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Auch willigte der Herzog nach Rücksprache mit seinem Staatsrate darein, eine Ständeversammlung in seinen gesamten Staaten zu berufen, gewisse dem Volke mißfällige Einrichtungen abzuschaffen und etliche bisher von ihm verweigerte Vergütungen zu leisten; so daß er bei seinen Untertanen diejenige Beliebtheit wiedererlangte, die er durch sein früheres vorschnelles Verfahren verscherzt hatte.

Neunzehntes Kapitel

Von diesem Augenblicke an herrschte am Hofe des Herzogs von Burgund und in dessen Heere rege Tätigkeit; Gelder wurden eingetrieben, Kriegsknechte ausgehoben, und alles war zu einem abermaligen Feldzuge bereit. Allein, obgleich Karl dem äußern Scheine nach tätig wie ehedem war, so meinten doch die, die in seiner unmittelbaren Nähe weilten, er zeige nicht mehr seine sonstige Geistesklarheit noch die Stärke der Urteilskraft, die ihn vor den verhängnisvollen Schlachten ausgezeichnet hatte. Er litt oft an Anfällen finsterer Schwermut und furchtbarer Wut.– Wochen und Monate waren verflossen, als die Kunde eintraf, Ferrand de Vaudemont habe einen Einfall in Lothringen unternommen und, unterstützt vom Heere der Eidgenossen, die Hauptstadt Lothringens erstürmt, Karl beschloß nun sofort, gegen ihn zu ziehen. – »Dieser junge irrende Ritter,« rief er, »wagt sich aus dem Schutze seiner Gebirge hervor, und der Himmel soll mich richten, so ich meinen Schwur nicht halte! Ich gelobe, das nächste Schlachtfeld, auf dem wir beide uns treffen, soll einen von uns getötet sehen! Wir sind jetzt in der letzten Woche des alten Jahres und noch vor dem Dreikönigstage wollen wir sehen, wer von uns beiden die Bohne im Kuchen finden wird. – In den Waffen, Ihr Herren! laßt unser Lager sogleich aufbrechen, und unsere Mannen nach Lothringen vorrücken. Die italienischen und albanischen leichten Reiter bilden den Vortrab. – Oxford, Du trittst mit unter die Waffen auf diesem Zuge, nicht wahr?« – »Gewiß,«, sagte der Graf, »ich esse das Brot Eurer Hoheit, und wenn Feinde in Euer Land fallen, so ziemt es meiner Ehre, für Euch zu fechten, als wäre ich Euer wahrhaftiger Vasall. Mit Eurer Hoheit Erlaubnis entsende ich einen Boten mit Briefen an meinen ehemaligen Gastfreund, den Landammann von Unterwalden, um ihm diesen meinen Entschluß kund zu tun.«

Nachdem der Herzog dies bereitwillig zugestanden hatte, wurde ein Bote abgefertigt, der nach wenigen Stunden schon zurückkehrte. So nahe befand sich bereits das feindliche Heer. Er brachte ein Schreiben vom Landammann zurück, das im Tone der Höflichkeit, ja selbst der Güte abgefaßt war und das Bedauern aussprach, daß die Verhältnisse zwei ehemalige Freunde zwängen, die Waffen gegeneinander zu führen. Derselbe Bote überbrachte auch Grüße der Brüder Biedermann an Arthur, nebst einem besonderen Schreiben an diesen letzteren, das folgendermaßen lautete:

»Rudolf von Donnersberg hegt den lebhaften Wunsch, mit dem jungen Kaufmann Arthur von Philippson den seinerzeit im Burghofe zu Geierstein abgebrochenen Handel auszutragen, wünscht dies um so mehr, da ihm bekannt geworden ist, daß dieser Arthur ihm ein Mädchen von Stande abspenstig gemacht habe, für das dieser Philippson nichts mehr ist als ein gewöhnlicher Bekannter. Rudolf von Donnersberg wird dem Arthur Philippson kund tun, wo ein ritterliches Zusammentreffen auf neutralem Boden stattfinden kann. Mittlerweile wird er in den ersten Reihen des Vortrabs anzutreffen sein.« Arthurs Brust hob sich höher, als er die Herausforderung las, deren spitziger Ton hinlänglich dartat, wie aufgebracht Rudolf darüber war, daß Anna von Geierstein dem Fremden ihre Neigung zugewendet hätte. Arthur fand Gelegenheit, dem Schweizer eine Erwiderung zukommen zu lassen, die die Versicherung enthielt, daß er entweder in der Schlachtreihe oder an jedem vom Donnersberger bezeichneten Platze ihm stehen würde.

Mittlerweile rückte der Herzog gegen Nancy vor und beschloß, die Stadt zu belagern. Die Mehrzahl der burgundischen Räte war, zusamt den Grafen Oxford, gegen diesen Plan, Man stellte dem Herzog die Schwäche seines Heeres zu solchem Unternehmen, die Strenge der Jahreszeit und die Schwierigkeit vor, Lebensmittel zu erhalten. Man riet ihm, sich zurückzuziehen und jede Entscheidung bis zum Frühlinge zu verschieben. Anfänglich versuchte Karl diese Gründe zu bestreiten, als aber seine Räte ihn erinnerten, daß er sich und sein Heer in ebendieselbe Stellung bringen würde, wie zu Granson und Murten, ward er wütend über diese Erinnerung; Schaum trat aus seinem Munde, und er antwortete nur mit Schwüren und Flüchen, daß er vor dem Dreikönigstage Herr von Nancy sein wollte.

So bezog denn das burgundische Heer eine feste Stellung vor Nancy. Nachdem der Herzog durch diese Anordnung seiner Starrsinnigkeit Genüge geleistet hatte, schien es, als habe er mehr acht auf die Ratschläge seiner Vertrauten, soweit es die Sicherheit seiner Person anging, und gestattete dem Grafen von Oxford und dessen Sohne, nebst zwei oder drei Hauptleuten seiner Leibwache, die Männer von erprobter Treue waren, zu seinem besonderen Schutze mit ihm in einunddemselben Zelte zu schlafen.

Es war drei Tage vor dem Christfeste, als der Herzog das Lager vor Nancy bezog, und am Abend desselben Tages erhob sich ein Tumult, der die Besorgnisse für Karls persönliche Sicherheit zu rechtfertigen schien. Es war Mitternacht, und alles im Zelt des Herzogs war zur Ruhe gegangen, als plötzlich das Geschrei: »Verrat! Verrat!« laut wurde. Der Graf von Oxford zog sein Schwert, riß ein neben ihm brennendes Licht vom Tische und stürzte in des Herzogs Gemach. Karl stand unbekleidet da und schlug mit dem Schwert so wütend um sich, daß der Graf Mühe hatte, seinen Hieben auszuweichen. Auch die übrigen Wachthabenden traten mit gezückter Waffe ein, die Mäntel über den linken Arm geschlagen. Als der Herzog sich etwas beruhigt hatte und sich von seinen Freunden umringt sah, erzählte er voll Wut und Aufregung, daß trotz aller seiner Vorsicht die Boten des heimlichen Gerichts in sein Gemach gedrungen wären und ihm bei schwerer Leibesstrafe anbefohlen hätten, in der Christnacht vor dem Stuhle der heiligen Feme zu erscheinen.

Die Umstehenden hörten mit Staunen diese Kunde, und einige schienen zu zweifeln, ob sie sie für Wahrheit oder für einen Traum der überreizten Einbildungskraft des Herzogs halten sollten. Allein die Vorladung, wie üblich auf Pergament geschrieben und mit drei Kreuzen unterzeichnet, war mit einem Dolch auf den Tisch des Herzogs geheftet, und aus dem Holze ein Splitter geschnitten. Oxford las die Vorladung mit Aufmerksamkeit, Sie nannte wie gewöhnlich den Ort, wo der Herzog sich ohne Waffen einzufinden hätte, um von dort aus vor den heiligen Stuhl geführt zu werden.

Nachdem Karl eine Zeitlang in die Schrift geblickt hatte, gab er seinen Gedanken Worte: »Ich weiß,« sprach er, »von welcher Sehne der Pfeil abgeschossen wurde. Er kommt von der Hand jenes entarteten Edlen, jenes apostatischen Priesters, jenes Alberts von Geierstein. Wir haben vernommen, er befände sich unter der zusammengelaufenen Rotte Geächteter und Meuchler, mit welcher der Großsohn des alten Fiedlers in der Provence sich zusammengetan hatte. Aber beim St. Georg von Burgund! weder Kapuze noch Helm soll ihn nach einer solchen Schmach fürder schützen! Ich will ihn der Ritterwürde entkleiden und ihn am höchsten Kirchturm in Nancy hängen lassen, und seiner Tochter soll die Wahl bleiben zwischen dem schlechtesten Troßbuben meines Heeres und dem Kloster büßender Schwestern!« – »Welche Vorsätze Ihr auch hegen mögt,« sagte Contay, »so wäre es wohl das beste zu schweigen, da wir aus diesem letzten Ereignis schließen können, daß man uns deutlicher hört, als wir glauben.« – Der Herzog schien über diesen Wink betroffen zu sein und schwieg oder murmelte doch nur Flüche und Drohungen zwischen den Zähnen, während nach dem Störer seiner nächtlichen Ruhe die strengste Nachforschung, wiewohl ganz vergebens, angestellt wurde.

Karl gab indessen diese Nachforschungen nicht auf, denn er war außer sich über eine Kühnheit, die alles übertraf, was bisher das heimliche Gericht sich erdreistet hatte; denn so verwegen war es doch noch nie gewesen, die Hand nach Fürsten auszustrecken. Eine treue Schar burgundisch Volk wurde in der Christnacht ausgesandt, den Vorladungsort, einen Kreuzweg, der in der Pergamentrolle angedeutet worden war, besetzt zu halten und jeden, der sich dort würde blicken lassen, gefangen zu nehmen; allein nichts Verdächtiges ließ sich wahrnehmen. Nur um so heftiger fuhr der Herzog fort, dem Grafen Albert von Geierstein die erlittene Schmach zuzuschreiben. Ein Preis wurde auf dessen Kopf gesetzt, und Campobasso, stets bereit, der Laune seines Gebieters gefällig zu sein, nahm es auf sich, durch einige seiner Welschen, die auf dergleichen Fährten zu gehen verstanden, den verhaßten Geiersteiner lebend oder tot herbeizuschaffen.