»Für England und für mich, edler Oxford?« fragte die unglückliche und verwitwete Königin. »Könnte die Sonne des morgenden Tages mich selbst wieder auf den Thron Englands setzen, vermöchte sie mir wohl damit zurückzugeben, was ich verlor? Nicht spreche ich von Reichtum und Macht – sie sind nichts im Vergleiche mit dem, was ich meine. – Nicht rede ich von den Anhängern und edlen Freunden, die zu meiner und ihrer eigenen Verteidigung fielen – nicht also von einem Somerset, einem Percy, Stafford und Clifford; sie haben ihren rühmlichen Platz in der Chronik des Vaterlandes gefunden; nicht erwähne ich meines Gemahls, denn er hat den Stand eines auf Erden duldenden Heiligen mit dem eines glorreichen Heiligen im Himmel vertauscht. – Aber o, Oxford! Mein Sohn! Mein Eduard! Ist es mir möglich, auf diesen Jüngling zu blicken und nicht daran zu denken, wie Deine Gattin und ich in einundderselben Nacht jede einen schönen Knaben das Licht der Welt erblicken ließen? Wie oft bemühten wir uns, der Söhne kommendes Geschick voraus zu erkennen und uns einzureden, daß das gleiche Gestirn, das auf ihre Geburt herabgeleuchtet habe und nun auf ihr folgendes Leben Einfluß haben müsse, sie in freundschaftlicher, gleichgestimmter Neigung einem glückseligen, ehrenvollen Ziele zuführen würde! Ach, Oxford, Dein Sohn Arthur lebt; aber mein Eduard, der unter den gleichen Zeichen geboren war, füllt ein blutiges Grab!«
Sie hüllte ihr Haupt in ihren Schleier, als ob sie die Klagen und Seufzer ersticken wollte, in die ihr Mutterherz bei diesen grausamen Erinnerungen ausbrach, Philippson, oder der verbannte Graf von Oxford, wie wir ihn jetzt nennen mögen, der sich in diesen wechselvollen Zeiten durch seine standhafte Vasallentreue gegen das Haus Lancaster auszeichnete, sah ein, daß es töricht wäre, der Schwäche seiner Monarchin noch Vorschub zu leisten. – »Königliche Herrin,« sprach er, »das Leben gleicht einem kurzem Wintertage und verrinnt, gleichviel, ob wir die Zeit, die es uns darbietet, benutzen oder nicht. Meine Monarchin, hoffe ich, ist zu sehr Beherrscherin ihrer selbst, als daß sie sich durch Klagen über das, was vorüber ist, der Macht berauben möchte, die Gegenwart zu nützen. Ich bin hier, um Eurem Befehl zu gehorchen; ich soll des ehesten den Herzog von Burgund sehen, und so ich ihn irgend dem Antrage geneigt finde, den ich ihm zu machen habe, so möchte wohl Eure gegenwärtige Trauer in Freude verwandelt werden. Doch müssen wir unsere Gelegenheit mit Eile und mit Eifer nützen. Laßt mich also wissen, meine Königin, um welcher Ursache willen Ew. Majestät verkleidet hierher kam und sich dadurch nicht geringer Gefahr aussetzte.« »Ihr spottet meiner, Oxford,« sagte die unglückliche Königin, »oder Ihr irrt Euch, wenn Ihr meint, Ihr dientet noch jener Margarethe, deren Wort nie ohne Grund gesprochen, deren kleinste Handlung nie ohne wichtige Ursache geschah. Ach! ich bin nicht mehr das nämliche feste, entschlossene Wesen. Der fieberhafte Zustand meines Kummers hat dem des Hasses bei mir weichen müssen und hat mich mit ohnmächtigem, ungeduldigem Grimm erfüllt. Meines Vaters Haus ist sicher, wie Du weißt, allein, kann eine Seele, wie die meinige sich damit zufrieden geben? Kann eine Frau, die des edelsten und reichsten Königreichs in Europa beraubt wurde, eine Frau, die ihre edelsten Freunde verlor – eine Frau, die eine verwitwete Gattin, eine kinderlose Mutter ist – eine Frau, über die der Himmel die volle Schale seines unversöhnlichen Zornes ausgeschüttet hat – kann sie es über sich vermögen, die Gefährtin eines Greises zu sein, der in Sonetten und Harfenklängen, in Mummenschanz und Torheit, in Zitherspiel und Reimgetön einen Trost für all das findet, was Armut Betrübendes hat, ja, was noch mehr ist, für all das, was lächerlich und verächtlich ist?« – »Mit Gunst, meine Königin,« sagte Oxford, »tadelt nicht den guten König René, weil er, verfolgt vom Geschick, imstande war, bescheidene Quellen des Trostes sich zu öffnen, die Euer stolzeres Gemüt verschmäht. Eine Blumenkrone, von seinen Troubadours geflochten und von ihren Sonetten geweiht, ist ihm genügender Ersatz für die Diademe von Jerusalem, Neapel und beiden Sizilien, von denen er nichts als den leeren Titel besitzt.« – »Redet mir nicht von dem bemitleidenswerten Greise,« sagte Margarethe. »Ich sage Dir, edler Oxford, fast wahnsinnig bin ich geworden in dem jämmerlichen Kreise, den er seinen Hof nennt! Mein Ohr, nur den Tönen der Betrübnis zugewendet, ist der klimpernden Harfen, der kreischenden Geigen, der klappernden Castagnetten müde; meine Augen sind der bettelhaften Hofhaltung überdrüssig. Aller Adel, alle Größe ist dahin, und die Nichtigkeiten, die an ihre Stelle traten, widern mich an. Nein, Oxford, ist es mein Geschick, auch noch den letzten Glückswurf zu verlieren, der sich mir günstig zu bieten scheint, so will ich mich in das ärmlichste Kloster auf den Pyrenäenbergen zurückziehen, um wenigstens nicht mehr die schwachsinnige Fröhlichkeit meines Vaters mitanzusehen. Möge er aus unserm Gedächtnis schwinden, wie er aus dem Buche der Geschichte schwindet, in das sein Name nimmer aufgenommen wird. Wichtigeres habe ich Euch zu sagen und von Euch zu hören. – Und jetzt, Oxford, was für Nachrichten habt Ihr aus Italien? Will der Herzog von Mailand uns mit seinem Rate oder mit seinen Schätzen beistehen?«
»Mit seinem Rate gern, edle Königin, allein wie Ihr denselben benutzen wollt, weiß ich nicht, da er uns anempfiehlt, uns unserm hoffnungslosen Geschicke zu unterwerfen und uns demutsvoll dem Willen der Fürsorgung zu fügen.«
»Der elende Italiener! Will er nicht einen Teil seines Reichtums vorstrecken oder einer Freundin Beistand leisten, der er früher so oft Treue geschworen hat?« – »Selbst nicht die Diamanten, die ich in seine Hände zu legen mich erbot,« versetzte der Graf, »vermochten ihn, seine Schatzkammer aufzuriegeln, um uns mit Goldstücken zu unserm Unternehmen zu versehen. Doch, sagte er, wenn Karl von Burgund ernstlich daran denken sollte, zu Euren Gunsten etwas zu unternehmen, so würde er bei seiner Hochachtung für diesen Fürsten und seinem Mitgefühl für Eure Majestät dem Gedanken, einen Vorschuß zu gewähren, vielleicht näher treten.« – »Doch wie steht es mit Burgund? Ich habe mich hierher gewagt, um Euch zu sagen, was ich erfuhr, und Euren Bericht zu vernehmen – ein treuer Wächter sorgt dafür, daß wir hier nicht unterbrochen werden. Meine Ungeduld, Euch zu sehen, trieb mich an, in dieser niedrigen Verkleidung hieherzukommen. Ich habe eine kleine Wohnung in einem Kloster unweit der Stadt. Ich ließ Eure Ankunft durch den treuen Lambert beobachten und komme jetzt, Eure Hoffnungen und Besorgnisse zu vernehmen, und Euch die meinigen mitzuteilen.«
»Königliche Frau,« sagte der Graf, »ich habe den Herzog nicht gesehen. Ihr kennt seine eigensinnige, heftige und unnahbare Gemütsart. Wenn er sich jener gelassenen, ausharrenden Staatsklugheit befleißigt, die in diesen Zeitläufen geboten ist, so zweifle ich nicht, daß er volle Entschädigung von Ludwig, seinem geschworenen Feinde, und selbst von Eduard, seinem ehrgeizigen Schwager erhalten wird. Doch wenn er übertriebenen leidenschaftlichen Aufwallungen freien Lauf läßt, so wird er in Zwist mit den armen, aber kühnen Helvetiern geraten, der leicht größeren Umfang annehmen kann. Er kann dabei durchaus nichts gewinnen, sondern läuft nur Gefahr, die schwersten Verluste zu erleiden.«