Dem guten König wäre ein heitrerer Gast als der ernste Graf Oxford lieber gewesen, doch gewährte er ihm freundliche Aufnahme, und der ältere Philippson fand Gelegenheit, seinen Dank dafür abzustatten. Es wurde nämlich ein höchst wichtiger Vertrag zwischen René und dessen Neffen Ludwig XI. von Frankreich geschlossen, in dem René sein Fürstentum an diesen schlauen Monarchen abtrat, weil er durchaus kein anderes Mittel mehr hatte, Ordnung in seine Angelegenheiten zu bringen. Der Gedanke aber, Karl von Burgund dabei zu begünstigen, war nach dem Tode der Königin Margarethe völlig erloschen. Die Staatseinsicht und die Weisheit des Grafen von Oxford, dem fast allein die ganze Abschließung dieses geheimen Vertrages anvertraut wurde, erwirkten dem guten König René besondere Vorteile, so daß er von Geldverlegenheiten befreit und in den Stand gesetzt war, bis an sein Lebensende zu pfeifen und Harfe zu spielen.
Mittlerweile wüteten die Kriege des Herzogs von Burgund mit den Schweizer Kantonen und dem Grafen Ferrand von Lothringen fort.
Zum Beginn des Sommers 1476 hatte Karl eine neues Heer von mindestens sechzigtausend Mann zusammengebracht, das von einhundertfünfzig Geschützen unterstützt wurde und bestimmt war, in die Schweiz einzudringen, wo die kriegslustigen Bergbewohner leicht eine Heeresmacht von dreißigtausend Schweizern stellten, die jetzt fast als unüberwindlich angesehen wurden, und ihre Verbündeten, die freien Städte am Rhein, aufforderten, mit einer mächtigen Reiterschar zu ihnen zu stoßen. Die ersten Angriffe Karls verliefen günstig. Er stürmte in das Waadtland und eroberte die meisten der Plätze wieder, die er nach der Niederlage bei Granson verloren hatte. Allein statt nun einen annehmbaren Frieden mit seinen furchtbaren Grenznachbarn zu schließen, faßte dieser hartnäckigste aller Fürsten den Vorsatz, in die Schluchten der Alpen zu dringen, und die Bergbewohner im Innern ihrer natürlichen Festen zu züchtigen, obwohl die Erfahrung ihn hätte lehren sollen, daß ein solcher Versuch ein verhängnisvolles Ende nehmen müßte. Als Oxford und dessen Sohn im Sommer an den Hof des Königs René zurückkehrten, erfuhren sie, daß der Herzog Karl bis Murten, das am See gleichen Namens liegt und den Eingang in die Schweiz bildet, vorgerückt wäre. Es hieß ferner, daß Hadrian von Bubenberg, ein kriegserfahrener Berner Ritter, daselbst befehligte und den hartnäckigsten Widerstand in der Hoffnung leistete, bald von seinen herbeieilenden Landsleuten entsetzt zu werden. –
In der letzten Woche des Monats Juni lief denn auch in Aix die Kunde von einer zweiten furchtbaren Niederlage des Burgunders ein.
Achtzehntes Kapitel
Obwohl es dem Grafen Oxford nun im Grunde gleichgiltig sein konnte, ob der Herzog von Burgund Sieger blieb oder geschlagen wurde, so nahm er doch regen Anteil an Karls Schicksale. Arthur war eben aufgestanden und stand im Begriffe, sich anzukleiden, als Pferdegetrappel seine Aufmerksamkeit erregte. Er hatte kaum zum Fenster hinausgeblickt, so rief er: »Nachrichten, Vater, Nachrichten vom Heere!« Er stürzte auf die Straße, wo ein Reiter, der einen weiten Weg zurückgelegt zu haben schien, nach den beiden Philippsons fragte. Arthur erkannte in dem Reiter sogleich Colvin, den Hauptmann des burgundischen Geschützwesens. Der gespensterartige Blick des Ankommenden zeugte von tiefem Seelenkummer; seine unordentliche Kleidung und zersplitterte Rüstung trug von Regen oder Blut Rostflecken an sich, und sein trefflicher Hengst war so erschöpft, daß das Tier sich kaum aufrecht erhalten konnte. Der Zustand des Reiters war nicht viel besser. Als er vom Rosse stieg, um Arthur zu begrüßen, wankte er dergestalt, daß er ohne augenblickliche Unterstützung zu Boden gefallen wäre. Seine starrblickenden Augen schienen ihre Sehkraft verloren zu haben; und mit halb erstickter Stimme murmelte er: »Nur Erschöpfung, nichts als Mangel an Ruhe und Nahrung.«
Arthur führte ihn in das Haus, und Erfrischungen wurden herbeigeschafft; er aber schlug alles aus, bis auf einen Becher Weins. Nachdem er davon gekostet hatte, sank er auf einen Sessel, starrte den Grafen Oxford mit einem Blicke der tiefsten Niedergeschlagenheit an und stammelte: »Der Herzog von Burgund –« »Geschlagen?« versetzte der Graf. »Ich will nicht hoffen –« – »Geschlagen, und so völlig und fürchterlich,« erwiderte der Kriegsmann, »daß alle Niederlagen, die ich bisher mitangesehen, nichts dagegen waren.« – »Doch wie und wo?« fragte der Graf. »Ihr wart doch stärker an Mannschaften, wie wir vernahmen.« – »Zwei Mann gegen einen zum mindesten,« antwortete Colvin, »und wenn ich in diesem Augenblicke von unserm Zusammentreffen rede, so möchte ich mir fast mit meinen eigenen Zähnen das Fleisch von den Knochen nagen, daß ich hier sein und solche Schmach nacherzählen muß. Wohl eine Woche lang hatten wir vor dem elenden Neste, dem Murten oder Morat oder wie es sonst heißen mag, gelegen. Der Kommandant drinnen, einer von den hartnäckigsten Gebirgsbären aus Bern, bot uns Trotz. Er wollte sich nicht einmal herablassen, seine Tore am Tage zu schließen, und gab, als wir sie aufforderten, sich zu ergeben, die Antwort, wir möchten einziehen, so es uns gefiele, wir sollten gebührend empfangen werden. Nun hätte ich gern versucht, ihn durch ein paar Salven aus meinen Schießmörsern zur Vernunft zu bringen; allein der Herzog war zu sehr ergrimmt, um gutem Rate Gehör zu geben. Gereizt durch den schwarzen Verräter, den Campobasso, hielt Karl es für zweckmäßiger, mit seiner ganzen Streitmacht einen Sturm zu unternehmen. Wir wurden mit großem Verlust zurückgeschlagen, und nun erfuhren wir, daß das Heer der Feinde zum Entsatz der Stadt herannahte. Karl, der nur seinen eigenen kühnen Geist befragte, rückte gegen sie an, indem er sich auf den Vorteil unseres Geschützes und auf unsere feste Stellung verließ. Auf seinen Befehl, doch ganz gegen mein Dafürhalten, begleitete ich ihn mit zwanzig guten Mörsern und dem Kern meines Volkes. Wir brachen am nächsten Morgen auf und waren noch nicht weit vorgerückt, als wir dichte Reihen von Spießen und Hellebarden und doppelgriffigen Schwertern auf dem Berge erblickten. Dazu fügte der Himmel seine Schrecken – ein Donnersturm erhob sich mit aller Wut über beiden Heeren; er wurde jedoch den Unsern um so verderblicher, da unsere Scharen empfindlicher gegen den Regen, der herabstürzte, und gegen die Pfützen waren, die unter unseren Füßen zu Strömen anschwollen, unsere Stellung überschwemmten und uns in Unordnung brachten. Mit einemmale hielt der Herzog es für notwendig, seinen Vorsatz zu ändern und von einer Schlacht abzusehen. Er ritt zu mir heran und befahl mir, mit dem Geschütz den Rückzug zu decken, den er beginnen wollte, indem er hinzusetzte, er wollte in Person mich dabei mit seinen Reitern unterstützen. Befehl zum Rückzug wurde gegeben. Allein diese Bewegung verlieh dem schon hinlänglich verwegenen Feinde erhöhten Mut. Augenblicklich senkten die Reihen der Schweizer sich zum Gebet – ein Gebrauch bei ihnen auf dem Schlachtfelde, den ich verspottete – allein ich werd's nimmer wieder tun! Als sie nun nach fünf Minuten wieder aufsprangen, rasch vorrückten und ihre Hörner entsetzlich ihr gewöhnliches, wildes Kriegsgeschrei übertönten – seht, Mylord, da taten sich auf die Wolken des Himmels und ließen auf die Eidgenossen das geheiligte Licht der wieder hervorbrechenden Sonne herableuchten, während unsere Reihen noch im Düster des Sturmes standen. Meine Mannschaft war mutlos. Die Scharen hinter ihr zogen sich zurück; das plötzlich über die Schweizer verbreitete Sonnenlicht zeigte entlang den Bergen eine zahllose Menge von Panieren, ein Glitzern der Waffen, das alles miteinander dem Feinde das Ansehen verlieh, als hätte seine Zahl sich plötzlich verdoppelt. Ich ermahnte meine Jungen, fest zu stehen, aber ich sprach dabei ein Wort, das eine gar schwere Sünde war: »Steht fest, Ihr meine Schießmänner!« sprach ich, »sie sollen von uns bald einen läutern Donner hören und verderblichere Blitze sehen, als ihre Gebete auf uns herabgerufcn haben!« – mein Volk schrie jauchzend auf – aber es war eine gotteslästernde Rede – und eitel Böses ging für uns daraus hervor. Wir richteten unsere Mörser auf die andringenden Massen, so wohl gezielt, wie nur je – ich kann's verbürgen, denn ich selbst richtete die Großherzogin von Burgund – ach! arme Herzogin, welche rauhen Hände mögen Dich jetzt betasten! – Die Ladung wurde abgefeuert, und ehe der Qualm sich vor den Mündungen noch zerteilt hatte, sah ich gar manchen Mann, manches Banner sinken. Ich dachte ganz natürlich, daß eine solche Ladung den Feind zurückgescheucht hätte, und bemühte mich, unsere Mörser wieder zu laden. Allein, ehe die Rauchwolken sich zerteilt hatten und das Geschütz frisch geladen werden konnte, stürzten sie wie rasend auf uns los. Reiter und Fußvolk, Greise und Buben, Ritter und Troßknechte warfen sich vor und auf die Mündungen der Schießmörser, ohne im mindesten ihres Lebens zu achten. Meine tapferen Burschen wurden durchbohrt, in Stücke gehauen oder niedergestoßen, als sie noch dabei waren, die Mörser zu laden, so daß kein Geschütz zum zweiten Male abgefeuert werden konnte,«