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Mit kühner Gebärde schleuderte der Schweizer den Handschuh seiner rechten Hand auf den Boden. Gemäß dem Geiste des Jahrhunderts und der allgemeinen Vorliebe für edle Waffentat, entstand eine allgemeine Bewegung unter den burgundischen Jünglingen, und mehr denn sechs oder acht Handschuhe wurden hastig von anwesenden jungen Rittern und zwar von den entfernter Stehenden über die Köpfe der Vordern hingeworfen, wobei ein jeder seinen Stand und Namen laut ausrief. – »Ich nehme es mit allen auf!« rief der kecke junge Schweizer, indem er die um ihn herum hinklatschenden Handschuhe aufhob. »Mehr, Ihr Herren, mehr! Einen Handschuh für jeden Finger! Kommt heran, einer nach dem andern – offene Schranken, biedere Kampfrichter, Gefecht zu Fuß und mit doppelgriffigen Schwertern, so werd' ich einem Schock von Euch stehen.«

»Haltet ein, Ihr Herren, haltet ein!« sagte der Herzog, geschmeichelt und besänftigt durch den Eifer, der für seine Sache an den Tag gelegt wurde. Auch gefiel ihm die riesige Tapferkeit, die der Herausforderer mit einer dem Herzoge selber eigenen Kühnheit gezeigt hatte: »Halt, befehl ich Euch allen! – Herold, sammle die Handschuhe und gib sie den Eigentümern zurück. Gott und der heilige Georg mögen verhüten, daß wir das Leben auch nur des Letzten unserer Edlen gegen einen Schurken wagen sollten, wie dieser Schweizer Bauer einer ist, der nimmer einen Gaul bestieg und von ritterlichem Wesen keinen Dunst hat! – Bringt Euer pöbelhaftes Gebrüll anderswohin, junger Recke, und wißt, daß Eure offenen Schranken nur der Markt Morimont und der Einzige, mit dem Ihr zu kämpfen hättet, der Henker sein müßte! Und Euch, die Ihr diesen Polterer das Wort unter Euch führen laßt, vor allem Dich, Du weißbärtiger Alter dort, Dich frage ich, ob keiner unter Euch ist, der Eure Botschaft in Worten ausrichten kann, die für das Ohr eines Monarchen passen?«

»Gott sei Dank!« sagte der Landammann, indem er vortrat, und Rudolf von Donnersberg Schweigen gebot, der abermals eine kecke Antwort auf den Lippen trug. – »Gott sei Dank, edler Herzog! wir wissen so zu sprechen, daß Eure Hoheit uns verstehen wird, zumal wir, wie ich hoffe, die Sprache der Wahrheit, des Friedens und der Gerechtigkeit führen. Was mich betrifft, so kann ich mit Wahrheit sagen, daß ich es zuvor aus freier Wahl vorzog, als Landmann und Jäger auf den Alpen von Unterwalden zu leben und zu sterben, daß ich aber doch von Geburt auf das Recht Anspruch erheben darf, vor Herzogen und Königen, ja vor dem Kaiser selber zu reden. Es ist, mein Herzog, keiner hier in dieser stolzen Versammlung, der edleren Stammes wäre, als die Freiherren von Geierstein.«

»Wir haben von Euch gehört,« sagte der Herzog. »Die Leute nennen Euch den Bauerngrafen. Eure Geburt ist für Euch nur eine Schmach, nachdem Ihr freiwillig ein Leibeigener wurdet.« – »Kein Leibeigener, Herr,« antwortete der Landammann, »sondern ein Freisasse, der weder andere knechten, noch sich von andern knechten lassen will. Doch will ich mich durch Stachelrede nicht aus der Gelassenheit reißen lassen, die notwendig ist, um gehörig zu vertreten, was meine Landsleute mir aufgetragen haben. Die Bewohner der eisigen, unwirtlichen Alpen begehren, mächtiger Herr, in Frieden zu bleiben mit allen ihren Nachbarn, und ihrer selbstgewählten Verfassung sich zu erfreuen, da diese sich am besten für ihren Stand und ihre Sitten eignet. Vornehmlich wünschen sie in Eintracht mit dem fürstlichen Hause Burgund zu bleiben, dessen Besitzungen auf so manchen Punkten die Schweizer Grenzen berühren. Sie wünschen Eintracht, ja sie bitten sogar darum, mein hoher Herr! Zum Beweise dafür, Herr Herzog, erblicke ich, der ich nimmer das Knie beugte, als nur vor dem Ewigen im Himmel, keine Entwürdigung darin, vor Eurer Hoheit zu knien!«

Die ganze Versammlung, der Herzog selbst, war ergriffen, von der edlen, stattlichen Weise, in der der wackere Greis, offenbar frei von knechtischem Sinn und aller Furcht, das Knie beugte. – »Steht auf, Herr!« sagte Karl. »So wir etwas gesagt haben, was Euer persönliches Gefühl verletzen könnte, so nehmen wir es ebenso öffentlich zurück, wie wir es aussprachen, und sind bereit, Euch als einen Gesandten anzuhören, der es ehrlich meint.« – »Dank dafür, mein hochedler Herr, und ich werde den heutigen Tag segnen, so ich Worte finde, würdig der Sache, die ich zu vertreten habe. Hoher Herr, das Blatt, das ich in Eure Hand lege, erläutert die Unbill, die uns von den Bevollmächtigten Eurer Hoheit sowie von denen des Grafen Raymund von Savoyen, Eures getreuen Bundesgenossen, angetan worden sind. Als unabhängiges Volk können wir solcherlei Schmach nicht länger dulden, und wir sind entschlossen, unsere Unabhängigkeit zu wahren, oder in Verteidigung unserer Rechte zu sterben. Und was wird folgen müssen, wenn Eure Hoheit nicht den Friedensworten, deren Ueberbringer ich bin. Gehör verleiht? Krieg – Krieg auf völligen Untergang; denn so lange ein einziger unserer Eidgenossenschaft eine Hellebarde schwingen kann, so lange wird, wenn dieser böse Zwist einmal begann – Fehde sein zwischen Euren machtbegabten Reichen und unsern armen, ackerlosen Ländern. Und was kann der edle Herzog von Burgund in solchem Kampfe gewinnen? Reichtum und Beute? Ach, hoher Herr, auf dem Zaumzeug Eurer Leibwache ist mehr Gold und Silber als in den öffentlichen Schatzkammern und den Privatschatullen unserer gesamten Eidgenossenschaft. Ruhm? Den kann eine zahlreiche in Eisen gehüllte Heeresmacht im Kampf gegen mangelhaft bewaffnete Landleute und Hirten kaum gewinnen. – Wenn aber der Herr der Heerscharen der schwächeren Partei zum Siege verhilft, so überlasse ich es Eurer Hoheit zu entscheiden, wie sehr in solchem Falle Euer Ruhm, Eure Ehre verlieren würde. Wollt Ihr Eure Besitzungen und die Zahl Eurer Untertanen vermehren, indem Ihr uns befehdet? Wisset, daß wir in den wildesten, unnahbarsten Gegenden Zuflucht suchen, bis auf den letzten Mann Widerstand leisten und in den Eiswüsten der Gletscher den Tod erwarten würden. Ja, wir wollen, Männer, Weiber und Kinder, samt und sonders lieber untergehen, als daß wir freien Schweizer jemals einen ausländischen Herrn als den unserigen anerkennen!«

Die Rede des Landammannes machte einen merklichen Eindruck auf die Versammlung. Der Herzog gewahrte das, und der ihm innewohnende Trotz entfachte sich an der allgemeinen Stimmung zu Gunsten des Gesandten. – Er antwortete mit finsteren Brauen, indem er den Greis, der noch weitersprechen wollte, unterbrach: »Ihr schließt falsch, Herr Graf, oder Herr Landammann, oder mit welchen Namen Ihr Euch nennen mögt, wenn Ihr glaubt, wir befehden Euch aus Beutegier oder Ruhmsucht. Wir wissen ebensowohl wie Ihr, daß wir weder Vorteil noch Ruhm ernten können, wenn wir Euch besiegen. Alle Herrscher, denen der Himmel die Macht verliehen hat, müssen mindestens hin und wieder eine Rotte von Räubern vertilgen, obwohl es entehrend ist, das Schwert des Ritters mit ihnen zu kreuzen. So auch jagen wir eine Herde Wölfe zu Tode, wenngleich ihr Fleisch nur Aas und ihr Fell zu nichts nütz ist.« – Der Landammann schüttelte das greise Haupt und versetzte, ohne innere Bewegung zu verraten, ja sogar mit einem leisen Lächeln: »Ich bin ein älterer Weidmann als Ihr, Herr Herzog, und vielleicht erfahrener. Auch dem kühnsten, verwegensten Jäger kommt es übel an, dem Wolfe in seine Schlupfwinkel nachzujagen. Laßt mich Euch sagen, wozu wir bereit sind, um uns einen aufrichtigen, dauernden Frieden mit unserm mächtigen Nachbarn in Burgund zu sichern. Euer Erlaucht steht im Begriff, Lothringen zu vergrößern, und es ist zu erwarten, daß unter Euch Burgunds Macht sich bis an die Küsten des Mittelmeeres erstrecken werde, – seid Ihr nun unser edler Freund und getreuer Bundesgenoß, so werden unsere von siegesgewissen Streitern besetzten Berge Euch ein Bollwerk gegen Deutschland und Italien sein. Ja, was noch mehr ist, was mein letztes, stolzestes Anerbieten ist, wir wollen dreitausend unserer Jünglinge senden, um Euer Hoheit Beistand zu leisten in jeglichem Kriegszuge, den Ihr unternehmen möget, sei es nun gegen Ludwig von Frankreich oder gegen den Kaiser von Deutschland!«