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Nach einem Ritt von einer guten Stunde erreichten sie Aix, und Arthur verlor keine Zeit, sich dem guten König René vorzustellen, der ihn huldreich empfing, und zwar sowohl wegen des Empfehlungsschreibens des Herzogs von Burgund, wie in Erwägung dessen, daß der Fremde ein Engländer war, der als treuer Untertan der unglücklichen Margarethe anhing. Er konnte dem Verlangen des alten Königs, ihm seine Gedichte vorzulesen oder seine Musik vorzuspielen, durch nichts anderes ausweichen, als daß er ihn in ein Gespräch über seine Tochter Margarethe verflocht. Arthur war zu verschiedenen Malen geneigt gewesen, daran zu zweifeln, ob die Königin wirklich den Einfluß auf ihren betagten Vater besäße, dessen sie sich rühmte; doch als er mit dem Könige persönlich bekannt war, überzeugte er sich, daß ihr herrschender Geist, ihre heftigeren Leidenschaften dem schwachherzigen und leidenden König eine Mischung von Stolz, Zuneigung und Furcht einflößten, die miteinander ihr die vollkommenste Gewalt über ihn einräumten.

Obgleich sie erst kürzlich auf so unfreundliche Weise von ihm geschieden war, freute René sich doch, als er von ihrer baldigen Rückkehr hörte. Der alte König war ungeduldig wie ein Kind, ehe der Tag ihrer Ankunft herankam, und ließ sich nur nach langen Gegenreden davon abbringen, ihr als Fürst der Hirten an der Spitze eines Zuges arkadischer Schäfer und Nymphen entgegenzuziehen, deren gemeinsame Tänze und Gesänge zu begleiten jede Schalmei und jede Handtrommel des Landes in Bewegung gesetzt werden sollte.

Während Margarethens Abwesenheit gingen die Tage am Königshofe in der Provence in Scherzen und Belustigungen aller Art dahin: Turniere in den Schranken, Reiten nach dem Ringe, Jagden fanden statt; abends erscholl Musik, und lustige Tänze begannen.

Am vierten Tage lief durch einen Schnellboten die Nachricht ein, daß die Königin Margarethe vor der Mittagsstunde nach Aix zurückkehren würde, um ihre Wohnung wieder in ihres Vaters Palaste zu nehmen. Der gute König René schien sich, als die Stunde herannahte, doch ein wenig vor seiner Tochter zu fürchten und teilte seine ängstliche Unruhe allem mit, was ihn umgab. Er quälte seinen Haushofmeister und seine Köche, sich all der Schüsseln zu erinnern, von denen seine Tochter mit Wohlgefallen zu essen pflegte – er trieb die Spielleute an, der Melodien zu gedenken, die ihren Beifall gefunden hätten. Das Mahl sollte um halb zwölf Uhr aufgetragen werden, gleich als könnte man dadurch die Ankunft des erwarteten Gastes beschleunigen; und der König schritt mit dem Tellertuch über dem Arm in der Halle von Fenster zu Fenster, und bestürmte jeden mit der Frage, ob noch nichts von der Königin von England zu sehen wäre. Mit dem Schlage der Mittagsstunde ritt, von einem sehr kleinen, hauptsächlich aus Engländern bestehenden Gefolge begleitet, Margarethe von Anjou zur Stadt Aix hinein. König René ging ihr an der Spitze seines Hofes die Straße hinab entgegen. Margarethe war dieser öffentliche Empfang auf dem Marktplatze höchst unangenehm. Allein sie trug auch Verlangen, ihre jüngst geäußerte Heftigkeit wieder gut zu machen, und stieg deswegen von ihrem Zelter herab. Obgleich sie etwas betroffen darüber war, daß König René mit dem Tellertuche sie begrüßte, so demütigte sie sich doch soweit, daß sie ein Knie vor ihm beugte und ihn um Vergebung und um seinen Segen bat. Dann begab sie sich am Arme des Vaters in den Palast, wo das Wiedersehen festlich begangen wurde.

Zwischen dem Mahle und dem darauffolgenden Tanzfeste suchte die Königin Gelegenheit, mit Arthur zu sprechen. – »Schlimme Nachrichten, mein weiser Ratgeber!« sagte sie. »Nachdem die Hora vorüber war, erschien der Karmeliter nicht mehr bei mir. Als er erfuhr, daß Ihr eilig zurückgekommen wäret, hat er, wie ich vermute, Verdacht geschöpft und daraufhin schleunigst das Kloster verlassen. Ich will morgen mit meinem Vater reden. Mittlerweile dürft Ihr Euch der Lustbarkeit dieses Abends erfreuen. Liebes Fräulein von Boisgelin, ich gebe Euch diesen jungen Kavalier heute abend zum Tänzer.« Die hübsche schwarzäugige Provenzalin verneigte sich mit geziemenden Anstande und musterte den schlanken, jungen Engländer mit wohlgefälligen Blicken. »Glückliches Vorrecht der Jugend,« setzte die Königin mit einem Seufzer hinzu, als das junge Paar seinen Platz zum Ringeltanze einnahm. – »Glückliches Vorrecht der Jugend, auch am rauhesten Lebenswege ein Blümchen zu pflücken.«

Sechzehntes Kapitel

Am folgenden Tage hatte König René neue Festlichkeiten angeordnet, als zu seinem größten Mißbehagen Margarethe um eine ernsthafte Unterredung mit ihm bat. Gab es in der Welt einen Antrag, den René von ganzem Herzen verabscheute, so war es der, in dem das Wort Geschäft vorkam. »Was will denn das Kind von mir?« fragte er; »will sie Geld haben? Ich will ihr geben, was ich an Barem besitze, wiewohl ich gestehe, daß meine Schatzkammer etwas erschöpft ist; doch erwarte ich neue Jahreseinkünfte. Zehntausend Kronen habe ich noch. Wieviel wünscht sie davon? Die Hälfte? – ein Drittel? – das Ganze? – Alles ist zu ihren Diensten.« – »Ach, mein teurer Vater,« sagte Margaretha, »es sind nicht meine Angelegenheiten, sondern die Eurigen, worüber ich mit Euch reden will.« – »So es meine Angelegenheiten sind,« sagte René, »so kann ich sie bis zu einem andern Tage verschieben – bis auf irgend einen düstern Regentag, der zu nichts Besserm taugt.« –»Was ich mit Euch zu besprechen habe, betrifft Ehre und Rang, Leben und Lebensunterhalt!« – »Wenn Du darauf bestehst, Kind,« sagte König René, »so weißt Du, daß ich nicht nein sagen kann.« Und mit Widerwillen ließ er sich in ein inneres Gemach führen. Um jede Störung fernzuhalten, erhielten Margarethens Schreiber Mordaunt und Arthur die Weisung, im Vorgemach zu weilen und niemand einzulassen. Der arme König, der in das Regierungskabinett geführt wurde, blickte mit innerlichem Schauer auf das ebenholzene, mit Silber beschlagene Kästchen, dessen Inhalt ihm bisher stets höchst langweilige Verhandlungen beschert hatte; doch als die Papiere ihm nun vorgelegt waren, zeigte es sich, daß sie, wiewohl auf schmerzliche Weise, seine ganze Aufmerksamkeit rege machten.

Seine Tochter nannte ihm klar und mit kurzen Worten die Schuldsummen, die auf seinen Besitzungen lasteten, und erklärte, wie die letzteren in kleineren und größeren Teilen verpfändet waren. Dann zeigte sie ihm auf einem andern Blatte die Forderungen, deren Zahlung sofort geleistet werden sollte, und zu deren Deckung sich kein Bargeld vorfand. Der König kämpfte dagegen, wie andere Leute in ähnlicher trübseliger Lage tun. Bei jeder Schuldforderung von sechs, sieben oder achttausend Dukaten wiederholte er die Versicherung, daß er zehntausend Krontaler in seiner Kanzlei habe, und wollte durchaus nicht begreifen, daß diese Summe nicht zur Tilgung einer dreißigmal so großen Schuld in Anschlag gebracht werden könnte,

»Sind wir nicht,« sagte Rene, »König von Neapel, Aragon, beiden Sizilien und Jerusalem? Und warum soll der Monarch so schöner Königreiche einem bankerotten Landedelmann gleich um ein Paar lumpiger Krontaler willen in die Enge getrieben werden?« – »Ihr seid freilich König dieser Reiche,« entgegnete Margarethe, »allein es ist notwendig, Eure Majestät daran zu erinnern, daß Ihr es so seid, wie ich Königin von England bin, von einem Lande, wo kein Ackerstück mein ist, und aus welchem ich nicht eines Hellers Wert an Einkünften ziehen kann. Ihr habt keine Besitzungen, die Euch etwas einbrächten, außer diesen, die Ihr auf dieser Rolle verzeichnet seht, und deren Einkünfte hier genau berechnet sind. Diese Einkünfte reichen bei weitem nicht aus, Euren Aufwand zu bestreiten, geschweige denn die großen Summen längst fälliger Schulden zu bezahlen,« – »Es ist grausam, mich so zu drängen,« sagte der König, »Was kann ich tun? Bin ich arm, so kann ich nicht dafür. Ich möchte recht gern die Schulden tilgen, von denen Du schwatzest, wenn ich nur wüßte, wie.« – »Königlicher Vater, das will ich Euch zeigen, – Entsagt Eurer unnützen Würde, die nur dazu dient, Eure Armut lächerlich zu machen. Entsagt Euren Rechten als Monarch, und das Einkommen, das zu den nichtigen Vergeudungen eines bettelhaften Hofstaates nicht auszureichen vermag, wird Euch in den Stand setzen, in Ruhe und Ueberfluß und als Privatedelmann alle die Vergnügungen zu genießen, für die Ihr so eingenommen seid.« – »Margarethe, Du sprichst wie eine Törin,« antwortete Rene etwas finster, »Ein König und sein Volk sind durch Bande aneinandergeknüpft, die niemand, ohne sich strafbar zu machen, zerreißen darf. Meine Untertanen sind meine Herde, ich bin ihr Hirt. Der Himmel hat sie meiner Leitung anvertraut, und ich darf mich der Pflicht nicht entheben, sie zu schützen.« – »Wärt Ihr dazu imstande,« antwortete die Königin, »so würde Margarethe Euch beschwören, bis zum Tode dafür zu fechten. Doch legt nur einmal Euren längst nicht mehr gebrauchten Harnisch an – besteigt Euer Kriegsroß – ruft: »René für die Provence!« und seht zu, ob sich auch nur hundert um Eure Fahnen sammeln. Eure Festen sind in fremden Händen, ein Heer besitzt Ihr nicht; Eure Vasallen mögen guten Willen haben, doch entbehren sie alles Kriegsgeschickes und aller Kriegserfahrung. Ihr steht da, wie der Schatten eines Monarchen, den Frankreich oder Burgund, wer von beiden nur zuerst die Waffen erheben will, verscheuchen und verschwinden lassen kann.«