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»Und der Herzog?« fragte der Graf von Oxford, »kam er Euch nicht zu Hilfe?« – »Ritterlich und tapfer,« antwortete Colvin. »Und zwar mit seiner eigenen wallonischen und burgundischen Leibwache. Allein eintausend Söldner machten sich davon und ließen sich nimmer wieder sehen. Dazu war der Paß, in dem obendrein das Geschütz stand, nur eine schmale Furche zwischen hohen Bergen, neben denen ein tiefer See hinwogte. Kurz, es war ein Platz, wo Reiter nichts ausrichten konnten. Trotz aller Anstrengungen des Herzogs und der tapferen Flamländer, die um ihn fochten, mußten wir doch in völliger Unordnung zurückweichen. Ich war zu Fuß und wehrte mich, so gut ich konnte, ohne jede Hoffnung, mein Leben zu erhalten, ja auch ohne nur an meine Rettung zu denken, als ich nun sah, wie die Mörser genommen und meine wackeren Gesellen erschlagen wurden. Unser Rückzug artete zur sinnlosen Flucht aus, und als wir unsern Nachtrab erreichten, den wir in festverschanztem Lager zurückgelassen hatten, flatterten die Paniere der Schweizer auf unsern Wällen; denn eine starke Abteilung des Feindes hatte einen Umweg durch ihnen allein bekannte Bergpässe gemacht und unser Lager angegriffen, wobei sie von dem herzugeeilten Volk des Hadrian von Bubenberg unterstützt worden waren, der aus der belagerten Stadt einen Ausfall gemacht hatte. Ich habe noch mehr zu sagen, allein, da ich Tag und Nacht geritten bin, Euch diese böse Zeitung zu bringen, so klebt meine Zunge mir am Gaumen, und ich fühle, daß ich nicht mehr reden kann.«

Mit Mühe überredete man den gebeugten Krieger, etwas Speise zu sich zu nehmen und zur Ruhe zu gehen. Der Graf von Oxford, der jeden andern Beistand fernhielt, wachte abwechselnd mit seinem Sohne am Lager Colvins. Trotz des ihm verordneten Schlaftrunkes, war sein Schlummer nichts weniger als ruhig. Er fuhr oft auf, Schweiß trat auf seine Stirn, seine Gesichtsmuskeln verzerrten sich, und die Art, wie er seine Hände ballte und mit seinen Gliedmaßen um sich schlug, zeigte, daß er in seinen Träumen abermals die Schrecknisse einer verzweiflungsvollen, verlorenen Schlacht durchlebte. Dies dauerte mehrere Stunden; allein gegen Mittag siegten Ermattung und Heiltrank über seine aufgereizten Nerven, und der geschlagene Geschützhauptmann verfiel bis zum Abend in einen tiefen, ungestörten Schlaf. Gegen Sonnenuntergang erwachte er, und als er nun erfuhr, wo und bei wem er war, stärkte er sich mit Speise und Trank und erzählte, ohne dem Anschein nach zu wissen, daß er es schon einmal getan, abermals alle einzelnen Umstände der Schlacht bei Murten. – »Die eine Hälfte des Herzoglichen Heeres,« sagte er, »fiel durch das Schwert oder ertrank im See. Die, welche entkamen, wurden größtenteils auseinandergesprengt, so daß sie sich wohl nie wieder sammeln können. Eine so verzweifelte, unaufhaltsame Flucht ward nimmer gesehen. Wir flohen wie Rehe, Schafe oder wie sonst ein scheues Tier, das nur darum bei seinesgleichen bleibt, weil es sich fürchtet, allein zu sein, nicht aber, um gemeinschaftlich auf Gegenwehr bedacht zu sein.«

»Und der Herzog?« fragte der Graf von Oxford. – »Wir rissen ihn mit uns fort,« antwortete der Krieger, »und zwar mehr aus Instinkt als aus Vasallenpflicht, gleich Menschen, die vor einer Feuersbrunst fliehen und alles aufraffen, was sie an wertvollen Dingen besitzen, ohne zu wissen, was sie tun. Anfänglich sträubte sich der Herzog und wollte zurück gegen den Feind; allein als die Flucht allgemein geworden war, jagte er mit uns davon, ohne ein Wort zu sprechen oder einen Befehl zu erteilen. Als wir so den ganzen Tag ritten, ohne auf eine einzige Frage an ihn auch nur die leiseste Antwort zu erhalten, als er finster jegliches Nahrungsmittel zurückwies – als sein verwegenes, unstätes Gemüt sich völlig dumpfer, schweigender Verzweiflung hingab, da hielten wir Rat, was zu tun sei, und auf einmütigen Beschluß wurde ich abgesandt, Euch zu bitten, daß Ihr, für dessen Ratschläge Karl, wie man weiß, eine Zeitlang besonders empfänglich war, augenblicklich zu ihm eilen und all Euren Einfluß aufbieten möchtet, ihn aus seiner Lethargie zu wecken, in der sonst sein Leben wird erlöschen müssen. Karl war ja einst Euer Waffenbruder, und für Eure persönliche Sicherheit wird jeder ehrliche Mann im Lager willig Bürgschaft leisten.«

»Das ist meine geringste Sorge,« sprach Oxford gleichgiltig, »und so meine Gegenwart wirklich dem Herzog nützlich werden kann – so ich glauben könnte, er wünschte selber mich bei sich zu haben –« – »Er wünscht es, wünscht es, Mylord,« sagte der treue Krieger mit einer Träne im Auge – »wir hörten ihn wiederholt im Traume Euren Namen nennen.« – »Dann will ich zu ihm,« sagte Oxford. »Dann will ich augenblicklich zu ihm. Wo schlug er sein Hauptquartier auf?« – »Das war noch nicht bestimmt. Doch Herr von Contay nannte den Ort La Riviére, unweit Salins in Oberburgund, als das Ziel unseres Rückzugs. – »Dorthin denn wollen wir, mein Sohn, und zwar in aller Eile!« beschloß Graf Oxford.

In Begleitung des Geschützhauptmanns durchzogen sie nun die Dauphiné und Franche-Comté, die zwischen Aix, und dem Dorfe liegen, nach welchem der Herzog von Burgund sich zurückgezogen hatte, doch bei der Entfernung und der üblen Beschaffenheit des Weges währte ihre Reise über vierzehn Tage, und der Juli des Jahres 1476 war vorüber, als die Reisenden in Oberburgund auf dem Schlosse La Rivière ankamen, das etliche Stunden südwärts von der Stadt Sains liegt. Das nicht sehr große Schloß war von vielen unordentlich aufgeschlagenen Zelten umringt. Nirgends sah man eine Spur von der soldatischen Regelmäßigkeit, die man sonst in dem Feldlager Karls des Kühnen wahrzunehmen pflegte. Daß jedoch der Herzog sich hier befand, war an dem Panier zu erkennen, das reich mit all seinen Feldern von den Zinnen der Feste herniederflatterte. Die Wache trat hervor, um die Fremden zu empfangen, doch dies geschah auf so unordentliche Weise, daß der Graf seinen Reisegenossen Colvin durch einen Blick um Erklärung bat. Der Geschützhauptmann zuckte die Achseln und schwieg.

Colvin hatte Bericht von seiner Ankunft, sowie der des englischen Grafen, an Herrn von Contay eingeschickt, der sie, hocherfreut über ihr Eintreffen, sogleich vor sich ließ, –»Etliche treue Diener des Herzogs,« sagte er, »halten hier Rat. Ihr werdet ihnen willkommen sein, edler Lord von Oxford. Die Herren de la Croix, de Craon, Rubempré und andere Edle Burgunds sind eben versammelt, um Schutzmaßregeln für die Sicherheit des Landes zu beschließen.«

Alle diese Männer drückten ihre Freude aus, als sie den Grafen von Oxford erblickten. »Seine Hoheit der Herzog,« sagte de Craon, »hat zweimal nach Euch und zwar unter Eurem angenommenen Namen Philippson, gefragt.« – »Ich wundere mich darüber nicht, mein Herr de Craon,« erwiderte der englische Edelmann, »der Ursprung dieses Namens schreibt sich aus früheren Tagen her, als ich nämlich während meiner ersten Verbannungszeit hier weilte. Es hieß damals, wir armen Edlen von der Partei Lancaster müßten uns andere Namen beilegen, und der gute Herzog Philipp sagte, da ich ein Waffenbruder seines Sohnes Karl wäre, möchte ich mich nach ihm selber Philippson nennen. Zum Gedächtnis des gütigen Fürsten nahm ich diesen Namen wirklich an, als die Tage der Not hereinbrachen, und ich sehe nun, daß der Herzog gern der Vertraulichkeit gedenkt, die in früheren Tagen zwischen uns herrschte. – Wie steht es um Seine Hoheit?«