»Beim St. Georg, ich will Dir reinen Wein einschenken! Ueber eben diesen Punkt hege ich auch mein Bedenken, Eduard ist zwar mein Schwager, allein ich bin ein Mann, der wenig Lust hat, den Kopf unter meines Weibes Gürtel zu verbergen. Und Familienliebe? – Possen! sie mag warm sitzen am Herde eines Bürgersmannes; jedoch auf die Schlachtgefilde, in die Halle der Fürsten, wo die Winde kalt wehen, kann sie nicht kommen. Nein, meine Verwandtschaft mit Eduard dürfte mir zur Zeit der Not wenig helfen. Aber er führt Krieg gegen König Ludwig, und wer von beiden auch siegen mag, ich werde durch ihre beiderseitige Schwächung stärker und ziehe stets den Vorteil daraus.«
»Und wenn mittlerweile Eure Hoheit sich herablassen will, die ehrenvollste Sache, für die jemals ein Ritter die Lanze einlegte, durch eine mäßige Geldsumme und tausend Hennegauische Landsknechte zu unterstützen, so möchten diese in ihrem Dienste Ruhm und Glücksgüter ernten und den geschmähten Erben von Lancaster wieder in sein angestammtes, rechtmäßiges Eigentum einsetzen.«
»Trefflich, Herr Graf,« sagte der Herzog, »kommt Ihr sofort auf den Hauptpunkt; aber wir haben so manchem Strauß zwischen York und Lancaster zugesehen und sind noch nie ins klare darüber gekommen, welcher Sache der Himmel und die Liebe des Volkes das Recht zusprechen. Ihr seid verschmitzte Gesellen, Ihr Engländer beider Parteien, doch weder York noch Lancaster, weder Bruder Blackburn noch Base Margarethe von Anjou und John de Vere als ihr Geleitsmann sollen mich hinter das Licht führen. Man lockt keinen Habicht mit leeren Händen. Wenn es sich darum handelt, Krontaler hinzuzählen und große Geschwader einzuschiffen, da müssen wir unseren Untertanen erkleckliche Gründe vorzulegen haben, da müssen wir selber Gründe haben, die das allgemeine Wohl oder, was dasselbe ist, unsern persönlichen Vorteil angehen. Das ist der Weltlauf, und, Oxford, die Wahrheit zu sagen, ich denke, diesem Laufe mich anzuschließen!«
»Der Himmel verhüte, daß ich erwarte, Eure Hoheit würden die Rücksicht auf Eure Untertanen und auf die Vermehrung Eurer eigenen Macht und Herrschaft außer acht lassen. Das Geld, das wir begehren, soll kein Geschenk, sondern eine Anleihe sein, und Margarethe ist bereit, diese Juwelen, deren Wert Eurer Hoheit bekannt sein wird, so lange dagegen zu verpfänden, bis die Summe zurückgezahlt ist, die Eure Freundschaft ihr in ihrer Bedrängnis zugestehen will.« – »Ha! Ha!« sagte der Herzog, »will meine Base einen Pfandverleiher aus uns machen, daß wir nachher mit ihr wie ein jüdischer Wucherer mit seinem Gläubiger zu verfahren hätten? – Doch in der Tat, Oxford, möchten wir dieser Diamanten bedürfen, denn ich muß vielleicht selbst Geld aufnehmen, um meiner Base in ihren Nöten beizustehen. Legt die Juwelen einstweilen auf den Tisch. Und dann sprecht, wird dieser irrende Ritterzug, den Ihr mir vorschlagt, mir nicht etwa Verlust bringen?« – »Verlust?« entgegnete Oxford. »Gewinn vielmehr! Hat Eure Hoheit noch nie an die Provence gedacht?«
»Die Provence?« versetzte der Herzog lebhaft, »kann ich doch keine Apfelsine verzehren, ohne mich an die duftenden Wälder und Haine voll Oliven und Zitronen und Granatäpfel in der Provence zu erinnern! Noch Schande wäre es, den alten König René, den harmlosen Greis, aufzuscheuchen; auch würde das einem nahen Verwandten übel anstehen. Dann ist er der Ohm Ludwigs und hat höchst wahrscheinlich, indem er seine Tochter hintansetzt, oder vielleicht weil er ihr Ludwig vorzieht, den König von Frankreich zu seinem Erben ausersehen.« – »Besseres Recht dürfte Eure Hoheit darauf haben,« sagte der Graf von Oxford, »sobald Ihr Margarethe von Anjou den durch mich erbetenen Beistand angedeihen laßt.« – »Nimm hin den Beistand, den Du begehrst,« erwiderte der Herzog, »nimm hin den doppelten Betrag in Kriegsvolk und in Gelde! Nur laß mich auf die Provence ein Recht haben, wäre es auch noch so klein wie ein einziges Haar auf dem Kopfe der Königin Margarethe, und gönne mir Muße, es zu einem vierfachen Kabeltaue zu drehen. Doch ich bin ein Tor, daß ich den Träumen eines Mannes Gehör gebe, der selbst zugrunde gerichtet ist und wenig dabei verlieren kann, wenn er andere in überspannte Hoffnungen wiegt.« – Karl atmete tief und wechselte die Farbe, als er sprach.
»Ich bin kein solcher Mann, mein Herr Herzog,« sagte der Graf. »Hört mich – René wird gebeugt von der Last der Jahre, liebt nichts als Ruhe und trägt Verlangen, seinem Lande zu entsagen, ja, allem, was er wirklich besitzt! das heizt auch, den weitläufigeren Staaten, die zu fordern er das Recht hat, die jedoch seinem Scepter entzogen wurden.« – »Ihr raubt mir den Atem!« sagte der Herzog. »René der Provence entsagen! Und was spricht Margarethe, die Stolze, hochherzige Margarethe dazu? Wird sie in ein so demütigendes Tun willigen?«
»Für das Glück, Lancaster in England triumphieren zu sehen, würde sie nicht bloß der Herrschaft, sondern dem Leben entsagen. Und in Wahrheit, das Opfer ist leichter, als es scheinen mag. Gewiß ist es, daß, wenn René stirbt, der König von Frankreich die Provence als männliches Lehen zurückbegehren wird, und keiner ist stark genug, dagegen Margarethens Ansprüche, wie rechtmäßig sie auch sein mögen, zu schützen.« –
»Sie sind rechtmäßig,« sprach der Herzog, »das ist unleugbar. Ich will nichts von einer Herausgabe hören – das heißt, wenn es dereinst in unsere Hände wird gegeben sein. Burgund mit der Provence vereinigt – ein Besitztum, das von der Nordsee bis zum Mittelländischen Meer reicht! Oxford, Du bist mein besserer Engel!« – »Eure Hoheit muß jedoch erwägen,« sagte Oxford, »daß dem König René ehrenvoller Unterhalt dafür – gewährt werden muß!«
»Gewiß, Mann! Er soll ihn haben! Soll ein Schock Fiedler und Gaukler haben, die ihm vom Morgen bis in die Nacht vorsingen. Er soll einen Hofhalt von Troubadours haben, die alle nichts tun sollen, als trinken und essen, pfeifen und geigen. Und auch Margarethe soll ehrenvoll bedacht werden, ganz wie Ihr festsetzen werdet.«
»Das wird bald getan sein,« antwortete der englische Graf. »Glückt unser Versuch in England, so wird sie keine solche Unterstützung von Burgund nötig haben. Mißlingt unser Vorhaben, so zieht Margarethe sich in ein Kloster zurück, und nicht lange Zeit wird sie alsdann des Unterhaltes bedürfen, den Euer Hoheit Großmut Ihr, wie ich überzeugt bin, gern anweisen wird.«
Mit diesen Worten legte der Graf von Oxford dem Herzog eine Schrift vor und erklärte ihm den Plan des Feldzuges, der durch einen allgemeinen Aufstand der Freunde des Hauses Lancaster unterstützt werden sollte: ein Plan, den man wohl kühn bis zur Verwegenheit nennen dürfte; doch war er so wohl ersonnen und so kunstvoll gefügt, daß er in jenen Zeiten flugschneller Umwälzungen und unter einem Heeerführer von Oxfords kriegerischer Geschicklichkeit und staatskluger Einsicht starke Wahrscheinlichkeit eines glücklichen Ausganges in sich trug. –
Wählend Herzog Karl über die, Einzelheiten einer seiner eigenen Gesinnung zusagenden Unternehmung nachsann, während er im Geiste die Beleidigungen überzählte, die er von seinem Schwager Eduard IV. erlitten hatte, und die gegenwärtige günstige Gelegenheit erwog, ausgiebige Rache zu nehmen, zumeist aber des reichen Länderzuwachses gedachte, der ihm durch die Abtretung der Provence zuteil würde, ermangelte der Engländer nicht, eindringlich zu betonen, daß man keine Zeit verlieren dürfe.
»Die Ausführung dieses Planes,« sprach er, »verlangt die größte Eile. Um auf einen glücklichen Ausgang hoffen zu können, muß ich mit Eurer Hoheit Hilfskriegern in England sein, bevor Eduard von York aus Frankreich dahin zurückkehren kann.« – »Und da unser werter Bruder einmal herüber gekommen ist, wird er so hurtig nicht wieder umkehren. Er wird mit schwarzäugigen Französinnen und am rubinfarbenen Weine Frankreichs sich vergnügen.« – »Herr Herzog, laßt mich auch vom Feinde Wahrheit reden! Eduard ist träg und wollüstig, wenn alles gut steht; doch laßt ihn den Sporn der Notwendigkeit fühlen, so wird er eifrig wie ein stampfender Hengst. Auch Ludwig, dem es selten an Mitteln zu seinen Zwecken fehlt, wird den englischen König so bald wie möglich wieder über das Meer schaffen wollen – deswegen ist Hurtigkeit, edler Herr, Hurtigkeit die Seele Eures Unternehmens. Verzeiht, edler Herr, die Ungeduld eines Unglücklichen, der, dem Ertrinken nahe, dringend um Beistand nachsucht. – Wann ziehen wir zur Anordnung dieser wichtigen Maßregel gegen Flanderns Küste?«