Als der Herzog und seine Begleiter sich gesetzt hatten, näherte der Maire sich abermals auf die bescheidenste Weise, kniete auf der untersten Stufe des herzoglichen Thrones nieder und fragte, ob Seiner Hoheit Muße es gestattete, die Einwohner der Hauptstadt anzuhören, die ihrem anhänglichem Eifer für seine erlauchte Person Worte zu verleihen gedächten. Zugleich bat er, das Willkommengeschenk anzunehmen, das er in Gestalt eines mit Goldstücken gefüllten silbernen Trinkgeschirres namens der Bürger und Gemeinde von Dijon zu Seiner Erlaucht Füßen niederzusehen sich erlaube.
Karl, der zu keiner Zeit sich sonderlicher Höflichkeit befleißigte, antwortete kurz und derb und mit einer von Natur rauhen, mißklingenden Stimme: »Jedes Ding nach seiner Reihe, guter Herr Maire. Laßt uns erst vernehmen, was uns die Stände von Burgund zu sagen haben, dann wollen wir die Bürger von Dijon hören.« – Der Maire erhob sich und wich zurück, indem er den Silberbecher in der Hand behielt, wahrscheinlich verdrossen und verwundert, daß des Gefäßes Inhalt nicht augenblicklich gnädige Aufnahme gefunden hätte. – »Ich erwarte,« sagte Karl, »zu dieser Stunde und an diesem Orte von unseren Ständen Antwort auf eine ihnen vor drei Tagen durch unsern Kanzler eingereichte Botschaft. Ist niemand von ihnen zugegen?«
Als keiner Miene machte zu antworten, sagte der Maire, die Mitglieder der Ständeversammlung hätten den ganzen Morgen in ernster Beratung zugebracht und würden augenblicklich vor Seiner Hoheit erscheinen, sobald sie vernommen, daß der Herr Herzog die Stadt durch seine erlauchte Gegenwart beehrt hätte.
Der Herzog schickte darauf einen Herold an die Ständeversammlung mit der Aufforderung, vorm Herzog zu erscheinen.
Das Andenken an den Herzog Philipp war den Burgundern heilig; denn zwanzig Jahre lang hatte jener weise Fürst seinen Rang unter den Monarchen mit vieler Mühe behauptet und einen Schatz aufgehäuft, ohne die reichen Länder, die er beherrschte, mit Erpressungen oder erhöhten Steuern zu belasten. Allein die überspannten Pläne und unmäßigen Ausgaben des Herzogs Karl hatten schon den Argwohn seiner Stände gegen ihn rege gemacht, und das gegenseitige Wohlwollen zwischen Fürst und Volk begann dem Mißtrauen auf der einen und dem Trotz auf der andern Seite Platz zu machen. Die widerspenstige Stimmung der Stände war in letzter Zeit noch gestiegen; denn man fürchtete, der Herzog ginge nur darauf aus, den ihm von seinen Untertanen zugebrachten Reichtum dazu anzuwenden, seine königliche Gewalt unziemlich zu erweitern und die Freiheit des Volkes zu zerstören. Es ging daher das Gerücht, daß unter den Ständen sich diesmal heftiger Widerspruch gegen die von dem Herzog in Vorschlag gebrachte neue Schätzung erheben würde. Der Ausgang wurde nun von den Raten des Herzogs mit lebhafter Besorgnis, vom Herzog selbst mit ärgerlicher Ungeduld erwartet.
Nach etwa zehn Minuten trat der Kanzler von Burgund, der zugleich Erzbischof von Wien war, mit seinen Begleitern in die Halle und bat den Herzog, die Antwort der Stände, in einem verschlossenen Gemach entgegenzunehmen, indem er ihm dabei zu verstehen gab, daß der Erfolg der Beratungen keineswegs erfreulich wäre.
»Beim St, Georg von Burgund, Herr Erzbischof!« rief der Herzog finster und laut, »wir sind kein Fürst von so erbärmlichem Gemüte, daß wir die frechen Blicke einer mißvergnügten, böswilligen Partei zu scheuen hätten. Wenn die Stände von Burgund auf unsere väterlich gemeinte Botschaft eine ungehorsame pflichtwidrige Antwort geben, so mag diese in öffentlicher Sitzung ausgesprochen werden, damit das versammelte Volk erfahren möge, wie diese kleinlichen, ränkespinnenden Gesellen sich ihrem Herzog in den Weg stellen!«
Der Kanzler verbeugte sich würdevoll und nahm seinen Sitz ein, während der vordem abgesandte Herold die Abgeordneten der Stände in die Halle führte. Diese Abgeordneten bestanden aus zwölf Mitgliedern, nämlich vier von jedem Zweige der Stände, und waren bevollmächtigt, dem Herzog die Antwort der Versammlung zu überbringen. Bei ihrem Eintritt erhob sich Karl, gemäß uraltem Herkommen, und sprach, indem er das mit ungeheuren Federn geschmückte Barett vom Haupt nahm: »Heil und Willkommen meinen guten Untertanen aus der Ständeversammlung!« Alle Hofleute erhoben sich und entblößten ebenfalls das Haupt. Dann warfen die Abgeordneten sich auf die Knie, indem die vier Geistlichen, unter denen Oxford den schwarzen Priester von St. Paul erkannte, dem Throne zunächst knieten, hinter diesen knieten die Adeligen und hinter diesen wieder die Bürger.
»Edler Herzog,« sprach der Pfarrherr von St, Paul, »möge es Euch gefallen, die Antwort Eurer guten, getreuen Stände von Burgund zu vernehmen! Ein Priester, ein Edler und ein freigeborener Bürger, werden Eure Hoheit einer nach dem andern anreden. Denn obwohl – und gelobt sei Gott, der da die Brüder läßt in Eintracht beisammen wohnen! – wir über die Antwort im allgemeinen einig sind, so kann doch jeder Stand noch besondere Gründe Zur Unterstützung der allgemeinen Meinung vorzubringen haben.«
»Wir wollen Euch einzeln hören,« sagte Herzog Karl, indem er den Hut auf den Kopf stülpte und sich nachlässig zurücklehnte.
Die Abgeordneten erhoben sich, und der Priester von St. Paul redete den Herzog folgendermaßen an: »Mein Herr Herzog! Eure getreue und ergebene Geistlichkeit hat Euer Hoheit Vorschlag erwogen, dem Volke eine neue Steuer aufzuerlegen, um Krieg gegen die Verbündeten Kantone im Alpenlande zu führen. Der Streit, mein hochedler Herr, erscheint Eurer Geistlichkeit ungerecht und gewalttätig von seiten Eurer Hoheit; auch kann diese Geistlichkeit nicht hoffen, daß Gott diejenigen segnen werde, die in so ungerechtem Streite das Schwert ziehen. Sie ist deshalb gezwungen, Eurer Durchlaucht Vorschlag zurückzuweisen.«
Des Herzogs Augen hafteten finster auf dem Verkünder dieser widrig schmeckenden Botschaft. Er schüttelte den Kopf mit ernstem und drohendem Blicke. »Ihr habt gesprochen, Herr Priester!« war die einzige Erwiderung, die zu äußern ihm beliebte. – Einer der Adeligen, der Sire de Myrebeau, sprach sich sodann folgendermaßen aus: »Eure Hoheit hat von uns die Zustimmung zu neuen von ganz Burgund aufzubringenden Steuern verlangt, damit neue Scharen von Söldnern gedungen werden können. Herr Herzog, die Schwerter der burgundischen Edlen, Ritter und Herren standen jederzeit zu Eurer Hoheit Befehle. In jeden gerechten Streit, den Ihr führt, werden wir willig ziehen und standhaft fechten; aber neue Steuern können wir nicht bewilligen. Wozu noch mehr Söldner mieten, da wir selber Krieger genug zu stellen vermögen?«
»Ihr habt gesprochen, Sire de Myrebeau,« waren abermals die Worte, die der Herzog erwiderte. Dann winkte er, daß einer des dritten Standes seine Erklärung abgeben möge. Dieser Mann war Martin Block, ein wohlhabender Metzger und Viehzüchter aus Dijon. Seine Worte lauteten: »Edler Fürst, unsere Väter waren die gehorsamen Untertanen Eurer erlauchten Vorgänger; wir stehen ebenso zu Euch. Jedoch den Antrag, den Euer Kanzler uns machte, hätten unsere Vorfahren nie angenommen; so sind denn wir auch entschlossen, ihn abzuweisen.«
Karl hatte mit ungeduldigem Schweigen die Reden der beiden ersten Sprecher ertragen, allein die kecke, derbe Erwiderung des dritten Standes vermochte er nicht zu erdulden. Er ließ der Heftigkeit seines Gemütes vollen Lauf, stampfte auf den Boden, bis der Thron erzitterte und das hohe Gewölbe ihm zu Häupten widerhallte. Dann überhäufte er den kühnen Bürger mit Vorwürfen, »Du Lasttier!« rief er, »soll ich auch noch Dein Geschrei mir bieten lassen? Mögen die Edlen recht haben, sich zum Reden Erlaubnis zu erbitten, denn sie können fechten; mag die Geistlichkeit ihre Zunge gebrauchen, denn das ist ihr Gewerbe; aber Du, der Du nimmer Blut vergössest als das Deiner Bullochsen, die kaum dümmer sind als Du – mußt Du mit Deiner Herde hierherkommen, um am Throne eines Fürsten loszubrüllen?«
Ein Gemurmel des Mißfallens, das selbst die Furcht vorm Zorn des Herzogs nicht zu unterdrücken vermochte, durchlief bei diesen Worten die Reihen der Zuhörer, und der Bürger von Dijon, ein derber Volksmann, versetzte ohne Umstände; »Unsere Geldsäckel, mein Herr Herzog, sind unser – und wir rücken kein Geld heraus, ehe wir nicht genau wissen, wozu es verwendet werden soll; auch wissen wir recht Wohl, wie wir unser Leben und unsere Habe gegen ausländische Schufte und Räuber zu beschirmen haben!«