Harpax, drückte dem Soldaten, seine Denkart billigend, die Hand und fragte, jedoch mit bebender Stimme: »Aber wie mit ihm fertig werden?« – »So oder so,« versetzte der Grieche; »dort liegen Bogen und Pfeile; versteht sich kein anderer drauf, so ...« – »Pfeil und Bogen sind unsere Waffen gewöhnlich nicht,« antwortete Harpax. – »Um so schlimmer für die Tore der Stadt und die, die dahinter wohnen,« rief der Grieche mit einem Lachen, das deutlich wie Hohn klang: »nun, ich schieße wie ein Skythe; nickt, und ein Pfeil soll ihm durch den Schädel, ein zweiter durch das Herz fahren!« – »Bravo, mein Grünhorn,« rief der Zenturio, die Stimme dämpfend, um den Waräger nicht zu wecken; »das war so bei den griechischen Räubern des Altertums, Skyron, Diomed, Prokrustes, und wie sie sonst geheißen haben mögen, die hochedlen Herren, deren Enkel und Jünger das griechische Inselland wohl so lange unsicher machen werden, bis Herkules und Theseus wieder auf Erden auftauchen werden; aber, mein tapferer Skythe! ich denke, wir machen's anders! Es könnte ja passieren, daß Du ihn, statt zu töten, bloß verwundest!«
Mit dem gleich spöttischen Lachen, wie vorhin, meinte Sebastes, daß dies bei ihm nicht der Fall zu sein pflege, und der Zenturio, den der Spott arg verdroß, und der bei sich denken mochte, es könne gar leicht geschehen, daß ihm der kecke Bursche über den Kopf wüchse, und daß die Stadtwache zwei Zenturionen bekäme statt eines, reckte sich zu seiner vollen Höhe und rief: »Bist Du solcher Räuber gewesen, wie Du sagst, Mitylenier, so wirst Du wohl auch den Sikarier spielen können! Dort liegt Dein Ziel, betrunken oder im Schlafe: wir wissen's nicht. Aber ich denke mir, ob so, ob so, fertig wirst Du mit ihm ja werden!« – »Es wird aber nicht auf halbpart gehen, wenn ich ihn im Schlafe oder Suffe niedersteche!« meinte der Grieche; »möchtet Ihr's nicht lieber selbst besorgen?« – Der Zenturio, aber zeigte nach der Treppe, die von den Zinnen des Torbogens, hinunter nach der Halle führte, und rief: »Tu, was Dir befohlen worden!«
Der Grieche verschwand auf der Treppe und tauchte alsbald, schleichend wie eine Katze, unten im Hofe auf. In seiner Hand blinkte der Dolch, nach hinten gehalten, um ihn dem Waräger zu verbergen. Im andern Augenblick beugte er sich über den Schlafenden, diejenige Stelle zwischen Harnisch und Körper zu ermitteln, wo der Dolch am sichersten träfe, da sprang der Waräger mit einem Satze in die Höhe, dem Griechen mit der Faust einen so wuchtigen Schlag versetzend, daß ihm kaum Kraft genug blieb, die Kameraden auf der Toreszinne um Beistand zu rufen. Im andern Augenblicke lag der Grieche unter dem schweren Fuße des Warägers, der die Streitaxt hob, ihm den Todesstreich zu versetzen.
Die Stadtwächter machten Miene, ihrem Kameraden zu Hilfe zu eilen; aber der Zenturio rief: »Halt! Jedermann an seinen Posten! Dort kommt ein Hauptmann der Warägerwache, ich glaube, der Befehlshaber in Person! Wir wissen von nichts, versteht ihr? falls der Barbar den Griechen erschlagen hat, was ich vermute, denn der arme Kerl lebt nicht mehr – lebt er aber noch, so härtet eure Gesichter zu Kiesel! Wir sind unser zwölf und wissen nur, daß er hinuntergehen wollte, den Menschen zu wecken und zum Passieren des Tores aufzufordern.«
Unten war inzwischen die hohe Gestalt eines schwerbewaffneten Kriegers mit funkelndem Helmschmuck aus dem Mondschein in den Schatten getreten. In jener fränkischen Sprache, deren die Waräger sich untereinander bedienten, rief der Offizier: »Ei, ei, Hereward! hast wohl eine Eule gefangen?« – »Ja, beim Sankt-Georg!« erwiderte der Soldat; »bei uns daheim möchte man ihn einen Habicht heißen.« – »Wer ist's?« fragte der Offizier. – »Vielleicht sagt er's Euch, wenn ich ihm die Kehle lupfe!« – »So gib ihn frei!« rief der Offizier.
Kaum hatte der Waräger den Fuß von dem Griechen gehoben, so war dieser auch auf den Beinen und flink wie ein Hase, hinter dem Hunde her sind, um den Torweg herum, und der Waräger wohl hinter ihm drein, aber außerstande, es dem Griechen im Rennen gleichzutun, da ihn die schwere Rüstung behinderte. »Beim Herkules!« rief der Offizier und wollte sich ausschütten vor Lachen, »Hektor und Achilles auf der Jagd um Ilions Mauern; »aber mein Pelide wird den Sohn des Priamus schwerlich bezwingen. Holla, Hereward! schone Deine Lungen! ich denke, Du wirst Deinen Atem heute abend noch brauchen.« – »Wär' nicht die Rüstung, die beschwert, ohne zu nützen,« versetzte der Waräger mürrisch, indem er außer Atem zu dem Offizier trat, »so hätte ich den Kerl beim ersten Rennen an der Gurgel gehabt.« – »Schon gut! schon gut!« sprach der Offizier, der wirklich der Kommandant der Warägergarde und dessen Pflicht es war, immer um die Person des Kaisers zu sein: »aber laß uns zusehen, wie wir uns den Weg durchs Tor sichern: denn hat Dir, wie ich vermute, einer von dieser Stadtwache an den Kragen gewollt, so werden uns seine Kameraden gutwillig wohl kaum passieren lassen.« – »Dann sollten wir solchem Mangel an Disziplin abzuhelfen von Euer Edlen kommandiert werden!« – »Still doch, Simpel von Barbar! Ha! hab' ich Dir nicht oft genug gesagt, daß ich durch Klugheit und Nachgiebigkeit an diesem kaiserlichen Hofe mehr erreiche als durch offene Gewalt? Komm und folge mir!« befahl er dem Waräger, nachdem er sich bereits ein Stück vom Tore hinweg begeben hatte, um längs der Mauer irgendwo anders einen Durchschlupf zu finden; »Du bist treuer und wackerer, als man es selbst bei euch Warägern zu finden gewohnt ist, und so will ich Dir einiges von der Politik erzählen, die mich und mein Verhalten leitet.« – »Meine Meinung,« erwiderte der Waräger, »geht dahin, daß man sich um einer Sache willen, die sich mit der Faust erledigen läßt, den Kopf nicht warm machen soll.« – »Aus solchem Stoffe besteht halt euer Schädel, ihr Waräger,« entgegnete der Kommandant; »immerhin laß Dir sagen, wie ich mir das Rätsel dieses nächtlichen Abenteuers erkläre.« – »Ich will bestrebt sein, zu verstehen, was Eure Weisheit mir zu erklären geruhen wollen,« antwortete der Waräger. – »Ich meine,« begann der Kommandant, »wir haben bereits zusammen in einer Schlacht gestanden?« – Der Waräger hustete – bekanntlich kein Zeichen eines Lobspruches – und im Verlauf des Gespräches ließ sich auch erkennen, daß auf seiten des Warägers die größere Stärke lag, was übrigens von dem ihm vorgesetzten Kommandanten auch nicht eben unwillig anerkannt wurde.
»Um also mit dem Thema Politik zu beginnen,« nahm der Kommandant das Wort, »so gilt als ihre eigentliche Basis – ich glaube, Du wirst das nicht bestreiten oder bekritteln wollen, mein junger Freund« – er lüftete hierbei den Helm, und der Soldat tat, wie wenn er es ebenso machte – »als ihre eigentliche Basis, sage ich, die kaiserliche Gunst: sie ist der Lebensbronnen des Kreises, worin wir atmen, die Sonne, die der Menschheit.« – »So etwas hat uns schon unser Tribun gesagt,« brummte der Waräger. – »Es ist Tribunenpflicht, euch zu instruieren,« entgegnete der Kommandant, »und hoffentlich versäumen es auch die Priester nicht, euch die Dienstpflicht gegen den Kaiser einzuschärfen.« – »Sie vergessen es nicht, obwohl wir selbst wissen, was wir zu tun und zu lassen haben.« – »Mir kommt's nicht bei, daran zu zweifeln; Du sollst nur begreifen lernen, Hereward, daß das Schicksal eines Günstlings bei Hofe dem Dasein der Eintagsfliege gleicht, die beim Morgenrot geboren wird und mit dem Abendrote stirbt. Glücklich derjenige, der mit der Person des Herrschers von dem ebenen Boden, auf dem der Thron sich erhebt, emporsteigt, im Glänze der kaiserlichen Glorie sich behauptet und mit dem letzten Strahle kaiserlichen Schimmers verschwindet und vergeht.« – »Ich glaube zu verstehen,« versetzte der Waräger; »was aber solches Schranzendasein anbetrifft, so, aber was kann's mich scheren?« – »Dich freilich nicht,« antwortete der Kommandant, »und preise Dich glücklich, daß Du an solchem Leben keine Freude hast. Ich hab's aber schon mit angesehen, daß Barbaren hoch im Kaiserreiche stiegen. Kein Wunder, daß sich alles bei Hofe beflissen zeigt, dem Kaiser zu zeigen, daß er nicht bloß die Pflichten des eigenen Amtes zu erfüllen weiß, sondern im Notfalle auch die eines andern mit zu übernehmen vermag.« – »Und daher kommt es denn wohl auch, daß alles bei Hofe beflissen ist, nicht sowohl sich gegenseitig zu stützen, sondern vielmehr auszukundschaften?«