»Ich würde meines Vaters Auftrag schlecht ausrichten,« sagte Arthur, »wenn ich Eure Hoheit in dem Wahne ließe, daß er ein so großes Opfer anriete. Er fühlt tief des Herzogs von Burgund gieriges Verlangen nach Länderbesitz. Dessenungeachtet meint er, die Provence müsse nach dem Tode des Königs René oder früher entweder dem Herzog Karl oder dem König von Frankreich zufallen, was für Widerstand auch Eure Hoheit gegen solche Verfügung aufbieten möge, und es mag wohl sein, daß mein Vater, als Ritter und Kriegsverständiger, sich von einem abermaligen Versuch auf Britannien viel verspricht. Allein die Entscheidung muß Eurer Hoheit überlassen werden.« – »Junger Mann,« sagte die Königin, »die Erwägung einer so schweren Frage beraubt mich fast des Verstandes. Margarethe, deren Entschließungen einst fest und unbeweglich wie der Fels waren, auf dem dieses Kloster steht, ist jetzt so unschlüssig und wankelmütig wie die Wolken, die um uns her jagen. In der Freude, mit einem so treuen Vasallen zusammenzutreffen, sagte ich zu Deinem Vater, daß ich alle Opfer bringen wollte, um den Beistand Karls von Burgund zu einer so ritterlichen Unternehmung zu gewinnen, wie der treue Oxford sie mir vorschlug. Doch seitdem habe ich Ursache gehabt, mir das alles reiflich zu überlegen. Ich kehrte zu meinem betagten Vater nur zurück, um ihn zu beleidigen, ja, mit Scham bekenne ich es, um dem Greise vor seinem Volke Schmach anzutun. Seine Gemütsart ist so von der meinigen verschieden wie der Sonnenschein, der vor kurzer Frist eine heitere, schöne Landschaft vergoldete, von dem Sturme, der jetzt wütet. Mit unverhülltem Hohn und offenbarer Geringschätzung, überdrüssig der eitlen Torheiten, die er zur Tröstung einer entthronten Königin, einer verwitweten Gattin und ach! einer kinderlosen Mutter vorbrachte, zog ich mich vor der geräuschvollen und müßigen Lust, die meinen Gram nur noch verschärfte, hierher zurück. Seitdem ich nun hier bin und Stille und Einsamkeit mir Zeit zum Nachdenken gewähren, habe ich an die Kränkungen gedacht, die ich dem alten Manne zufügte, und an das Unrecht, das ihm zu tun ich im Begriffe stand. Mein Vater – um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, – ist auch der Vater seines Volkes. Dieses Volk hat in seinen Weingärten und unter seinen Feigenbäumen in unendlicher Bequemlichkeit vielleicht, jedoch auch frei von Unterdrückung und Erpressung gelebt, und dieses Volkes Glück ist auch das Glück seines guten Königs. Muß ich all dies umgestalten? – Muß ich dazu verhelfen, dieses zufriedene Volk einem verwegenen, eigenwilligen, herrschsüchtigen Fürsten zu überliefern? – Würde ich nicht sogar das fröhliche und sorgenlose Herz meines armen alten Vaters brechen, wenn es mir glückte, ihn zu solchem Verzicht zu bestimmen? Dies sind Fragen, die ich mir nur mit Schauder vorlege. Andererseits aber handelt sich's dann darum, die kühnen Pläne Eures Vaters zunichte zu machen, die einzige Gelegenheit zu verscherzen, die sich jemals wieder darbieten mag, Rache zu nehmen an den Verrätern und das Haus Lancaster wiederherzustellen! –Ach, Arthur! die Natur um uns her ist nicht so bewegt durch den schauerlichen Sturm, wie meine Seele es ist durch Zweifel und Ungewißheit!«
»Leider,« sprach Arthur, »bin ich zu jung und zu unerfahren, um in so bedenklichem Falle der Ratgeber Eurer Majestät zu sein. Ich wollte, mein Vater wäre hier,« – »Ich weiß, was er sagen würde,« versetzte die Königin, »und da ich es weiß, verzweifle ich an der Hilfe menschlicher Ratgeber. Meines armen Vaters Lage macht es mir unmöglich, einen festen Entschluß zu fassen. Handelte es sich bloß um dieses pfeifende, winzige Volk von Troubadouren, so wollte ich es allein für das Glück, meinen Fuß noch einmal auf Englands Erde zu setzen, ebenso bereitwillig und leicht von mir schütteln, wie ich dem Sturme dieses verschollene Sinnbild meines verlorenen Königtums überantworte!«
– Indem Margarethe dies sagte, riß sie aus ihrem Haar die dunkle Feder mit der roten Rose, die durch den Sturmwind von dem Goldreif gelöst worden waren, und ließ sie mit einer wilden Gebärde über den Altan hinabwehen. Beide wurden augenblicklich von einer Windsbraut hinweggeführt, so daß die Feder weithin im leeren Raume, wohin das Auge ihr nicht folgen konnte, verschwand. Doch während Arthur unwillkürlich sich bemühte, ihren Flug zu verfolgen, warf ein entgegengesetzter Windstoß die rote Rose zurück, so daß sie auf seine Brust fiel, wo er sie auffing.
»Freude, Glück und Freude, meine königliche Herrin!« rief er, indem er Margarethen die Blume zurückgab! »der Sturm bringt das Wappenzeichen des Hauses Lancaster der rechtmäßigen Eigentümerin zurück!« – »Ich nehme die Deutung an,« sprach Margarethe, »doch sie ist Euch geworden, edler Jüngling, und nicht mir. Die Jeder, die dem Verderben und der Vernichtung entgegengeführt wurde, ist ein Bild Margarethens. Meine Augen werden nimmer die Wiederaufrichtung des Hauses Lancaster erblicken! Ihr aber werdet es erleben, werdet selber dabei tätig sein. Doch meine Gedanken sind so seltsam schwankend, daß eine Rose oder Feder ihr Gleichgewicht aufzuheben imstande ist. O! mein Kopf ist schwindlig, mein Herz ist krank,– Morgen sollt Ihr eine andere Margarethe sehen, und bis dahin – Lebewohl!«
Es war Zeit, sich zurückzuziehen, denn das Unwetter begann heftigere Regengüsse herabzuschütten. Die Königin rief durch ein Händeklatschen zwei ihrer Dienerinnen. »Laßt den Pater Abt wissen,« sagte sie, »daß dieser junge Mann für diese Nacht so beherbergt werden soll, wie es sich für einen unserer geschätztesten Freunde geziemt. – Bis morgen, Sir, Lebewohl!« – Mit einem Angesicht, das nichts mehr von der Erregung der letzten Augenblicke verriet, und mit einer Majestät, die ihr in den Gemächern des Schlosses zu Windsor wohlgestanden hätte, reichte sie dem Jünglinge die Hand, die er ehrfurchtsvoll küßte.
Fünfzehntes Kapitel
Als kaum der Morgen graute, trat in Arthurs Zelle der Pförtner, um ihm zu sagen, daß, so sein Name Arthur Philippson wäre, ein Bruder des Klosterordens ihm Briefschaften von seinem Vater zu überbringen hätte. Der Jüngling fuhr auf, kleidete sich hastig an und wurde in das Sprechzimmer geführt, wo ein Karmelitermönch seiner harrte.
»Ich bin manche Stunde Weges geritten, junger Mann,« sagte der Mönch, »um Euch dieses Schreiben zu überreichen, indem ich Eurem Vater unverzügliche Besorgung versprochen habe. Ich kam während des Sturmes in voriger Nacht zu Aix an, und da ich im Palast erfuhr, Ihr wäret hierher geritten, saß ich auf, sobald das Unwetter sich legte, und bin jetzt hier.« – »Ich bin Euch dankbar, Vater,« sagte der Jüngling, »und wenn ich Eure Mühe mit einer kleinen Gabe an Euer Kloster vergelten kann, so . .« – »Durchaus nicht,« antwortete der Klosterbruder. »Die Kosten meiner Reise sind mir reichlich vergütet worden. Doch öffnet Eure Briefschaften, ich bin imstande, auf Eure Fragen zu antworten.«
Der Jüngling trat demnach an die Brüstung eines Fensters und las: »Sohn Arthur. – Was den Zustand dieses Landes anbetrifft, so ist das Reisen hier jetzt sehr gefährlich. Der Herzog hat die Städte Brie und Granson weggenommen und fünfhundert Mann getötet, die er als Besatzung daselbst gefangen nahm. Allein die Eidgenossen nähern sich mit großer Streitmacht, und Gott wird für das Recht entscheiden. Wie auch das Spiel auslaufe, so ist dies eine scharfe Fehde, in der auf beiden Seiten wenig von Schonung die Rede ist, und deshalb bietet sich für Leute unseres Gewerbes nicht eher Sicherheit, als bis die Entscheidung gefallen sein wird. Mittlerweile magst Du der verwitweten Dame versichern, daß unser Kunde nach wie vor Neigung zum Kaufe der in ihren Händen befindlichen Waren hat; doch wird er kaum eher Zahlung leisten können, als bis die dringenden Geschäfte, die er jetzt betreibt, beendigt sind. Das wird, hoffe ich, bald geschehen. Ich habe einen in die Provence reisenden Mönch zum Ueberbringer dieses Briefes gedungen, und er wird ihn Dir hoffentlich treulich einhändigen. Dem Boten ist zu trauen. – Dein Dich liebender Vater John Philippson,«