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Tränen flossen reichlich über die Wangen des alten Königs, als er sich eingestehen mußte, daß es ihm gänzlich an Macht gebrach, sich und seine Staaten zu verteidigen, als er einräumen mußte, daß er es oft selbst für notwendig erachtete, sich wegen seiner Entsagung mit einem seiner machtbegabten Nachbarn ins Vernehmen zu setzen. – »Nur die Rücksicht auf Dich, Margarete,« setzte er hinzu, »hielt mich bisher davon ab.« – »Die Rücksicht auf mich fordert jedoch gerade die Entsagung,« antwortete Margarethe. »Ja, sie ist vielleicht der einzige Wunsch, den mein Busen hegt.« – »Genug, mein Kind, gib mir die Abdankungsschrift, daß ich sie unterzeichne. Wir müssen Weh erleiden, doch ist's nicht nötig, deswegen Trübsal zu blasen.« – »Fragt Ihr nicht,« sagte Margarethe, überrascht von des Vaters Bereitwilligkeit, – »wem Ihr Eure Staaten abtretet?« – »Was nützt es,« antwortete der König, »da sie nicht mehr die unsrigen bleiben sollen? Muß es doch entweder Karl von Burgund oder mein Neffe Ludwig sein – beide sind machtbegabte, staatskluge Fürsten, Gott füge es, daß mein armes Volk nicht Ursache habe, mich alten Mann zurückzuwünschen, dessen einziges Vergnügen es war, seine Untertanen fröhlich und glücklich zu sehen.«

»Burgund ist's, dem Ihr die Provence abtretet,« sagte Margarethe. – »Karl ist auch mir lieber als Ludwig,« entgegnete René; »er ist wild, aber nicht boshaft. Noch ein Wort, sind meiner Untertanen Rechte und Freiheiten vollkommen gesichert?« – »Vollkommen,« versetzte die Königin, »und für all Eure Bedürfnisse ist auf das ehrenvollste gesorgt.« – »Ich frage nicht um meinetwillen. René, der Troubadour, wird eben so glücklich sein wie René, der König, es jemals war.«

Als er dies gesagt hatte, pfiff er in praktischer Lebensweisheit leise die Melodie eines jüngst gesetzten Liedchens und unterzeichnete, ohne nur den Handschuh auszuziehen oder das Papier durchzulesen, die Absagungsurkunde, mit der er seine königlichen Besitzungen weggab.

»Was ist das?« sagte er, indem er auf ein anderes zweites Pergament von weit kürzerem Inhalte blickte. »Muß mein Vetter Karl von Burgund auch beide Sizilien, Catalonien, Neapel und Jerusalem, außer den armseligen Resten der Provence haben? Mich dünkt, man hätte, des äußeren Auslandes wegen, zu solcher Abtretung ein größeres Pergamentblatt wählen sollen,«

– »Diese Urkunde,« sagte Margarethe, »erklärt nur, daß Ihr Ferrand de Vaudemont bei seinem vorschnellen Angriff auf Lothringen alle Unterstützung verweigert und Euch seinetwegen mit Karl von Burgund nicht verfeinden wollt!«

Aber hier hatte Margarethe ihre Gewalt über den Vater zu hoch geschätzt, René stutzte, verfärbte sich und stammelte leidenschaftlich, indem er die Tochter unterbrach: »Meinen Großsohn, den Sohn meiner teuren Jolanda, soll ich aufgeben – seine gerechten Ansprüche auf das Erbteil seiner Mutter nicht unterstützen? Margarethe, ich schäme mich in tiefster Seele! Verlassen, verleugnen soll ich mein eigen Fleisch und Blut, weil der Jüngling ein kühner, gewappneter Ritter ist, der sich zum Kampfe für sein Recht anschickt? – ich verdiente, daß Harfe und Jägerhorn Schmach über mich erklingen ließen, wenn ich Dir Gehör gäbe!«

Ehe Margarethe noch zu antworten vermochte, wurden Stimmen im Vorgemache laut, ein bewaffneter Ritter riß die Tür auf und trat mit allen Zeichen einer eben beendeten weiten Reise herein, – »Hier bin ich,« sprach er, »Vater meiner Mutter, – seht Euren Enkel, Ferrand de Vaudemont. Der Sohn Eurer verlorenen Jolanda kniet zu Euren Füßen und fleht um Euren Segen für sich und seine Unternehmung,« – »Du hast ihn,« versetzte René, »und möge es Dir glücken, tapferer Jüngling, Ebenbild Deiner in Gott ruhenden Mutter, mein Segen, meine Gebete, meine Hoffnungen ziehen mit Dir!« – »Und Ihr, schöne Muhme von England,« sagte der Ritter, »die Ihr selber durch Verrat länderlos gemacht wurdet, wollt Ihr nicht die Sache eines Verwandten anerkennen, der für sein Erbe kämpft?« »Ich wünsche Euch persönlich alles Gute, lieber Neffe,« antwortete die Königin von England, »obwohl Eure Gesichtszüge mir fremd sind. Doch es wäre gottlose Raserei, wollte ich diesem Greise anraten, sich an Eurer Sache zu beteiligen, die in den Augen aller klugen Leute für ganz hoffnungslos gilt.«

»So spricht meine Muhme Margarethe, deren Geistesstärke das Haus Lancaster so lange Zeit noch aufrecht erhielt, als der Mut der Krieger dieses Hauses durch erlittene Niederlagen schon gebrochen war?« versetzte Ferrand. »Was würdet Ihr gesagt haben, wenn meine Mutter Jolanda Eurem Vater geraten hätte, Euren eigenen Sohn Eduard zu verleugnen, so Gott es ihm gewählt hätte, wohlbehalten die Provence zu erreichen?« – »Für Eduards Sache,« erwiderte Margarethe in Tränen, »legten mächtige Fürsten und Reichsedle die Lanzen ein. An Deiner Sache aber nehmen nur deutsche Raubritter, die aufsässigen Bürger der Rheinstädte und die elenden bäurischen Eidgenossen der Kantone teil.«

»Aber der Himmel hat meine Sache gesegnet,« versetzte der ritterliche Jüngling. »Wißt, stolze Frau, daß ich gekommen bin, Eure verräterischen Ränke zu vereiteln, nicht als elender Abenteurer, der auf Schleichwegen Krieg führt, sondern als Sieger, der den Hochmut des Tyrannen gezüchtigt hat.« – »Das ist unwahr!« sagte die Königin erstarrend – »ich glaube es nicht!« – »Es ist wahr,« entgegnete Vaudemont. »Es ist so gewiß, wie der Himmel über uns ist. Vier Tage ist es her, seit ich das Gefilde bei Granson verließ, das mit burgundischen Söldnern bedeckt war – Karls Reichtümer, seine Juwelen, sein Silbergerät, sein prachtvoller Schmuck, alles fiel den armen Schweizern zur Beute, die kaum den Wert all dieser Dinge zu schätzen wissen. Kennt Ihr dies, Königin Margarethe?« fuhr der junge Krieger fort, indem er den wohlbekannten Diamant zeigte, der des Herzogs Orden vom Goldenen Vließ schmückte – »meint Ihr nicht auch, daß der Löwe scharf gejagt werden mußte, wenn er Siegeszeichen solcher Art zurücklassen sollte?«

Margarethe blickte mit erblindenden Augen und wirren Gedanken auf ein Zeichen, das die Niederlage Burgunds und das Erlöschen ihrer letzten Hoffnung bestätigte. Ihr Vater hingegen fühlte sich von dem Heldenmut des jungen Kriegers hingerissen und zog seinen Großsohn an die Brust.

Wir kehren zu Arthur zurück, der mit Mordaunt, dem Geheimschreiber der Königin von England, nicht wenig überrascht war, als der Graf Ferrand de Vaudemont, der sich Herzog von Lothringen nannte, in das Vorgemach drang, ein langer Schweizer mit der Hellebarde auf der Schulter hinter ihm drein. Da der Fürst seinen Namen selber nannte, so wehrte Arthur ihm den Zutritt nicht. Doch wie erstaunte er, als in dem derben Hellebardier Sigismund Biedermann erkannte, der mit einem wilden Freudengeschrei auf den jungen Engländer losstürzte. Zu keiner Zeit war es Sigismund ein leichtes, seine Gedanken zu ordnen, und jetzt waren diese vollends verwirrt, durch die triumphierende Freude über den von seinen Landsleuten jüngst errungenen Sieg, und mit Verwunderung vernahm Arthur seine unbeholfene, jedoch treue Erzählung.