Hier verabschiedete sich Arthur von dem Seneschall und ritt fürbaß, um Königin Margarethe in dem berühmten Kloster Saint-Victoire aufzusuchen. Er fragte seinen Führer, in welcher Richtung dasselbe gelegen wäre, und dieser zeigte mit einer Art von Triumph auf einen etwa dreitausend Fuß hohen Berg, der sich in einer Entfernung von ein paar Stunden Weges von der Stadt erhob und mit seinem kühnen Felsgipfel das Wahrzeichen der Landschaft bildete.
Thibault ritt dicht an seines Gebieters Seite und fragte ihn mit gedämpfter Stimme, ob er schon wüßte oder zu wissen begehrte, aus welcher Ursache Margarethe die Stadt Aix verlassen und sich in das Kloster von Saint-Victoire begeben hätte. – »Um ein Gelübde zu erfüllen,« sagte Arthur. – »Ich weiß es besser,« antwortete Thibault. »Um die Schwermut zu verscheuchen, in die seine Tochter versunken war und wodurch alles, was sich ihr näherte, gleichsam vergiftet wurde, traf König René, als sie auf einige Tage verreist war – man weiß nicht, weshalb oder wohin – umfassende Vorkehrungen zu einem lustigen Mummenschanz, in deren Veranstaltung er Meister ist. Als seine Tochter nun zurückkehrte und vor dem Palaste erschien, sah sie sich plötzlich von hundert Masken, Türken, Juden, Sarazenen und Mauren umringt, die ihr ihre Huldigung darbrachten und sie als die Königin von Saba begrüßten. Ein großes Musikstück rief die Masken auf, sich zu einem prächtigen Ballett zu vereinigen, indem sie die Königin auf höchst unterhaltende Weise und mit den seltsamsten Gebärden umtanzten. Frau Margarethe, bestürzt über den Lärm und verdrossen über diesen unerwarteten Ueberfall, wollte in den Palast gehen; allein auf Befehl des Königs waren die Pforten verschlossen. Die Königin wollte nun durch ein Zeichen und Worte den Tumult beschwichtigen; allein die Masken, die sich genau nach dem ihnen vorgeschriebenen Programm richteten, antworteten nur durch Gesang, Musik und Jubelgeschrei.« – »Ich wollte,« sprach Arthur, »es wären ein Schock englischer Jagddiener mit ihren Knütteln dagewesen, um den schreienden Schuften Ehrfurcht vor einer Dame einzubläuen, die die Krone von England trug.« – »Alles Getöse hörte sofort auf,« fuhr Thibault fort, »und sanfte Musik erklang, als der gute König selbst, in der Gestalt des Königs Salomo, erschien.«– »Mit welchem er unter allen Fürsten die wenigste Ähnlichkeit hat,« fiel Arthur ein. – »Er machte nun zur Bewillkommnung der Königin von Saba solche Sprünge und Gebärden, daß, wie Augenzeugen mir versicherten, selbst ein toter Mensch lebendig oder ein lebender Mensch des Todes vor Lachen geworden wäre. Je mehr er gaukelte und scherzte, desto aufgebrachter wurde die Königin, bis ihr Verdruß sich zu einer Art von Wahnsinn steigerte. Sie schlug ihm den Stab aus der Hand, brach sich durch die Volksmenge wie eine Tigerin Bahn, und eilte zum Vorhof des Palastes. Bevor die szenische Darstellung, die durch die Heftigkeit der Königin zerrissen worden war, wieder in Ordnung gebracht werden konnte, hatte sich die Fürstin bereits in Begleitung mehrerer Engländer aus ihrem Gefolge von hinnen begeben. Ohne auf ihre oder anderer Sicherheit weiter Rücksicht zu nehmen, jagte sie mit ihrem Rosse davon, flog wie ein Hagelwetter durch die Gassen und zog die Zügel nicht eher an, als bis sie zur Hälfte den Berg Saint-Victoire hinaufgeritten war. Sie wurde hierauf im Kloster aufgenommen und ist dort geblieben. Ein Gelübde muß jetzt als Deckmantel des Zwistes zwischen ihr und ihrem Vater dienen.«
»Wie lange ist das her?« fragte Arthur. – »Es sind erst drei Tage verflossen, seit die Königin Margarethe die Stadt Aix verließ. Doch seht! dort erhebt sich das Kloster zwischen zwei ungeheuren Felsen, die den Gipfel des Berges Saint-Victoire bilden. Es ist dort weiter kein ebener Raum als der Spalt, in den das Kloster der heiligen Maria zum Siege eingebettet liegt, und der Zugang dazu wird durch höchst gefährliche Abgründe gesichert. Hier müßt Ihr vom Pferde steigen und den schmalen Fußpfad einschlagen, der sich endlich zu der Spitze des Felsens und zur Pforte des Klosters emporschlängelt.« – »Und was wird aus Euch und den Pferden?« fragte Arthur. – »Wir wollen in dem Hospiz bleiben,« sagte Thibault, »das die frommen Väter am Fuße des Berges zur Bequemlichkeit der Pilger unterhalten – denn ich sage Euch, von gar manchem Fernwohnenden wird zu Roß wie zu Fuß das Kloster besucht. Sorgt nicht für mich – ich komme schon zuerst von uns unter Dach!«
Arthur stieg den steilen Pfad hinan, der zum Kloster führte; indem er bald senkrechte Felsstücke erklomm, bald deren Spitzen auf Umwegen erreichte. Der Weg wand sich durch Dickicht von Buchsbaum und anderem duftenden Gesträuch, das den Bergziegen einiges Futter gewährte, jedoch dem Reisenden, der sich hindurcharbeiten mußte, ein ärgerliches Hindernis war. Die Krone dieses Berges bestand aus einem nackten Felsen und war durch einen Spalt oder eine Oeffnung in zwei Gipfel oder Spitzen geteilt, zwischen denen aller Raum von dem daselbst errichteten Klostergebäude eingenommen ward. Die Vorderseite dieses Gebäudes war von uralter, gotischer Bauart und entsprach dem wilden Ansehen der nackten Klippe, deren Form einen Teil des Klosters auszumachen schien.
Auf ein Glockenläuten erschien ein Laienbruder, der Pförtner dieses seltsam gelegenen Klosters. Arthur gab sich für einen englischen Kaufmann namens Philippson aus, der gekommen sei, der Königin Margarethe seine Huldigung darzubringen. Mit vieler Hochachtung wies der Pförtner den Fremden in das Kloster und dann in das Sprechzimmer, das, nach Aix hinüberblickend, eine weite, herrliche Aussicht auf die südlichen und westlichen Teile der Provence darbot. Arthur betrachtete entzückt die ferne Landschaft, die, von der Abendsonne beleuchtet, in verglimmendem Schimmer dalag. Die sinkenden Strahlen zeigten im dunkelroten Glanze eine weitgedehnte Mannigfaltigkeit von Hügeln, Höhen und Tälern, Feldern und Ackerland, mit Städten, Kirchen und Burgen, von denen etliche sich zwischen Bäumen erhoben, andere auf felsigen Höhen erbaut zu sein schienen, wieder andere an dem Ufer eines Sees oder Stroms hervorlugten. Plötzlich aber wurde das schöne Bild verhüllt durch den dunklen Schatten heranziehender Wolken, die sich allmählich über einen großen Teil des Horizonts hinlagerten und die Sonne zu verfinstern drohten, und heulend strich der Wind durch die Klüfte des Berges.
Während Arthur das wunderbare Naturschauspiel betrachtete, vergaß er über dem erhebenden Anblick fast das wichtige Geschäft, das ihn hierher geführt hatte, als er plötzlich Margarethe von Anjou neben sich erblickte. Die Königin trug ein schwarzes Gewand, ohne allen Schmuck, einen goldenen, etwa einen Zoll breiten Reifen ausgenommen, der ihre langen schwarzen Haarflechten zusammenhielt, die durch das ihr nahende Alter und durch schwere Kümmernisse zum Teil ihren Glanz verloren hatten. Aus dem Reifen hervor hub sich eine schwarze Feder mit einer roten Rose, der letzten des Jahres, die der fromme Gärtner des Klosters ihr an diesem Morgen als Sinnbild ihres Hauses verehrt hatte. Sorge, Bekümmernis und Ermattung schienen auf ihrer Stirn und in ihren Gesichtszügen zu lagern. Jedem andern Boten hätte sie wahrscheinlich Vorwürfe gemacht, nicht rascher seiner Pflicht nachgekommen zu sein; allein Arthurs Alter und Gestalt erinnerten sie stets an ihren geliebten, verlorenen Sohn, und außerdem war Arthur der Sohn einer Dame, die von Margarethen mit fast schwesterlicher Innigkeit geliebt worden war. Daher erweckte Arthurs Erscheinen jedesmal in der entthronten Königin mütterliche Zärtlichkeit. Sie hieß ihn aufstehen, als er zu ihren Füßen kniete, sprach mit vieler Huld zu ihm und ermunterte ihn, ihr ganz ausführlich seines Vaters Botschaft auszurichten, auch ihr sonstige Nachrichten von seinem Aufenthalt in Dijon zu melden.
Dann fragte sie plötzlich, welches Weges der Herzog Karl von Burgund mit seinem Heere zöge. – »Soviel ich von dem Hauptmann seines Geschützes gehört habe,« antwortete Arthur, »zieht er nach Welsch-Neuenburg, wo er den ersten Angriff gegen die Schweizer zu machen gedenkt.« – »Der eigensinnige Tor!« sagte die Königin Margarethe. »Er gleicht einem armen Mondsüchtigen, der die Höhe eines Berges erklettert, um, wie er meint, dem Regen auf halben Wege entgegenzugehen. Rät Dein Vater mir denn,« fuhr Margarethe fort, »um etlicher tausend Krontaler und der kümmerlichen Mitwirkung weniger hundert Lanzen willen unserm stolzen und eigensinnigen Vetter von Burgund, der auf alles, was unser ist, Anspruch macht und dafür so wenig Hilfe verspricht, alles das hinzugeben, was von unserm väterlichen Erbe unser ist?«