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Arthur forschte bei dem Karmeliter nach der Zahl der herzoglichen Kriegsschar, die der Mönch auf sechstausend angab, während die Eidgenossen, wie er sagte, trotz aller Bemühungen nicht mehr als den dritten Teil dieser Anzahl hätten zusammenbringen können. Der junge Ferrand de Vaudemont wäre bei den Schweizern und hätte, wie man meinte, geheimen Beistand von Frankreich erhalten; da er aber nicht sonderlich in den Waffen erfahren wäre, auch nur wenige Mannschaft zählte, so trüge der leere Titel, den er als Feldherr führte, nicht viel zur Verstärkung der Eidgenossenschaft bei. Im ganzen berichtete er, schien alles für Karl von Burgund günstig zu stehen, und Arthur, der der Meinung war, daß seines Vaters Unternehmen nur dann glücken könne, wenn der Herzog Glück hatte, freute sich nicht wenig, dies, soweit durch Ueberzahl an Kriegsmannschaft darauf zu schließen war, gesichert zu wissen. Er hatte keine Zeit, weiter zu fragen; denn die Königin war soeben eingetreten, und der Karmeliter zog sich mit tiefer Verbeugung zurück.

Die Blässe auf dem Angesichte Margarethens zeugte noch von ihrer gestrigen Aufregung; doch als sie Arthur huldreich den Morgengruß bot, war ihre Stimme fest, ihr Auge klar, ihre Haltung ungebeugt, »Ich sehe Euch anders wieder,« sagte sie, »als ich Euch gestern verließ; denn mein Vorsatz ist gefaßt. Ich sehe ein, wenn René nicht freiwillig auf die Provence verzichtet, so wird er gewaltsam von diesem Thron gestoßen werden und dabei vielleicht noch sein Leben verlieren. Deswegen wollen wir mit aller Eile ans Werk gehen. Ich kann die Abdankungs- und Uebertragungsschrift von hier aus unter meiner Leitung anordnen und deren Vollziehung zustande bringen, wenn ich nach Aix zurückkehre. Dies soll geschehen, sobald meine Buße hier ihr Ende erreicht hat,« – »Und dieser Brief, huldvolle Frau,« sagte Arthur, »wird Euch kundtun, welche Ereignisse herannahen, und von welcher Wichtigkeit es ist, durch Vorarbeiten Zeit zu gewinnen. Setzt mich nur in den Besitz des notwendigen Abdankungsbriefes, und ich werde Tag und Nacht reisen, um in das Lager des Herzogs zu gelangen. Höchstwahrscheinlich werde ich ihn im Momente des Sieges erreichen. In solcher Stunde werden, ja müssen wir seinen Beistand erhalten; und wir werden bald sehen, ob der ausschweifende Eduard von York, der wilde Richard, der verräterische und meineidige Clarence fernerhin noch die Herren des fröhlichen Englands bleiben werden, oder ob sie einem rechtmäßigeren Monarchen, einem bessern Menschen weichen müssen. Aber, o königliche Frau, auf Eile kommt alles an.«

»Wahr – jedoch nach einer Frist von wenigen Tagen wird und muß der Würfel zwischen Karl und seinen Gegnern fallen, und bevor wir eine so große Schenkung machen, dürfte es doch geraten sein, sich zu versichern, ob der, den wir so begünstigten, auch imstande bleibt, uns Beistand zu leisten. Alle Ergebnisse eines tragischen, vielbewegten Lebens haben mich erkennen lehren, daß nichts über einen unbedeutenden Feind geht. Doch will ich mich beeilen, indem ich im voraus hoffe, daß uns gute Kunde von Neuenburg zukommen werde.«

»Wer aber soll dazu gebraucht werden, diese wichtige Entsagungsschrift zu entwerfen?« fragte der Jüngling. Margarethe sann nach, dann versetzte sie: »Euer Vater schreibt, dem Karmeliter, der Euch das Schreiben überbrachte, sei zu trauen – er soll ans Werk. Er ist ein Fremder und wird schweigen, wenn er ein Stück Geld erhält. Lebt wohl, Arthur de Bere! Ihr werdet von meinem Vater mit aller Gastfreundschaft behandelt werden. Gott befohlen!«

Arthur stieg mit raschen Schritten den Berg hinab. Das Wetter war jetzt überaus heiter, und angesichts der Berglandschaft dachte der junge Mann an die Felsen im Kanton Unterwalden und an das Mädchen, das er dort hatte kennen lernen. Er vergaß über dem süßen Träumen die Mahnung seines Vaters, der ihm ans Herz gelegt hatte, jeden Brief von ihm geheimen Inhalts wegen über ein starkes Feuer zu halten. Erst der Anblick einer Wärmpfanne voll Holzkohlen in der Küche des Hospizes am Fuße des Berges, wo er Thibault mit den Rossen fand, erinnerte ihn daran. Er hielt nun das Papier, als wollte er es trocknen, über die Glut, und groß war sein Erstaunen, als nun ein eingeschaltetes, höchst wichtiges Wort in dem Schreiben sichtbar wurde, so daß er jetzt lesen mußte: »Dem Boten ist nicht zu trauen.«

Von Scham und Verdruß ergriffen, konnte Arthur keinen andern Ausweg finden, als augenblicklich in das Kloster zurückzukehren und der Königin die Entdeckung mitzuteilen, wobei er noch hoffte, früh genug zu kommen, um jeglicher Gefahr vorzubeugen, die aus der Verräterei des Karmeliters etwa entstehen könnte. – Aergerlich auf sich selbst und voll Eifers, seine Sache wieder gut zu machen, erstieg er nochmals die steile Höhe, und binnen vierzig Minuten stand er atemlos und keuchend vor der Königin Margarethe, die über sein Erscheinen und seine Erschöpfung nicht wenig erstaunt war.

»Traut dem Karmeliter nicht!« rief er. – »Ihr seid verraten, Königin, und zwar durch meine Nachlässigkeit. Hier ist mein Dolch, stoßt ihn mir in das Herz!« Margarethe begehrte und erhielt deutlichere Erklärung. »Es ist ein unglücklicher Zufall,« sagte sie darauf. »Doch hätte auch Euer Vater uns deutlicher warnen können. Ich habe dem Karmeliter den Inhalt des Vertrages mitgeteilt und ihn mit der Niederschrift beauftragt. Er hat mich eben verlassen, um der Hora beizuwohnen. Wir können das unbedachtsamerweise geschenkte Vertrauen nicht mehr zurücknehmen, allein ich kann leicht bewirken, daß der Mönch nicht eher aus dem Kloster hinausgelassen wird, als bis es für uns gleichgiltig ist, ob er ein Verräter ist oder nicht. Dies ist der beste Weg, den wir einschlagen können, und ich will Sorge tragen, daß alle Unbequemlichkeit, die er durch sein Hierbleiben erleidet, ihm reichlich belohnt werde. Mittlerweile ruhe aus, guter Arthur, und lüfte Dir Dein Gewand. Armer Junge, Du bist ganz erschöpft!«

Arthur gehorchte und ließ sich auf einen Sessel im Sprechzimmer nieder. »Könnte ich den falschen Mönch nur sehen,« sagte er, »so wollte ich ein Mittel finden, ihn zum Schweigen zu bringen.« – »Besser ist es, Du überläßt es mir,« sagte die Königin, »und mit einem Worte: ich untersage es Dir, Dich mit ihm einzulassen. Es freut mich, daß Ihr die heilige Reliquie, die ich Euch verehrte, um den Hals tragt. Doch was für ein maurisch Zauberkettlein hängt daneben? Ach! ich brauche nicht zu fragen, Eure hochroten Wangen deuten nur zu sehr auf ein zartes Liebeszeichen, Ach! armer Knabe! Einst hätte Margarete von Anjou Dir Beistand sein können, auf wen Deine Neigung sich auch gerichtet haben möchte; allein jetzt kann sie nur das Unglück ihrer Freunde vergrößern, nicht aber deren Glück befördern. Doch das Zaubermädchen, Arthur? Ist sie schön? ist sie verständig und tugendreich? Ist sie von edler Geburt und – liebt sie Dich?«

Margarethe überschaute des Jünglings Gesicht mit dem Blick eines Adlers und fuhr fort: »Auf all das möchtest Du mir mit ja antworten, wenn die Verschämtheit es Dir gestattete. Liebe auch Du sie denn, mein ritterlicher Knabe! denn Liebe ist die Zwillingsschwester edler Handlungen, mein wackerer Jüngling – hochgeboren, treu, tapfer und tugendhaft, verliebt und jugendlich. – Das Rittertum des alten Europa glüht allein noch in einem Busen, wie der Deinige ist. Nun lebe wohl! Nach drei Tagen sehen wir uns in Aix,«

Arthur schied nochmals von der Königin, über deren Herablassung er in tiefster Seele entzückt war, und kehrte zu seinem Führer zurück.