»Nun gut, ich will auf meiner Hut sein. Und Ihr, junger Mann, versichert meiner Base Margarethe von Anjou, daß ich Ihre Sache wie die meinige führen werde. Auch bedenkt, junger Mann, daß die Geheimnisse der Fürsten verfängliche Mitteilungen sind, wenn der, dem sie gemacht wurden, sie ausplaudert hingegen, daß sie dem Hüter, der sie sorglich in sich verschließt, Reichtum bringen. – Du sollst Ursache haben, meine Worte für wahr zu halten, so Du mir von Aix die Entsagung, von der Dein Vater sprach, überreichen kannst.–Gute Nacht, gute Nacht!« – Er verließ das Zelt.
»Du hast,« sagte der Graf von Oxford zu seinem Sohne, »nun diesen außerordentlichen Fürsten kennen gelernt. Es ist leicht, seinen Ehrgeiz, seinen Durst nach Macht rege zu machen; jedoch fast unmöglich, ihn auf die richtigen Grenzen zu beschränken, durch die sie am besten befriedigt werden können. Er gleicht stets dem jungen Bogenschützen, dem das Ziel in dem Augenblicke, wo er die Sehne anzieht, durch eine am Auge vorüberziehende Schwalbe entrückt wird. Bald beleidigend argwöhnisch – bald unverzeihlich leichtsinnig in seinem Vertrauen – noch vor kurzer Zeit der Feind des Hauses Lancaster, – jetzt dessen letzte einzige Hoffnung. Gott bessere alles!« –
Elftes Kapitel
Die Morgendämmerung erweckte den verbannten Grafen von Lancaster und dessen Sohn, und das Tageslicht ward kaum am östlichen Himmel sichtbar, als ihr Wirt Colvin mit einem Begleiter eintrat, der etliche Bündel trug, die er auf den Boden niederlegte, um sich dann sogleich zu entfernen. Des Herzogs Wachthabender meldete, daß er mit einem Auftrage Karls von Burgund käme. »Seine Hoheit,« sprach er, »hat vier starke junge Leibjäger geschickt, die den jungen Herrn von Oxford zu begleiten haben. Ferner sendet ihm der Herzog diese gefüllte Geldbörse, um seine Ausgaben bis Aix und seinen Aufenthalt daselbst zu bestreiten, und ein Beglaubigungsschreiben an den König René, um dem jungen Herrn guten Empfang zu sichern. Auch ein paar Pferde stellt Seine Hoheit dem jungen Herrn zur Verfügung. – Es wird geraten sein, daß der junge Herr eine seinem Range besser entsprechende Kleidung anlege. Seine Begleiter kennen die Wege und haben im Notfalle die Vollmacht, in des Herzogs Namen von allen treuen Burgundern Beistand zu fordern. Ich habe nur noch hinzuzufügen, daß der junge Herr sobald wie möglich abreisen soll.«
Nicht ohne inneres Wohlgefallen legte der Jüngling ein seiner Geburt geziemendes Gewand an, doch mit noch tieferer Empfindung, wenngleich hastig und heimlich, schlang er um seinen Nacken und verbarg unter dem Koller und den Falten seines geschmückten Wamses eine kleine, dünne goldene Kette, die, wie man es nannte, von maurischer Arbeit war. Diese Kette war der Inhalt des Päckchens, welches Anna von Geierstein ihm beim Abschiede vor Straßburg in die Hand gedrückt hatte. An dem Kettlein hing eine dünne Goldplatte, in die mit einer Messerspitze oder mit einer Haarnadel auf der einen Seite in deutlichen, wenn auch feinen Zügen die Worte: »Lebwohl für immer!« auf der Rückseite aber minder lesbar die Worte: »Vergiß mein nicht! A. v. G.« – eingeritzt waren.
Fast tonlos segnete der Vater seinen Sohn und sprach mit wiedergewonnener Festigkeit, daß zur Sache selbst nichts weiter zu sagen wäre. »So Du mir die Abdankung bringen kannst, deren wir bedürfen,« flüsterte er ihm zuletzt zu, »so wirst Du mich in der Nähe des Herzogs von Burgund finden.«
Schweigend schritten sie aus dem Zelte und fanden vor demselben die vier burgundischen Leibjäger, schlanke und rüstige Männer, wohl beritten. Sie hielten zwei Sattelpferde, eines kriegerisch ausgerüstet, das andere ein munterer Klepper zur Reise; einer der Jäger führte noch ein Saumroß, bepackt mit Kleidungsstücken, damit Arthur in Aix mit der nötigen Toilette versehen sei, wie Colvin ihm noch erklärte, indem er die vom Herzog geschickte Goldbörse aushändigte. – »Theobald,« sprach Colvin dann, indem er auf den ältesten der begleitenden Reiter deutete, »dürfte Euer Vertrauen verdienen – ich bürge für seine Einsicht und Treue. Die drei andern sind ausgesuchte Männer, die allewege ihren Mann stehen.« – »Noch ein Wort,« sprach dann der Vater und flüsterte Arthur, als dieser sich über den Sattel seines Pferdes beugte, noch rasch ins Ohr: »Wenn Du einen Brief von mir empfängst, so denke nicht, Du seiest mit dem Inhalte völlig bekannt, bis Du das Papier über ein heißes Feuer gehalten hast.«
Arthur nickte, winkte nochmals dem Vater und dem ehrlichen Colvin ein Lebewohl zu und ritt mit seinen Begleitern im Trabe davon.
Während der Graf noch wie ein Träumender dastand und sinnend seinem Sohne mit den Augen folgte, tat Trompetengeschmetter kund, daß der Herzog mit seinem Gefolge und seiner Dienerschaft sich zu Roß setzte. Philippson, wie er noch immer genannt sei, hatte im Namen des Herzogs ein stattliches Pferd erhalten, und gesellte sich samt Colvin zu der glänzenden Versammlung, die sich vorm Zelte des Herzogs aufstellte.
Nach wenigen Minuten trat der Fürst heraus, angetan mit der prächtigen Kleidung des Ordens vom Goldenen Vließ, dessen Stifter sein Vater Philipp gewesen war, und der jetzt in Karl seinen mächtigsten Beschützer und ersten Ritter hatte. Mehrere seiner Höflinge trugen dasselbe reiche Gewand und zeigten mit ihren Knappen und Knechten so viel Wohlhabenheit und Prunk, daß sie gar wohl die allgemeine Rede bestätigten, der Herzog von Burgund unterhalte den prachtvollsten Hof in der ganzen Christenheit.
Zu feierlichem Zuge gereiht, dessen Nachtrab von einer aus zweihundert Arkebusierern bestehenden Leibwache gebildet wurde, verließen der Herzog und sein Gefolge die Schranken des Lagers und zogen hinab gegen Dijon, das damals Hauptstadt von ganz Burgund war.
Als die Drommeten des herzoglichen Zuges die Bürgerwache am St. Nikolaus-Tore aufgefordert hatten, fiel die Zugbrücke; das Fallgitter hob sich, das Volk brach in Freudengeschrei aus, die Fenster wurden mit Teppichen behangen, und als Karl inmitten seines Gefolges und auf einem milchweißen Hengste, von sechs Edelknaben begleitet, deren jeder eine vergoldete Partisane trug, in die Stadt einritt, bewies der Jubel, der ihm von allen Seiten entgegenscholl, daß er noch immer beim Volke sehr beliebt war. Auch bleibt es wahrscheinlich, daß die Verehrung, die sich an seines Vaters Andenken knüpfte, für lange Zeit der ungünstigen Stimmung die Wage hielt, die etliche Handlungen Karls in weiten Kreisen seiner Untertanen erweckt haben mochten.
In der Mitte der Stadt Dijon hielt der Zug vor einem großen gotischen Gebäude. Dieses hieß damals das herzogliche Haus und wurde nach der Vereinigung Burgunds mit Frankreich das königliche Haus genannt. Der Maire von Dijon harrte auf den Stufen des Palastes, begleitet von seinen Amtsdienern und einhundert waffentüchtigen Bürgern in schwarzen Sammtmänteln und mit Halbpiken in der Hand.
Der Maire beugte das Knie, um des Herzogs Steigbügel zu küssen, und in dem Augenblicke, wo Karl vom Rosse stieg, begannen alle Glocken in der Stadt so donnernd zu läuten, daß die Toten davon hätten erweckt werden mögen, die in der Nähe der Kirchtürme schlummerten. Unter diesem betäubenden Begrüßungsgeläut trat der Herzog in die große Halle des Gebäudes, in deren obern Ende für den Monarchen ein Thron, für die ausgezeichneteren Staatsdiener und Kronvasallen Sitzplätze, für Personen von geringerer Bedeutung Bänke aufgestellt waren. Auf einer von diesen Bänken, jedoch an einer Stelle, von wo er die ganze Versammlung und auch den Herzog selbst ins Auge fassen konnte, wies Colvin dem Engländer seinen Sitz an, und Karl, dessen reges, ernstes Auge rasch die Anwesenden, nachdem diese sich gesetzt hatten, überblickte, schien durch ein unmerkliches Kopfnicken sein Einverständnis mit dieser Anordnung zu erklären.