»Nun, binnen vierzehn Tagen oder vielleicht binnen einer Woche, oder, mit einem Worte, sobald ich eine gewisse Rotte von Dieben und Wegelagerern gezüchtigt habe, die gleich dem Schaum auf dem Kessel stets oben schwimmen, sich aus ihren Bergfesten zwischen den Alpen hervorgemacht und von dort aus unsere Grenze mit Schleichhandel, Raub und Gewalttat verletzt haben.« – »Euer Hoheit meint die Schweizer Eidgenossenschaft?« – »Ei, die Bauernlümmel legen sich dergleichen Namen selbst bei. Sie sind freigelassene Sklaven von Oesterreich, und gleich einem Fanghunde, dessen Kette zerriß, benutzten sie ihre Freiheit, um niederzubeißen und zu zerzausen, was ihnen in den Weg kommt.«
»Ich reiste durch ihr Land, als ich Italien verlassen hatte,« sagte der verbannte Graf, »und wie ich hörte, hatten die Kantone die Absicht, Gesandte an Eure Hoheit zu schicken, um Frieden zu erbitten.« – »Frieden!« rief Karl, – »Eine eigene Art friedlichen Verfahrens haben diese sogenannten Abgesandten bewiesen! Sie benützten die Meuterei der Bürger zu La Ferette, der Grenzstadt meiner Lande, erstürmten die Wälle, ergriffen Archibald von Hagenbach, der an meiner Stelle dort befehligte, und töteten ihn auf öffentlichem Markt. Solche Schmachtat muß bestraft werden, Herr Johann de Vere, und ich habe schon Befehl erteilt, diese elenden Landstreicher, die sich Abgeordnete nennen, aufzuknüpfen.« – »Um Gottes willen!« rief der Engländer, indem er sich zu Karls Füßen warf. – »Um Eures eigenen Ranges willen, edler Herzog, um des Friedens der Christenheit willen widerruft solchen Befehl, wenn er wirklich schon erteilt wurde! hört mich, Herr Herzog! Ich bin eine Strecke weit mit diesen Männern zusammengereist,« – »Ihr!« sprach der Herzog; »Ihr ein Genoß der edlen Schweizerbauern? So hat Mißgeschick den Stolz des englischen Adels herabgebracht, daß er sich solche Reisegefährten sucht?« – »Der Zufall führte mich mit ihnen zusammen,« sagte der Graf. »Etliche unter ihnen sind edler Geburt und überdies Männer, für deren friedfertige Gesinnungen ich mich selbst zum Bürgen anzubieten wage.«
»Bei meiner Ehre, Mylord von Oxford, Ihr erzeigt ihnen, wie mir nicht minder, viele Gnade, daß Ihr Euch zum Vermittler zwischen den Schweizern und mir macht. Gestattet mir zu sagen, daß in Rücksicht auf frühere Freundschaft ich Euch von Euren eigenen englischen Angelegenheiten sprechen ließ. Doch dünkt mich, daß Ihr Eure Meinung über Gegenstände sparen könnt, die Euch nichts angehen!«
»Mein Herr Herzog von Burgund,« versetzte Oxford, »ich zog einst mit Euch nach Paris und hatte das gute Glück, Euch im Treffen bei Mont L'Hery zu befreien, als französische Gewappnete Euch hart bedrängten.«
»Wir haben es nicht vergessen,« sagte der Herzog Karl, »und des zum Zeichen haben wir Euch jetzt gestattet, so lange vor uns zu weilen. Doch geschah dies nicht, um Euch Gelegenheit zu lassen, eine Rotte von Schelmen zu verteidigen, die für den Galgen bestimmt sind.« – »Mein hoher Herr! Ich bitte um ihr Leben nur, weil sie in friedlicher Botschaft hierhergekommen sind und mindestens die Führer unter ihnen keinen Teil an dem Verbrechen haben, worüber Ihr Euch beklagt.«
Mit ungleichen Schritten ging der Herzog, heftig bewegt, auf und ab, die großen Brauen tief über die Augen herabgezogen, die Hände geballt, die Zähne zusammengebissen, bis er endlich seinen Entschluß gefaßt zu haben schien. Er läutete mit einer silbernen Handklingel, die auf dem Tische stand. »Hierher, Contay,« sagte er zu dem eintretenden Kämmerer. »Sind jene Schweizer schon hingerichtet?« – »Euer Hoheit, nein! allein der Henker wartet ihrer, sobald der Priester ihre Beichte gehört haben wird.« – »Laßt sie am Leben!« sagte der Herzog, »wir wollen morgen hören, auf welche Weise sie es anfangen, ihr Verfahren gegen uns zu rechtfertigen.«
Contay verbeugte sich und ging hinaus; dann sagte der Herzog, indem er sich an den Engländer wendete. »Wir haben nun unsere Verbindlichkeit gegen einander ausgeglichen, Mylord von Oxford – Ihr habt Leben für Leben – ja, sogar sechs Leben für ein einziges erhalten. Ich werde Euch also keine Aufmerksamkeit mehr schenken, so es Euch nochmals einfallen sollte, mir mein strauchelndes Pferd bei Mont L'Hery oder Eure Tat bei dieser Gelegenheit vorzuhalten. Die meisten Fürsten begnügen sich damit, im geheimen diejenigen Menschen zu hassen, die ihnen außerordentliche Dienste leisteten – ich hege solche Gesinnung nicht – ich verabscheue es nur, daran erinnert zu werden. Pah! ich bin halb erstickt über der Anstrengung, meinen einmal gefaßten Beschluß umzustoßen. Nun nichts mehr davon. Gute Nacht! Begebt Euch in Colvins Zelt. Er hat Auftrag, Euch zu bewirten. – Contay, führe diesen Engländer zu Colvin!«
»Haltet zu Gnaden, hoher Herr,« antwortete Contay, »ich ließ den Sohn des Engländers schon bei dem General.« – »Was, Deinen Sohn, Oxford? Und er ist mit Dir hier? Warum sprachest Du mir nicht von ihm? Ist er ein wackerer Sprößling des uralten Baumes?« – »Es ist mein Stolz, solches zu glauben, Herr Herzog. Er ist der treue Genoß aller meiner Fährlichkeiten und Wanderungen gewesen.« – »Glücklicher Mann!« rief Karl mit einem Seufzer aus. »Ihr, Oxford, habt einen Sohn, der Eure Armut und Eure Bedrängnis mit Euch teilen kann. Ich habe keinen, der Teilnehmer und Erbe meiner Größe sei.«
Zehntes Kapitel
Colvin, der englische Geschützhauptmann, dem der Herzog von Burgund bei glänzendem Sold und Unterhalt die Sorge für diesen Teil seiner Heeresmacht vertraute, empfing den Engländer mit all der Hochachtung, die dessen Range gebührte. Er selbst war ein Anhänger der Lancaster-Partei gewesen und folglich den Männern wohlgeneigt, die jenem Hause trotz aller Schicksalsschläge die Treue wahrten. Ein Mahl, an welchem der Sohn schon Anteil genommen hatte, wurde dem Grafen durch Colvin angeboten, dann geleitete der General seine Gäste in denjenigen Teil des Zeltes, der für sie allein bestimmt war.
»Und jetzt, Arthur,« sagte sein Vater, »laß mich Dir sagen, daß wir noch einmal scheiden müssen. Du mußt an den Hof des Königs René ziehen, wo unsere unglückliche Königin weilt. Ich wage es nicht, Dir in diesem Lande der Gefahr einen geschriebenen Bericht mitzugeben; allein sage ihr, der Herzog von Burgund sei nicht abgeneigt, sich mit ihr zu vereinbaren. Sage ihr, daß ich wenig Zweifel hege, er werde uns die begehrte Hilfe angedeihen lassen, jedoch nicht, ohne daß sie und der König René zu seinen Gunsten entsagen müssen. Sage ihr, ich würde nimmer solches Opfer angeraten haben, wenn es bloß den Sturz des Hauses York gälte; ich sei jedoch überzeugt, daß Frankreich oder Burgund nach ihres Vaters Tode doch die Besitzungen an sich reißen würden, die sie zu seinen Lebzeiten nur ungern noch verschonen. Fordere daher die Königin Margarethe auf, so sie ihre Willensmeinung nicht geändert hat, die förmliche Abdankung des Königs René zu erhalten, so daß er mit ihrer Majestät Zustimmung seine Staaten dem Herzoge von Burgund überläßt. Der notwendige Unterhalt des Königs, so wie seiner königlichen Tochter soll ganz nach Gefallen festgesetzt oder die Summe offen gelassen werden. Ich kann es der Großmut des Herzogs zutrauen, daß er diese Summe geziemend ausfüllen werde. Alles, was ich fürchte ist, daß Karl verwickelt ist in –«