»Ei, Lord,« versetzte Colvin, »laßt uns keine mangelhafte Kunde heimbringen. Hundert Schritt von mir stehen meine Schießmörser und decken den Zugang zu diesem Hohlwege; laßt uns sehen, ob meine deutschen Kanoniere an ihrem Posten sind. Mich dünkt, ich kann's beschwören, daß wir sie rüstig auf ihren Plätzen finden. Das Geschütz mündet auf einen Engpaß, durch den allein man in das Lager gelangen kann,« – »Vorwärts denn, in Gottesnamen!« sagte der Graf von Oxford,
Ueber Eis und durch Pfützen jagten sie weiter, sie kamen zu den Mörsern. Der blasse Wintermond, der sich in das Frühlicht mischte, beleuchtete die wohlgerichteten Kanonen, allein keine Schildwache war zu sehen,
»Die Schufte können nicht entwischt sein,« sagte der erstaunte Colvin. »Doch seht, da ist Licht in den Zelten. – O! des unseligen Weines! Der Trunk hat sie sicherlich übermannt. Ich will sie bald aus ihren Träumen aufschrecken!« – Er sprang von seinem Gaule und stürzte in das Zelt, in welchem das Licht schimmerte. Die Kanoniere oder doch die Mehrzahl derselben waren noch da, aber sie lagen hingestreckt auf dem Boden, die Trinkbecher neben ihnen; und alle miteinander waren so betrunken, daß Colvin nur zwei oder drei von ihnen durch Drohungen und Befehle erwecken konnte. Die Aufgescheuchten tappten in die Höhe und gehorchten ihm mehr aus Instinkt als mit Bewußtsein ihrer selbst, indem sie hintaumelten, das Geschütz zu bemannen.
In dem Augenblicke ließ sich von der andern Seite des Engpasses her ein Getöse wie von einherschreitenden Gewappneten vernehmen. – »Es ist das Geheul einer fernen Lawine,« sagte Arthur. – »Es ist eine Lawine von Schweizern, nicht von Schnee,« entgegnete Colvin. »O, der besessenen Knechte! Die Mörser sind schwer geladen und wohlgerichtet – diese Salve sollte sie zurückwerfen, wenn es Feinde wären, und das Gekrach würde früher, als wir es können, das Lager lebendig machen. Doch wehe, daß die Schufte betrunken sind!« – »Sorgt deshalb nicht!« sagte der Graf, »mein Sohn und ich wir wollen jeder einen Zündstock nehmen und gute Kanoniere abgeben.« – Sie saßen ab und befahlen Thibault und den beiden Dienern auf die Rosse acht zu geben, dann nahmen sie den hilflosen Trunkenbolden die Lunten weg. Drei der Soldaten waren indessen noch nüchtern genug, um an ihre Mörser zu treten.
»Bravo!« rief der alte Geschützhauptmann, »noch nimmer ward ein Geschoß so edel bedient. Jetzt, mein Bursche, vergebt, Mylords, aber es ist nicht Zeit, Umstände zu machen – und Ihr besoffenen Schelme, – gebt acht, daß Ihr nicht eher Feuer, gebt, als bis ich rufe. Dann sollen diese Trampler, und wären ihre Rippen felsenhaft wie die Alpen, es erfahren, wie der alte Colvin seine Mörser lädt.«
Alle fünf standen atemlos, jeder bei seinem Geschütz. Der dumpfe Hall der Tritte kam immer näher und näher, bis das mangelhafte Morgenlicht eine düstere, undeutlich erkennbare Reihe von Männern zeigte, die, mit langen Spießen, Streitäxten und andern Waffen versehen, unter dunkel flatternden Bannern einherzogen. Colvin ließ sie bis auf eine Entfernung von fünfzig Ellen heranrücken, und rief dann:, »Feuer!« aber nur sein Stück ging los; von den andern blitzte vom Zündloche nur eine schwache Flamme auf, weil die Mörser von den italienischen Verrätern vernagelt und unbrauchbar gemacht worden waren. Wären alle Mörser tauglich gewesen, so würde sich seine Prophezeiung wahrscheinlich erfüllt haben; denn schon die Entladung des einen Geschützes brachte eine schauderhafte Wirkung hervor, indem sie in den Reihen der Schweizer eine lange Linie Toter und Verwundeter niedermähte.
»Haltet stand,« rief Colvin, »und helft mir womöglich, den Mörser wieder zu laden,« – Doch dazu war keine Zeit. In der zerrütteten Kriegerschar schritt eine stattliche Gestalt, hob das Banner, dessen Träger mitgestürzt war, auf und rief mit der Stimme eines Riesen: »Was, Ihr Männer, Ihr habt Murten und Granson gesehen und fürchtet Euch vor einem einzigen Schießmörser? Bern! Ury! Schwyz! Banner vorwärts! Unterwalden, hier ist Dein Fähnlein! Laßt Euren Schlachtruf erschallen! Blast in Eure Hörner! Unterwalden folgt seinem Landammann!«
Und heran stürzten sie gleich einem wütenden Ozean, mit einem betäubenden Geheul, in unbändigem Lauf! Colvin, der noch bemüht war, seinen Mörser zu laden, wurde niedergemacht. Oxford und sein Sohn wurden durch die Menge, deren wilden Drängen allein sie es zu danken hatten, daß sie nicht tödliche Streiche empfingen, zu Boden gestoßen. Arthur schützte sich, indem er unter den Mörser kroch, bei dem er stand; über seinen Vater hin, der minder glücklich war, trabten die feindlichen Krieger und würden ihn zerquetscht haben, wenn seine Stahlrüstung ihn nicht beschirmt hätte. Die Schar der Schweizer, mindestens viertausend Mann, wälzte sich in das Lager hinein, indem sie ihr fürchterliches Geschrei fortsetzte, in das sich bald Geheul, Aechzen und Schreckensrufe mischten.
Ein breiter roter Schimmer stieg auf hinter den Anstürmenden und überstrahlte das bleiche Licht des Wintermorgens, als Arthur zuerst wieder zur Besinnung kam. Das Lager hinter ihm stand in Flammen und hallte wider vom Jauchzen der Sieger, vom Stöhnen der Ueberfallenen. Niederblickend, schaute er umher nach seinem Vater. Dieser lag bewußtlos neben ihm, wie auch die Kanoniere, die in ihrer Halbtrunkenheit wohl nicht an Flucht gedacht hatten. Als Arthur des Vaters Helm öffnete, sah er zu seiner Freude, daß er noch lebte, – »Die Rosse! – die Rosse!« rief Arthur, – »Thibault, wo bist Du?«
»Zur Hand, Mylord,« sagte dieser getreue Geleitsmann, der sich und seine Tiere durch klugen Rückzug in ein Dickicht gerettet hatte. – »Wo ist der tapfere Colvin?« fragte der Graf, der sich wieder erhob. – »Seine Kriege sind ausgekämpft, Mylord,« entgegnete Thibault, »er wird hienieden keinen Hengst mehr besteigen.« – Ein Seufzer der Teilnahme, als Oxford auf Colvin blickte, der mit gespaltenem Schädel vor der Mündung seines Schießmörsers lag, war alles, was der Augenblick gestattete. – »Wohin?« fragte Arthur. – »Zum Herzog,« sagte der ältere Graf. »Ich will ihn nicht an einem Tage wie diesem verlassen.«
»Mit Verlaub,« sagte Thibault, »ich sah den Herzog, begleitet von einem halben Schock seiner Leibwächter, in vollem Trabe über diesen Wasserstrom setzen – und den Weg nach dem nordöstlichen Flachlande einschlagen. Ich denke, ich kann Euch auf die Spur dahin bringen.« – »Wenn dem so ist,« sagte Oxford, »so sitzen wir auf und jagen ihm nach. Das Lager ist an mehr als einer Stelle überfallen worden, und alles muß verloren sein, da er entfloh.«
Mit Mühe nur konnte der Graf von Oxford den Gaul besteigen, und er ritt auch nur so schnell, als seine zertretenen Glieder es ihm gestatteten. Mehr als einmal blickten die Reiter zurück auf das Lager, das jetzt eine wilde Brandstätte war, bei deren glührotem Scheine sie am Boden die Spur von Karls Rückzug wahrnehmen konnten. Nach ungefähr einer halben Stunde erreichten sie einen halb zugefrorenen Morast, um den herum mehrere Leichname lagen. Unter ihnen erkannten sie Karl von Burgund. Er war zum Teil entkleidet und beraubt wie die übrigen, die um ihn her lagen. Sein Leib war mit verschiedenen Wunden bedeckt, die von mehr als einer Waffenart herrührten. Er hatte das Schwert noch in der Hand, und auf seinem erstarrten Gesicht lag noch jene Wildheit, die in der Schlacht seine Züge zu beleben pflegte. Dicht neben ihm, als seien beide im Kampf Mann gegen Mann gefallen, lag die Leiche des Grafen Albert von Geierstein und etwas abseits die Itel Schreckenwalds, des treuen wiewohl gewissenlosen Knappen des Geiersteiners. Beide waren wie die Leute von der Leibwache des Herzogs angetan – eine Verkleidung, die sie wahrscheinlich anlegten, um den Blutauftrag der heiligen Feme zu vollziehen. Es ist anzunehmen, daß Leute des Verräters Campobasso in dem Scharmützel tätig waren, in dem der Herzog fiel, denn sechs oder sieben dieser Gesellen und ebensoviele von des Herzogs Leibwache lagen ebenfalls tot am Boden.