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»Ein Wunder,« sagte die weibliche Gestalt in englischer Sprache, jedoch mit einer Stimme, die wohl nur von ihm allein gehört werden sollte, obwohl auch Arthur die Worte vernehmen konnte: »Ja, ein Wunder! Ein Engländer besitzt noch ein Silberstück und hat es übrig, um es einer Armen zu spenden!«

Arthur gewahrte, wie sein Vater über die Stimme oder die Worte zu erschrecken schien, die selbst auf ihn mehr Eindruck machten, als etwa die Bemerkung irgend eines gewöhnlichen Bettlers. Doch schritt sein Vater, nachdem er einen Blick auf das Weib geworfen hatte, das ihn so anredete, vorwärts in das Schiff der Kirche und war bald beschäftigt, teil an der Messe zu nehmen, die von einem Geistlichen am Altar in einer von dem Prachtgebäude abgesonderten Kapelle gelesen wurde. Die Feier begann und endete unter allen dabei üblichen Förmlichkeiten. Der zelebrierende Priester zog sich mit den Messedienern zurück, und obgleich etliche der wenigen Andächtigen, die der heiligen Handlung beigewohnt hatten, noch blieben, ihren Rosenkranz beteten und sich ihrer Privatandacht hingaben, so verließen doch die meisten die Kapelle, um entweder zu andern Altären sich zu wenden oder zu ihren weltlichen Geschäften zurückzukehren.

Arthur Philippson nahm wahr, daß, während die Andächtigen nacheinander gingen, jene hohe weibliche Gestalt, die ein Almosen von seinem Vater erhalten hatte, noch immer am Altar kniete; und noch mehr erstaunte er, als er sah, daß auch sein Vater, der, wie er wußte, aus manchen Gründen nicht mehr Zeit in der Kirche zu verwenden hatte, als seine Andachtsübung notwendigerweise erforderte, dennoch auch auf den Knien liegen blieb und seine Blicke auf der Gestalt der Verschleierten haften ließ, als ob seine Bewegungen durch die ihrigen bestimmt werden sollten. Wie unser Arthur sich auch den Kopf zerbrechen mochte, so hatte er doch nicht die leiseste Ahnung von den Absichten seines Vaters. – Er wußte nur, daß er mit einer mißlichen, gefahrvollen Unterhandlung betraut war, die nur allzuleicht von mehreren Seiten her gestört werden konnte, und daß staatsklügelnder Argwohn sowohl in Frankreich und Italien wie in Flandern so allgemein erwacht war, daß die wichtigsten Botschafter häufig die undurchdringlichste Verkleidung anlegen mußten, um ohne Verdacht in die Länder zu gelangen, wo ihre Dienste verlangt wurden.

So dachte Arthur bei sich, dieses Weib könne vielleicht solch ein verkleideter Sendbote sein, und er nahm sich vor, seines Vaters Benehmen gegen diese sonderbare Bettlerin zu beobachten und sein eigenes Tun danach zu bestimmen. Neuer Glockenschall verkündete, daß eine noch feierlichere Messe vor dem Hochaltar des Münsters selbst gehalten wurde, und entzog vollends der Kapelle alle Beter, die vor dem Altäre des heiligen Georg gekniet hatten. Nur die Philippsons, Vater und Sohn, und die weibliche Gestalt blieben zurück. Als der letzte der Messehörenden sich entfernt hatte, erhob sich das Weib und näherte sich dem älteren Philippson, der die Arme über der Brust kreuzte, das Haupt beugte und in einer Stellung des Gehorsams stehen blieb, die sein Sohn früher nie an ihm wahrgenommen hatte. So schien er zu erwarten, was sie ihm zu sagen hätte, und nicht den Mut zu haben, sie anzureden.

Es entstand eine Pause.

Vier Ampeln, die vor dem Altarbild standen, verbreiteten matten Schein. Sonst war die Kapelle nur düster von der Herbstsonne erhellt, die kaum einen Weg durch das bunte gegitterte Fensterchen finden konnte. Das Licht fiel schaurig auf die etwas gebeugte, verkümmerte Gestalt des Weibes und auf den traurig und besorgt niederbückenden Vater und dessen Sohn, der mit allem Eifer der Jugend außerordentliche Ergebnisse von einer so seltsamen Begegnung erwartete und voraussah.

Die weibliche Gestalt trat dem Vater Philippson ganz nahe, als wollte sie sich ihm verständlich machen, ohne den leisen Ton ihrer Stimme zu erhöhen. – »Betet Ihr hier,« sprach sie, »zu dem heiligen Georg von Burgund oder zu dem Sankt Georg des fröhlichen Englands, der Blume der Ritterschaft?« – »Ich verehre,« sagte Philippson, indem er andächtig die Hände vor der Brust faltete, »den Heiligen, dem diese Kapelle geweiht ist, und die Gottheit bete ich an, bei welcher ich seine heilige Fürsprache so hier, wie in meinem Vaterlande hoffe.«

»Und auch Ihr,« sprach die weibliche Gestalt, »auch Ihr könnt vergessen – Ihr, eben Ihr, der Ihr zu der Blüte der Ritterschaft gezählt wurdet – Ihr könnt vergessen, daß Ihr in dem königlichen Tempel zu Windsor als kniegegürteter Ritter gebetet habt, wo Könige und Prinzen mit Euch beteten – Ihr könnt das vergessen – und hier an fremdem Altare Gebete zum Himmel schicken, gleich einem armseligen Bauer, der um Brot und Lebensunterhalt für den Tag fleht?«

»Lady,« versetzte Philippson, »in meinen stolzesten Stunden war ich vor dem Wesen, dem ich hier meine Gebete darbringe, nur ein Wurm im Staube. – In seinen Augen bin ich jetzt weder mehr noch minder, wie gering auch meine Mitmenschen von mir denken mögen.« – »Es ist gut, daß Du Dich damit trösten kannst,« sagte die Verhüllte. »Doch was ist auch Dein Verlust, verglichen mit dem meinigen?« – Sie legte die Hand an die Stirn und schien auf einen Augenblick von peinigenden Erinnerungen überwältigt.

Arthur drängte sich an seines Vaters Seite und fragte in einem teilnehmenden Ton, den er kaum zu unterdrücken vermochte: »Vater, wer ist die Dame? Ist es meine Mutter?«– »Nein, mein Sohn,« antwortete Philippson; »still bei allem, was Dir heilig und wert ist!«

Wie flüsternd Frage und Antwort auch gesprochen wurden, so hörte die sonderbare Gestalt doch beide: »Ja,« sprach sie, »junger Mann – ich bin – ich sollte sagen, ich sei – Eure Mutter; die Mutter, die Beschützerin alles dessen, was edel in England ist, ich bin Margaretha von Anjou,«

Arthur sank nieder auf seine Knie vor der hochherzigen Witwe Heinrichs VI., die so lange Zeit hindurch und unter so verzweifelten Umständen durch unerschütterlichen Mut und tiefe Staatsklugheit die verlorene Sache ihres schwachen Gemahls aufrecht erhalten hatte. Arthur war in inniger Anhänglichkeit an das jetzt entthronte Haus Lancaster auferzogen worden, dem sein Vater stets aufs treueste beigestanden, und im Kampfe für dieses Haus hatte er seine frühsten Waffentaten vollführt. Mit einer seinem Alter und seiner Erziehung völlig entsprechenden Schwärmerei warf er augenblicklich sein Barett auf das Steinpflaster und kniete zu den Füßen seiner unglücklichen Monarchin.

Margaretha zog den Schleier zurück, der ihre edlen, majestätischen Gesichtszüge verbarg, die – obschon Ströme von Tränen ihre Wangen gefurcht hatten – obschon Sorge, Mißgeschick, häuslicher Kummer und gedemütigter Stolz das Feuer ihrer Augen verlöscht und die sanfte Würde ihrer Stirne verwischt hatten, dennoch Spuren jener Schönheit zeigten, die einst in ganz Europa für unvergleichlich gegolten hatte. Die Niedergeschlagenheit, von der nach einer Reihe von Unglücksfällen und vereitelten Hoffnungen diese beklagenswerte Fürstin fast stets beherrscht war, schwand für einen Augenblick vor der schwärmerischen Ergebenheit des schönen Jünglings. Sie reichte ihm die Hand, die er mit Zähren und Küssen bedeckte, während sie ihm mit der andern voll mütterlicher Zärtlichkeit die Ringellocken streichelte. Mittlerweile warf sein Vater die Pforte der Kapelle zu und stellte sich mit dem Rücken dagegen, als wollte er es verhüten, daß irgend ein Fremder Zeuge eines so außerordentlichen Auftrittes würde.

»Du also,« sagte Margarethe in einem Tone, in welchem weibliche Zartheit seltsam mit dem ihrem Range natürlichen Stolze kämpfte und sich doch zugleich die ruhige, ergebungsvolle Gleichgültigkeit ausdrückte, die ihr nach so hartnäckigem Mißgeschick zu eigen geworden war – »Du also, wackerer Jüngling, bist der einzige Sprößling des edlen Stammes, von welchem so mancher schöne Ast für unsere hoffnungslose Sache fallen mußte? Ach! ach! Was kann ich für Dich tun? Margarethe hat nicht einmal einen Segen zu spenden; sie vermag nichts, als auf Dich hinzublicken und Dir Kraft zu wünschen, Deinen baldigen, völligen Untergang zu ertragen. Ich – ich bin der verhängnisvolle Giftbaum gewesen, dessen Aushauch all die schönen Pflanzen welken und hinsterben ließ, die neben mir und um mich her blühten; ich war es, die Tod über jeden brachte, und die doch selbst den Tod nicht zu finden vermag!« – »Edle und königliche Herrin! sagte der ältere der beiden Engländer, »laßt Euren fürstlichen Mut, der so Namenloses ertrug, nicht ermatten; jetzt nicht, wo die Not vorüber und mindestens Hoffnung auf bessere Zeit für Euch und England vorhanden ist!«