Etliche Reiter trafen nun von verschiedenen Gegenden ein und meldeten, daß Herzog Ferrand und die Seinigen sich in ihr Lager zurückgezogen hätten, und daß das Land von Feinden frei wäre. »So laßt auch uns zurückgehen,« sagte Karl, »da sich keine Gelegenheit zum Lanzenbrechen bietet. Und Du, Arthur de Bere, halte Dich dicht in meiner Nähe.«
Im Zelte des Herzogs angelangt, mußte Arthur eine Untersuchung bestehen, in welcher er jedoch nichts von Anna von Geierstein, noch von den Absichten ihres Vaters inbetreff seiner selbst äußerte, weil er glaubte, daß Karl damit nichts zu schaffen hätte; allein offen teilte er dem Herzog die persönlichen Drohungen mit, die der Graf Albert gegen diesen ausgestoßen hatte. Der Herzog hörte ihm jetzt gelassener zu, und als Arthur geendet hatte, nahm Karl von seiner Brust ein goldenes Kreuz und küßte es mit vieler Andacht. »Auf dieses Kreuz,« sprach er, »will ich mein Vertrauen setzen. Fehle ich in dieser Welt, so mag ich Gnade finden in jenem Leben. – He, Herr Marschall!« rief er dann hinaus, »laßt Eure Gefangenen vor uns kommen.«
Der Marschall von Burgund trat mit dem Grafen von Oxford ein und erklärte, daß sein zweiter Gefangener, der Campobasso höchst ernsthaft gebeten hätte, man möchte ihm Urlaub geben, damit er an dem seiner Hut anvertrauten Teile des Feldlagers seine Schildwachen aufstelle, ein Gesuch, das der Marschall nicht hatte abschlagen wollen. »Gut,« sagte Burgund ohne weitere Bemerkung, »dann zu Euch, Lord Oxford, ich wollte Euch Euren Sohn vorstellen, aber Ihr habt ihn bereits in Eure Arme geschlossen. Er hat sich Ehre und Preis erworben und mir wackere Dienste geleistet. Wir sind an einem Zeitpunkt des Jahres, wo wackere Leute ihren Feinden vergeben. Ich weiß nicht, wie es kommt – aber ich fühle ein unbezwingliches Verlangen, dem nahen Zweikampfe zwischen Euch und dem Grafen Campobasso Einhalt zu tun. Willigt um meinetwegen darein, Freunde zu sein, nehmt Eure Herausforderung zurück – und laßt mich dieses Jahr – vielleicht das letzte, das ich erlebe, mit einer Tat des Friedens beschließen,«
»Hoher Herr,« sagte Oxford, »es ist ein Geringes, was Ihr von mir verlangt. Ich war aufgebracht über den Verlust meines Sohnes. Dem Himmel und Eurer Hoheit verdanke ich es, daß ich den Jüngling wieder habe, Campobassos Freund zu sein, ist mir unmöglich. Treue und Verrat, Wahrheit und Falschheit könnten sich dann ebenfalls die Hand reichen und sich umarmt halten. Allein der Welsche soll mir ebenso gleichgiltig sein, wie er es mir vor unserm Zwist war. Ich lege meine Ehre in Euer Hoheit Hand; nimmt Campobasso sein Wort zum Zweikampfe zurück, so tue ich es ebenfalls. John de Bere hat nicht zu befürchten, daß die Welt ihn im Verdacht habe, er fürchte sich vor einem Campobasso.«
Der Herzog erwiderte mit aufrichtigen Dankesworten und behielt seine Edlen den Abend bei sich im Zelte. Sein Benehmen erschien dem jungen Arthur friedliebender, als er es je zuvor an ihm wahrgenommen hatte. Der Herzog ordnete an, daß Lebensmittel und Wein unter seine Soldaten verteilt würden. »Wäre es nicht um unseres Schwures willen,« sagte er leise zu etlichen seiner Räte, »so wollten wir diese Fehde bis zum Frühling verschieben, wo unsere Mannen unter geringeren Strapazen ins Feld rücken könnten.« – Sonst war nichts Bemerkenswertes am Benehmen des Herzogs, außer daß er oft nach dem Grafen Campobasso fragte. Dieser ließ endlich melden, er sei unpaß und der Arzt habe ihm Ruhe befohlen; deswegen hätte er sich zurückgezogen, damit er mit dem Frührot zur Hand sein möchte, weil die Sicherheit des Feldlagers hauptsächlich von seiner Wachsamkeit abhinge. – Der Herzog verlor weiter kein Wort darüber, und eine Stunde vor Mitternacht wurden die Gäste aus dem Zelte des Herzogs entlassen.
Als Oxford mit seinem Sohne im eigenen Zelte angekommen war, versank der ältere Graf in tiefes Nachdenken, das fast zehn Minuten währte. »Mein Sohn,« sprach er dann, indem er plötzlich auffuhr, »gib dem Thibault und Deinen Jägern Befehl, unsere Rosse vor Tagesanbruch bereitzuhalten; auch könnte es nichts schaden, unsern Nachbar Colvin mitzunehmen. Ich habe Lust, um die Zeit des Frührots die Vorposten zu untersuchen. Wäre die Nacht mondhell, so würde ich sogleich die Runde machen.« – »Weshalb, mein Herr und Vater, erregt diese Nacht so besonders Euren Argwohn?«
»Sohn Arthur, Du wirst vielleicht Deinen Vater für leichtgläubig halten,« sagte der Graf. »Allein meine Amme Martha Nixon war ein Weib aus dem Norden und steckte voll Aberglaubens. Besonders pflegte sie zu sagen, jede plötzliche, grundlose Veränderung in eines Menschen Natur – wie etwa der Uebergang von Schwelgerei zu Mäßigkeit, von Heftigkeit zu Gelassenheit, von Geiz zu Freigebigkeit –deute stets darauf hin, daß eine große Umwälzung der Dinge, sei es zum Guten oder zum Bösen, für ihn vorgehen werde – und in diesem Falle mag es sich wohl zum Bösen wenden, da wir in einer argen Welt leben. Diese Vorstellung der alten Frau hat meine Seele so ergriffen, daß ich entschlossen bin, ehe noch der Tag anbricht, mit meinen eigenen Augen zu prüfen, ob unsere Wachen um das Lager her auf dem Posten sind,« – Arthur ließ Colvin und Thibault das Nötige wissen, und man begab sich zur Ruhe.
Es war noch vor Anbruch des ersten Januars 1477 (ein Zeitpunkt, der wegen des Ereignisses, das an diesem Tage stattfand, denkwürdig bleiben wird), da begannen der Graf von Oxford, Colvin und Arthur, begleitet von Thibault und zwei anderen Dienern, ihre Runde durch des Herzogs Lager. Auf dem größeren Teil des Weges fanden sie Schildwachen und Posten sämtlich in guter Ordnung. Es war ein schneidend kalter Morgen. Die Fläche war zum Teil mit Schnee bedeckt – Tauwetter hatte diesen Schnee etwas geschmolzen, aber strenger Frost, der danach eingetreten war, hatte eine Eisrinde gebildet, die sich jetzt immer mehr verdickte.
Allein wie groß war das Erstaunen und die Unruhe des Grafen und seiner Gefährten, als sie zu demjenigen Teil des Lagers gelangten, der am Tage vorher von Campobasso und dessen fast 2000 Mann zählenden Welschen besetzt worden war. Kein Zuruf erfolgte, kein Roß wieherte, kein Hengst stampfte, keine Wache war aufgestellt. Sie untersuchten die Zelte – alles war leer. – »Laßt uns zurückreiten und Lärm im Lager schlagen!« rief der Graf. »Hier liegt Verrat vor!«