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»Steht auf, steht auf,« wiederholte das Mädchen, deren Tränen heftig zu fließen begannen und, als sie versuchte, ihren Geliebten vom Boden zu erheben, ihm auf Stirn und Angesicht fielen. »Ich habe,« setzte sie hinzu, »genug gehört; noch mehr zu hören, wäre Wahnsinn für Euch und mich.« – »Nur noch das eine Wort,« sagte der Jüngling: »solange Arthur ein Herz hat, schlägt es für Euch – so lange Arthur eine Waffe schwingen kann, geschieht es für Euch und um Euretwillen.« – Anneli stürzte in das Gemach. – »Fort! Fort!« rief sie, »Schreckenwald ist aus dem Dorfe mit einigen scheußlichen Nachrichten heimgekehrt, und ich fürchte, er wird hierherkommen.«

Arthur hatte sich sofort vom Boden erhoben. – »So Deiner Gebieterin Gefahr nahe ist, Anneli,« sprach der Engländer, »so ist mindestens ein treuer Freund ihr zur Seite.« – Anneli blickte ängstlich auf ihre Gebieterin, »Aber Schreckenwald,« sprach sie – »Schreckenwald, Eures Vaters Vogt – sein Vertrauter, – Erwägt das! Ich kann Arthur irgendwo verbergen.« –

Die edelherzige Anna von Geierstein hatte all ihre Fassung wiedererlangt und versetzte mit Würde: »Ich habe nichts getan, was meinen Vater beleidigen könnte. Ist Schreckenwald meines Vaters Vogt, so ist er auch mein Untertan. Um seinetwillen verstecke ich keinen Gast. Setzt Euch,« fuhr sie zu Arthur gewendet fort, »und laßt uns diesen Mann empfangen. Führe ihn sofort herein, Anneli, und laß uns hören, was er zu melden hat. – Auch gib ihm zu bedenken, daß, wenn er zu mir spricht, es seine Herrin ist, mit der er redet.«

Arthur nahm seinen Sitz wieder ein und war noch stolzer auf seine Wahl, als er edlen und furchtlosen Mut in einem Mädchen wahrnahm, das vor kurzem sich so empfänglich für die zartesten Empfindungen des weiblichen Geschlechtes gezeigt hatte.

Siebentes Kapitel

Arthur erwog hastig, wie er sich bei dem herannahenden Auftritt zu verhalten hätte, und beschloß klüglich, alle tätige und persönliche Einmischung zu vermeiden, bis er aus Annas Benehmen ermessen könne, daß ihr ein anderes Auftreten seinerseits angenehm sein dürfte. Er nahm also fern vom Tische Platz, indem er zu gleicher Zeit seine innere lebhafte Besorgnis unter einem Anstrich ehrerbietiger Zurückhaltung zu verdecken suchte, Anna dagegen schien auf eine heftige Szene gefaßt zu sein. Doch nahm sie eine weibliche Arbeit zur Hand und erwartete ebenfalls mit Ruhe den Ankömmling, über den ihre Zofe soviel Geschrei erhoben hatte.

Ein eiliger und ungleicher Schritt ließ sich auf der Treppe vernehmen, wie wenn sich jemand in Bestürzung näherte; die Tür flog auf, und Itel Schreckenwald trat ein.

Dieser Itel, der aus der Schilderung des Landammanns, dem Leser schon einigermaßen bekannt ist, war ein großer, wohlgebauter Mann von kriegerischem Aeußern. Seine Kleidung, gleich der eines Mannes vom Stande damaliger Zeit, war buntfarbig und geziert, aufgeschlitzt und benäht. Die nimmerfehlende Reiherfeder schmückte sein Barett und wurde von einer Goldmünze, die als Agraffe diente, gehalten. Auf der Brust trug er eine goldene Kette als Zeichen seines Ranges unter der Dienerschaft des Freiherr«. Er trat mit ziemlich eilfertigem Schritte und geschäftigem, finsterm Blicke ein, indem er etwas derb fragte: »Wie, nun, junges Fräulein? Was soll das heißen? Fremde in der Feste zu dieser nächtlichen Stunde?«

Obwohl Anna von Geierstein lange Zeit außerhalb ihres Geburtslandes gewesen war, so waren ihr doch dessen Sitten und Gebräuche genau bekannt, und sie wußte, mit welcher Hoffahrt alle Untergebenen daselbst von ihren Herrschaften behandelt wurden. »Seid Ihr ein Vasall der Arnheimer Herren, Itel Schreckenwald,« fragte sie, »und sprecht also zu dem Fräulein von Arnheim in ihrer eigenen Burg, und das mit so lauter Stimme, mit mürrischem Blick und obendrein bedeckten Hauptes? – Vergeßt nicht, wer Ihr seid, und wenn Ihr Eurer Frechheit wegen um Verzeihung bittet und Eure Botschaft in Ausdrücken vorbringt, die Eurem und meinem Stande gemäß sind, so will ich hören, was Ihr mir zu sagen habt.«

Wider Willen schob Schreckenwalds Hand sich nach dem Barette, und der stolze Vogt entblößte die Stirn. – »Edles Fräulein,« sagte er in etwas milderem Tone, »entschuldigt mich, wenn meine Hast sich etwas unziemlich zeigt; allein, die Unruhe ist arg. Das Kriegsvolk des Rheingrafen hat Meuterei angestiftet, die Banner seines Gebieters herabgerissen und ein Zeichen der Unabhängigkeit aufgesteckt. Sie nennen es das Fähnlein des heiligen Nikolaus und erklären unter diesem Panier, Frieden mit Gott und Krieg mit aller Welt haben zu wollen. Sie werden sicher, um zuvörderst in den Besitz eines festen Punktes zu kommen, diese Feste angreifen. Ihr müßt also aufbrechen und das mit dem ersten Morgenstrahle. Für den Augenblick sind sie mit den Weinschläuchen der Bauern beschäftigt; allein, wenn sie morgen früh erwachen, so werden sie ohne Zweifel hierherziehen, und leicht könntet Ihr in ihre Hände fallen, denn vor den Schrecken der Feste fürchten sie sich ebensowenig, wie vor dem Dunstgebilde eines Zaubermärchens.«

»Ist es nicht möglich, ihnen Widerstand zu leisten? Die Burg ist fest,« sagte das junge Fräulein, »und ungern verlasse ich das Haus meiner Väter, ohne eine Verteidigung auch nur versucht zu haben.« – »Fünfhundert Mann,« sagte Schreckenwald, »wären nötig, Arnheims Tore und Mauern zu besetzen. Mit geringerer Mannschaft wäre es Tollheit, die Verteidigung einer Burg, wie diese, zu versuchen; und ich weiß nicht, wie ich zwanzig Söldner zusammenbringen soll. So! da Ihr jetzt die ganze Geschichte wisset, so laßt mich Euch ersuchen, diesen Gast zu entlassen, der, wie mich dünkt, zu jung ist, um der Insasse einer Wohnung zu sein, in der eine Dame haust. Ich will ihm den nächsten Weg zeigen, der aus der Feste führt; denn, wie die Dinge jetzt liegen, hat jeder genug mit seiner eigenen Sicherheit zu schaffen.«

»Und wohin gedenkt Ihr zu gehen?« fragte die Freiin. – »Nach Straßburg, falls es Euch gefällt, und bis Tagesanbruch will ich versuchen, noch einige Geleitsmänner zusammenzubringen.« – »Und warum nach Straßburg?«

»Weil ich dort Euren hochedlen Vater, den edlen Freiherrn Albert von Geierstein, treffen werde.« – »Gut,« sagte das Fräulein. »Auch Ihr, Herr Philippson, nanntet, wie mich dünkt, Straßburg als Euer nächstes Ziel. Wenn es Euch angenehm ist, so mögt Ihr bis dahin unter dem Schutze meiner Geleitsmänner reisen, Ihr wollt ja dort auch mit Eurem Vater zusammentreffen.«

Man wird gern glauben, daß Arthur fröhlichen Herzens in einen Vorschlag einstimmte, der ihm Gelegenheit gab, noch länger in Annas Gesellschaft zu bleiben. Seine erhitzte Einbildungskraft spiegelte ihm vor, daß er vielleicht auf dieser mit Gefahren belagerten Straße seiner Geliebten einen Dienst würde leisten können.

Itel Schreckenwald versuchte, Einwendungen zu machen. – »Fräulein! Fräulein!« rief er mit Ungeduld. – »Schöpft Atem, und gönnt Euch Ruhe, Schreckenwald,« entgegnete ihm Anna, »und Ihr werdet besser imstande sein, Euch mit geziemender Höflichkeit auszudrücken.« – Der ungeduldige Vasall murmelte einen Fluch zwischen seinen Zähnen, und antwortete mit erzwungener Höflichkeit: »Erlaubt mir, zu bemerken, daß wir genug damit zu tun haben, für Euch allein Sorge zu tragen. Wir können nicht gestatten, daß ein Fremder mit uns ziehe.«