht, abzulenken und von gleichgültigeren Dingen zu reden. Zuvor jedoch sagte sie: »Herr Arthur denkt vielleicht, es läge wirklich Grund zu einem seltsamen Argwohn vor, den einige Toren in Deutschland wie in der Schweiz verbreitet haben. Gesteht es, Arthur, Ihr dachtet sonderbar von mir, als ich an der Brücke zu Grafenlust, wo Ihr Wache standet, an Euch vorüberschritt?«

Die Erinnerung an diese Erscheinung, die ihn damals so gewaltig ergriffen hatte, ergriff noch jetzt unsern Arthur so tief, daß er nur mit Mühe sich beherrschen konnte, um eine Antwort zu finden, und was er erwiderte, war abgebrochen und unzusammenhängend. »Ich hörte – ich muß gestehen – Rudolf von Donnersberg erzählte – doch daß ich etwa glaubte, Ihr wärt, schönes Fräulein, etwas anderes als ein christliches Mädchen.–« – »Nun, wenn Rudolf der Erzähler war,« nahm Anneli das Wort, »so ist es gewiß, daß Ihr nur das Schlimmste über meine Gebieterin und deren Verwandtschaft hörtet. Sicherlich erzählte er Euch ein hübsches Gespenstermärchen, nicht wahr, von meines Fräuleins Großmutter? und fürwahr, die Umstände trafen damals so zusammen, daß Ihr das Märchen so ziemlich für wahr halten konntet.« – »Nicht so, Anneli,« versetzte Arthur; »was auch von Deinem Fräulein Seltsames und Wunderliches gesagt werden mochte, es fiel als unglaubwürdig zu Boden.« »Herr Arthur Philippson,« ergriff Anna das Wort: »wahr ist es, mein Großvater mütterlicher Seite, der Freiherr von Arnheim, war ein Mann von großen Kenntnissen in dunklen und geheimnisreichen Wissenschaften. Auch war er Oberrichter eines geheimen Tribunals, von dem Ihr gehört haben müßt, und das die heilige Feme heißt. Eines Nachts kam ein Fremder, der von jenem geheimen Gericht verfolgt wurde, in die Burg und flehte meinen Ahnherrn um Schutz und Gastfreundschaft an. Mein Großvater, der den Fremden als großen Alchimisten kannte, verlieh ihm Schutz, und sie studierten zusammen ein Jahr und einen Tag lang und drangen in die Geheimnisse der Natur soweit ein, wie es dem Menschen überhaupt vergönnt ist. Als der Tag näher kam, an dem der dem Fremden gewährte Aufschub verflossen war und er von seinem Wirte scheiden mußte, bat er um die Erlaubnis, seine Tochter in die Burg kommen zu lassen, um ihr das letzte Lebewohl zu sagen. Dem Mädchen, dessen Vater einem ungewissen Schicksal entgegenging, gewährte der Freiherr von Arnheim eine Zuflucht in der Feste, wobei er vielleicht hoffte, auch durch sie seine Kenntnisse in den morgenländischen Sprachen und Wissenschaften zu bereichern. Danischmende, ihr Vater, verließ diese Burg, um sich zu Fulda dem Femgerichte zu überliefern. Welchen Ausgang das Verfahren nahm, blieb unbekannt. Vielleicht wurde Danischmende durch das Zeugnis des Freiherrn gerettet, vielleicht wurde er dem Dolch und dem Strange überliefert. Wer wagt es, solche Gegenstände zu besprechen? Die schöne Perserin wurde die Gattin ihres Hüters und Beschützers. Neben vielen Vorzügen besaß sie besonderen Hang zur Unvorsichtigkeit. Sie benützte ihre ausländische Kleidung, ihre fremdartigen Sitten, ihre Schönheit, die wundersam gewesen sein soll, und ihre fast unglaubliche Beweglichkeit, die unwissenden deutschen Weiber in Erstaunen und Schrecken zu setzen, so daß letztere, da sie überdies die Freifrau von Arnheim Persisch und Arabisch sprechen hörten, sie wohl für eine, mit gottlosen Künsten vertraute Frau hielten. Hermione, meine Großmutter, war exzentrisch und phantastisch und fand daran Vergnügen. Sie förderte sogar diesen lächerlichen Argwohn. Der Geschichten, die über sie verbreitet wurden, war keine Ende. Ihr erstes Erscheinen in der Burg soll höchst malerisch gewesen sein und an das Wunderbare gegrenzt haben. Da sie von Standesvorurteilen ganz frei war, geriet sie mit einigen Verwandten über Rang und Vorrang in Zwist; und dies kostete sie das Leben; denn am Morgen des Tauftages meiner armen Mutter starb die Freiin Hermione von Arnheim plötzlich, eben als eine zahlreiche Gesellschaft in der Burg zur Feier versammelt war. Man glaubt, sie sei an Gift gestorben, das die Freifrau von Steinfeld ihr beizubringen wußte, weil sie mit dieser wegen einer Freundin und Gefährtin, der Gräfin Waldstetten, in einen erbitterten Zank geraten war.«