Der Kriegsmann mochte zweiundzwanzig Jahre zählen. Was in seinem Gesicht hierzulande besonders auffiel, waren die tiefblauen Augen und das herrlich blonde Haar, das unter dem silberplattierten, mit einem züngelnden Drachen geschmückten Helme hervorquoll. Die Züge seines Gesichtes waren zart, aber nichts weniger als weichlich; die stolze Art, wie er die Wunder betrachtete, die sich vor seinen Blicken entfalteten, verkündete jenen regen Verstand, der zu durchdringen sucht, was ihm nicht auf den ersten Blick faßlich ist oder was er falsch aufgefaßt zu haben fürchtet. Gerade diese Art schien ihm bei den Leuten, die außer ihm vor dem Tore verweilten, Sympathieen zu erwecken; sie fühlten sich geneigt, ihm die Eigenschaft eines »Barbaren« nachzusehen, der aus irgend einem unbekannten, fernen Erdenwinkel den Fuß in die überzivilisierte Stadt gesetzt hatte oder setzen wollte, die sie ihre Heimat mit, wenn auch gerechtem, so doch in vieler Hinsicht übertriebenem Stolze nannten.
Die Tracht, in welcher der junge Kriegsmann sich ihnen zeigte, ließ durch die seltsame Mischung von Pracht und Weichlichkeit auf Stand und Herkunft schließen. Schon der phantastische Helm mit dem züngelnden Drachen kennzeichnete ihn als einen Sohn des hohen Nordens, desgleichen der knappe Harnisch, der die breite Brust weniger deckte als schmückte, das Bärenfell, das ihm zwischen den Schultern über den Mücken herabhing, und an der linken Seite das blanke, krumme Schwert in der güldenen und elfenbeinernen Scheide, die gleich dem Harnisch auch mehr Zierart als Waffe zu sein schien, denn für die starke Faust des Hünen war es um vieles zu leicht und zu klein. Ein prall an die Hüften schließendes Kleid reichte nur bis zu den Knieen; bis zu den Waden waren die Beine nackt, und von den Waden nieder schlangen sich die Sandalenriemen, gehalten von goldenen Münzen als Spangen, mit dem Bildnis des herrschenden Kaisers darauf. Aber eine Waffe, die sich besser schickte für solchen jungen Hünen, denn nur ein Hüne, und kein schwächerer vermochte sie zu führen, war die doppeltgeschliffene Streitaxt mit dem eisenbeschlagenen Stiele aus Eichenholz, die hell wie ein Spiegel blitzte und die er so leicht in der Faust trug, als hätte sie das Gewicht einer Feder.
Schon der Umstand, daß er Waffen führte, kennzeichnete ihn als Fremden; denn die Griechen trugen sie nicht zu Friedenszeiten, zum Unterschiede ihres Charakters als friedliche, zivilisierte Staatsbürger von mißachtetem Söldnervolk, und auch jetzt hörte man, wie sie einander scheu und verdrossen zuraunten, der junge Kriegsmann sei »auch einer von den Warägern«, unter welcher Bezeichnung die kaiserliche Leibwache zusammengefaßt wurde, die sich nur aus nordischen »Barbaren« rekrutierte.
Die oströmischen Kaiser hatten seit vielen Jahren die Gewohnheit, sich eine solche Leibgarde zu halten, auf deren Stärke, Treue und Mut sie bauen durften, nicht bloß den zahlreichen äußeren, sondern auch den im geheimen wühlenden inneren Feinden gegenüber. Sie bezogen auch einen hohen Sold und standen bei den Griechen, die schon längst von Heldenhaftigkeit nichts mehr an sich hatten, in gefürchtetem Ansehen. Die Rüstung, die sie trugen, stand im Einklange mit derjenigen, die wir eben an dem kriegerischen Jünglinge beschrieben haben, und die sich als eine Nachäffung der von den Warägern in ihren heimischen Urwäldern getragenen auswies. In einer früheren Zeit des oströmischen Kaiserreiches hatte die Waräger-Leibgarde sich aus nordischen Seeräubern zusammengesetzt, die von ihrem unbezwinglichen Tatendurste in ihren Wikingerschiffen auf die unwegsamen Meere hinausgetrieben wurden und gegen alle Gefahr gefeit zu sein schienen. Später, als diese nordischen Völker sich von dem Seeräuberleben, das ihre Altvordern aus den Meerengen Helsingörs zu jenen von Sestos und Abydos führte, ab- und friedlicheren Berufen zuwandten, traten Angelsachsen an ihre Stelle, die sich in ihrem Herrentrotze dem normannischen Joche, unter das Wilhelm der Eroberer sie gezwungen, nicht beugen mochten, sondern lieber die heimische Scholle verließen. Ihre Sprache war mit derjenigen der Waräger verwandt, und obwohl sich ihr Volkstum nicht mit dem ihrigen völlig deckte, blieb ihnen doch in Ostrom der gleiche Name. Den Befehlshaber der Leibgarde zu ernennen, war ein Recht, das der Kaiser sich vorbehalten hatte; aber ihre Zugführer wählten, sie selbst aus ihrer Mitte; die Kreuzzüge, Pilgerfahrten und andere Anlässe brachten ihnen hin und wieder neuen Zuschub, und da ihnen ihre Privilegien nicht verkürzt, sondern eher gemehrt wurden, da sie nicht in die selbstherrlichen Gelüste der Prätorianer von Westrom verfielen, sondern ihren Kaisern die Treue hielten, vermochten sie sich in voller Kraft bis in die letzten Zeiten des griechischen Kaisertums zu halten.
Was wir hier über die Waräger gesagt haben, erklärt die Anwesenheit eines solchen vor dem goldenen Tore Konstantinopels an jenem frischen Herbstabend vollkommen, und wir können nunmehr in unsere eigentliche Erzählung treten... Daß er von den städtischen Bürgern mit Neugier betrachtet wurde, braucht nicht zu befremden, denn es bestand zwischen der kaiserlichen Leibgarde und dem Bürgertum wenig Verkehr; der Bürger fürchtete sie, wie gesagt, als kaiserliche Polizei und neidete ihnen den hohen Sold, der doch nur aus ihrem »Fleisch geschnitten« wurde; sie hielten sich demzufolge, sofern nicht ein kaiserlicher Befehl es anders anordnete, fast immer im Bereich ihrer Kasernements auf... »Ein Waräger,« sagte einer von den gaffenden Bürgern zu seinem Nachbar, »und im Dienst? Was mag er vorhaben?« – »Ja,« sagte der, »wie soll ich's sagen können? Vielleicht soll er ausspionieren, welche Meinung in der Stadt über den Kaiser herrscht?« – »All ihr Götter!« rief der erste wieder, »wie könnt Ihr solches meinen, Nachbar Seidenwirker? Ihr vergeßt dabei ganz, daß die Waräger eine andere Sprache reden wie wir! Das wäre mir ein netter Spion!« – »Aber es sollen Leute drunter sein, die in allen Zungen reden; da werdet Ihr wohl zugeben müssen, daß es auch welche drunter geben kann, die zu beobachten verstehen und die Gabe besitzen, Beobachtetes zu hinterbringen.« – »Mag sein! Aber wär's nicht gescheiter, wir schlenderten nach Hause, statt uns in Gefahr zu setzen, mit einem von der kaiserlichen Leibgarde in Konflikt zu kommen? Wer kann's voraussehen, wie solche Begegnungen ausgehen?«
Diese Worte fanden des andern Beifall, und so trotteten die beiden Bürger, untergefaßt, ihren in einem ferneren Viertel befindlichen Wohnungen zu. Die Sonne ging zu Rüste, und die Mauern und Bollwerke warfen längeren und dichteren Schatten. Der Waräger, sichtlich abgespannt durch die Bewegung in dem engen Kreise, der ihn seit Stunden in seinem Banne hielt, blickte unwirsch zur Sonne hin, die in voller Glut hinter einem Zypressenhaine unterging, und suchte sich dann auf einer Steinbank unter dem goldenen Tore ein Ruheplätzchen. Hier legte er seine Streitaxt dicht neben sich, schlug den Mantel um sich und sank nach kurzer Zeit in friedlichen Schlummer, so ungünstig Ort und Tracht auch hierzu waren. Sein Beistand blieb aber munter, so müde auch sein Leib war, und kein Jagdhund möchte einen leichteren Schlaf haben als unser Angelsachse vor Konstantinopels goldenem Tore.
Hatte er vorhin schon den Stadtbürgern, die sich vor dem Tore ergingen, Anlaß zu Aeußerungen gegeben, so jetzt erst recht! Ein kleiner, munterer Mann, den die Papierrolle unter dem Arm und der Beutel mit Bleistiften in der Hand als Zeichner verrieten, Lysimachus mit Namen, kam mit einem, dem Waräger nicht unähnlichen, nur derberen Gesellen, Stephanos dem Ringer, in der Palästra wohlbekannt und gern gesehen, aus der Stadt durch das Tor geschlendert. »Warte, Kamerad!« rief Lysimachus, »von diesem jugendlichen Herkules muß ich mir eine Skizze fertigen!« – »Herkules?« erwiderte Stephanos, »ich dächte, der wäre ein Grieche gewesen, aber kein Barbar!« – Lysimachus beeilte sich, den Verdruß, den er ohne böse Absicht bei dem Kameraden geweckt hatte, wieder gut zu machen, denn Stephanos, mit dem Beinamen Kastor, war sein Gönner und sorgte durch das Ansehen, in welchem er als Fechter stand, dafür, daß Lysimachus bekannt wurde und Kundschaft bekam. – »Stärke und Schönheit, mein teurer Stephanos,« sagte er, »sind nicht Vorzüge eines einzigen Volkes: ich lasse sie gern gelten, wo ich sie antreffe, sei es beim nordischen Barbaren oder beim Liebling eines erleuchteten Volkes, der körperliche Vollendetheit mit schönen Naturgaben verbindet, wie sie uns kein Werk eines Phidias oder Praxiteles schöner zeigt.« – »Nun, daß der Waräger sich sehen lassen kann,« erwiderte einlenkend der andere, »lasse ich ja gelten; trotzdem der arme Teufel wohl sein ganzes Leben noch keinen Tropfen Oel auf seiner Haut gespürt haben mag.« – »Oho! was liegt denn neben ihm auf seinem Bärenfelle, ist's ein Prügel?« – »Laß uns gehen, Kamerad!« rief der andere, als er den Schläfer näher ins Auge gefaßt hatte. »Kennst Du des Warägers grimme Waffe nicht? Nicht mit Schwert und Lanze kämpft er, wie sie im Brauch sind als Waffen wider Menschen von Fleisch und Blut, sondern mit Streitaxt und Keule, als gälte es, Glieder von Stein und Sehnen von Eiche zu zermalmen. Meine welke Petersilienkrone verwette ich, daß er hier liegt mit dem Auftrage, ein Subjekt zu verhaften, das sich bei dem Kaiser mißliebig gemacht hat, wozu sonst trüge er die schreckliche Waffe? Komm, komm, Lysimachus! lassen wir den Bären schlafen!«