»Selbstverständlich,« versetzte Mac Morlan, »muß sie doch die Vollmacht unterfertigen, die ich gleich aufsetzen will. Aber keine Sorge, lieber Oberst! Fräulein Lucy wird keine Luftschlösser darauf bauen, sondern die Sache mit nüchternen Augen betrachten – als eine Möglichkeit zur bessern Gestaltung ihrer Zukunft – als sonst nichts weiter.«
Mac Morlan hatte recht. Lucy ließ sich in keiner Weise merken, daß der so unvermutet eingetretene Todesfall ihr günstige Aussicht für die Zukunft eröffnete. Zwar richtete sie abends an Mac Morlan die scheinbar zufällige, doch aber nicht unauffällige Frage, wie hoch sich Hazlewoods Einkünfte im Jahre wohl stellen möchten; aber wer hätte daraus schließen mögen, daß sie sich mit der Frage befaßte, ob sie als Erbin von vierhundert Pfund Jahresrente eine passende Partie für den jungen Laird sei?
Fünftes Kapitel
Mannering säumte keinen Augenblick, die Reise nach Edinburg anzutreten, und lotste mit Hilfe seines Dieners den braven Sampson, trotzdem er zweimal in Gefahr geriet, ihn unterwegs zu verlieren, glücklich in ein Edinburger Gasthaus. In einem Städtchen, wo gehalten werden mußte, war er mit dem Schulmeister über einen Vers in einer horazischen Ode in endlosen Diskurs geraten; das andere Mal war er entschlüpft, um sich das Schlachtfeld von Rullion-Green [Im Jahre 1566 wurden die Presbyterianer von dem königlichen Heere, unter dem tapfern General Dalzell, hier geschlagen. Siehe hierüber den Roman: »Die Schwärmer« von Walter Scott.] anzusehen, das für den eifrigen Presbyterianer ein höchst sehenswertes Objekt darstellte. Als ihn der Diener Mannerings endlich aufstöberte und ihn barsch anfuhr, daß alles bloß auf ihn wartete, schreckte er ordentlich zusammen und ließ den stereotypen Ausruf seiner Verwunderung: »Komisch! komisch!« hören – um noch hinzuzusetzen: »Du liebe Zeit! Wie konnte ich mich so vergessen!«
Diener Barnes konnte sich über seines Herrn Geduld Sampson gegenüber nicht genug wundern, wußte er doch, wie verhaßt seinem an militärischen Drill gewöhnten Herrn jeder Zug von Saumseligkeit und Lässigkeit war. Aber Sampson und Mannering harmonierten immer ausgezeichnet, ja sie schienen zu Lebensgefährten förmlich wie geschaffen. Brauchte Mannering irgend ein Buch, so schaffte der Magister es zur Stelle; galt es Rechnungen zu prüfen oder zu ordnen, war Sampson im Nu bereit; suchte Mannering irgend eine Klassikerstelle, so wußte sie Sampson auf den Moment, war er doch ein lebendiges Wörterbuch; und für einen so stolzen, in sich abgeschlossenen Mann, wie Mannering, hatte solch ein auf die Minute bereiter »zweibeiniger Universalkatalog« und »allzeit dienstbares Faktotum« natürlich der Vorteile mancherlei.
Kaum in Edinburg angekommen, ließ sich Mannering zu dem Rechtsgelehrten Pleydell führen, an den ihn Mac Morlan empfohlen hatte, schärfte aber seinem Diener ein, dieweil ein wachsames Auge auf Sampson zu haben. Damals – gegen Ausgang des amerikanischen Krieges – hatte sich Edinburg nur wenig entwickelt. Mit dem Bau der Neustadt auf der Nordseite, die jetzt fast eine Großstadt für sich geworden, wurde gerade erst begonnen. Die höhern Stände, besonders aber die Rechtsgelehrten, hatten ihre Wohnungen noch fast ausschließlich in der dunklen, verräucherten Altstadt, und dort wohnte auch Herr Paul Pleydell, ein strammer Verfechter der sogenannten »guten alten Zeit,« der mit Eigensinn an sanktionierten Bräuchen der Vergangenheit festhielt, und dementsprechend nicht bloß ein trefflicher Rechtsmann, sondern ein Bieder- und Ehrenmann war.
Als Mannering mit seinem Führer durch einige Straßen zwischen den himmelhohen, bis unter das Dach erleuchteten Häusern der High-Street gegangen war, kamen sie endlich zu einem unscheinbaren Gebäude und waren schon ziemlich hoch auf steilen Treppen gestiegen, als sie, zwei Stockwerke höher, ein lautes Pochen horten. Eine Tür tat sich auf, und alsbald wurde das wilde Gebell eines beißenden Hundes, Weibergeschrei, Katzengeheul, und dazwischen eine Männerstimme laut, die gebieterisch rief: »Kusch dich, Senf! kusch!«
»Gott sei uns gnädig!« rief die Weiberstimme. »Hält' er die Katze erwürgt, dann wäre mein Herr schier außer sich.«
»Ach, was soll denn der Katze geschehen sein? Also nicht da, sagst Du?« fragte der Mann, Dinmont mit Namen.
»Nein, Herr Pleydell ist Sonnabends nie da!«
»Und morgen ist Sonntag,« versetzte Dinmont, »was soll man da machen?«
Mannering kam inzwischen die Treppe herauf und sah sich einem rüstigen Landmann in grauem Rocke mit dicken Metallknöpfen, einem glänzenden Hut auf dem Kopfe, in blitzblanken Stiefeln, mit langer Reitpeitsche unter dem Arm, gegenüber – der mit einem Mädchen sprach, das in der einen Hand das Türschloß, in der andern eine Gelte mit weißer Tünche hielt, dem in Edinburg Sonnabends üblichen Säuberungsmittel.
»Herr Pleydell also nicht da, Kind?« fragte Mannering wieder.
»Da ist er, Herr, aber nicht daheim.«
»Aber ich komme weither, Kind, und habe es höchst eilig,« erwiderte Mannering; »wo treffe ich Deinen Herrn?«
»Herr Pleydell wird wohl im Wirtshause sein,« meinte sein Führer.
»So bringt mich dorthin,« wandte der Oberst sich zu seinem Begleiter; »er wird mich hoffentlich dort anhören, da ein sehr wichtiges Geschäft mich zu ihm führt.«
»Darüber kann ich nichts sagen,« antwortete das Mädchen, »Sonnabends läßt er sich nicht gern stören; aber die Höflichkeit gegen Fremde läßt er nicht außer acht.«
»Ich gehe mit in die Schenke,« meinte Dinmont; »ich komme auch weither und habe auch wichtige Geschäfte.«
»Je nun,« meinte die Magd, »wenn er mit dem Herrn da redet, wird er für Euch gemeineren Mann wohl auch ein Wort übrig haben. Sagt aber um Himmels willen nicht, daß ich Euch schicke.«
»Nun, wenn ich auch nicht zu den Vornehmen rechne, so verlange ich doch von niemand was umsonst,« versetzte der Pächter in ehrlichem Stolze und ging schweren Schrittes die Treppen hinunter.
Mannering, ihm auf dem Fuße folgend, konnte nicht umhin, den festen Schritt des Bauern zu bewundern, der ihnen durch das Straßengewühl den Weg bahnte ... »Nun, der mag nicht aus der Straßenmitte,« meinte der Führer zum Obersten, »aber wundern sollte es mich, wenn nicht schließlich jemand mit ihm anbände!«
Die Vermutung bestätigte sich aber nicht. Dinmonts urkräftige Gestalt flößte solchen Respekt ein, daß sich niemand an ihn herantraute, sondern ihn ungestört ziehen ließ. Endlich drehte sich Dinmont um und sagte zu dem Führer: »Da geht's wohl hin zu der Schenke, nicht wahr, Freund?«
Der Führer nickte, und Dinmont ging erst einen dunklen Gang entlang, dann eine dunkle Treppe hinunter und geriet endlich vor eine offene Tür. Dort pfiff er laut nach dem Aufwärter wie einem seiner Hunde; und Mannering sah sich um, außerstande zu begreifen, wie ein Mann von Bildung, der an gute Gesellschaft gewöhnt ist, in einem so armseligen, halbverfallenen Hause Unterhaltung suchen könne. Der Korridor, in welchem sie standen, hatte ein kleines Fenster, das zur Küche führte. Beim Scheine eines hellflackernden Feuers erblickte man dort Männer und Weiber in der muntersten Tätigkeit – teils mit Backen und Braten, teils mit dem Rösten von Austern beschäftigt, während die Beherrscherin dieses Feuerreiches in ausgetretenen Schuhen, mit wildfliegendem Haar, das zu einer kleinen Haube heraushing, wie eine Megäre herumschoß, kommandierend, arbeitend, und Befehlen einer noch höheren Gewalt fügsam ... Aus verschiedenen Teilen des Hauses erscholl munteres Gelächter, ein Zeichen dafür, daß die Megäre es verstand, durch gute Speisen ihre Gäste in gute Stimmung zu setzen. Endlich lieh sich der Kellner herbei, den Obersten und den Bauern nach dem Zimmer zu geleiten, in welchem der vielbegehrte Rechtsgelehrte seine Wochenkneipsitzung abhielt. Das Schauspiel, das sich den beiden Fremden bot, setzte sie in das größte Erstaunen.
Pleydell war ein munterer Herr mit klugem Gesicht, pfiffigen Augen und von jener Förmlichkeit im Wesen, die der Amtsberuf mit sich bringt. Sonnabends aber streifte er mit seiner dreizöpfigen Perücke und seinem schwarzen Rocke auch alle Förmlichkeit ab und war unter fidelen Kameraden der fidelste. Seit vier Uhr saßen sie schon beisammen, all die starken Trinker vorm Herrn, unter Leitung eines wackern Vortrinkers, der schon drei Menschenalter hindurch diesen Gelagen beiwohnte und während der Hälfte dieser Zeitspanne auch präsidierte. Ein uraltes, jetzt vergessenes Spiel, »Highs-Jinks« genannt, wurde dabei getrieben, aber auf höchst verschiedene Weise: mit Karten, Würfeln, Brettsteinen usw. Wen das Los traf, der mußte entweder eine Zeitlang im Geiste einer bestimmten Rolle handeln oder eine gewisse Menge von schnurrigen Versen in bestimmter Ordnung herleiern. Wer aus der Rolle fiel oder steckenblieb, mußte büßen und zur Strafe entweder einen Becher mehr trinken oder einen Strafgroschen in die »Pinke« stiften.