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Die Burgunder sahen einander an, ohne zu antworten. – Es entstand eine Pause.

»Wie um einen Mann, der gänzlich betäubt ist, lieber Oxford,« erwiderte endlich de Contay, »Er gleicht einem Sinnlosen. Nach der Schlacht von Granson war er eigensinnig, unvernünftig, gebieterisch, unberechenbar und nahm jeden ihm dargebotenen Rat als Beleidigung auf. Dazu hegte er den Wahn, seine Untertanen schätzten ihn gering. Jetzt ist eine gänzliche Veränderung mit ihm vorgegangen, und er zeigt keine Spur mehr von Heftigkeit und Leidenschaft. Er ist stumm wie ein Karthäuser, einsam wie ein Eremit, zeigt für nichts Teilnahme, am wenigsten aber für sein Heer. Nicht Haar noch Nägel läßt er sich säubern. Er ist gänzlich unempfindlich für Hochschätzung und Geringachtung gegen seine Person, nimmt wenig oder gar keine Speise zu sich, trinkt starke Weine, die jedoch, wie es scheint, ihm den Kopf nicht schwindlig machen, und will von Krieg oder von Staatsangelegenheiten ebensowenig wie von Jagd oder sonstigen Belustigungen hören. Das ist aus dem einst so kühnen und tatenlustigen Karl von Burgund geworden.« – »Ihr sprecht von einer schwererkrankten Seele,« erwiderte der Engländer. »Haltet Ihr es für geraten, mich dem Herzoge vorzustellen?« – »Ich will mich danach erkundigen,« sagte Contay, verließ das Gemach, kehrte sogleich zurück und gab dem Grafen ein Zeichen, ihm zu folgen.

In einer Kammer oder einem Kabinette lag der unglückliche Karl in einem Lehnsessel, die Beine nachlässig auf einen Schemel gestreckt, und in seinem ganzen Wesen so verändert, daß der Graf von Oxford kaum etwas anderes als das Gespenst des einst so verwegenen Herzogs zu sehen glaubte. Das zottige lange Haar, das von seinem Haupte herabhing und sich mit seinem Barte mischte, die tiefen Höhlen, in denen seine wilden Augen rollten, die eingesunkene Brust, die hervortretenden Schultern und die Kleidung, die in nichts als einem übergeworfenen Mantel bestand, gaben ihm das Aussehen eines schreckenerregenden Geisterbildes. De Contay nannte den Grafen Oxford; allein der Herzog starrte ihn mit glanzlosem Blicke an und gab ihm keine Antwort.

»Redet mit ihm, wackerer Oxford,« flüsterte der Burgunder ihm zu, »er ist eben jetzt schlimmer als je, und vielleicht erkennt er Eure Stimme.«

Noch nie, solange dem Herzog von Burgund das glorreichste Glück gelächelt hatte, war der Engländer mit solcher Ehrfurcht wie jetzt vor ihm niedergekniet, um ihm die Hände zu küssen. Er ehrte in ihm nicht nur den betrübten Freund, sondern den gedemütigten Herrscher. Wahrscheinlich machte eine auf die Hand des Herzogs gefallene Träne diesen aufmerksam: »Oxford – Philippson – mein alter, mein einziger Freund, hast Du mich aufgefunden in diesem Winkel der Schmach und des Elends? Noch jüngst hieß ich Karl von Burgund, der Kühne – jetzt bin ich zweimal von dem Abschaum eines Bauernvolkes geschlagen, meine Fahnen genommen, meine reisigen Mannen in die Flucht gejagt, mein Feldlager zweimal geplündert worden – der bitterste Fluch der Hölle kann nimmerdar bitterere Schmach auf das Haupt eines Herrschers wälzen!« – »Im Gegenteil, hoher Herr,« sagte Oxford. »Es ist dies eine Prüfung des Himmels, der zur Geduld und Seelenstärke mahnt. Der beste, tapferste Ritter kann aus dem Sattel geworfen werden; wenn er aber nach dem Unfalle im Sand der Schranken liegen bleibt, ist er ein Feigling.« – »Wie? Feigling, sagst Du?« rief der Herzog, dessen ehemaliger Mut durch das harte Wort zum Teil wieder erweckt wurde. »Verlaßt mich, Herr, und kehrt nicht eher zu mir zurück, bis man Euch rufen läßt,«

»Und das wird, hoffe ich, sofort geschehen, sobald Euer Hoheit das Nachtgewand abgelegt hat, um Vasallen und Freunde mit einem Euch und ihnen geziemendem Anstande zu empfangen,« versetzte der Graf gelassen. – »Und wer bin ich, daß Ihr so zu mir redet?« fragte Karl, indem er auffuhr mit all seinem angeborenen Stolz und seiner natürlichen Wildheit. »Oder wer seid Ihr anders, als ein elender Verbannter, und wagt es doch mit solchen unehrerbietigen Vorwürfen in mein innerstes Gemach zu dringen?« – »Was mich betrifft,« versetzte Oxford, »so bin ich, wie Ihr sagt, ein nicht geachteter Verbannter; dennoch schäm ich mich meiner Lage nicht, denn durch unerschütterliche Treue zu meinem Könige und dessen Nachfolger ist's dahin mit mir gekommen. Allein, vermag ich in Euch, in einem in sich versunkenen Einsiedler, den Herzog von Burgund zu erkennen, dessen Heer eine regellose Schar ist, dessen Staatsrat den Kopf verloren hat, weil der Monarch versagt, der selber gleich einem lahm geschossenen Wolfe in seiner Höhle lauert und auf den Ruf eines Urihorns zu harren scheint, daß die Tore seiner Burg davon aufspringen, weil sie unverteidigt sind?«

»Tod und Hölle, verleumderischer Verräter!« donnerte der Herzog und griff an die Hüfte, wo er jedoch keine Waffe vorfand. »Dein Glück ist's, daß ich kein Schwert habe, sonst solltest Du nimmer Dich rühmen können, daß Deine Schmähung ungestraft blieb! – Contay, tretet vor gleich einem wackern Ritter und straft den Lästerer Lügen! Sprecht, sind meine Mannen nicht in Zucht und Ordnung?«

»Hoher Herr,« sagte Contay und zitterte, so tapfer er sonst im Kampfe war, als er die rasende Wut sah, in welcher Karl aufbrauste. »Zahlreiche Mannschaft steht noch unter Eurem Befehle, doch mit Zucht und Ordnung ist's schlecht bestellt. Eure Hoheit hat die Führer der Söldner stets daran gewöhnt, nur aus Eurem eigenen Munde oder von Eurer eigenen Hand Befehle anzunehmen. Auch schreien sie nach Löhnung, und der Schatzmeister weigert sich, ohne Euer Hoheit Verfügung Geld zu zahlen. So will niemand auf uns hören, sondern nur auf Euch allein.«

Der Herzog lachte finster, war aber offenbar ziemlich erfreut über die Antwort. »Ha, ha!« sagte er; »es ist nur Burgund, der seine unbändigen Rosse reiten und seine wilde Kriegerschar bändigen kann. Heda, Contay! Morgen reit' ich aus, die Heerschau zu halten, wer was versah, soll büßen! – Auch der Sold soll ausgezahlt werden! Laßt meine Leibpagen kommen, mich mit geziemender Kleidung und mit Waffen zu versehen. Ich habe« – indem er einen düstern Blick auf Oxford, warf – »eine gute Lehre bekommen und will mich nicht wieder schmähen lassen. Hinweg mit Euch beiden! Und Du, Contay schicke den Schatzmeister her mit seinen Berechnungen, und wehe ihm, so ich über ihn zu klagen habe! Hinweg, sage ich, und schick ihn her!« Als sie gingen, rief der Herzog plötzlich: »Lord von Oxford, ein Wort mit Euch! Wo habt Ihr die Arzneikunde erlernt? Dein Heiltrank hat ein Wunder bewirkt. Doch hätte es Dir das Leben kosten können, Doktor Philippson.« – »Ich habe stets mein Leben für wohlfeil erachtet,« sagte der Graf, »sobald es galt, meinem Freunde zu helfen.« – »Du bist in der Tat ein Freund,« sagte Karl, »und ein furchtloser Freund. Aber geh', ich bin sehr angegriffen gewesen, und Du hast mir viel zu schaffen gemacht. Morgen werden wir uns weiter sprechen. Unterdessen verzeihe ich Dir und halte Dich in Ehren!«

Der Graf von Oxford begab sich in den Versammlungssaal des Staatsrates, wo der burgundische Adel ihm mit Dank, Begrüßung und Glückwunsch entgegenkam. Allgemeine Regsamkeit erwachte; Befehle flogen nach allen Richtungen hin. Diejenigen Befehlshaber, die ihre Dienstpflichten vernachlässigt hatten, eilten, ihr Versehen wieder gut zu machen. Im Lager entstand allgemeiner Tumult.

Am folgenden Tage hielt Karl Heerschau über sein Kriegsvolk und zwar mit seiner gewohnten Aufmerksamkeit, ordnete neue Truppenaushebungen an, verteilte seine Heeresmacht, verbesserte vorgefundene Fehler in der Kriegszucht und fesselte die Kriegsknechte durch Auszahlung der Löhnungen aufs neue an das Panier, dem zu dienen sie geschworen hatten.