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»Vergebt mir, Königin,« sagte Oxford, mit jener ihn stets auszeichnenden Bestimmtheit: »mein Sohn ist freilich ein De Vere, und vielleicht der Letzte seines Namens. In welche Gefahren Pflicht und Lebenstreue ihn auch rufen, seien es Gefahren vor Schwert und Lanze, vor Beil und Hochgericht – frei muß er ihnen die Stirn zeigen, wenn er seine Treue dadurch bewähren kann. Seine Ahnen haben ihm gezeigt, wie man allen solchen Gefahren Trotz bieten kann.« – »Wahr, wahr!« sagte die unglückliche Königin, indem sie heftig die Arme emporstreckte. »Alle mußten umkommen – alle, die das Haus Lancaster ehrten – alle, die Margarethe liebten, alle, die sie geliebt hat! Die Vertilgung muß allgemein werden – die Jünglinge müssen fallen, wie die Greise – kein einziges Lamm der zerstreuten Herde soll entrinnen.« – »Um Gottes willen, hochherzige Frau,« sagte Oxford, »beruhigt Euch! – Ich höre an die Tür pochen.«

»Das Zeichen zum Aufbruch,« sagte die verbannte Königin, indem sie sich sammelte. »Wir dürfen nicht zaudern. Laßt uns hier scheiden – Ihr geht nach Dijon, ich nach Aix, meinem ruhelosen Aufenthalte in der Provence. Lebt wohl! – Möchten wir uns zu besserer Stunde wiedersehen! – Hoffnung ist eine Pflanze, die aus einer edlen Brust nicht eher ausgerottet werden kann, bis das Brechen der letzten Herzensfiber sie vertilgt.«

Indem sie so sprach, schritt sie durch die Tür der Kapelle, und mischte sich in das Gewühl von Menschen, die teils beteten, teils ihre Neugier befriedigten, teils ihre müßigen Stunden in den Gängen des hohen Münsters verschlenderten.

Philippson und dessen Sohn, beide tief ergriffen von dem seltsamen Zusammentreffen, kehrten in ihre Herberge zurück, wo ihrer ein Knappe harrte, der Burgunds Farben und Zeichen trug und ihnen berichtete, daß, so sie die englischen Kaufleute wären, die wertvolle Waren an den Hof des Herzogs brächten, er den Auftrag hätte, ihnen Geleit und Unverletzlichkeit zuzusichern.

Unter dem Schutze dieses herzoglichen Dieners brachen unsere Reisenden von Straßburg auf. Am Abend des zweiten Tages erreichten sie die Ebene von Dijon, wo die ganze Heeresmacht des Burgunder Fürsten, oder doch der größte Teil, ihr Feldlager aufgeschlagen hatte.

Neuntes Kapitel

Der altere Philippson war an den Anblick kriegerischen Glanzes gewöhnt; dennoch war er fast geblendet von dem Reichtum und der Pracht des burgundischen Lagers, in dem unweit der Mauern von Dijon Karl, der wohlhabendste Fürst Europas, seine Prachtliebe entfaltete. Die Zelte der geringsten Hauptleute waren von Seide und Samt, während die des Adels und der Oberanführer in Silber und Goldstoff erglänzten. Reiterei und Fußvolk hatte die reichsten, prunkendsten Rüstungen an. Ein schöner, überaus zahlreicher Geschützzug war nahe am Eingange aufgestellt, und in dem Befehlshaber dieses Zuges erkannte Philippson (um dem Grafen De Vere von Oxford seinen Reisenamen zu lassen, an den unsere Leser gewöhnt sind) einen Engländer von niederer Herkunft, Heinrich Colvin, der sich durch seine Geschicklichkeit in der Lenkung dieser furchtbaren, erst jüngst zum Kriegsgebrauch erfundenen Werkzeuge auszeichnete. Die Paniere und Fähnlein, die jeder Ritter aufgesteckt hatte, wehten über den Zelten, und die Einwohner dieser wandelbaren Behausungen saßen am Eingange halb gerüstet und schauten dem Ringen, Springen und anderen athletischen Uebungen der Söldner zu.

Lange Reihen der edelsten Rosse sah man stampfend und mähneschüttelnd dastehen, oder man hörte sie wiehern über den Krippen, die reich gefüllt vor ihnen standen. Die Kriegsknechte, bildeten heitere Gruppen um die Minnesänger und wandernden Gaukler her oder hielten Zechgelage vor den Zelten der Marketender.

Inmitten dieses blendenden Wirrwarrs kriegerischer Rüstungen erreichten die Reisenden endlich das Zelt des Herzogs. Im Abendscheine flatterte das breite, reiche Panier, auf dem die Wappenschild eines Fürsten erglänzten, der ein Herzog von sechs Provinzen, ein Herr von fünfzehn Grafschaften und vermöge seiner Macht, seiner Gesinnungen und seiner stets vom Glück begleiteten Unternehmungen, der allgemeine Schrecken Europas war. Die Engländer wurden sofort höflich aufgenommen, doch nicht in solchem Maße, daß die allgemeine Aufmerksamkeit auf sie gelenkt worden wäre. Man führte sie in das angrenzende Zelt eines Oberhauptmanns, das zu ihrem Aufenthalt bestimmt worden war und wo ihnen Erfrischungen aller Art geboten wurden.

Nicht lange währte es, so wurden sie vor den Herzog befohlen, und der ältere Philippson wurde durch einen Seiteneingang in das herzogliche Zelt geführt. Das Zelt war im Innern schlicht, fast armselig eingerichtet, so prunkvoll es auch von außen erschien. Auf dem Tische lagen ausgediente Bürsten und Kämme, abgetragene Hüte und Wämser, Hundekoppeln, Ledergürtel und andere dergleichen Dinge; dazwischen aber, wie zufällig, der große Diamant, Sanci genannt, die drei Rubinen, die die drei Brüder von Antwerpen hießen – noch ein großer Diamant, die sogenannte Leuchte von Flandern, nebst mehreren Edelsteinen von geringerem Werte und minder großer Seltenheit. Diese sonderbare Zusammenwürflung glich einigermaßen dem Charakter des Herzogs selbst, der Grausamkeit mit Gerechtigkeit, Seelengröße mit Kleinlichkeit, Sparsamkeit mit Verschwendung und Freigebigkeit mit Geiz paarte.

Der Herzog begrüßte den englischen Reisenden mit den Worten: »Willkommen, Herr Philippson, der Ihr von einer Nation seid, deren Handelsleute Fürsten und deren Krämer Mächtige dieser Erde sind. Mit welcher neuen Ware wollt Ihr uns jetzt prellen?« – »Keine neuen Waren, mein hoher Herr,« antwortete der Engländer, »bringe ich mit, sondern nur die, die ich Euer Hoheit schon vorigesmal zeigte. Ich lege Sie Euch nochmals vor, in der Hoffnung, sie möchten Euer Hoheit beim zweiten Anblick annehmlicher erscheinen.« – »Gut so, Sir – Philipville, glaub ich, nennt man Euch? Entweder seid Ihr ein einfältiger Kaufmann, oder Ihr haltet mich für einen törichten Käufer, daß Ihr mir eben die Waren aufzuhalsen gedenkt, die mir schon einmal nicht gefielen. Eure Lancasterwaren haben ihre Zeit hinter sich. York ist jetzt Mode.«

»Bei dem Pöbel muß es so sein,« sagte der Graf von Oxford, »allein für Seelen, wie Eure Hoheit, sind Treue, Ehre und Lehensanhänglichkeit Juwelen, die weder wechselnde Laune noch Wandelbarkeit des Geschmackes außer Mode bringen kann.« – »Nun, es mag sein, edler Oxford,« sagte der Herzog, »daß ich im Innersten meines Gemütes diese altmodisch gewordenen Gegenstände immer noch wertschätze. Doch meine Lage ist sehr heikel, und sollte ich in dieser Krisis einen falschen Schritt tun, so könnten die Pläne, denen ich mein ganzes Leben gewidmet habe, scheitern. Hört mir zu, Herr Handelsmann! Da ist hier Euer alter Nebenbuhler Blackburn herübergekommen, den einige Eduard von York und London nennen, mit einer Kriegerschar, wie man sie seit König Arthurs Zeiten in Frankreich nicht mehr gesehen hat, und ladet mich ein, gemeinsam mit ihm gegen meinen verächtlichsten, hartnäckigsten Feind, den König von Frankreich zu ziehen, mich loszumachen von den Ketten des Vasallentums und zum Range des unabhängigen Fürsten aufzusteigen. Ich frage nun Dich, als einen Ehrenmann, welche Einwürfe Du gegen den mir gemachten Vorschlag erheben kannst? Sage Deine Meinung frei heraus!«

»Ich weiß, Euer Hoheit hält alles für leicht ausführbar, was Ihr einmal beschlossen habt. Jedoch obwohl diese fürstliche Sinnesart in etlichen Fällen sehr förderlich sein mag, es auch oft schon gewesen ist, so ist manchmal doch solches Beharren auf einem Vorsätze, bloß um der Beharrlichkeit willen, Veranlassung nicht zum Siege, sondern zum Untergange. Betrachtet daher dieses englische Heer! der Winter nähert sich – wo soll es unterkommen? wie soll es sich ernähren? von wem soll es besoldet werden? Soll Eure Hoheit etwa alle Kosten und Mühseligkeiten der Ueberwinterung bis zum Sommerfeldzug tragen? Ich gebe zu, es sind Männer, die die besten Streiter der Welt abgeben; allein noch sind sie es nicht, erst müßten sie auf Eurer Hoheit Kosten dazu erzogen werden. Und was geschieht weiter? Ihr zieht nach Paris, verleiht der angemaßten Macht Eduards ein zweites Königreich, setzt ihn wieder ein in alle die Besitztümer, die England je in Frankreich sein nannte, die Normandie, Maine, Anjou und die Gascogne. Dürft Ihr diesem Eduard dann noch trauen, wenn Ihr ihn auf diese Weise stärker gemacht habt, als es bis jetzt Ludwig ist, den Ihr gemeinsam mit England zu Boden strecken wollt?«