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»Siehst Du, König Arthur, der Herzog war mit seinem gewaltigen Heer bis Granson gekommen, das nahe am Neuenburger See liegt. Am Platze standen fünf- oder sechshundert Eidgenossen, die den Ort so lange hielten, bis sie keine Lebensmittel mehr hatten und ihn dann, wie Du weißt, überantworteten. Der Metzger Karl ließ sie alle, rund um den Platz her, an den Bäumen aufhängen. Mittlerweile war alles geschäftig auf unsern Bergen, und jeder Mann, der eine Lanze oder ein Schwert hatte, wappnete sich damit. Wir trafen bei Neuenburg zusammen, und zu uns stieß deutsches Volk mit dem edlen Herzoge von Lothringen. Ei, König Arthur, das ist Dir ein Heerführer. Wir alle halten ihn hoch wie den Rudolf von Donnersberg – Du sahst ihn eben jetzt – er war's, der dort hineinging – Du sahst ihn auch schon früher – war er doch der blaue Ritter von Basel; wir aber nannten ihn damals Lorenz; denn Rudolf sagte, seine Anwesenheit unter uns müßte unserm Vater unbekannt bleiben, und ich selber wußte zu jener Zeit nicht recht, wer er war. Nun, wir langten zu Neuenburg an, fünfzehntausend derbe Eidgenossen und fünftausend Mann an deutschem und lothringischem Volk. Wir hörten, daß die Burgunder ihrer sechstausend im Feld ständen; allein zu gleicher Zeit hörten wir auch, daß Karl unsere Brüder wie Hunde aufgeknüpft hätte. Da fragte keiner nach der Zahl. Wir dachten nur an unsere Rache. Mein Vater selbst, der wie Du weißt, sehr für den Frieden eingenommen ist, gab jetzt das erste Zeichen zur Schlacht. So in der Morgendämmerung zogen wir hinab gegen Granson, entschlossen zu Tod oder Rache. Wir kamen an eine Art von Engpaß, zwischen Vauxmoreux und dem See; da waren Gäule auf der Ebene zu sehen zwischen dem Berg und dem Wasser, und eine große Schar Fußvolk lagerte am Abhänge der Höhe. Der Herzog von Lothringen griff mit den Seinigen die Reiter an, während wir den Berg hinan auf das Fußvolk losgingen. Wir waren rasch mit ihnen fertig; denn sie hatten sich eines Ueberfalls nicht versehen. Als nun die Reiter, gedrängt schon von den Lothringern, uns sahen, wie wir nun seitwärts auf sie eindrangen, flohen sie so hurtig, wie ihre Gäule nur zu laufen vermochten. Dann sammelten wir uns auf der Ebene. Doch kaum war dies geschehen, als wir ein solch Getöse von Instrumenten, solch ein Getrappel schwerer Rosse, solch ein Geschrei und Hallohrufen vernahmen, als ob alle Kriegsmänner und alle Spielleute von Frankreich und Deutschland miteinander wetteiferten, wer von ihnen den meisten Lärm machen könnte. Dann erschien in der Ferne eine ungeheure Staubwolke und kam näher heran, und wir begannen einzusehen, daß es nun um Leben und Tod gehen müsse; denn schau! das war Karl und sein gesamtes Heer, das herankam, den Vortrab zu unterstützen. Da waren Dir Tausende von Rossen in glatten Reihen und Hunderte von Rittern mit goldenen und silbernen Kronen auf den Helmkappen, und die Massen Fußvolks und auch Schießmörser, wie sie sie nennen. Ich wußte noch nicht, was für Dinger das waren, die so schwerfällig von Jochochsen gezogen wurden; allein ich sollte sie wohl kennen lernen, ehe noch der Morgen ins Land gekommen war. Nun, wir stellten uns denn in Schlachtordnung, wie man es uns bei den Uebungen lehrt, und ehe wir dann vordrangen, ward uns geheißen, niederzuknien und Gott und die heilige Mutter und die lieben Heiligen anzurufen; und hinterdrein erfuhren wir, daß Karl in seinem Uebermute wähnte, wir bäten um Gnade – Hahaha! ein lustiger Spaß. Er schrie jedoch: »Feuert mein Geschütz ab auf die feigen Knechte, das sei alle Gnade, die sie von mir zu erwarten haben!« und bum – bum – bum! – los gingen die Dinger, diese Mörser, los wie Donner und Blitz, taten uns aber nicht viel, da wir knieten, und sonder Zweifel wiesen die Heiligen den ungeheuren Kugeln den Weg über die Häupter all derer hin, die Gnade von ihnen, jedoch nicht von sterblichen Kreaturen erflehten. So hatten wir denn das Zeichen zum Aufstehen und Angreifen, und ich versichere Dir, wir waren keine Schlafhauben. Jeder Mann fühlte seine Kraft zehnfach. An stürmten wir, als plötzlich die Schießmörser verstummten und die Erde erbebte von einem andern unaufhörlichen Gestampf, gleich als donnerte es unter dem Boden. Das waren die Reiter, die auf uns herzukamen. Halt, halt, hieß es, erstes Glied kniet, fest gestanden im zweiten, Schulter an Schulter wie Brüder, alle Speere vorgestreckt, und wie eine eiserne Mauer sie empfangen! Und heran stürmten sie, und da gab's ein Lanzenbrechen, daß die alten Weiber in Unterwalden Splitter zum Holzfeuer auf ein rundes Jahr hätten auflesen mögen. Nieder mußten die reisigen Reiter – und von allen, die herab mußten vom Gaule, kam kein Mann mit dem Leben davon. Die übrigen trabten querfeldein, um sich in einiger Entfernung neu aufzustellen, als der edle Herzog Ferrand und seine Berittenen ihnen in den Weg fielen. Nun drangen auch wir vor, um ihm beizustehen. So hieben wir sie zusammen, und das Fußvolk vermochte uns nicht mehr stand zu halten, als es sah, wie es seiner Reiterei erging. Da hättest Du nun den Staub schauen sollen, der da aufstieg, die Streiche hören sollen, die da fielen! Hunderte ließen sich, ohne Widerstand zu leisten, erschlagen, und das gesamte Heer ergriff planlos die Flucht!« »Mein Vater, mein Vater!« rief Arthur. »Was ist aus ihm geworden?« – »Er entkam glücklich,« sagte der Schweizer, »er entfloh mit Karl.«

Sie wurden durch Mordaunt unterbrochen. »Still, still!« rief dieser. »Der König und die Königin treten herein!« – König René kam, Arm in Arm mit seinem Großsohne, aus dem Kabinett, und Margarethe, mit Vergnügen und Verdruß auf der Stirn, folgte ihnen. Als sie an Arthur vorüberging, winkte sie ihm und flüsterte ihm zu: »Laß Dir ausführlich berichten und erzähle mir dann alles! Mordaunt wird Dich bei Ferrand vorstellen!« – Dann warf sie einen Blick auf den jungen Schweizer und erwiderte höflich dessen linkische Verbeugung, Die königliche Familie verließ das Gemach.

Sie waren kaum hinaus, so bemerkte Sigismund: »Und das ist also ein König und eine Königin? Pest! Der König sieht dem alten Jakob, dem Geiger, ähnlich, der auf der Fiedel zu kratzen pflegte, wenn er auf seiner Rundwanderung nach Geierstein kam. Aber die Königin ist eine stattliche Kreatur. Wie keck Du mit ihr sprachst, Arthur, ich hätte es nicht mit solchem Anstande tun können. – Wo hast Du denn so schnell die höfischen Sitten gelernt?« – »Laß das für jetzt, ehrlicher Sigismund,« antwortete Arthur, »und erzähle mir mehr von jener Schlacht.«

»Nun – wo blieb ich – ja, wo wir das Fußvolk niederschlugen – nun, sie kamen nimmer wieder auf die Beine und gerieten bei jedem Schritt nur in noch größere Verwirrung – wir hätten die Hälfte der Fliehenden noch erschlagen können. hätten wir nicht innegehalten, um Karls Lagerzelte zu beschauen. Gott helf uns Arthur, was war da zu sehen! jedes Zelt voll reicher Zeuge, prächtiger Waffen, großer Schüsseln und Humpen, die, wie einige sagten, von Silber wären. Da gab es einen Troß von Lakaien, Edelknaben, Schildträgern, und Tausende von hübschen Dirnen obendrein. Aber ich sage Dir, mein Vater verfuhr streng gegen jeden, der das Kriegsrecht verletzte. Das war Dir eine reiche Beute, denn die Deutschen und Franzmänner, die bei uns waren, rafften alles weg, und manche der unsrigen folgten dem Beispiel. Doch ich ging in Karls Zelt, wo Rudolf und etliche der Seinigen sich bemühten, einen jeden fernzuhalten, wahrscheinlich, damit alles, was drinnen war, ihnen selber bleiben möchte; mich aber ließen sie ein, und ich sah, wie sie die Zinnteller, die so hell wie Silber glänzten, in Kisten und Kasten packten. Ich trat an Karls Feldbett. – Nun, ich will ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen – es war das einzige harte Bett im ganzen Kriegslager – und da lagen Dir gar schöne glänzende Steine zwischen Handschuhen, Stiefeln und Wämsern umher, – Da dachte ich an Deinen Vater und an Dich, und schaute nach etwas für Euch aus, und siehe da! da fand ich einen alten Freund wieder, den ich, wie Du weißt, dem Scharfrichter von La Ferette einst abnahm.«