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Vierzehntes Kapitel

Indem Arthur sich dem Lieblingsplätzchen des Königs vorsichtig näherte, hatte er Gelegenheit, Seine Majestät, den guten, alten René, eingehend zu betrachten. Er sah einen Greis mit Scheitellocken und einem Barte, die an Fülle und Weiße fast mit denen des Abgeordneten von Schwyz wetteiferten, jedoch mit einer frischen und rötlichen Farbe auf den Wangen und einem überaus lebhaften Auge. Seine Kleidung war für sein Alter überaus auffallend; und sein nicht nur fester, sondern behender und rascher Schritt zeigte, daß jugendliche Kraft diesen betagten Körper noch beseelte. Der alte René trug ein Täfelchen und einen Griffel in der Hand und schien gänzlich seinen Gedanken hingegeben und gleichgiltig dagegen zu sein, ob er von mehreren Leuten auf der unter seinem höher gelegenen Plätzchen hinlaufenden Straße beobachtet würde oder nicht.

Etliche dieser Leute schienen, ihrer Kleidung und ihrem Wesen nach zu urteilen, Troubadours zu sein; denn sie hielten in ihren Händen Geigen, Zithern, kleine tragbare Harfen und andere Kennzeichen ihres Gewerbes. Andere Vorübergehende, die ernsteren Geschäften nacheilten, blickten auf den König hin, wie auf einen Gegenstand, den täglich zu sehen sie gewohnt waren, doch schritten sie nimmer vorüber, ohne ihre Barette abzuziehen und durch geziemenden Gruß Hochachtung und Ehrfurcht für seine Person zu äußern. Wenn er zufällig auf die Gruppe blickte, die seine Bewegungen beobachtete und sogar wagte, ihn mit einem Murmeln des Beifalls zu begrüßen, so geschah es nur, um sie durch ein freundliches und frohgelauntes Kopfnicken auszuzeichnen.

Endlich fiel des Königs Blick auf Arthur, in dem er sofort einen Fremden erkannte. René winkte seinem Edelknaben und flüsterte ihm etwas zu. Der Page kam dann herab, redete unsern Arthur an und teilte ihm mit, daß der König mit ihm zu reden wünschte. Dem jungen Engländer blieb keine andere Wahl, als sich zu nähern, wobei er jedoch in seinem Innern erwog, wie er sich gegen eine so sonderbare Art von Königswürde wohl zu benehmen hätte.

Als er näher kam, redete König René ihn in höflichem, doch würdevollem Tone an, und als er nun dicht vor dem Könige stand, empfand Arthur eine weit größere Ehrfurcht, als er nach allem, was er von dem Charakter des Greises vernommen, jemals vor ihm zu hegen geglaubt hätte.

»Eurem Aeußern nach, schöner Herr,« sagte René, »seid Ihr ein Fremdling in diesem Lande. Mit welchem Namen hat man Euch zu benennen und welchem Geschäfte hat man das Glück zuzuschreiben, Euch an unserm Hofe zu sehen?« – Arthur schwieg einen Augenblick, und der gute, alte Mann, der dies Schweigen der Scheu und Ehrfurcht zuschrieb, fuhr in einem ermutigenden Tone fort: »Bescheidenheit an einem Jünglinge ist jederzeit eine Zier. Sonder Zweifel seid Ihr ein Jünger der edlen, heitern Kunst des Minnesangs und der Musik, hierhergelockt durch den gern gebotenen Willkommengruß, den wir den Bekennern dieser Kunst gern gewähren, in welcher wir – gelobt seien Unsere heilige Mutter und die Heiligen! – uns selbst ein wenig versucht haben!« – »Ich ringe nicht nach der Ehre des Troubadours,« antwortete Arthur, »denn ich besitze weder Geschicklichkeit noch Verwegenheit genug, das nachzuahmen, was ich bewundere. Schlichte Wahrheit, Sire! Ich bin ein Engländer, und meine Hand ist zu starr geworden durch Bogenspannen, Lanzenschwingen und Schwertführen, um die Harfe zu schlagen oder gar den Pinsel führen zu können.« –

»Ein Engländer!« sagte René, und die Wärme seines Empfanges kühlte sich ab. »Und was führt Euch hierher? England und ich, wir haben wenig Freundschaft miteinander gepflogen.« – »Aus diesem Grunde bin ich hier,« entgegnete Arthur; »ich komme Euer Hoheit Tochter, der Prinzessin Margarethe von Anjou, die ich und mancher getreue Engländer nach wie vor als unsere Königin betrachten, obwohl Verräter sich ihre Rechte anmaßten, meine Huldigung darzubringen,« – »Ach, guter Jüngling!« rief René. »Es tut mir leid um Euch, weil ich Eure Treue und Anhänglichkeit hochschätze. Dächte meine Tochter Margarethe wie ich, so würde sie längst auf Ansprüche verzichtet haben, deretwegen die edelsten und tapfersten unserer Vasallen in ein Meer von Blut getaucht wurden. Geht in meinen Palast und fragt nach dem Seneschall Hugo von Saint-Cyr! er wird Euch zu Margarethen führen – das heißt, so sie Verlangen trägt, Euch zu sehen. Wo nicht, guter englischer Jüngling, so weile in meinem Palaste, und Du sollst gastliche Aufnahme finden. Wenn Du Sinn hast, für Schönheit und edle Formen, so wird Dir das Herz im Busen hüpfen beim Anblick meines Palastes, dessen stattliches Aussehen wohl der tadellosen Gestalt irgend einer wohlerzogenen Dame oder der kunstreichen, nur dem Anscheine nach einfachen Melodie gleicht, die wir soeben zu einem Liede gesetzt haben.«

Der König schien nach seinem Instrumente greifen und dem Jüngling das eben verfaßte Lied vorsingen zu wollen; allein Arthur empfand in diesem Augenblick jene Art sonderbarer Scham, die feinfühlende Seelen ergreift, wenn jemand, der sich etwas auf irgend eine Kunst einbildet, mit einem Vertrauen, als könnte er Bewunderung erregen, sich hervortun will und dabei doch, nur lächerlich wirken muß. Er nahm daher rasch Abschied von dem Könige von Neapel, beiden Sizilien und Jerusalem, und zwar auf eine Weise, die sehr wenig der herkömmlichen Etiquette entsprach. Der König blickte ihm etwas verwundert nach; schien aber sein Benehmen mangelhafter Erziehung zuzuschreiben und begann dann wieder auf seiner Geige zu fiedeln.

»Der alte Tor!« sagte Arthur, »seine Tochter ist entthront, seine Staaten zerstückelt, sein Königshaus ist im Erlöschen, sein Enkel wird von einem Schlupfwinkel zum andern verscheucht und aus dem Erbe seiner Mutter vertrieben – dennoch findet dieser Greis Belustigung in dergleichen Albernheiten! Mit seinem langen weißen Barte hielt ich ihn für ebenso ehrwürdig, wie Nikolaus Bonstetten; allein dieser alte Schweizer ist, mit diesem Männlein verglichen, ein wahrer Salomo.«

Unter solchen Betrachtungen erreichte Arthur den Springbrunnen und fand hier Thibault, der ihm versicherte, Gepäck, Pferde und Mannschaft wären so untergebracht worden, daß man ihrer auf den ersten Blick habhaft werden könnte. Dann führte er unsern Arthur nach des Königs Palast, der wegen der Eigenart und Schönheit seines Baues die Lobrede wohl verdiente, die der König ihm gehalten hatte.

Arthur wunderte sich vor allem darüber, daß das Tor des Palastes offen stand und Leute aus allen Ständen ungehindert aus- und einzugehen schienen. Nachdem der Jüngling sich einige Minuten lang umgesehen hatte, stieg er die Stufen hinan und fragte bei dem Türsteher nach dem ihm vom König genannten Seneschall. Der wohlbeleibte Hüter übergab den Fremden einem Edelknecht, der ihn in ein Gemach führte, wo er einen Diener höheren Ranges fand, einen Mann mit freundlichem Gesicht, ruhigem, hellem Auge und einer Stirn, die sich wohl nie zum Ernst runzelte.

»Ihr sprecht Nordfranzösisch, schöner Herr,« sagte er zu Arthur, »habt lichteres Haar und weißere Gesichtsfarbe als die Eingeborenen dieses Landes. – Ihr fragt nach der Königin Margarethe. – An allen diesen Zeichen erkenne ich in Euch den Engländer. Ihre Gnaden von England ist in diesem Augenblick beschäftigt, im Kloster zu Mont Saint-Victoire ein Gelübde abzulegen, und so Euer Name Arthur Philippson ist, so habe ich Auftrag, Euch sofort zu der Königin zu führen. Nur sollt Ihr zuvörderst Speise und Trank zu Euch nehmen.« Als dies geschehen, begleitete ihn der Seneschall bis an das Tor, und dort zeigte sich Thibault, nicht mit den ermüdeten Rossen, von denen sie vor einer Stunde abgestiegen waren, sondern mit frischen Kleppern aus dem Stalle des Königs. »Sie sind die Eurigen von dem Augenblicke an, wo Ihr den Fuß in den Steigbügel setzt,« sprach der Seneschall; »der gute König René nimmt niemals ein Pferd zurück, das einem Gaste geliehen wurde; und das ist vielleicht eine von den Ursachen, warum Seine königliche Hoheit und wir, seine Hausdiener, oftmals zu Fuße gehen müssen.«