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Es war am zweiten Tage nach jenem Tumulte, als Oxford den Wunsch äußerte, über das Feldlager Ferrands von Lothringen Kundschaft einzuholen; denn er zweifelte an der Richtigkeit der bisher über die Stärke und Ausrüstung des Feindes eingelaufenen Berichte. Er erhielt des Herzogs Erlaubnis dazu, der zu gleicher Zeit ihm und seinem Sohne zwei edle Hengste von großer Stärke und Schnelligkeit schenkte. Sobald der Graf von Campobasso dies erfahren hatte, drückte er die größte Freude darüber aus, daß der erfahrene Oxford ihm auf seinem Kundschaftsritt beistehen wolle, und stellte ihm eine ausgesuchte Schar venezianischer Reiter zur Verfügung, die er schon manchesmal, wie er sagte, zu Scharmützeln mit dem Vortrabe der Schweizer ausgeschickt hätte.

Am Eingange eines ein wenig abwärts führenden Tales äußerte Campobasso gegen den englischen Edelmann, wenn sie bis an das entgegengesetzte Ende der Schlucht gelangen könnten, würden sie imstande sein, die ganze Stellung des Feindes zu überblicken. Zwei oder drei Venezianer sprengten vorweg, um den Talweg zu untersuchen, kehrten bald zurück und teilten ihrem Führer in ihrer Landessprache mit, daß alles sicher wäre, worauf Campobasso den Grafen Oxford aufforderte, ihn zu begleiten. – Ohne einen Feind wahrzunehmen, ritten sie das Tal entlang; allein, als sie auf die von Campobasso bezeichnete Ebene hinauskamen, konnte Arthur, der mit den Venezianern vorausritt, allerdings in einer Entfernung von tausend Schritte Ferrands Lager wahrnehmen, jedoch in demselben Augenblicke sprengte daraus eine Schar Berittener hervor und auf die Talöffnung zu, aus der Arthur hervorgekommen war. Eben wollte er sein Roß wenden und zurückreiten, jedoch im Vertrauen auf die Schnelligkeit seines Gaules dachte er, er könnte es wagen, einen Augenblick zu halten, um das Lager genau zu beaugenscheinigen. Die Venezianer, die ihn begleiteten, warteten nicht seinen Befehl zum Rückzug ab, sondern ergriffen die Flucht.

Unterdessen bemerkte Arthur, daß der Anführer der Berittenen ein gewaltiges Roß ritt, das durch seinen Tritt den Boden erbeben ließ, und daß er auf seinem Schilde den Bären von Bern führte, auch überhaupt in seiner riesenhaften Gestalt dem Rudolf von Donnersberg glich. Jeder Zweifel daran schwand vollends, als er sah, wie der Ritter seine Schar Halt machen ließ und allein auf ihn zukam, indem er die Lanze einlegte und sich langsam näherte, als wollte er seinem Gegner Zeit lassen, sich zum Zweikampfe zu rüsten. Solche Herausforderung in diesem Augenblick anzunehmen, war gefährlich; allein, ihr auszuweichen, wäre schimpflich gewesen; und während Arthurs Blut bei dem Gedanken kochte, einen groben Nebenbuhler zu züchtigen, freute es ihn im Herzen nicht wenig, daß ihr Zusammentreffen zu Roß ihm einen Vorteil über den Schweizer gewährte, indem er mit dem Lanzengefecht im Turnier, worin Rudolf nur ein Neuling sein konnte, genau bekannt war.

Sie trafen aufeinander. Die Lanze des Schweizers glitt ab vom Helme des Engländers, gegen den sie gerichtet gewesen war, während Arthurs Speer, genau auf den Bauch seines Gegners gerichtet, so richtig traf und durch die volle Wucht des Anlaufes so treulich unterstützt wurde, daß er nicht nur den Schild, den der unglückliche Krieger vorhielt, sondern auch eine Brustplatte und ein Panzerhemd, das er trug, durchbohrte. Arthurs Speer drang dem beklagenswerten Ritter gerade durch den Leib, und Rudolf stürzte kopfüber von seinem Gaule, als wäre er vom Blitze getroffen, wälzte sich ein paarmal am Boden hin und her, streckte sich dann lang aus und war tot.

Ein Weh- und Rachegeschrei erhob sich unter den Männern zu Roß, und mehrere von ihnen legten die Lanzen ein, um ihn zu rächen; allein Ferrand von Lothringen, der in Person zugegen war, befahl ihnen, den glücklichen Sieger zum Gefangenen zu machen, jedoch ihm kein Leides zu tun. Das geschah, denn Arthur hatte nicht Zeit, sein Pferd zur Flucht zu wenden, und Widerstand wäre Raserei gewesen. Als er vor Ferrand gebracht wurde, öffnete er sein Visier und fragte: »Ist es wohlgetan, einen fahrenden Ritter, der gegen persönliche Herausforderung seine Pflicht tat, gefangen zu nehmen?« – »Beklagt Euch nicht, Herr Arthur von Oxford,« sagte Ferrand, »ehe Euch noch Leides widerfährt. Ihr seid frei, Herr Ritter – Euer Vater und Ihr wart treue Anhänger meiner königlichen Muhme Margarethe, und wiewohl sie mir Feindin war, so will ich doch Eurer Treue gegen sie Gerechtigkeit widerfahren lassen und Euch die Freiheit geben. Aber ich muß auch Sorge für Euch tragen, bis Ihr in das burgundische Lager zurückgekehrt seid. Diesseits der Talschlucht schlagen treue und ehrliche Männerherzen, jenseits befinden sich Verräter und Mordgesellen. – Ihr, Herr Graf, möchtet, wie mich dünkt, unsern Gefangenen gern in Sicherheit wissen.«

Der Ritter, den Ferrand mit diesen Worten anredete, ein langer, stattlicher Mann, spornte sein Roß, um Arthur zu begleiten, während letzterer dem jungen Herzog von Lothringen seinen Dank für die ihm erwiesene ritterliche Behandlung aussprach. – »Lebt wohl, Sir Arthur de Vere,« fügte Ferrand. »Ihr habt einen edlen Kämpen niedergestreckt, der mir ein nützlicher und treuer Freund war, aber es geschah edel und offen, mit gleichen Waffen und angesichts der Schlachtlinie. Wehe dem, der deshalb Fehde mit Euch sucht!« Arthur verbeugte sich bis an den Sattelknopf. – Ferrand erwiderte den Gruß, und sie schieden.

Ein Stück nur waren Arthur und sein Geleitsmann geritten, als der Fremde das Wort nahm: »Wir waren ehedem schon Reisegenossen, junger Mann, jedoch Ihr erkennt mich nicht.« – Arthur warf einen Blick auf den Ritter, und als er gewahrte, daß der Kamm seines Helmes einen Geier bildete, fuhr ein seltsamer Argwohn durch seine Seele, der nur allzusehr bestätigt wurde, als der Ritter das Visier aufschlug und ihm die finstern, ernsten Gesichtszüge des schwarzen Priesters von St. Paul zeigte.

»Graf Albert von Geierstein,« sagte Arthur. – »Eben der,« versetzte der Graf, »obgleich Du ihn im andern Gewande und mit einem Glatzkopfe gesehen hast. Allein die Tyrannei treibt alle Welt unter Waffen, so habe auch ich die meinigen wieder ergriffen. Eine Fehde gegen Grausamkeit und Unterdrückung ist heilig wie ein Zug nach Palästina.« – »Mein Herr Graf,« sagte Arthur lebhaft, »ich kann Euch nicht früh genug bitten, zum Herzog Ferrand von Lothringen zurückzukehren. Hier seid Ihr in Gefahr, und weder Stärke noch Mut kann Euch schützen. Der Herzog von Burgund hat einen Preis auf Euren Kopf gesetzt, und das Land zwischen hier und Nancy wimmelt von italienischen Reitern.« – »Ich lache ihrer,« antwortete der Graf. »Ich habe darum nicht so lange in einer sturmbewegten Welt zwischen Staatsränken und Fehdezügen gelebt, um von so elenden Händen zu fallen. Ueberdies bist Du bei mir, und ich habe soeben gesehen, daß Du Dich ritterlich zu benehmen verstehst.« – »Zu Eurem Schutze, Herr Graf,« sagte Arthur, der in seinem Gefährten nur den Vater Annas von Geierstein erblickte, »würde ich es gewiß versuchen, mein Bestes zu tun.« – »Wie, Jüngling?« versetzte Graf Albert mit einem düstern Lächeln, »wolltest Du dem Feinde des Herrn, unter dessen Banner Du dienst, gegen dessen Söldlinge Beistand leisten?« – Arthur war über die Wendung betroffen, die seiner Erklärung gegeben wurde; doch er sammelte sich sofort und sprach: »Mein Herr Graf Albert, Ihr habt die Gefälligkeit gehabt, mich vor den Lanzen Eurer Parteigänger zu schützen, an mir ist es nun, ein Gleiches für Euch zu tun,« – »Das war ehrlich geantwortet,« sagte der Geiersteiner, »doch es gibt einen kleinen blinden Parteigänger, von dem die Troubadours und Minnesänger schwatzen, und diesem dürfte ich im Fall der Not wohl für den Beistand, den Ihr mir leisten würdet, am meisten zu Dank verpflichtet sein.«