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Je länger und dichter die abendlichen Schatten wurden, desto spärlicher wurde die Zahl der vor dem Tore promenierenden Bürger. Zwei Weiber aus dem Volke kamen jetzt an der Bank vorbei, auf der der Waräger lag. »Maria, Du Heilige!« sagte eine von ihnen, »sollte man nicht meinen, er sei der Prinz aus Aegyptens hochzeitlicher Kammer, der in dem schonen Märchen des Morgenlandes von den Huldgöttinnen zum Tore von Damaskus geführt und dort in Schlummer gewiegt wird? Laß mich das arme Lämmchen wecken, dem der Nachtfrost sonst einen Schnupfen bringen möchte!« – »Schnupfen?« wiederholte die andere, die älter war und ein grämliches Gesicht hatte, »dem? so wenig wie das kalte Wasser des Cydnus dem wilden Schwane, wird diesem Lämmchen von Waräger der Nachtfrost schaden! Welche Frau, die auf sich hält, möchte solchem Barbaren ein Wort vergönnen? Kommt, kommt! ich will Euch einen Streich erzählen, den solcher Barbar von Waräger mir einst gespielt hat!« und sie zog die jüngere Begleiterin mit Gewalt hinter sich her, die ihren Worten wenig Gewicht beizulegen schien und sich noch ein paarmal nach dem schönen Schläfer umdrehte.

Als die Sonne untergegangen und mit ihr ziemlich gleichzeitig auch die Dämmerung verschwunden war – denn Konstantinopel erfreut sich bereits nicht mehr jenes Vorzuges eines langsameren Ueberganges vom Tageslicht zum Nachtdunkel, den die gemäßigten Zonen besitzen – schlossen die Stadtwächter die beiden Flügel des Tores und ließen nur eine kleine Pforte offen für solche, die sich außerhalb verspätet hatten. Der auf der Steinbank im Schlafe liegende Waräger konnte natürlich von den Wächtern, die zu dem aus dem Griechenvolke rekrutierten Stadtheere gehörten, nicht ungesehen bleiben. »Bei Kastor und Pollux!« rief der Zenturio – denn die Griechen schwuren noch immer bei den alten Göttern, obwohl dieselben schon längst ins alte Eisen gewandert waren – »an diesem Tore ist kein Gold mehr zu gewinnen! Hol der Teufel seinen Namen! Aber Esel wären wir, wollten wir das Silber nicht nehmen, das uns in den Weg läuft!«

– »Um so mehr, edler Harpax,« pflichtete einer der Soldaten bei, dessen geschorener Kopf und Haarbüschel den Muselmann verrieten, »als wir schon seit Monaten weder Gold noch Silber gesehen haben, weder aus der kaiserlichen Schatulle noch aus sonst welchem Beutel.« – »Gelt! ich will Eure Beutel füllen,« erwiderte Harpax, »und wären sie noch so leer. Hierher an die Pforte, Leute! Vergeßt nicht, daß wir der kaiserlichen Stadt zu Wächtern gesetzt sind, und haltet fest an der löblichen Gepflogenheit, der Stadtwache nichts zu verraten, was uns zu Nutzen und Vorteil ist oder werden kann, wie auch, das Gemeinwohl zu fördern und zu unterstützen ohne Hinterhältigkeit und Verrat!« – »Wozu die vielen Worte?« sagte der muselmännische Wächter, »ich dächte, wir hätten oft genug Farbe bekannt bei wichtigeren Anlässen! Wie war's, als der Juwelier zum Tore hereinzog? Wir hatten damals auch vom goldenen oder silbernen Zeitalter nicht viel zu verspüren, und käm' uns jetzt etwa ein Diamant ...« – »Pst!« machte Harpax, »ich danke es dem Zeus, daß er uns alle Religionen hierher gebracht hat, denn auf diese Weise dürfen wir doch hoffen, die einzig wahre darunter zu besitzen. Du brauchst mir, Ismael, wahrhaftig nicht zu beweisen, daß Du die Fähigkeit besäßest, neue Geheimnisse zu hüten, weil Du die Schwachheit besitzest, alte, auszuplaudern! Da, lug mal durch den Spalt nach der Steinbank und sag' mir, was Dein Auge erblickt im Schatten der Haupthalle!« – »Einen schlafenden Kerl,« versetzte Ismael, »und wenn mich das Mondlicht nicht trügt, so ist's einer von den Inselhunden, die des Kaisers Leibwache bilden!« – »Ist Dein Schlaukopf im stande,« fragte Harpax, »aus diesem Zufalle Vorteil für unsere Beutel zu schaffen?« – »Je nun, die heidnischen Hunde haben besseren Sold als wir Muhammedaner und Nazarener, ich denke mir, der Hund wird sich am Wein zu viel getan haben, so daß er die Stunde zur Heimkehr verschwitzt hat. Lassen wir ihn nicht, so setzt's einen schlimmen Denkzettel; will er aber passieren, so muß er bluten, tüchtig bluten!« – »Wenigstens,« riefen in gedämpftem Tone die andern Soldaten. – »Und weiter reicht Dein Witz nicht, Bursche?« fragte Harpax spöttisch; »ich aber meine, soll uns das fremde Biest entgehen, so muß es uns wenigstens sein Fell lassen. Seht ihr, wie Helm und Harnisch im Mondschein glitzern? Das ist die Silbergrube, die wir schürfen müssen, um unsere Beutel wieder einmal zu füllen,« – »Und wenn's ruchbar würde? Wenn's dem Kaiser zu Ohren käme?« sagte Sebastes von Mitylene, ein junger Grieche, der noch Neuling in der Stadtwache war; »wär's da nicht vorbei mit dem Profit?« – »Grünhorn!« rief Harpax, »und hätte der Kaiser Augen wie Argus, so könnte er nichts erfahren! Wir sind unser zwölf, deren Aussage pflichtgemäß übereinstimmen muß. Dort liegt ein Barbar auf einem Pfühl, den sich keiner sucht, der nicht tief in den Krug geguckt hat; was gilt solches Kerls Aussage, wenn er wirklich dazu kommen sollte, sie abzugeben? Hoffentlich fehlt's uns nicht an Courage« – hier sah er einen nach dem andern seines Kommandos an – »ihm abzustreiten, was er vorbringt? Wem wird man dann glauben, uns Stadtwächtern oder dem besoffenen Waräger?« – »Mir ist aber,« bemerkte Sebastes darauf, »als hätte ich in Mitylene allerhand von der Konstantinopeler Stadtwache gehört, was nicht dazu beitrüge, ihrem Eide mehr Glaubwürdigkeit zu verleihen als einem Barbareneide?« – »Und wär's auch an dem,« versetzte der Zenturio, »so gäb's doch einen andern Weg noch, uns den Rücken zu decken.« – Der Grieche, um den Sinn der Worte zu erkennen, blickte Harpax fest und düster an, indem er mit der Hand nach seinem Dolche griff, und der Zenturio nickte ihm Beifall. – »Ich bin wohl noch Grünhorn,« sagte er, »hab' aber fünf Jahre als See- und drei als Straßenräuber hinter mir; aber noch kein Mal sah ich bei einem Manne Bedenken vor dem einzig wahren Mittel, das in solchem Falle seiner würdig ist.«