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Als sie zwei Stunden und länger geritten waren, glaubte Itel sich soweit in Sicherheit, daß er es wagte, an einem lieblichen Haine Halt machen zu lassen, wo sie sich verbergen und Roß und Reiter sich erfrischen konnten. Zu diesem Zweck hatte man Futter und Speise mitgenommen. Nachdem Itel Schreckenwald Rücksprache mit der Freiin genommen hatte, fuhr er fort, gegen den englischen Reisegefährten eine Art sauertöpfischer Höflichkeit zu äußern. Er lud ihn ein, an seiner Schüssel teilzunehmen, deren Inhalt sich freilich wenig von dem unterschied, was den übrigen Reitern gereicht wurde, die jedoch mit einem Becher besseren Weins gewürzt war.

Nach kurzer Frist bestieg man wieder die Rosse und trabte so rüstig weiter, daß man lange vor Mitternacht die starke Festung Kehl auf dem östlichen Rheinufer, Straßburg gegenüber, erreichte.

Es mag Ortsbeschreibern überlassen bleiben, ausfindig zu machen, ob unsere Reisenden von Kehl nach Straßburg über die berühmte Schiffbrücke ritten, die jetzt über den Strom leitet, oder ob sie auf irgend eine andere Weise über den Rhein kamen. Genug, sie erreichten wohlbehalten das jenseitige Ufer, und als sie auf der andern Seite an das Land stiegen, näherte sich Anna sogleich dem jungen Engländer, der nur allzuwohl erriet, was sie ihm sagen wollte.

»Edler Fremdling,« sprach sie, »ich muß Euch Lebewohl sagen. Zuvor aber laßt mich wissen, wo Ihr Euren Vater aufzusuchen gedenkt?« – »In der Herberge zum fliegenden Hirsch,« warf Arthur hin; »allein, wo diese Herberge in dieser großen Stadt zu finden ist, weiß ich nicht,« – »Kennt Ihr sie, Itel Schreckenwald?« – »Ich, junges Fräulein? Ich? Nein! Ich weiß nichts von der Stadt Straßburg und deren Herbergen. Ich glaube, alle, die mit uns sind, wissen ebensowenig davon.« – »Ihr sprecht aber Deutsch, wie unsere Begleiter, meine ich,« sagte Anna von Geierstein trocken, »und könnt also besser Nachfrage halten als ein Fremder. Geht, Herr, und vergeßt nicht, daß Menschenliebe dem Fremdling zu erweisen eine Pflicht ist, die die Gotteslehre uns auferlegt.«

Mit jenem Achselzucken, an dem man einen unfreiwilligen Boten erkennt, machte sich Itel Schreckenwald auf den Weg, Erkundigungen einzuziehen, und während seiner kurzen Abwesenheit nahm Anna die Gelegenheit wahr, unserm Arthur zuzuflüstern: »Lebt Wohl! Lebt wohl! Nehmt dieses Andenken der Freundschaft und tragt es mir zu Ehren! Seid glücklich!« Ihre zarten Finger ließen ein kleines Päckchen in seine Hand gleiten. Arthur wollte ihr danken; doch schon war sie fortgeeilt, und Schreckenwald, der neben ihm hielt, sprach in seinem rauhen Tone: »Kommt, junger Herr, ich habe Eure Herberge gefunden, aber wenig Zeit, den Zeremonienmeister bei Euch zu machen,« – Dann ritt er fürbaß, und Philippson, der im Sattel seines Kriegshengstes saß, folgte ihm schweigend bis zu einer Stelle, wo eine Straße quer vor der vorüberlief, die sie vom Stromufer heraufgekommen waren. – »Dort weht der fliegende Hirsch!« sagte Itel, indem er auf ein übergroßes Aushängeschild zeigte, das, an einem riesigen Pfahl befestigt, fast die ganze Breite der Straße einnahm. »Euer Witz kann Euch kaum verlassen, wenn Ihr solchen Wegweiser im Auge habt.« – Mit diesen Worten wendete er sein Roß und sprengte, ohne weiter Lebewohl zu sagen, zurück zu seiner Gebieterin.

Achtes Kapitel

In der Herberge zum fliegenden Hirsch in Straßburg wurden, wie in allen Gasthäusern im deutschen Reiche zu jener Zeit die Gäste ebenso rücksichtslos behandelt, wie in der Herberge des Johannes Mengs, Allein die Jugend und das ehrliche Aussehen des jungen Philippson, Umstände, die selten oder niemals verfehlen, da ihre Wirkung zu tun, wo es Mädchen gibt, vermochten so viel über eine kurze, derbe, blauäugige, glattwangige Jungfrau, die Tochter des Wirtes zum fliegenden Hirsch (der selber ein fetter alter Mann war und im Eichenstuhle hinterm Stubenofen faulenzte), daß sie über den Vorhof trippelte, um unserm jungen Reisenden eine unbesetzte Stallung für sein Roß anzuweisen. Sie ließ sich ferner auf Arthurs Frage nach seinem Vater noch weiter herab, indem sie sich erinnerte, daß ein Gast, wie er ihn beschrieb, die vorige Nacht in der Herberge zugebracht und hier auf einen jungen Reisegefährten wartete.

»Ich will ihn Euch herausschicken, schöner Herr,« sagte die kleine Jungfer mit einem Lächeln, welches, wenn Dinge solcher Art nach ihrem seltenen Erscheinen zu würdigen sind, für unschätzbar hätte geachtet werden müssen.

Die Dirne hielt Wort. Nach wenigen Minuten trat der ältere Philippson in den Stall und schloß seinen Sohn in die Arme. »Mein Sohn, mein geliebter Sohn!« sagte er, indem er seine gewöhnliche Verschlossenheit ablegte und sich dem natürlichen Gefühl der väterlichen Zärtlichkeit hingab. »Willkommen mir zu allen Zeiten – willkommen zu einer Zeit des Zweifels und der Gefahr – höchst willkommen mir in einem Augenblicke, der unser Geschick zur Entscheidung bringt! In wenigen Stunden werde ich erfahren, was wir von dem Herzoge von Burgund zu erwarten haben. – Hast Du das Zeichen?«

Arthurs Hand überreichte seinem Vater das Kästchen, das zu La Ferette in so seltsamer Weise verloren gegangen und wieder herbeigeschafft worden war. »Es hat viel Gefahr überstanden, seit Ihr es nicht saht,« sagte er. »Ich fand Nachtherberge in einer Feste und sah, wie ein Troß Landsknechte in der Umgebung am Morgen wegen vorenthaltener Löhnung Meuterei anfingen. Die Bewohner der Burg entflohen, und als wir am frühen Morgen abzogen, schoß ein trunkener Bärenhäuter mir das Pferd nieder, und ich war gezwungen, dieses schwerfällige flamländische Roß mit seinem Stahlsattel und seiner groben Schabracke einzutauschen.«

»Unser Pfad ist von Gefahren umringt,« sagte sein Vater. »Auch ich habe meinen Teil bekommen, indem ich in einer Herberge, wo ich die verflossene Nacht weilte, große Drangsale erduldete. (Er beschrieb sie des Näheren nicht). Allein ich zog am folgenden Morgen sogleich weiter und langte wohlbehalten hier an. Nunmehr habe ich endlich ein sicheres Geleit bekommen, das mich in das Lager des Herzogs unsern Dijon führen wird, wo ich hoffe, noch am selben Abend eine Unterredung mit dem Burgunderfürsten zu haben. Schlägt dann unsere letzte Hoffnung fehl, so wollen wir den Seehafen von Marseille aufsuchen, nach Candia oder Rhodus segeln und unser Leben dem Kampf für die Christenheit weihen, wenn wir für England zu streiten nicht imstande sein sollten.«

Arthur hörte diese vielsagenden Worte, ohne darauf zu antworten, allein sie sanken ihm darum nicht minder schwer aufs Herz. In diesem Augenblick begannen die Glocken des Münsters zu läuten und erinnerten den älteren Philippson an die Pflicht, eine Messe zu hören. Wie aus innerem Antriebe folgte Arthur seinem Vater.

Als sie sich dem Portal der Hauptkirche näherten, fanden sie es von Bettlern beiderlei Geschlechts belagert, die den Andächtigen reichlich Gelegenheit gaben, die Pflicht des Almosenausteilens, einen wesentlichen Teil der kirchlichen Obliegenheiten, Zu erfüllen. Die Engländer entledigten sich der zudringlichen Menge dadurch, daß sie, wie man in solchen Fällen zu tun pflegt, denen eine kleine Gabe in Kupfergeld reichten, die deren am nötigsten zu bedürfen oder der Mildtätigkeit am meisten wert zu sein schienen. Eine lange, weibliche Gestalt stand an den Stufen nahe der Pforte und streckte ihre Hand dem älteren Philippson entgegen, der, betroffen über ihr Aeußeres, die Kupfermünze, die er auch den übrigen Bettelnden gereicht hatte, mit einem Silberstück vertauschte.